Wer ist Ezhel? Was du über den kontroversen Künstler aus der Türkei wissen musst

Ezhel looking in the camera

2018 war für Ezhel vermutlich das prägenste Jahr seiner Karriere: Er ritt auf der Welle des Erfolgs seines 2017er Debütalbums Müptezhel, veröffentlichte die beiden Hitsingles Sehrimin Tadi und Geceler, trat in der Türkei als Voract für Weltstars wie Wiz Khalifa auf und avancierte zum meistgestreamten Künstler zwischen Bosporus und Taurusgebirge. Angesichts der aktuell noch immer angespannten politischen Situation in der Türkei, in Kombination mit seinen für das türkische Mindset kontroversen Texten, ließ die Justiz nicht lange auf sich warten und Sercan Ipekcioglu, wie der Rapper mit bürgerlichem Namen heißt, musste sich vor Gericht für seine vermeintlich drogenverherrlichenden Texte verantworten. Diese Tatsache sorgte dafür, dass sich Künstlerkollegen auch ausserhalb der Türkei für den Rapper aus Ankara stark machten. Wie er die Haftbedingungen empfand und welche Bedeutung es für ihn hat, auf seiner ersten Tour ausserhalb der Türkei zu spielen, erfahrt ihr hier.

Wer ist Ezhel?

Geboren 1991 in Ankara, wuchs Ezhel in einem künstlerischen Haushalt auf: seine Mutter tanzte türkische Folklore und sein Onkel war als Musiker und Sound- und Lichtengineer aktiv. Schon früh lernte Sercan von seiner Familie, dass jeder Mensch ein besonderes Talent für die Dinge besitzt, die ihm wichtig sind und die er liebt.

„I think every human being in this world is talented, (…) it’s just about finding out what you love to do“.

Als Kind der 90er wuchs er neben der Musik im Haushalt auch mit der in der Öffentlichkeit omnipräsenten türkischen Popmusik auf, die seiner Meinung nach seit den 2000ern allerdings an Charme verloren habe. Seine Cousins waren diejenigen, die Ezhel zum ersten Mal eine Bob Marley-Platten vorspielten und damit seine Wahrnehmung von Musik veränderten. Beeinflusst von der Reggae-Kultur lies sich der Teenager Dreads wachsen und schlug den Weg der Rastafari ein. Als Multiinstrumentalist beherrschte er schon Gitarre, Bass und Drums und arbeitete von nun an an eigener Musik.

Mit 18 trat er noch als Ais Ezhel der Reggae-Band Afra Tafra bei, nach deren Trennung er seine eigene Band Kökler Filizleniyor (zu Deutsch: die Wurzel spriessen) mit seinen Freunden aus Ankara gründete. 2017 legte er schließlich den Beinamen Ais ab und trat nur noch unter dem Mononym Ezhel auf. Er schloss sich schon bald mit seinen Freunden und Produzenten Bogy und DJ Artz zusammen. Als KOAL-Gang ist das Trio bis heute in jedem Produktionsschritt aktiv mit eingebunden.

He talks about the truth so well and in the same time he makes you dance. He gives you everything you can find out of rap.“ – über Kendrick Lamar.

Als aktuell große, internationale Einflüsse nennt er Kendrick Lamar, generell das TDE-Camp, Anderson.Paak und die Britin Iamddb. Er höre zwar alles, was gerade am kommen ist, aber diese Künstler würden ihn in besonderer Weise beeinflussen. Besonders bei Kendrick Lamar aus Compton erkenne er konkrete Parallelen zu sich.

Müptezhel

Am 25. Mai 2017 erschien dann auch sein Debutalbum Müptezhel (in Anlehnung an das türkische Wort „Müptezel“, zu Deutsch „banal, belanglos“), in welchem er alle musikalischen Einflüsse wie Reggae, Trap und türkische Kunstmusik zusammenfasste. Thematisch behandelt er über seine Liebe zu Ankara („Sehrimin Tadi“), Exzess im Nightlife („Geceler“) hin zu zu den psychischen Auswirkungen von Hass („Nefret“) vielerlei Aspekte des Alltags eines Mitzwanzigers in der zunehmend repressiven Türkei.

 

„Sehrimin Tadi“ (zu Deutsch: der Geschmack meiner Stadt) avancierte sich, vollständig gerappt im Ankara-Dialekt, überraschend zum Hit in der Türkei und wurde bis heute über 60 Millionen Mal aufgerufen. Öffentliche Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten, so dass vor allem von der konservativen Bevölkerung eine offene Ablehnung gegenüber Ezhel ausging. Wenn auch schon lange Alltag in den Großstädten, konnten viele Türken die Glorifizierung von Marihuana und dem regelmäßigen Besuch der Nachtclubs („Pavyon“ genannt) Ankaras nicht mit ihrem Bild der Türkei in Einklang bringen.

„Art is the reflexion of life and in Turkey politics is life. It’s so deep in everybody. We breath politics in Turkey. (…) I can not escape from this.“

Der Track „Geceler“ (zu Deutsch: die Nächte) erschien als zweite Videosingle und verstärkte noch einmal die Kontroverse um den Künstler. Die grafische Darstellung von Alkohol- und Graskonsum, nackten Menschen und Gewalt führte dazu, dass das Video bis heute erst ab 18 Jahren angesehen werden darf.

 

Ezhel beteuerte stets, nur sein Umfeld und seine Eindrücke aus der türkischen Hauptstadt zu verarbeiten, doch es nützte nichts. Er wurde inoffiziell zur persona non grata der Nation. Dies war auch der Zeitpunkt, an dem Ezhel sich dazu entschloss, sich von seinen Dreads zu trennen. Er müsse zum Kämpfer für seine Kunst werden und dies war laut seiner Aussage nicht mit den friedlichen Idealen der Rastafari in Einklang zu bringen.

„There is so much truth to be talked about right now, but it can be dangerous at this time, because people don’t tend to understand easily. People freak out about some situations in Turkey in politics, musically and other life situations“

Inhaftierung

Im Mai 2018, auf dem vorläufigem Zenit seines Erfolgs, ging eine anonyme Beschwerde via BIMER ein, einem Online-Beschwerdeportal der Regierung, und Ezhel musste sich vor Gericht für seine vermeintliche Drogenverherrlichung verantworten. Ezhel, der dachte, nur eine Aussage abgeben zu müssen, erschien naiverweise ohne Anwalt zum Justiztermin. Nachdem ihm ein Pflichtverteidiger gestellt wurde, fand er sich wenig später in Untersuchungshaft wieder. Ohne Zugang zu seinem Anwalt verbrachte er den ersten Geburtstag seiner Debütplatte im Gefängnis. Währenddessen wurde er von den nationalen Medien als flüchtig gemeldet und als ein Feigling denunziert. So kam es, dass er seinem Manager während eines Besuchs insgeheim einen Brief zusteckte, welcher dann bei Instagram gepostet wurde. Schnell ging dieses Schreiben auf einem Fetzen Papier im Internet viral und es dauerte nicht lange bis sich Fans und Künstler aus der ganzen Welt mit dem Musiker unter dem Hashtag #FreeEzhel solidarisierten. Mit den Schlussworten „Verflucht sei die Zensur, lang lebe der unabhängige Rap!“ machte der Künstler seine Haltung gegenüber der Repressalien sehr deutlich.

 

 
 
 
 
 
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Auch in Deutschland machten sich Rapkollegen wie Ufo361, Gringo und Haftbefehl für den inhaftierten Künstler stark. Heute sagt Ezhel, dass er die Haft ohne den Support von der Außenwelt nur schwer überstanden hätte:

„First time I heard about this global support I felt good. I felt like there is hope. People can differenciate crime from art. (…) It gave me hope, and for the future of Turkey, too.“

Im Juni 2018 kam Ezhel dann ohne Verurteilung frei. In Zwischenzeit war er vom kontrovers diskutierten Künstler zur Symbolfigur für den repressiven Umgang des Staates mit Kreativen geworden. Ezhel beschloss mit seiner Musik weiterzumachen und trotz des massiven Gegenwinds für seine Fans, und vor allem für sich selbst, da zu sein. In erster Linie produziere er die Tracks nämlich für sich.

Zurück auf der Bühne

Seinen ersten öffentlichen Auftritt nach der Inhaftierung hatte Ezhel dann im Juli 2018 als Supportact für Wiz Khalifa in Istanbul. Dieser Auftritt hat für ihn immer noch einen besonderen Stellenwert, da er hierbei das erste Mal den Fans gegenüber stand die ihn während der Zeit im Gefängnis unterstützt hatten. Mit Wiz Khalifa war seit den Terrorangriffen in Istanbul wieder ein internationaler Künstler auf der Bühne und die Fans waren dankbar für diese Konstellation. 

Von nun an konzentrierte sich Ezhel darauf, gemeinsam mit der KOAL-Gang neue Musik zu produzieren und sich dabei nicht auf bewährte Rezepte zu verlassen. Sein Anspruch an seinen eigenen Output war weiterhin hoch. 

Während seines Aufenthalts in Istanbul schrieb er im Bus den Song, der später als „Felaket“ rauskommen sollte. Der Klang des Tracks unterscheidet sich deutlich von seinen vergangenen Releases. Die Trapbeats wurden durch traditionelle, türkischen Klänge und Ska-Strokes ersetzt. Auch Ezhels Performance ist gesangslastiger als die Tracks auf „Müptezhel“ und eine klare Referenz an seinen Reggae-Ursprüngen wird erkennbar. Der Track wurde ohne Video zu einem großen kommerziellen Erfolg, auch für die türkische Community hierzulande. Bis heute konnte das Video auf YouTube mehr als 15 Millionen Aufrufe verzeichnen.

 

Ezhel erklärt sich den Erfolg mit dem universellen Thema des Songs – Liebe. In der Türkei habe Liebe schon immer einen besonderen Stellenwert in der Musik gehabt. Generell scheinen die Hörer sich eher von positiven als kritischen Themen catchen zu lassen. „Wenn du über die Straße redest hören die Menschen nicht zu, doch wenn du über Liebe redest haben die Hörer eher einen Bezug dazu und lassen sich von dem Vibe einfangen.“ Auch wenn der Song Felaket laut Ezhel eine eher kommerzielle Ausrichtung habe, sei er einer von seinen Lieblingstiteln.

Haftbefehl postete den Song auf seinem Instagram und schaffte es damit auch hierzulande einen kleinen Hype um Ezhel zu generieren. Die türkische Community in Europa konnte den Künstler dann endlich auf seiner anstehenden Europatour live erleben.

„Ufo361 arbeitet wie ein Irrer.“

Die Europatour war ein großer Erfolg. Mehrere Städte waren ausverkauft und mussten hochverlegt werden. Zum ersten Mal kam Ezhel aus der Türkei raus, nachdem er 2018 unter anderem seinen Auftritt beim Sziget Festival absagen musste, da er inhaftiert worden war. Das Reisen sei eine große Inspiration, wie er sagt. Wenn er seine Fans in den verschiedenen Städten sehe und deren Liebe spüre, verstärke das seinen Willen, niemals aufzugeben. Seine Tour durch Deutschland nutzte Ezhel auch, um sich mit anderen Künstlern wie Ufo361, Gringo oder Killa Hakan zu connecten. Über Ufo361 sagte er, dass ihm seine Arbeitsweise und der hohe Output sehr inspiriere und auch motiviere.

„I don’t wanna offend people, I don’t wanna hurt people, because when you become like a peoples artist you need to care a bit. On the other side I’m an artist and I wanna say what the fuck I wanna say“.

Nachdem sich seine Nachbarn in Ankara über den Geräuschpegel beschwerten wird er nach seiner Tour in Berlin ein neues Studio beziehen und den ganzen Mai über an neuer Musik arbeiten. Auch Zusammenarbeiten mit den deutschen Rapkollegen seien geplant. Es bleibt abzuwarten, mit welchen Klängen uns Ezhel in Zukunft überraschen wird und ob die Repressalien in seiner Heimat sich auf seinen Output auswirken werden. Ezhel sieht der Zukunft selbstbewusst entgegen.

Hier geht es zu „Ohne Worte mit Ezhel“.

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