Pilz “Beef” (Review)

pilz_beef_cover_review_475Auch wenn man es sich anders wünscht: Rapperinnen haben in der deutschen Rap-Szene immer noch einen schweren Stand. Viel zu oft gleiten Debatten über die musikalische Qualität unter Videos und Beiträgen in dummes sexistisches Geschwätz ab und die Kunst selbst steht irgendwo daneben und schüttelt den Kopf. Was in der US-Rap-Szene längst Gang und Gäbe ist, wird in Deutschland immer noch auf einen Umstand herunter gebrochen: Penis oder nicht Penis, das ist meistens die einzige Frage, die den engstirnigen Rap-Hörer zu kümmern scheint.

Dabei gibt es eine ganze Reihe talentierter Rapperinnen, die hochwertige Rap-Musik an den, Pardon, Mann zu bringen versucht. Die Lübecker Rapperin Pilz zum Beispiel, steht mit ihrem aggressiven Battle-Rap in direkter Tradition von Royal Bunker oder Aggro Berlin. Ihr Flow ist präzise wie ein Dragunow-Gewehr, so dass Wack MCs um ihr Leben fürchten müssen. Vollkommen gleich, was vorher war oder sein wird, nennt Pilz ihr Debütalbum dementsprechend auch einfach „Beef“ und gibt damit die Marschroute vor. „Wir gucken böse und sehen griesgrämig aus“, rappt sie im Video zu „Wack MC=X“ und referentiell heißt es im Refrain „Wenn nicht mit Rap, dann mit was anderem“. Auch im Intro „Pilz Ansage 1“ wird deutlicher Bezug auf die Post-Stuttgart- und Post-Hamburg-Ära genommen, in dem eine neue Berliner Härte Einzug in die Musik fand. Da hat jemand die Szene verstanden, analysiert und nimmt sie mit Hardcore-Rap auseinander. Warum das bei einer Frau weniger schlecht funktionieren soll, erschließt sich beim Hören nicht. Natürlich ist die Stimme von Pilz für Rap-Musik ungewöhnlich hoch und in vielen Momenten auch penetrant. Das liegt aber viel mehr an ihrer wütenden Präsentation und den Synthie-Beats die nervös durch den Raum schallen und die Nachbarn zur Weißglut treibt. Rein technisch kann man ihr keinen Vorwurf machen, den Strick mit auf Dauer zu eintönigem Flow dreht sich die Masken-Trägerin von ganz alleine. „Beef“ ist anstrengend und mit einem solchen Vollgas-Album muss man erst mal fertig werden. Der Schweiß tropft, die Synapsen zucken angestrengt. Um alles erfassen zu können, ist höchste Konzentration notwenig. Entschleunigung sucht man vergebens und die Beats sind außergewöhnlich aufdringlich und geben sich keine besondere Mühe Abwechslung reinzubringen, auch wenn sie zum Beispiel auf „Nie wieder Tipico“ mit orientalischem Sample, anstatt mit dem X-ten Highspeed-Synthie kommen. Wer „Beef“ erwartet, der bekommt ihn in einem homogenen Gesamtbild präsentiert. Hier hält jemand sein Wort. Einzig der Gastauftritt von King Orgasmus One lockert die Atmosphäre ein bisschen auf. Nicht inhaltlich, aber zumindest klanglich.

An der Musik von Pilz werden vor allem Rap-Fans ihren Spaß haben, die sich mit Freunden die ersten Aggro Ansagen reingefahren haben und denen die Synthies gar nicht verrückt genug sein können. Ob ausgerechnet diese aber mit einem weiblichen Interpreten anfreunden können, ist eine spannende Frage, die sich in den nächsten Monaten von selbst beantworten wird. „Beef“ ist eine solide und vor allem beeindruckend konsequente Platte voller Untergrund- Referenzen geworden. Das ist in der Länge durchaus anstrengend, aber so muss ein erster Rundumschlag eben klingen. Und dabei ist es ganz egal, ob der Hauptprotagonist einen Penis zwischen den Beinen baumeln hat. Es wäre schön, wenn Pilz die Chance bekommt, die sie verdient hat.

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Schlägt bei FIFA entweder den Gegner oder den Tisch kaputt und findet nicht, dass Kollegah wie Rakim rappt.
Hanfosan

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