Pillath: „Wenn’s floppt, gehe ich eben wieder arbeiten“

Der Onkel aus dem Pott ist zurück.
Die Überraschung war groß, als Pillath vergangenes Jahr nach über zehn Jahren im Game sein Solo-Debüt ankündigte. Zuvor stets mit Partner Snaga unterwegs, schlug er erstmals Solopfade ein. Offensichtlich gefiel ihm das so gut, dass nicht mal ein Jahr später bereits das Nachfolger-Album in den Regalen steht.
Wir haben den „Onkel der Nation“ in Berlin zum Interview getroffen und sprachen mit ihm über die Entwicklung von Rap hin zum Mainstream, Lokalpatriotismus in der Musik und Erwartungshaltungen.

 

Pillath, du hast neulich gesagt, dass du die Entwicklung der Deutschrap-Szene bis vor etwa völlig an dir vorbeigegangen ist. Wie sieht das heute aus und wie hast du dich informiert?

Pillath: Ich habe wirklich viel aufgeholt und verstehe den ganzen Film auch endlich – vorher wusste ich gar nicht, was die von mir wollen. Man geht natürlich nicht systematisch vor. Ich habe selbst wieder angefangen, Musik zu machen und neue Videos hast du bei Facebook eh automatisch in der Timeline, ob du willst oder nicht. Das ganze Album „Onkel der Nation“ habe ich mit Gorex produziert, durch den ich auch noch viel mitbekommen habe, der ist das krasse Pendant zu mir. Von allem, das länger als drei Jahre her ist, hat er dann wiederum keine Ahnung.

Könnte allerdings auch ganz praktisch sein, so könnt ihr immerhin gegenseitig voneinander lernen.

Pillath: Ja, voll! Das machen wir ständig und ich glaube, deshalb kommt auch genau dieser Sound dabei heraus, den wir jetzt haben. Ich komme ständig mit Elementen, die er schnell als Oldschool abtut, die er dann aber dennoch feiert und andersherum genauso.

Du hast die letzten sechs Jahre im Sales Management gearbeitet. Hast du ab dem Zeitpunkt also einfach aufgehört, dich mit Rap auseinanderzusetzen? 

Pillath: Ja, das habe ich komplett ignoriert.

Wie bewertest du inzwischen die musikalische Entwicklung?

Pillath: Für den einen oder anderen Klamottenstil bin ich mit 34 vielleicht einfach zu alt, aber die Soundentwicklung finde ich sehr geil. Anfangs habe ich die auch nicht verstanden, aber langsam bin ich dahinter gestiegen. Gerade, was Produktionen und Beats betrifft, ist alles viel professioneller und musikalischer geworden.

HipHop in Deutschland ist so musikalisch geworden

– das siehst du gut an Beispielen wie Miami Yacine oder Bonez und RAF Camora. Die Musik lebt ja nicht von übertrieben krasser Lyrik, sondern von guter Musik und Ohrwürmern. Wenn du an 2005 zum Beispiel zurückdenkst, hat Deutschrap da einen riesigen Schritt gemacht. Damals ging es um krasse Lines und Vergleiche. Das ist den Leuten inzwischen egal, weil es mehr um Musik geht. Mainstream hat in der Wahrnehmung von deutschem HipHop immer noch solch einen negativen Touch, aber wenn du im Mainstream wahrgenommen werden willst, musst du diesen Weg gehen. Aber das ist super, ich war schon immer ein Fan von melodischen Beats.

Kannst du neue Einflüsse benennen, die im Produktionsprozess von „Onkel der Nation“ eine Rolle gespielt haben?

Pillath: Ich glaube, dass Einflüsse gar nicht bewusst stattfinden. In letzter Zeit habe ich wieder viel Musik gehört, aber wo jetzt irgendwas beeinflusst hat, kann ich gar nicht sagen. Man bestimmt nicht, einen Song in eine bestimmte Richtung gehen zu lassen, viel eher geschieht die Beeinflussung eher unbewusst.

Dein Vorgängeralbum und Solo-Debüt „Onkel Pillo“ hast du gemeinsam mit mehreren Produzenten aufgenommen. „Onkel der Nation“ wiederum wurde ausschließlich von Gorex produziert. Was hat dich zu der Entscheidung geführt?

Pillath: Tatsächlich lief es bisher immer so ab, dass man sich Beats von verschiedenen Produzenten gepickt hat. Bei „Onkel Pillo“ war es aber schon so, dass ich ein paar Beats von Gorex gepickt habe und wir gemeinsam an denen gearbeitet haben. Das hat mir gefallen und deshalb habe ich entschieden, beim nächsten Album komplett mitzuproduzieren. Außerdem wohnt Gorex bei mir um die Ecke, privat verstehen wir uns sehr gut und generell geht er mit seiner Produktionsweise auch in die Soundrichtung, die ich einschlagen wollte.

Schaut man sich die Liste der Features an, fällt auf, dass alle Künstler aus dem Ruhrpott stammen außer Sido. Wie ist es bei dir heutzutage um das Thema Lokalpatriotismus im Rap bestimmt?

Pillath: Das hat abgenommen. Um 2007 rum haben wir den Lokalpatriotismus sehr ernst genommen. Auf unseren Releases hatte ich noch nie ein Feature, weil ich der Meinung war, jemand sei nur ein krasser Rapper. Über drei Ecken jemanden anzufragen ist gar nicht mein Film. Sido kenne ich auch schon seit Ewigkeiten und hatte beim ersten Album schon überlegt, ob ich ihn nicht fragen soll, ob er Bock hat. Dann haben wir uns auf dem Out4Fame Festival dieses Jahr gesehen, haben einen Jägermeister getrunken und dann war das ziemlich schnell besiegelt.
Mit ihm wollte ich aber keinen klassischen Punchline-Song machen, das war mir zu unspektakulär. In meinen Augen ist er mittlerweile Deutschlands größter Popstar und das meine ich absolut positiv. Deshalb wollte ich auch einen Song, der sich auch thematisch etwas vom Rest abhebt.

Obwohl der Lokalpatriotismus früher viel ausgeprägter war, definieren sich die großen Städte heute stark über ihren eigenen Sound – man denke nur mal an Hamburg oder Frankfurt. Hast du das Gefühl, der Ruhrpott muss in der Hinsicht nachziehen?

Pillath: Wenn, dann sehe ich mich da nicht mehr in der Verantwortung. Mittlerweile sehe ich das aber total entspannt.

Dass man als Rapper einfach ab und zu mal wieder klarmacht, wo man herkommt, liegt, glaube ich, einfach in der DNA.

Früher war es aber das tragende Thema und ständig wurde versucht, eine Stadt gegen die andere aufzuspielen.

„Onkel Pillo“, das vergangenes Jahr erschien, war dein erstes Soloalbum. Bestand für dich die Angst, nach all den Jahren zu floppen und den richtigen Zeitpunkt verpasst zu haben?

Pillath: Nee, eigentlich nicht. An „Onkel Pillo“ bin ich mit minimaler Erwartungshaltung rangegangen, weil es sich einfach angeboten hat und ich gerade Zeit und Lust auf ein Album hatte. Bei „Onkel der Nation“ ist das etwas anders. Da habe ich für mich entschieden, dass ich, sollte ich wirklich wieder aktiv Musik machen, meinen normalen Job an den Nagel hängen und mich komplett der Musik widmen muss. Deshalb ist man jetzt natürlich auch etwas abhängig von Verkaufszahlen, weil es auch ums Finanzielle geht. Richtig Angst vor einem Flop habe ich allerdings nicht. Das kann man jetzt falsch verstehen, aber dazu ist’s mir dann doch zu egal. Wenn es nicht funktioniert, gehe ich halt wieder arbeiten. Mir selbst mache ich viel Druck, jedes Album muss immer das beste werden, das ich je gemacht habe.

Stellt man die Jobs Sales Management und Vollzeit-Musiker gegenüber, wo siehst du jeweils die Vor- und Nachteile? 

 

Pillath: Es gibt natürlich auf beiden Seiten Vor- und Nachteile. Man sagt immer, als Rapper kann man sich die Arbeit selbst einteilen. Ich hatte dreieinhalb Monate Zeit, das Album aufzunehmen. Das hat geklappt, aber dann kommt plötzlich eine Tour mit Eko Fresh dazwischen und plötzlich hast du nur noch zweieinhalb Monate Zeit. Dennoch hast du immer die Möglichkeit, dich mal einen Tag rauszunehmen, wenn du darauf Bock hast. Im normalen Job funktioniert das natürlich nicht. Außerdem ist es natürlich eine sehr lockere und kreative Arbeit. Dazu kommst du viel rum, du nimmst viele Eindrücke mit. Den normalen Sales-Job fand ich aber auch nice, weil ich irgendwann auch Seminare besucht habe über Führungskompetenzen und Gesprächsführung und sowas. Da arbeitet man viel mit Menschen, dazu habe ich mir viel selbst angelesen und dann in der Praxis die Erfolge gesehen, das hat mir gefallen. Du hast ein geregeltes Einkommen, da müssen wir auch nicht drüber sprechen. Bis heute kann ich nicht sagen, dass der eine Job besser als der andere ist.

Gab es in der Vergangenheit je den Moment, in dem du mit der Musik abgeschlossen hattest?

Pillath: Ich war komplett in diesem Job und habe im beruflichen Sinne wirklich an nichts anderes gedacht. Nach fünfeinhalb Jahren wollte ich das Unternehmen wechseln und wurde dann direkt für vier Monate freigestellt. Das war der erste Moment, in dem ich angefangen habe, nachzudenken und dann kam eins zum anderen. In den fünfeinhalb Jahren habe ich aber absolut gar nicht über Musik nachgedacht.

Dieser und der letzte Albumtitel resultieren schlussendlich aus einem Fan-Kommentar. Wieso fühlst du dich so wohl in der Rolle des Onkels?

Pillath: Albumtitel gehen bei mir prinzipiell immer schnell. Ich glaube, wir haben noch nie länger als 30 Minuten über einen Albumtitel nachgedacht. Ich habe noch nie ein Album wegen des Titels gekauft. Bei Snaga und Pillath hatten wir eine Vorliebe für Filmtitel, im Endeffekt hat aber noch nie ein Titel entschieden, ob ein Album jetzt gut ist oder nicht.

Abschließend die Frage, die man stellen muss: Wird es in Zukunft mal wieder neues von Snaga und dir geben?

Pillath: Wir können es uns nach wie vor immer vorstellen, aber es gibt nichts konkretes.

Ich bedanke mich für das Interview – deine letzten Worte?

Pillath: Am 20.01. erscheint „Onkel der Nation“, kauft das Album, kauft die Singles, kauft die Boxen, unterstützt mich. Ich habe euch alle ganz doll lieb.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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