Pilz: “Mich stören Rap-Klischees”

Diese Frau ist klug, sie ist wütend, sie ist Straße – zumindest behauptet das Marcus Staiger und das hat immerhin schon was zu heißen. Selbes Zitat eröffnet “Kamikaze”, das zweite Album von Pilz. Einst vor allem Aufmerksamkeit durchs VBT erlangt, schafft die Rapperin aus Lübeck nun eine Platte, die sich zwischen Battle- und Polit-Rap wiederfindet, sich nicht so richtig einordnen und vor allem nicht anbiedern will. Das ist sehr gut, muss sie nämlich auch gar nicht.
Wir trafen Pilz zum Interview.

Dein zweites Album „Kamikaze“ beginnt mit einem Zitat von Staiger über dich. Wie lautet die Geschichte dazu?

Pilz: Letztes Jahr war ich auf dem splash!, wo ich Staiger getroffen habe. Eigentlich wollte ich nur kurz hingehen und nach einer Adresse fragen, damit ich ihm mein Album schicken kann, weil ich gern Feedback von ihm gehabt hätte. Jedenfalls wollte ich mich vorstellen, allerdings kannte er mich schon, was mich sehr gefreut hat. Nachdem ich ihm dann eben mein Album geschickt hatte, kam lange Zeit keine Antwort. Als ich mich schon damit abgefunden hatte, bekam ich plötzlich eine Spex zugeschickt, in der mein Album „Beef“ rezensiert war, damit hatte ich dann mein Feedback. Seitdem stehen wir in Kontakt und sehen uns ab und zu mal auf Festivals zum Beispiel. Das bewegt sich inzwischen schon auf einer freundschaftlichen Ebene, würde ich sagen.

Die Single-Auskopplung „Konfetti“ prangert Kapitalismus an. Inwiefern ist „Kamikaze“ denn ein politisches Album?

Pilz: „Konfetti“ ist der Track, der am direktesten politisch ist. Dadurch, dass das Thema Kapitalismus auch noch der Hook und nicht im Part angesprochen wird, ist es noch deutlicher. Ich habe den Song als Single Auskopplung gewählt, um zu zeigen, dass in der Richtung was geht. Zwar zieht sich durch das ganze Album ein gesellschaftskritischer Faden, aber eher versteckt und zwischen den Zeilen.

Hattest du im Vorfeld ein bestimmtes Konzept im Kopf, das du mit der Platte umsetzen wolltest?

Pilz: Viele Leute haben gesagt, „Beef“ hätte Mixtape-Charakter gehabt. Deshalb war mein Ziel für „Kamikaze“ es ein wenig konzeptioneller anzugehen. Es sollte mehr nach Album klingen, sich aufbauen und zwischendurch dann doch auch ruhigere Tracks enthalten und inhaltlich besser zusammenpassen. Die Umsetzung ist mir nicht schwerer gefallen, weil es eine natürliche Entwicklung war.

Vor Kurzem hast du dein ursprüngliches Markenzeichen abgelegt, die Schafsmaske. Das Albumcover besteht aus einer aufwändigen Collage mit Liebe zum Detail. Wie wichtig ist dir neben der Musik Ästhetik und das Drumherum?

Pilz: Ursprünglich habe ich an einer Kunstschule gelernt, bevor ich im öffentlichen Dienst tätig war. Dadurch habe ich einen gewissen Anspruch an solche Dinge. Die Schafsmaske war bewusst aufgrund ihrer Symbolik ausgewählt. Was das Cover betrifft, ist es so: Ich interessiere mich generell viel für Artwork von anderen und schaue oft, was es gibt und was es vielleicht noch nicht gab. Außerdem stehe ich auf experimentellere Sachen und vor allem dieses Collagen-Ding. Zumindest im Rap-Bereich habe ich das in der Art auch noch nicht gesehen. Dann habe ich mir Silbernase geschnappt, der sich um mein Artwork und so kümmert. Der hat definitiv auch die größten Props verdient. Die Grundidee der Collage und ein paar Dinge, die mit rein sollen, habe ich eingeworfen, aber er hat es dann final umgesetzt.

Du bist zwar noch sehr jung, dennoch kann man deine musikalischen Einflüsse schon vermuten: Es gibt einen Featurepart von D-Bo, einen von Vokalmatador und ein JAW-Sample.

Pilz: Die Aggro Berlin Zeit hat mich beeinflusst und ich bin so aufgewachsen, dass es immer verschiedene Camps hab. Dennoch war ich nie jemand, der sich dann entweder auf Hamburg oder auf Berlin spezialisiert hat, ich habe immer beides gehört. Ansonsten höre ich auch den typischen Oldschool-Shit, sowas wie Dendemann oder Damion Davis. Selber habe ich deshalb aber keine Lust, Musik in diese Richtung zu machen. Ich stehe einfach mehr auf den aggressiveren Stil.
Leute wie Hollywood Hank haben mich definitiv auch beeinflusst, diese ganzen Mainstream-Künstler finde ich nicht wirklich inspirierend.

Welcher Künstler wäre dein persönliches Traum-Feature neben D-Bo und Staiger?

Pilz: Die beiden waren auf jeden Fall schon richtig krass. Noch ein Traum, den ich mir auf meinem letzten Album erfüllen konnte, war ein Feature mit Orgi. So jemand wie Hollywood Hank wäre natürlich unglaublich, aber das sieht momentan ja, denke ich, ziemlich schlecht aus. Auf Zugezogen Maskulin hätte ich auch Bock oder auf Tarek von K.I.Z. Es gibt da schon einige. Natürlich würde ich auch mit JAW wahnsinnig gerne was machen.

Ich möchte nur ungern die ewige Frauenrap-Debatte erneut eröffnen. Dennoch wüsste ich gern, wieso Rap von Frauen oft prinzipiell negativ kritisiert wird. Viele verteilen auf Youtube dislikes und beleidigende Kommentare, ohne das betreffende Video überhaupt angesehen zu haben.

Pilz: Ich kann mir vorstellen, dass es mit den typischen Geschlechterrollen und -klischees zusammenhängt, die immer noch in der Gesellschaft vorherrschen. Warum weiß ich nicht, aber ich glaube, viele Männer schüchtert das auch ein Stück weit ein, wenn Frauen sowas machen wie ich. In vielen meiner Nachrichten steht immer, ich solle mir diese Art von negativer Kritik nicht so zu Herzen nehme. Tue ich aber auch gar nicht, ich kann mich selbst nämlich als gutes Beispiel nehmen, denn: Ich gucke und höre mir nahezu alles an und ich kommentiere nie irgendwas und bei mir im Freundeskreis ist das ähnlich. Die Leute aber, die immer alles kommentieren müssen, sind eh nur Hater. Deshalb juckt das. Positive Kritik wird seltener preisgegeben als negative.

Unter deinen Videos finden sich jedoch auch viele positive Kommentare. Viele feiern dich und beleidigen im selben Atemzug Musik anderer weiblicher Rapper. Was hebt dich deiner Meinung nach hervor?

Pilz: Zum Großteil sind die anderen weiblichen Rapper krass aufgesetzt, zumindest kommt es mir so vor. Die drücken sich in eine Rolle rein und wollen dann immer nur genau diese Schiene fahren. Ich möchte keine Namen nennen, aber bei einer Dame ist mir das extrem aufgefallen. Sie rülpst ständig ins Mikrofon und solche Sachen. Das kann man machen, wenn man so drauf ist. Da wirkt es aber leider so als ob sie das extra tun würde. Die versuchen immer extrem, sich cool zu geben. Vielleicht führt solch ein Verhalten dann dazu, dass auch deren Musik bei den Hörern aufgesetzt wirkt. Dann gibt es noch welche, die einfach die Frauen-Schiene fahren und über typische Frauen-Themen rappen, obwohl ein Großteil der Rap-Hörer immer noch Männer sind. Folglich kann sich dann ein Großteil nicht damit identifizieren, eben weil sie Männer sind.

In der Deutschrap-Szene werden Künstlerinnen leider seit jeher total sexualisiert, der Fokus liegt nicht mehr auf der Qualität ihrer Musik, sondern lediglich auf ihrem Geschlecht. Empfindest du das auch so?

Pilz: Nein, gar nicht. Dafür bin ich, glaube ich, der falsche Ansprechpartner. Die Maske ist jetzt erst seit kurzer Zeit weg und die Maske hat das Geschlecht ein Stück weit unwichtig gemacht. Außerdem habe ich stets nur diesen einen Hoodie getragen, so wirkte ich fast mehr wie eine Figur als wie eine Frau. Zwar kann ich mir vorstellen, dass es irgendwie passiert, aber momentan habe ich überhaupt nicht das Gefühl, sexualisiert zu werden.

Wie vorhin schon erwähnt, bist du mit Rap aufgewachsen. Musstest du dich in deiner Jugend dafür rechtfertigen, frauenfeindliche Musik zu hören?

Pilz: Ja, ein Stück weit schon. Schon damals habe ich so gut wie nur mit Jungs rumgehangen und habe das dadurch kaum wahrgenommen, Rap war für mich einfach nur Musik. Meine Freunde haben das gefeiert, ich habe das auch gefeiert und nicht darüber nachgedacht, ob das frauenfeindlich sein könnte – das klang einfach cool. Als man später weibliche Freunde dazu gewonnen hat, hat man erst angefangen, sich darüber Gedanken zu machen. Meine Freundinnen haben mich gefragt, wie ich sowas hören kann und gesagt, die Musik wäre total beleidigend. Da ist mir das erste Mal bewusst geworden, wie schlimm die Leute das wirklich auffassen.

Wie hast du argumentiert?

Pilz: Ich war in einem Alter, in dem ich das gar nicht richtig hätte argumentieren können. Vermutlich habe ich sowas gesagt wie: „Ist doch egal, es ist doch nur Musik“. Meine Freundinnen haben zu der Zeit diesen Mainstream-Pop gehört und ich habe sie dann auch damit konfrontiert, dass die englischen Texte der Pop-Künstler vermutlich auch nicht ganz ohne sind.

Deutschrap ist über die letzten Jahre um einige Subgenres gewachsen und mittlerweile sehr facettenreich. Inwiefern hat sich die Außenwahrnehmung von Rap gewandelt?

Pilz: Man muss sich definitiv nicht mehr sagen lassen, man solle sich schämen, weil man Rap hört. Vor ein paar Jahren haben Leute gar nicht weiter nachgefragt, sobald du gesagt hast, du hörst Rap und haben dich direkt in eine Bushido-Ecke oder so geschoben. Für die hatte es direkt diesen Asi-Touch und wenn man dazu noch eine Frau war, ist das sowieso auf Unverständnis gestoßen.
Jetzt hat Rap so viele Facetten, da wird doch mal nachgefragt, wenn man sich heute dazu bekennt, Rap zu hören.

Du lebst vegan und hast selbst mal angegeben, dass die Dokumentation „Earthlings“ dir einen Denkanstoß gab, bewusster zu leben. Ist ein fehlendes Bewusstsein ein Problem in unserer Gesellschaft?

Pilz: Alles muss billig sein, alles muss schnell gehen und keiner hat Zeit für irgendwas. Es fängt ja schon damit an, dass man mit einem Mausklick alles besorgen kann und sich keine großen Gedanken mehr darüber machen muss. Nur weil diese Möglichkeit besteht, sollte man aber nicht aufhören darüber nachzudenken, was ich beispielsweise kaufe und was ich durch bestimmte Handlungen unterstütze.

Ich finde, die Problematik lässt sich sehr auf auf Musik ummünzen. Immer öfter beobachte ich, wie Fans einem Künstler oder einem Umfeld irgendwann blind vertrauen und kaufen – vermutlich ohne sich bewusst Gedanken über jedes einzelne Produkt zu machen.

Pilz: Den Vorbestell-Link zu „Kamikaze“ habe ich gepostet, bevor „Konfetti“ veröffentlicht wurde, woraufhin auch einige Leute das Album direkt vorbestellt haben. Natürlich freut mich das extrem, aber ich persönlich würde das niemals tun. Egal von wem, ich würde nie ein Album kaufen, wenn ich im Vorfeld noch nichts davon gehört habe. Man sollte sich vorher immer zumindest ein kleines, eigenes Bild machen. Von Reviews bin ich auch kein Fan, weil mich nicht interessiert, was andere davon halten. Natürlich kann man wohl davon ausgehen, dass ein Künstler vom Ding her, immer ungefähr dasselbe bringen wird. Da wird jetzt niemand ohne diesen Hintergrund zum Beispiel anfangen, irgendwelche rechten Parolen auf seinem Album unterzubringen und man muss aufpassen, sowas nicht aus Versehen zu unterstützen. Das wird nicht passieren.
Jedenfalls bin ich kein Mensch, der blind kauft.

In der Single-Auskopplung „Fuck Jiggy Rap“ sagst du: „Ihr braucht euch nicht wundern, wenn die halbe Welt über uns lacht“. Was findest du so lächerlich an der deutschen Rapszene?

Pilz: Durch das große Spektrum, das inzwischen existiert, kann man das nicht mehr verallgemeinern. Dennoch stört mich das Klischee: Ich bin richtig geil, habe das dickste Auto, die dickste Kette und muss mich krass damit brüsten. Wenn es der Wahrheit entspricht, kann man das ja machen – feiere ich aber nicht. Meistens steckt da aber nichts hinter. Nimmst du jetzt beispielsweise LGoony: Er redet auch ständig davon, sich einen Bugatti zu kaufen. Bei ihm ist aber das Ding: Man weiß, es ist Spaß. Das ist total eindeutig. Wenn man ihn im Interview sieht und sowas, checkt man das ja auch sofort. Was mich aufregt, sind Künstler, die so rappen und sich dann auch noch im Interview mit dieser Attitüde hinsetzen und einen auf dicke Hose machen. Alter, ihr sorgt dafür, dass man als Rapper direkt als dumm abgestempelt wird. Würde man sie privat kennenlernen, wären sie vermutlich auch ganz anders. Aber warum musst du das denn so nach außen tragen, was soll denn das?

Wie sähe deine persönliche Utopie von Rapdeutschland aus?

Pilz: Ohne die Realness-Debatte anschneiden zu wollen: Mir würde es schon reichen, wenn die Leute echt bleiben. Egal, was für Rap sie machen – selbst, wenn man Imagerap macht, kann man außerhalb der Musik, beispielsweise in Interviews eben, zeigen, wie man wirklich drauf ist. Man muss sich nicht immer verstellen, die Klischees erfüllen und sich in eine Schublade drücken lassen. Wenn ein Pop-Star, der Gute-Laune-Musik macht, mal schlechte Laune hat, ist das direkt ein riesiges Spektakel. Man soll einfach mehr man selbst sein. Dann soll jeder machen, worauf er Bock hat.

Ich bedanke mich für das Interview, deine letzten Worte?

Pilz: Kauft mein Album „Kamikaze“, das am 16.9. erscheint. Wer aus der Gegend kommt, kann auch gern zu der Releaseparty am 8.10. in Hamburg kommen, checkt das!
Ich möchte Shoutouts an Silbernase loswerden.
Vielen Dank!

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