Performance: B- Boying zur Zeit der Wende (aus BACKSPIN MAG #116)

Am 9. November vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer. Infolgedessen wurde nicht nur Deutschland wiedervereint. Es trafen auch zwei Hip-Hop-Szenen aufeinander, die vorher kaum etwas voneinander wussten. BACKSPIN wollte wissen, wie weit diese beiden Schauplätze auseinander lagen. Oder kannte Hip-Hop die Mauer, die Grenze zwischen Ost und West, gar nicht? Wir baten Frank Salewski von den Stralsunder Melodics, die gerade ihr 30-jähriges Jubiläum feierten, zum Gespräch. Mit Storm von der Kieler Battle Squad brachte Frank direkt seinen Gegenpol mit. Electric Buddha Kai Eikermann konnte mit seiner Geschichte am meisten Gänsehaut erzeugen. A Real Dope Thing und Rock da Most verschmolzen 1989 sofort zu einer Einheit. Wie das passieren konnte, erzählen Poise alias Waffel sowie Runex. Mit Marc Hype taucht zudem ein Joker auf. War er doch der Einzige, der den Tag vor wie auch den Tag nach dem Mauerfall auf den Straßen Berlins miterlebte. Das entstandene Gespräch hätte das Zeug zum Bestseller. Hier eine Kostprobe.

Wie habt ihr den Mauerfall erlebt?

Storm: Ich lief morgens zum Supermarkt. Dort standen lauter Trabis mit Bananen und Blumen auf den Motorhauben. Da war mir klar, was passiert ist. In den Nachrichten erfuhr ich, dass so etwas anstehen könnte, aber niemand rechnete damit. Als es so weit war, habe ich mich natürlich gefreut. Wir konnten Anknüpfung finden, weshalb Swift und ich im Dezember 1989 gleich eine Jam organisierten. Die Zulu Boyz kamen, Kartoffel von Break Connection mit seinem Manager, Dieter Klarholz, und einige Dresdner. Das hat richtig Spaß gemacht!

Frank, stand bei den Melodics in Stralsund das Tanzen auch gleich im Vordergrund?

Frank: Am Tag der Maueröffnung war ich bei meiner Armee-Einheit. Eine Woche später fuhr ich nach Stralsund, wo sich die Melodics trafen. Kontakt in den Westen gab es nicht, auch nicht mehr zu den Wolgaster Zulu Boyz und den Rostocker Crazy 7. Das kam erst mit der Wende zurück. Mit Jens Ströming verloren wir bereits im Sommer 1989 einen guten Tänzer. Wir überlegten, wie es weitergeht. Bei der Armee gab es keinen Platz zum Tanzen. Ich war zu diesem Zeitpunkt also auch nicht mehr aktiv. Deshalb übernahm ich das Organisatorische. Die Vorwende-Melodics tanzten gut ein Jahr weiter, bevor sie durch Arbeit und Ausbildung auseinandergingen. 1992 fanden sie sich durch Jokestar und SMC, die Musik machten, wieder zusammen: Es kamen neue Tänzer, die bereits 1989 beim großen Workshop in Leipzig dabei waren. Sie integrierten sich und schrieben die Geschichte der Melodics fort.

Weshalb hast du den Kontakt zu Storm gesucht, obwohl du nicht mehr aktiv warst?

Frank: Ich las seine Biografie, „Von Swipe zu Storm“, in der er die Melodics erwähnte. Also wollte ich ihn näher kennenlernen. Erst 2006 liefen wir uns über den Weg. Battle Squad fingen parallel zu uns vor 30 Jahren mit dem Tanzen an. Sie zogen wie wir 1989 in die gesamtdeutsche Szene. Ich bringe die Melodics in Stralsund regelmäßig zusammen, um das Gefühl der Gemeinschaft, das wir vor dem Mauerfall hatten, zurückzuholen. Dieses Jahr war Storm dabei.

Waffel, du hast 1983 mit Musik begonnen?

Waffel: Ja, mit East Side Attack. Der Name wurde verboten, weshalb wir uns Downtown Lyrics nannten. Electric B & The Full Electric Posse aus Dresden organisierten viel für uns. In der DDR hatte nicht jeder ein Telefon. Also lief viel postalisch.

Runex, das war vermutlich auch in Westberlin der Fall, oder?

Runex: Wir hatten überhaupt keinen Kontakt, wie auf einer Insel. Rock da Most waren die ersten, die man auf Jams nach Westdeutschland holte.

Waffel, was hast du gemacht, als die Mauer fiel?

Waffel: Ich graste jeden Turnschuhladen der Stadt ab. Im Vorfeld war ich auf den Demonstrationen dabei, durfte alles hautnah miterleben und eine Nacht im Knast verbringen.

Wie erfuhrst du von der Jam, auf der du zwei Monate später Roskoe trafst?

Waffel: Downtown Lyrics traten zur Wende mit den Stereo MCs und Snap im Palast der Republik auf, und Blacky war vor Ort. Er musste sich verpissen, hatte Stress mit den 36 Boys. Wir suchten einen DJ. Blacky stellte uns DJ Pumi vor. Gleichzeitig kam das Angebot, in Zürich zu spielen. Wir standen bereits 1988 mit den Stereo MCs in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle auf der Bühne. Blacky fragte, ob er uns nach Zürich begleiten dürfe. So lernten wir Roskoe, Empire und Runex kennen. Musikalisch waren wir genauso weit wie sie, weshalb es keine Berührungsängste gab. In der Schweiz saßen wir als einzige Ostler im Backstage, neben Advanced Chemistry und den Fantas. Und was machten die Stereo MCs? Sie setzten sich zu uns. Das war natürlich ein Erlebnis.

Storm: Battle Squad waren ebenfalls dort, und Downtown Lyrics, keine Ausländer. Die DDR war vorbei, und wir waren keine westdeutschen Breaker mehr. Die politisch gezogenen Grenzen erkannten wir als solche nie an. Hip-Hop war unser Ding! Der einzige Unterschied lag darin, dass wir vor dem Mauerfall keine Verbindung aufnehmen konnten.

Kai, du hast als Kind die DDR-Erziehung genossen, bevor du mit zehn Jahren nach Ghana aus- gewandert bist. Wie war das, als du 1981 nach Westberlin kamst?

Kai: Du fängst gerade mittendrin an. Neun Jahre lebte ich in Ghana. Das war schon eine andere Welt. In dieser Zeit war ich einmal zu Besuch in der DDR, 1978. Mir wurde klar, dass ich in dieses Land nicht mehr zurückgehen kann. Man hat uns 15 Stunden an der Grenze festgehalten, weil ich als 15-Jähriger nicht den Unterschied zwischen BRD- und DDR-Bürgern kannte. Bei Staatsbürgerschaft schrieb ich nämlich „Deutsch“ hin. 1978 hörte ich bei einem hochrangigen Parteimitglied, dessen Sohn dennoch Westradio hörte, Kraftwerk. 1981 kam ich nach Westberlin, wo ich mich, wie in der DDR, nicht willkommen fühlte. Tanzen war meine Rettung. Als beim Jazzfest Wiggles und Fable auftraten, bin ich danach die Potsdamer heruntergelaufen, hatte meinen Walkman mit Kraftwerk auf, und war völlig breit von dem, was ich gesehen hatte. Mir war klar: Ich tanze weiter! Berlin war ein schwieriges Pflaster. Das Einzige, was mich hier hielt, waren wirklich das Tanzen und die Künstlerszene. Die Künstler waren genauso schräg wie ich, kamen aus dem Ausland und hatten keine Grenzen im Kopf.

Der Mauerfall war also ein Befreiungsschlag für dich?

Kai: Das ist für mich bis heute eine sehr emotionale Geschichte. Meine Familie war getrennt. Meine Mutter zog mit mir nach Ghana, um dort zu heiraten. In der DDR erlebten wir den angeblich nicht existenten Rassismus. Man nannte meine Mutter eine Negernutte. Dahingehend gab es keinen Unterschied zwischen Ost und West. Als die Mauer fiel, war ich mit meiner Frau im Kino. Wir kamen heraus, und da fuhren Trabis herum. Alles hupte! Zwei Tage war meine Familie aus der DDR zu Besuch. Unter Millionen sind wir den Kudamm entlanggelaufen. Das war ein Gefühl! Neulich war ich in Dömitz, wo die Elbe die Grenze war. Meine Freundin aus Hessen fragte, weshalb dort alles verfallen sei. Menschen hatten dort früher nichts zu suchen. Alles, was bis zu einem Kilometer an der Elbe lag, war Sperrgebiet. Die Trennung meiner Familie sah nicht anders aus. Mein Vater brach den Kontakt zu uns nicht ab und trat auch nicht der Partei bei. Dafür wurde er nicht befördert. Auf dem Geburtstag meiner Oma in Ostberlin traf ich eine Cousine. Sie meinte, eigentlich dürften wir uns nicht begrüßen. Sie freue sich aber, dass ich da wäre. Ihr Typ war bei der Stasi und notierte sich alles. Wir waren im Friedrichstadtpalast, wo wir Tommy aus Dresden trafen. Boogie Wave machten diesen Schein, den man in der DDR zum Tanzen haben musste. Da wurde mir klar: Dieses System wird zusammenbrechen! Es herrschte Aufbruchstimmung. Manche meinen, früher wäre alles besser gewesen. Du hast keine Ahnung!

Hat der Mauerfall auch heute noch eine Bedeutung für euch?


Kai: Die Geschichte des Mauerfalls wird im Nebel verschwinden. Meinen Kindern kann ich heute nicht einmal mehr zeigen, wo die Mauer stand. Das waren zwei Mauern, nicht nur eine! Heute gehen die Leute zur Eastside Galery und sagen, das wäre die Mauer. Das Ding war früher weiß! Da wurde jede Katze erschossen, die sich dorthin verirrte. Vor ein paar Jahren war ich in Korea. Den Koreanern macht unsere Geschichte Hoffnung. Das war eine Revolution ohne einen Tropfen Blut! In der Wendewoche brach ich mein Studium ab, wollte nur noch tanzen, und beschloss, meine Freundin zu heiraten. Mein ältester Sohn wurde gezeugt, die Mauer fiel. Großes Kino!

Storm: In Korea erlebt man, was heute wäre, hätten sie 1989 die Maßnahmen verschärft, anstelle dieser friedlichen Lösung. Ich war 20 Jahre alt, als die Mauer fiel. Mein ganzes Leben drehte sich ums Tanzen. Es gab nichts anderes! Je mehr Zeit verstreicht, desto bedeutungsvoller wird die Wende für mich. Fahre ich heute nach Wannsee und komme in Dreilinden an, bin ich glücklich, dass der Grenzübergang so einfach ist. Ich bin froh, die Zeit damals miterlebt zu haben. Dadurch wurde mir bewusst, was Freiheit und ein anderes Leben bedeuten.

Waffel: Der Mauerfall wird nicht aus unseren Köpfen verschwinden. Was bei Storm das Tanzen war, war bei mir die Musik. Der Übergang war nahtlos, mit einem großen Peng! Wir sollten das Erlebte bewahren, und die gesammelten Erfahrungen weitergeben. Mir hat der Mauerfall unheimlich viel gebracht. Ich konnte plötzlich ausleben, was ich in mir trug, und mich frei entfalten. Das möchte ich nicht mehr missen.

Frank: Weihnachten 1989 fuhr ich völlig unwissend nach Berlin und suchte die Grenze. Meine 100 D-Mark Begrüßungsgeld trug ich zu WOM. Die Platten legte ich an der Kasse aber wieder zurück. Das hätten meine letzten 100 D-Mark sein können, weil sie Anfang des Jahres die Grenze vielleicht wieder geschlossen hätten! Die Wende erlebte ich in meiner Einheit. Also war es schwierig für mich, Emotionen aufzubauen. Um mich herum war niemand. In Berlin sah ich immer ein Stück der Grenze, den Todesstreifen, Stacheldraht, Panzersperren, die schneeweiße Wand mit den Kübel-Trabis dazwischen. Ich bin froh, dass dieser Mist weg ist. Die Wende hat jedem von uns etwas gebracht. Marc Hype: Wir hatten unsere hübsche Grenze, und alles war geregelt. Man ist abgeprallt von der Mauer und hat sich zum Kloppen auf dem Kudamm getroffen. Zwar konnten wir immer über die Mauer, aber der Zwangsumtausch fiel weg. Wir fuhren auch nicht über die Grenze, um Urlaub zu machen. Allemal sind wir dort rüber, um Verwandte zu besuchen. Westberlin reichte uns völlig aus! Auf einmal war Neuland da, eine Freifläche, ein anderes Land. Klar war das Deutschland, aber ein anderes Deutschland. Mich interessierte nie, was hinter der Mauer passierte. Auf einmal war da etwas, was eigentlich nie weg war. Man fuhr einfach rüber und schaute sich um. Als am Montag die Geschäfte öffneten, war der Kudamm voller Menschen. Die Hütchenspieler zogen den Leuten ihr Begrüßungsgeld ab. Davon lebten sie, und die anderen mussten lernen, mit dieser neuen Welt umzugehen.

Runex: Wir hatten keine Ahnung, was es bedeutet, wenn unsere große Leinwand, die Mauer, wegfällt. Wir freuten uns und lernten die PDM-Posse kennen. Eine tolle Zeit! Waffel lud uns auf eine Party ein, auf der alle ihre alten Sachen anzogen. Voll witzig! Zum Anfang der 80er starteten wir mit Musik. Dann kamen Stresser auf die Jams: Jeder Bezirk hatte seine Gang und wollte zeigen, dass er der Beste ist. Drüben im Osten hatte ich dann plötzlich wieder dieses Anfangsgefühl. Hip-Hop war wie neu geboren! Die Leute waren friedlich, und wir hatten nur ein Ziel: zusammen etwas aufzubauen. Ich fand das total klasse, wie man uns aufnahm.

„Ich bin  froh, die Zeit damals miterlebt zu haben. Dadurch wurde mir bewusst, was Freiheit und ein anderes Leben bedeuten.“ (Storm)

Die Wende führte dich also von West nach Ost?

Runex: Ich war in Westberlin sehr glücklich, bin in unserer kleinen Hip-Hop-Gemeinde völlig auf- gegangen. Als wir hörten, die Mauer wäre offen, sind wir aus Wannsee zur Glienicker Brücke gelaufen, um zu schauen, was los ist. Dort kamen die Massen rüber. Wir waren begeistert, dass alle wieder zusammen sind. Allerdings war uns das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bewusst. Wir sahen nur, dass sich etwas Aufregendes tat. Natürlich war es schade, dass unsere coole Mauer nun weg war. Aber die Zeit danach, die neue Insel Niemandsland, auf der neue Clubs öffneten, der WMF, Tresor, die Globus Bar, das war wie im Wilden Westen! Es gab den U-Club, den besten Hip- Hop-Laden, den wir jemals hatten, mit Hype und Domain. Heute ist alles wieder wie früher: überall verschlossene Parzellen, und man kann nicht mehr hingehen, wo man will.

Marc, du warst vor dem Mauerfall auf der Straße unterwegs. Was fiel dir auf?

Marc Hype: Ich war viel auf dem Kudamm, mit Straßenhändlern und Hütchenspielern. Einer von ihnen war Tray DM, der Manager von Rock da Most. Am 9.11. erzählte uns eine ältere Frau, die Mauer wäre gefallen. Wir lachten sie aus. Dann war dieses Gefühl der Unruhe, wie ich es später an 9/11 noch einmal erlebte. Keiner sagte etwas, alle schauten sich an. Mir war klar, dass etwas passiert sein musste.

Und wie kamt ihr in den Stau?

Marc Hype: Tray DM lud mich am Tag vor dem Mauerfall mit Rock da Most auf eine Jam nach München ein. Am nächsten Tag fuhren wir los. Die Mauer war gefallen, und da standen wir: 200 Kilometer vor und hinter uns nur Trabis. Nichts ging mehr. Wir spazierten über die Autobahn und trafen Kai Eikermann mit TDB, die auch nach München unterwegs waren. Mit alledem hatte niemand gerechnet.

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