OK Kid – „Zwei“

ok kid zwei cover475„Weiche Strafen für gewaltbereite Ausländer, no go / Nein, sie sind keine Nazis, auch sie trinken Kaffee Togo“. Zeilen, Teil von „Gute Menschen“, die den Zeitgeist treffen und eine Gesellschaft beschreiben, die sich ihre Doppelmoral kreiert, wie sie ihr gefällt. OK Kid als Beobachter und Beschreiber einer innerlich gespaltenen Bevölkerung? Mitnichten. Denn der Nachfolger von Erstlingswerk „OK Kid“, der passenderweise den schlichten Titel „Zwei“ trägt, offeriert der Zuhörerschaft des Gießener Trios eine Themenvielfalt, die so etwas wie Langeweile gar nicht erst aufkommen lässt.

Beispiel? „Es ist wieder Februar“, auf dem sich Jonas, Moritz und Raffi dem kürzesten und vielleicht auch tristesten Monat im Jahr widmen. Weiteres Beispiel? Der mit einem Feature von „Regenmacher“ Megaloh daherkommende Track „5. Rad am Wagen“, der sich mit der Rolle als Außenseiter beschäftigt. Eine Thematik, die zwangsläufig aufkommen muss, betrachtet man den speziellen Style von OK Kid, der ein Pop-Gerüst mit Rap-Elementen verbindet. Für die drei Musiker jedoch kein Problem, die sich gar als „Paradiesvögel in der Hip-Hop-Welt sehen“.

Und die zu polarisieren wissen. Der eingangs angesprochene „Gute Menschen“-Song bedient sich der Ironie, um radikal eingestellten Personengruppen die Stirn zu bieten. Denn „plumpe Messages zu droppen“ ist nicht das Ding von OK Kid. War es auch noch nie und wird es wohl auch nie werden. Vielmehr vermischt die 2006 als Jona:S gegründete Band in ihrer Musik Anleihen aus Pop und Hip-Hop mit Gitarrenriffs, die in Kombination mit pointierten Texten dahingehen, wo es wehtut.

Und dennoch gelingt es den Hessen, Lieder über ihre Vorliebe zu Gin („Bombay Calling“) und die Reflektion des eigenen musikalischen Werdegangs („Blüte dieser Zeit“) auf ein und demselben Album zu platzieren, ohne das harmonische Gesamtkonzept zu gefährden. Ein wenig Kritik ist dennoch anzubringen. So zeigen sich OK Kid teilweise zu experimentiertfreudig, was zu Lasten des über weite Strecken sehr stimmigen Sounds geht. Und auch textlich wirkt nicht jeder Songs bis ins kleinste Detail ausgefeilt („Bank“), während die Zusammenarbeit mit Die Sterne-Frontmann Frank Spilker („U-Bahnstation“) nicht zu 100% zünden will.

Nichtsdestotrotz liegt mit „Zwei“ immer noch ein Album vor, das sich vor seinem Vorgänger nicht verstecken muss. Das zum Nachdenken anregt. Und mit dem OK Kid ihren Weg unbeirrt weitergehen. Wohin? Vorerst auf Platz 6 der deutschen Albumcharts. Und in Zukunft? Das wird sich zeigen. Was bereits jetzt Gewissheit hat, ist, dass sie immer noch brennt – „die Blüte dieser Zeit“.

 

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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