Ohne viel Schnickschnack: Rap zu Gast im NPR-Büro

NPR Music bringt seit 2008 die krassesten Live-Performances in ein Bürogebäuden in Mitten von Washington D.C.. Bei den Tiny Desk Concerts bekommen Künstler regelmäßig die Chance, ihre Live-Tauglichkeit vor kleinstem Publikum in Büro-Umgebung unter Beweis zu stellen. Die Zuschauer sind meistens Angestellte des Senders, in Ausnahmen auch eine Hand voll Auserwählte von außerhalb aber vor allem nur selten die Zielgruppe der jeweiligen Künstler. Bis vor einem Jahr musste sich das Format noch regelmäßig für das Auslassen von Rap-Acts rechtfertigen. Kritik, die nicht unbeachtet blieb und seit einiger Zeit für jede Menge hervorragendes Video-Live-Material sorgt. Die Highlights der vergangenen Monate haben wir auch zusammengefasst.

Tyler, The Creator

Den Anfang macht Tyler, The Creator. Ein Künstler, dem jeder, der sich jemals länger als zwei Minuten mit ihm beschäftigt hat, wohl gar nicht zutrauen würde, über 20 Minuten still auf einem Stuhl sitzen zu können. Scheinbar kann das aber funktionieren, wenn dabei in ausgelassenster Stimmung musiziert wird. „I can’t sing but I don’t fucking care, cause it feels good. Like a warm shower.“ Lässt Tyler vor seinem zweiten Song „See You Again“ verlauten. Was er vorgibt nicht zu können, können die beiden engelsgleichen Damen, die den Rapper während der drei Songs begleiten, umso besser. Zusätzlich finden wir im Video einen Kontrabassisten, einen Schlagzeuger und einen Keyboarder. Was das Video auszeichnet ist neben der musikalischen Stärke aller Beteiligten, vor allem die unfassbar angenehme Stimmung und Kommunikation zwischen den Musikern.

Noname

Weiter geht es mit einer Künstlerin, die bereits mit Größen wie Chance The Rapper, Raury oder Saba zusammengearbeitet hat. Die in Chicago geborene Rapperin Noname hat ihre komplette Live-Band mit im Gepäck. Im 15-minütigen Video schafft sie es, eine Stimmung zu verbreiten, die positiver nicht sein könnte. Selbst während sie sich lyrisch ernsten Themen wie dem der Abtreibung widmet, geht die Grundpositivität ihres Auftritts nicht verloren. Zeitweise düstere, melancholische Texte in Kombination mit farbenfrohsten Produktionen, das ist Fatimah Nyeema Warner.

Chance The Rapper

Ebenfalls aus Chicago stammt dieser junge Herr – Chance The Rapper. Wer ihn in der BBC Radio1 Live-Lounge gesehen hat, kann sich schon denken, wie viel Spaß das Video mit sich bringt. Zusammen mit seiner Band performt er zuerst seinen Track „Juke Jam“, der mit Justin Bieber und Towkio-Feature auf seinem dritten Mixtape „Coloring Books“ erschienen ist. Danach wurde für eine Verschnaufpause für die Band gesorgt, in dem Chance ein Gedicht vortrug, das er kurzerhand auf dem Weg von seinem Hotel in Washington zum NPR Music Büro geschrieben hat. Nach einem mehrminütigen Gedicht voller Emotionen folgt ein wohl noch bewegenderes Cover des 1974 erschienen Songs „They Won’t Go When I Go“ von Stevie Wonder.

The Internet

The Internet – das sind Syd The Kid als Sängerin und Produzentin, Matt Martians ebenfalls Produzent und Keyboarder, Pat Paige am Bass, Chris Smith an den Drums und Jameel Bruner ebenfalls an den Keys. Zusammen schaffen sie es R’n’B und Rap zu einem Genre verschmelzen zu lassen und damit für erfrischend neue Sounds zu sorgen. Mit den beiden Tracks „Get Away“ und „Under Control“ von ihrem 2015 Grammy-nominierten Album „Ego Death“ und „Dontcha“, einem Song, der 2013 auf ihrem zweiten Album „Feel Good“ erschienen ist, performen sie nach jahrelanger Live-Erfahrung gewohnt lässig.  

The Roots

Kaum eine Band steht mehr für krasse Live-Fähigkeiten als The Roots. Dass sie weder eine riesen Bühne, noch ein Publikum bestehend aus tausenden Menschen brauchen, um das erneut aufzuzeigen, beweisen sie mit ihrem Tiny Desk Concert im November diesen Jahres. Selbst die Macher des Formats konnten ihr Glück kaum fassen, als die versammelte Mannschaft hinter dem kleinen Schreibtisch zu performen begannen. Bewaffnet mit dem unglaublichen Sänger Bilal spielen sie den charakteristischen Track „It Ain’t Got Fair“ aus dem Film „Detroit“, der sich mit einem durch eine Polizeirazzia ausgelösten Bürgeraufstand in den USA im Jahre 1967 beschäftigt. Also macht, was euch ein Kommentarschreiber rät und achtet neben der unglaublichen musikalischen Fähigkeit auch auf den Inhalt. „Perseverance in the mids of social chaos.

Little Simz

Mit Tracks aus ihrem zweiten Album „Stillness in Wonderland“ bringt Little Simz ein Stück des Lewis Caroll Klassikers „Alice im Wunderland“ auf die Tiny Desk Concert-Bühne. 23 Jahre jung ist die Künstlerin aus London. Live performen kann sie schon jetzt als wäre sie Jahrzehnte lang Teil des Business. Nicht verwunderlich, dass sie aufgrund ihrer textlichen Fähigkeiten mit Größen wie Lauryn Hill verglichen und von Kollegen wie J.Cole und Kendrick Lamar in den Himmel gelobt wird. 

Run The Jewels 

Auch El-P und Killer Mike erwiesen sich die Ehre und performten in einer Umgebung, in der sie auf den ersten Blick vielleicht Fehl am Platz scheinen, drei Tracks aus dem aktuellen Album „RTJ3″. Die vermeintliche Deplatzierung wird entkräftet, sobald sie inklusive Band anfangen zu musizieren und damit für einen unvergleichbaren Vibe sorgen. Mit Goldkette, Cap und Sonnenbrille wird knapp zwölf Minuten lang in perfekter Harmonie gerappt.

Oddisee

Wer den ersten von Oddisee performten Track „That’s Love„, der 2015 auf „The Good Fight“ erschienen ist kennt, wird vielleicht etwas enttäuscht sein, weil keinerlei Bläser in seiner Live-Session vertreten werden. Gerade bei einem Format mit solch hohen musikalischen Ansprüchen, hätte man erwarten können, dass die instrumentale Ausstattung zumindest der des Albums entspricht. Dafür muss das Publikum herhalten und die Hook lautstark unterstützen. Amir Elkhalifa erzeugt eine unterrichtsähnliche Situation, in der er die Rolle des Lehrers übernimmt und dem Publikum seine so gehaltvollen Texte nahebringt. Die Nummer scheint aufzugehen und es wird minutenlang gespannt gelauscht. 

Rapsody

Nicht nur genretechnisch wird für einen guten Ausgleich gesorgt, auch was die Balance zwischen weiblichen und männlichen Künstler angeht, haben die Leute von NPR ein gutes Händchen. Selbst in der frauentechnisch so unterbesetzten Rapwelt haben sie auf dem Schirm, was gut ist. Neben Noname und Little Simz, hat es auch Rapsody ins das Bürogebäude geschafft und performte bereits letztes Jahr drei eigene Songs. Ähnlich wie ihre bisherigen Releases, beinhaltet die Performance der Rapperin kraftvolle Wortspiele und retroperspektives Geschichtenerzählen.  

Wyclef Jean

Wyclef Jean spielt in seiner Session nicht nur drei verschiedene Instrumente, er singt und rappt auch noch in drei verschiedenen Sprachen. Clef erzählt dem Publikum Geschichten, die von seiner Zeit mit den Fugees bis hin zu musikalischen Begegnungen mit Whitney Houston und Destiny’s Child reichen. Gut platzierte Rückblicke, die eine jüngere Generation verstehen lassen, mit welcher Größe sie es hier eigentlich zu tun haben ohne dabei auch nur eine Sekunde überheblich zu wirken. 

Thundercat 

Mit „Drunk“ lieferte Thundercat einer der ganz großen internationalen Rap-Platten 2017. Wer das Album gehört hat, kann sich vorstellen, wie gut es live klingt. Dass diese Live-Tauglichkeit nicht nur reine Vorstellung, sondern schöne Realität ist, stellt der aus Los Angeles stammende Künstler mit den drei darauf erschienenen Songs „Them Changes“, Lava Lamp“ und „Friend Zone“ während seines Tiny Desk Concerts klar. Ein Auftritt, der nicht zuletzt wegen seiner erstklassigen Live-Band hervorragend ist.

Aminé

Mit seiner Performance verkörpert Aminé wohl ganz gut das Ziel des kompletten Formats. Mit seinen drei performten Tracks bewegt er sich dauerhaft zwischen soulig funkigem Gesang und klassichem Rap, schafft es unterschiedlichste Stimmungen zu erschaffen und scheint dabei den Spaß seines Lebens zu haben. Neben dem Song „Spice Girl/Caroline“, mit dem er vor einem Jahr auf Platz 11 der Billboard Hot 100 Charts einstieg, gab er zwei weitere Tracks seines Debüt-Albums „Good For You“ zum Besten. 

Was eine gute Performance ausmacht, ist nicht immer ein krasses Bühnenbild, heftige Licht-Shows und ein riesen Publikum. Manchmal reicht es auch einfach der Spaß an der Sache, eine gut ausgestattete Band und Zuschauer, die den Namen des jeweiligen Künstlers auch noch zwei Minuten vor dem Auftritt falsch ausgesprochen haben. Mit genau diesen Rahmenbedingungen setzen die  „Tiny Desk Concerts“ den Fokus ganz gezielt auf die Musik, die damit verbundenen Fähigkeiten der performenden Acts und zeigen ganz nebenbei Rap in musikalisch angenehmster Art und Weise. 

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