Pimf im Interview

pimf_1Pimf ist doch der aus dem Internet? Der von YouTube. Der vom VBT? Falsch, schon lange nicht mehr, denn mit „Memo“ liefert er jetzt ein reifes und äußerst musikalisches Debütalbum ab. Battlerap spielt da keine Rolle mehr. Dafür das Aufwachsen in der Provinzstadt Hofgeismar, Ärger im Schulalltag und ein kritischer Blick eines jungen Mannes auf die Spirale des Erwachsenwerdens. Wir trafen uns mit ihm, um über Stillstand im Dorf, Mittelfinger an Lehrer und über die Betreuung von Kindern mit Behinderung zu sprechen.

Hallo Pimf, du bist doch einer dieser „VBT-Rapper“.

Das ist ein sehr negativ behafteter Begriff. Ich habe dort natürlich meine Battles gemacht, und das ist vermutlich auch der Grundstein dafür, dass wir heute hier sitzen. Wenn Leute meine VBT-Runden mögen, dann sollen sie die gerne hören. Ich würde mich allerdings nicht mehr so bezeichnen, denn ich habe einen Haken darunter gesetzt und damit nichts mehr zu tun. Es wird auch kein Zurück geben. Das hört man, denke ich, in meiner Musik.

Haftet dir dieser Stempel denn überhaupt noch so stark an?

Ich sehe den nicht so krass. Nachdem ich aus dem Turnier raus war, habe ich sofort damit aufgehört, die Runden live zu spielen. In den letzten zwei Jahren habe ich dann viele Konzerte mit meinen „normalen“ Songs gespielt. Ich war mit Gerad, Logic und Damion Davis auf Tour und die Leute haben die Entwicklung, denke ich, gut mitbekommen. Für sie ist es kein Schlag vor den Kopf. Für einige war ich aber vermutlich wirklich zwei Jahre weg. Trotzdem kommen die meisten eher zu mir, weil sie mich schon mal live gesehen haben, als wegen des VBTs.

Einer, der das Battle-Ding kontinuierlich durchzieht und mit dem du schon lange zusammenarbeitest, ist Kico. Kannst du seine Motivation nachvollziehen?

Für ihn wird es auch kein VBT-Comeback mehr geben. Das Konzept des MOTs fand er dagegen spannend. Ihm haftet leider der ewige Ruf des VBT-Battlerappers an, beim MOT konnte er sich jetzt aber ganz gut andere Facetten von sich zeigen. Dort wollte er sich von diesem reinen Battle-Ding lösen und jetzt muss er sich nur noch von den Videoturnieren wegbewegen. Grundsätzlich ist er aber einfach ein Typ, dem es schnell in den Fingern juckt, wenn interessante Gegner dabei sind. Er ist heiß auf Competition.

Auf deinem Album ist er nicht vertreten, macht ihr trotzdem noch viel Musik zusammen?

Wir sind permanent live zusammen unterwegs und hängen ungefähr drei Tage die Woche miteinander ab. Da entsteht auch relativ viel Blödsinnsmusik, die allerdings nichts mit dem Album zu tun hat.

Stimmt, dein Album ist inhaltlich auf keinen Fall Blödsinn. Ein zentrales Thema ist die Schule, genauer das Abitur, das du kritisch beleuchtest. Braucht Rap 2015 Abitur?

Natürlich nicht. Wobei das von F.R. auch eher als lustige Gegenstimme zu dem gemeint war, was damals angesagt gewesen ist. Das sollte man nicht auf die Goldwaage legen. Rap braucht kein Abitur, wie man an vielen Künstlern sieht. Ich finde, das Abitur ist etwas, das man machen sollte, wenn man Lust darauf hat, fleißig ist und hohe ziele im Arbeitsleben hat. Gut tut es natürlich jedem – auch jedem Rapper. Jeder, der die Möglichkeit dazu hat, sollte sie wahrnehmen. Aber eine Grundvoraussetzung ist es nicht. Dafür kenne ich zu viele Leute, die es auch ohne Abitur packen.

Was genau hat dich dann am System Schule gestört?

Da kam vieles zusammen. Das Zünglein an der Waage war meine Politiklehrerin, die meine politische Meinung trotz Begründung nicht akzeptiert hat. Dass so was überhaupt existent ist, hat mich sehr aufgeregt. Mich hat auch genervt, dass sehr viele Leute nicht sonderlich clever waren, aber alles auswendig gelernt haben, um in irgendwelchen Klausuren zu bestehen. Es hat sich in dem Moment nicht so angefühlt, als würden wir sonderlich viel für’s Leben mitnehmen.

Nach dem Schulabbruch hast du also mehr für dein Leben mitgenommen?

Ich habe bei unserem eigenen Musiklabel ein Praktikum gemacht. Wir haben da sehr selbstständig agiert und Projekte auf die Beine gestellt, bei denen ich mich im Nachhinein frage, wie wir das überhaupt geschafft haben. Irgendwie hat immer alles geklappt. Ich bin ein sehr positiver Mensch und habe für mich vor allem mitgenommen, dass alles, was man angeht, auch funktionieren kann.

Was genau waren eigentlich die Streitpunkte zwischen dir und deiner Politiklehrerin?

Sie war etwas konservativer als ich. Mich hat vor allem ihre intolerante Haltung gestört, mir ihre Meinung aufzwingen zu müssen. Ich bin ein Sturkopf und wollte das nicht auf mir sitzen lassen.

Und bald kommt dann der Disstrack gegen sie.

(lacht) Auf „Papierflieger“ wird zwar nicht gesagt: „Brecht die Schule ab“, oder „Scheiß auf das System!“, aber es ist schon der Mittelfinger an sie und an das Schulsystem, weil ich mir letztendlich mein Praktikumszeugnis selber geschrieben habe. Da merkt man, dass es nur ein scheiß Zettel ist und dieser Wisch nicht viel über dich aussagt. Wenn auf deinem Zeugnis super Noten in Mathe und Deutsch stehen, bist du nicht gleich ein weiser Mensch. Vielleicht hast du nur viel gelernt.

Ein anderes wichtiges Thema auf „Memo“ ist das Aufwachsen in der Provinz. Ist das Leben in der Kleinstadt ein Fluch oder ein Segen für die Musik?

Sowohl als auch. Ich mag den Kontrast. Durch die Musik bin ich ohnehin die ganze Zeit in den größeren Städten unterwegs. Dann ist es angenehm zurückzukommen. Es ist furchtbar entspannt hier und meine Jungs haben alle nichts mit Mucke am Hut. Hier in Berlin steige ich so in diese Musikindustrie ein, aber das nervt mich schnell. Ich bin jemand, der seine Ruhe braucht und gerne alleine ist. Da, wo ich herkomme, gibt es so gut wie keine Kreativen. Ich sitze dann mit meinen Jungs, die nach zwei Bier vielleicht noch mal freestylen, in meiner Bude und höre oder mache Musik. Da kann ich aufblühen. Es gibt für mich also keinen Anlass wegzuziehen.

Vielleicht nach „Philadelphia“?

Philadelphia stand für mich immer stellvertretend für das Ungewisse. Die Stadt hat mich fasziniert, ich wusste aber gar nicht wieso. Ich mochte immer die Sportteams von dort und ein paar Musiker. Jetzt war ich mal da und habe gemerkt, was für eine uninteressante Stadt das eigentlich ist. Trotzdem hatte sie für mich immer etwas Besonderes. Und klar, nach so was sehnt man sich immer wieder. Deswegen muss ich aus meiner Provinz auch manchmal rauskommen.

Auf „Schlaflos“ mit Mortis sagt er: „Stillstand ist der Tod“. In der Provinz besteht schneller die Gefahr, dass dieser Stillstand für einen selbst eintrifft. Machst du dir darüber Gedanken?

Definitiv passiert das in der Provinz schneller. Aber eher bei denjenigen, die in ihren 9 to 5-Jobs festhängen. Die haben dann 30 Urlaubstage im Jahr, von denen sie zehn auf Malle verbringen. Ansonsten arbeiten sie die ganze Woche und gehen am Wochenende auf die Kirmes oder in die Disco. Viel mehr passiert nicht. Bei mir ist es so, dass ich freiberuflicher Musiker bin und noch ein paar mehr Möglichkeiten habe. Letztes Jahr in der Albumproduktionsphase habe ich mich zum Beispiel einfach ins Auto gesetzt und bin nach Italien gefahren. In dem Moment hatte ich das Gefühl des Stillstands und bin deswegen fortgefahren, um etwas zu erleben.

Mit der Rolle des freiberuflichen Musikers hast du dich auch schon abgefunden, oder?

Nebenbei betreue ich einen behinderten Jungen. Das ist zwar nichts Regelmäßiges, aber immer wenn ich zuhause bin, gehen wir kicken oder so was. Das lässt sich ganz gut mit dem Musikmachen vereinbaren. Ansonsten fühle ich mich sehr wohl in der Rolle. Ich bin ein Nachtmensch: jemand der spontan ist und etwas erleben möchte. Dementsprechend gehe ich da voll drin auf.

Die Arbeit im sozialen Bereich ist somit dein Nebenjob?

So in etwa. Ich habe vorher meinen Zivildienst an einer Schule für Behinderte gemacht und danach noch zwei, drei Jungs betreut. Mittlerweile ist es nur noch einer. Die anderen beiden waren Autisten und brauchten eine regelmäßige Betreuung, die ich nicht bieten konnte, weil ich ständig im Studio war. Aber mit dem einen Jungen werde ich weiter arbeiten.

Hört er deine Musik?

Er hört lieber Kollegah und Farid Bang, aber kennt auch ein paar Sachen von mir. (lacht)

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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