Tanz den Hedonismus – Pöbel MC im Portrait

Pöbel MC

Das Freitag erschienene Album “Bildungsbürgerprolls” wird Pöbel MC erstmals die breite Aufmerksamkeit bringen, die ihm bisher verwehrt geblieben ist. Zurecht, denn in Figur und Musik des gebürtigen Rostockers vereint dieser Merkmale einer ganzen Generation junger Menschen. Den zügellosen Hedonismus zum Beispiel, die erhobene politische Stimme und die selbstironische Betrachtung des eigenen Seins und des Drumherums. Sein größter Verdienst jedoch ist ein anderer: Es ist die Rettung des politischen Raps, in dem er diesen, wie wir ihn kennen, tötet. Eine Spurensuche.

Schon der Titel dieses dritten Albums führt zusammen, was vermeintlich nicht zusammenkommen kann: Den Bildungsbürger und den Proll, denn eigentlich gibt es da nur “entweder oder”. Eine Lösung, die auch lange für jeden Musikfan galt, “entweder oder” anstatt “und”. Man musste eben Entscheidungen treffen.
Der Mensch hinter Pöbel MC hat nie Entscheidungen gegen, sondern immer nur für etwas getroffen: Seine Neugierde, seine Interessen, seinen Spaß.

Pöbel MC

David Henselder

Hätte er dabei nicht über Grenzen hinweg gesehen und Schubladen ignoriert, wäre aus dem Schlagzeuger einer Metalband, der Korn, Slipknot und Metallica gehört hat, heute wohl kaum einer der derzeit vielversprechendsten MCs hierzulande geworden. Doch das Ignorieren der Vorstellungen Anderer wie etwas zu sein habe und Brechen von Konventionen allein reicht dafür kaum aus.

Zwischen Battlerap und Philisophie

Es gibt mehrere Lines auf “Bildungsbürgerprolls”, die das Erfolgsrezept Pöbel MCs auf eben eine Zeile herunterbrechen. “Grübeln wie Philosophen, feiern wie Vollidioten” ist eine davon. Wer diese Textzeile bloß als einen der witzigeren Sprüche für das nächste Abi-Shirt abtut, verkennt für welchen Erfolgsaspekt diese und ähnliche Lines stehen: Diese Zeilen illustrieren, dass Pöbel MC es schafft ein Lebensgefühl einzufangen. Und auch wenn der Rhythmus in die Beine und der Text zu Herzen geht, wer das Lebensgefühl seiner Hörer und darüber hinaus nicht schafft zu transportieren, wer seine Klientel nicht auf diese Weise abholt, der wird nicht erfolgreich sein.
Es ist das Lebensgefühl derer, die zwischen sich vermeintlich ausschließenden Polen pendeln, sich nicht festlegen wollen, nicht festlegen müssen für das eigene persönliche Glück. Das Lebensgefühl einer Generation zwischen After Hour und BWL-Vorlesung, zwischen Protest für Seenotrettung und dem Traum vom eigenen Para. Und natürlich ist es auch das Lebensgefühl der Suchenden seiner Wahlheimat Berlin. Deren Battlereim-Underground hat den Künstler nicht nur beeinflusst, er ist auch Teil von ihm. Der von Drogen-gekennzeichnete Hedonismus eines MC Bombers, ist bei Pöbel hier Alkoholgeschwängert und auch die deutliche politische Positionierung fehlt bei dem Nordachse-Mitglied, die Schnittmenge der beiden ist dennoch größer und resultierte sowohl in einem Upstruct-Release Pöbels, als auch in einem Feature auf dem Bomber-Album Gebüsch. Verstanden sich politische oder gesellschaftskritische Rapper bisher als eben solche, lehnt Pöbel MC auch diese Kategorien konsequent ab. Wenn ein Song als politisch wahrgenommen werden würde, so erzählt er, sei das unvermeidbar, aber der Song deswegen nicht unbedingt als politischer gemeint gewesen. Nicht nur all das unterscheidet ihn von Zeckenrappern, einer Strömung innerhalb der Szene, mit deren Vertretern er höchstens Inhalte gemein hat – aber nicht die Verpackung. Seine Message kommt auch an, da sie nur Teil des Ganzen ist und nicht der Mittelpunkt. Das von Produzent Tombs Beats erdachte Trap-Korsett lässt Assoziationen zu der mahnenden, von Spaß befreiten Klischee-Version eines politischen Rappers erst gar nicht aufkommen. Auch sprachlich könnte Pöbel MC kaum näher an Fans und des Status Quo der Rapszene sein, wie die Verwendung von Begriffen wie Drip, Chaya oder Hayvan beweisen. Die Haftbefehl-Referenz im Opener ist daher nicht überraschend, sondern konsequent.

Pöbel MC

David Henselder

Das dem klassischen gelben Reclam-Heftchen nachempfundene Artwork dessen Tracklist mit Titeln wie “Sexsexsex” oder “Alkmukke” wie eine Entwürdigung der Weltliteratur-Reihe wirken muss, ist letztendlich nur abschließende und gekonnte visuelle Umsetzung des Erfolgsrezeptes des Rappers Pöbel MC: Die Zusammenführung des vermeintlich Unpassenden.

Die Rettung für Politischen Rap in Deutschland?

Pöbel MC, dessen erste Veröffentlichung 2016 auf dem noch auf Tapes spezialisierten Imprint Das Label mit dem Hund erschien hat in seiner kurzen Karriere eine beachtliche Entwicklung hingelegt, deren weiterer Weg jetzt erstmal innerhalb einer größeren Öffentlichkeit initialisiert wird. Er wird vom klassischen Rappublikum schon jetzt respektiert, auch, weil er das kann, was man eigentlich als Grundvoraussetzung voraussetzen muss: Rappen. Auch das unterscheidet ihn von den meisten Rappern mit politischen Texten. Sein Album “Bildungsbürgerprolls” ist nicht weniger als ein Kandidat für die Top 20, ein Erfolg für einen Indie-Künstler und die endgültige Etablierung seines Labels Audiolith als, wenn auch kleine, ernstzunehmende Alternative für Rapmusik jenseits von Mainstream- oder Polit-Plattitüden. Vor allem aber ist es Pöbel MCs Ticket nach oben.

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