Performance: B-Boying in Indien (aus der BACKSPIN MAG #110)

Im Jahr 2000 überschritt Indiens Bevölkerungszahl die Milliardengrenze. Heute liegt Indien  in Punkto Bevölkerung mit 1,26 Milliarden knapp hinter China. Meine Reise nach Indien begann vor genau drei Monaten. Schon immer habe ich mich gefragt, wie wohl die B-Boy-Szene in Indien aussehen mag. Dank eines alten Bekannten, einer der deutschen Hip-Hop-Szene, Akim Walta aka Zebster aka Zeb Roc Ski, wurde dies möglich. Als Kulturbotschafter der Stadt Hamburg sollte ich zu dem Indo-German- Projekt nach Mumbai zu fliegen, um dort Breakdance-Workshops zu leiten und über meine Erfahrungen als B-Boy zu berichten. Schon die Ankunft am Flughafen in Mumbai war ein absolutes Highlight. Die Pracht an Farben und die bunte Kleidung in den verschiedensten Stilen war einfach umwerfend. Aber auch der Geruch von Gewürzen und etwas undefinierbaren bei 30 Grad war unbeschreiblich. Anschließend ging es mit einer traditionellen Autorischka-Tour vom Flughafen ins Hotel durchs extrem laute  nächtliche Mumbai. Die Fahrt mit dem kleinen Gefährt auf drei Rädern dauerte ca. eine Stunde und hat mich 300 Rupees gekostet, was etwa 5 Euro entspricht. Wir fuhren über Autobahnen und durch kleine Gassen, vorbei an gefühlten Millionen Menschen, Rikschas, Mofas, Kühen, Ziegen, Ratten – überall war etwas los. Zwei Dinge waren mir ziemlich schnell sicher: Allein findet man sich hier auf gar keinen Fall zurecht. Und diese Stadt schläft ganz sicher nie! Am nächsten Morgen ging es nach einem Crew-Meeting direkt an die Arbeit. Unser Team bestand aus verschiedensten Künstlern aus Deutschland, von Tänzern wie mir bis hin zu Graffiti-Künstlern, die täglich eine Woche lang T-Shirts oder Wände bemalten. Zusammen gestalteten wir das Indo-German-Projekt. Das Konzept der Indo-German-Urban-Mela ist, Künstler aus verschieden Ländern in den unterschiedlichen Elementen des Hip-Hop zusammen- zubringen. Im B-Boy-Workshop hatten wir Teilnehmer im Alter von 8 bis Mitte 50, Frauen im traditionellen Sari wollten Tags auf den Arm gemalt bekommen. Taxifahrer hielten an und wollen ihr Auto besprayen lassen. Die Stimmung war super.

Auf dem Veranstaltungsgelände befanden sich 17 Pavillons in unterschiedlichsten Formen, so dass letztendlich eine kleine Zeltstadt entstand. Ich war hauptsächlich im Kulturpavillon aktiv, der Pavillon, der meiner Meinung nach immer am besten besucht wurde. Meist gab ich tagsüber zusammen mit B-Girl Frost von der Dirty Mamaz Crew aus Stuttgart Workshops rund ums B-Boying, manchmal teilten wir die große Anzahl an Teilnehmern auch unter uns auf. Unterstützt wurden wir natürlich von dem gesamten Team.

Abends haben wir dann mit den lokalen MCs, Beatboxern und Tänzern unter freiem Himmel auf dem Platz und einer Open-Air- Bühne performt, was nicht immer einfach war bei einer schwülen Hitze von mindestens 28 Grad und mindestens 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Allein beim Gehen schwitzte man schon aus allen Poren –und wir tanzten teilweise 45 Minuten auf der Bühne. Doch durch die krasse Energie der indischen Tänzer vergaß man auch das relativ schnell. Es war besonders schön in dieser Woche zu sehen, wie Hip-Hop sich auch in einem so armen Land wie Indien als Lebensstil etabliert und wächst.

Drei Viertel der Inder müssen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen, ein Drittel lebt unter der Armutsgrenze. Es war erfreulich mit an zusehen, wie sich die Kinder und Jugendlichen mit dieser Kultur identifizierten. Es lag mir sehr am Herzen, Werte wie Gemeinschaft und Respekt besonders an die Kids aus den Slums zu vermitteln. Kindern durch das B-Boying eine Zugehörigkeit und ein Selbstbewusstsein zu geben, macht glücklich. Es war erstaunlich, was für ein Interesse bestand und wie wissbegierig die Leute waren. An einem Tag der Woche fand das „Cypherholic“ genannte B-Boy-Battle statt, welches durch die Roc Fresh Crew ins Leben gerufen wurde. Als ich erfuhr, dass ich hier in der Jury sitzen sollte, fühlte ich mich natürlich geehrt. Es kamen Jugendliche nicht nur aus den Randbezirken von Mumbai, nein es kamen auch Jugendliche aus Neu Delhi, die für diesen Event eine 36 Stunden lange Zugfahrt auf sich nahmen – im Alter von 16 Jahren einmal quer durch das Land! Wer schon mal in Indien mit dem Zug gefahren ist, der weiß, was er sich dort antut.

Das Battle an sich war voller Überraschungen und es gab eine endlose Teilnehmerliste. Doch was mich am meisten beeindruckte war die Energie der jugendlichen Tänzer und deren Ehrgeiz zu gewinnen. Unterstützt wurden wir von Indiens No.1 Hip-Hop-DJ Uri, der in England mit Hip-Hop aufgewachsen ist und den seine Wurzeln zurück nach Indien gebracht haben. Nach dieser wirklich spannenden und anstrengenden Woche ging es mit dem Flieger für ein paar Tage weiter nach Kalkutta, die Stadt wird von ihren Einwohnern auch Stadt der Freude genannt.

Dank der tollen Unterstützung vom Generalkonsulat fand auch dort das Indo-German-Hip-Hop-Projekt großen Anklang. Sechs deutsche, eine japanische und drei indische, aus Mumbai stammende Graffiti- und Breakdance Künstler mischten in der Zeit die Szene in Kalkutta auf. Auch dort gab ich mehrere Workshops und tauschte mich mit vielen neugierigen Kids aus. Die Highlights waren eine öffentliche Breakdance-Jam im Maddax Square Park und eine Graffitisession direkt am deutschen Generalkonsulat.

Immer wieder kam bei mir ein Gefühl hoch, das ich kaum mit Worten beschreiben kann. Gänsehaut am laufenden Band. Bei der Park Jam hätte man auch denken können, ich wäre auf einer Jam Anfang der achtziger Jahre in der Bronx gewesen. Getanzt wurde auf Kartons oder auf einem Sandboden, aber an Moves wurde trotzdem nicht gespart. Ich war fasziniert.

Auch in Kalkutta merkte ich schnell, welchen Hype Breaking auslösen kann. Wie schnell eine noch so junge und immer noch wachsende Kultur in kürzester Zeit in In- dien zur populärsten Jugendkultur heran- wachsen kann. Ich persönlich wünsche mir für Indiens Kastengesellschaft, dass durch unsere gemeinsame Hip-Hop-Kultur Grenzen zwischen den Klassen verschwimmen. Darüber hinaus hoffe ich, in ein paar Jahren noch mal nach Indien zu kommen um zu sehen, wie wundervoll die Szene gewachsen und das Level gestiegen ist. Um noch bessere Eindrücke zu bekommen, habe ich außerdem zwei der bekanntesten Tänzer aus Mumbai interviewt, aber lest selbst.

Auf der nächsten Seite geht es weiter mit einem Interview mit Bunny & AMB zum Thema B-Boying in Indien 

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Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

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