„Happiness is an Inside Job“ Die Geschichte von Octavian

From Rags to Riches – Vom Tellerwäscher zum Millionär – Aus der Obdachlosigkeit in ein Luxusapartment über den Dächern Londons. Dieses fast klassische Hip-Hop-Narrativ kann man seit gut einem Jahr immer häufiger über Octavian lesen. Ein junger, in Frankreich geboren und in London aufgewachsener Rapper, der sich anschickt englischen Rap zu verändern und dem nach einem mittlerweile gut breitgetretenem Drake-Co-Sign alle Türen der Industrie aufstehen.

So ganz scheint sich der 23-Jährige Octavian allerdings nicht in diese recht platte Geschichte pressen lassen zu wollen. Worum es ihm stattdessen geht: Rache. Rache an allen, die ihm immer wieder sagen, das mit der Musik würde nichts. An allen, die ihm immer wieder vorschreiben was er zu tun oder zu lassen habe. Genauso, nämlich „Revenge“, sollte sein erstes Mixtape eigentlich heißen, ehe er es schließlich unter dem Titel „Spaceman“ – Octavians Synonym für Außenseiter – über den digitalen Äther gejagt hat. Ebendieses löste im September 2018 die reichlich verteilten Vorschusslorbeeren eindrucksvoll wieder ein.

Vor einigen Tagen strich Octavian mit dem Tape sogar die Sound of 2019 Auszeichnung der BBC ein. Einen Titel, der sonst nur den Adeles und Sam Smiths des Landes vergönnt ist; ja den seit 2003 trotz der Machtübernahme durch Namen wie Skepta und Stormzy kein Rapper mehr gewinnen konnte. Die erste Tour durch die Hauptstädte Europas steht auch kurz bevor. Und das Release-Jahr 2019 läuft mit der brandneuen Single „Bet“ inklusive semi-viraler Tanz-Challenge der Formel Drake sowie zwei Producer-Kollabos mit Diplo und Take A Daytrip gerade erst an. Dass f seine Rache bekommen wird sollte klar sein.

Am späten Donnerstag Abend des letztjährigen Reeperbahn Festivals füllt sich der etwas abseits der Reeperbahn gelegene Nochtspeicher dann auch recht schnell. Während sich vor der Bühne vor allem feierwütiges Publikum um die 20 bewegt, wartet ab der Mitte des Raums gefühlt jedes Musikindustrie-Gesicht, das mit Begriffen wie „Urban Music“ oder „Next Big Thing“ um sich wirft, auf Octavian. Nach einem kurzen Aufwärm-Set von J-Rick, Tour-DJ des gepriesenen Rappers und einer der Hauptproduzenten von „Spaceman“, springt Octavian auf die Bühne und überrollt seine Zuschauer regelrecht mit seiner Energie. Man sieht dem Süd-Londoner in jeder Sekunde an, wie viel Spaß ihm das Ganze bereitet. Zugegebener Maßen auch ordentlich befeuert durch den Inhalt seines regelmäßig wiederbefüllten roten Plastikbechers. Als das Reeperbahn Festival-typisch kurz gehaltene Set nach wenigen Songs wieder zu Ende ist, bleibt der Rapper dann einfach auf dem Bühnenrand sitzen, raucht einer Gruppe von Fans ihren Spliff weg und prostet mit seinem Becher anderen zu, während um ihn herum bereits der Laden ausgefegt wird.

Wenn man sich Octavians Musik anhört und dabei einige Interviews liest, wird recht schnell klar, was seine Person ausmacht: Die unablässige Hartnäckigkeit, sich absolut nichts vorschreiben zu lassen. Schon in sehr jungem Alter scheitert deshalb die Beziehung zu seiner Mutter, die ihn zunächst zu seinem Onkel nach Frankreich schickt. Oliver Godji, wie Octavian bürgerlich heißt, soll dort eine Vaterfigur finden, sein leiblicher Vater starb als er gerade einmal drei Jahre alt war. Der Onkel schickt das selbstbetitelte „evil child“ der Familie allerdings nach einigen auch physischen Auseinandersetzungen wieder zurück nach London. Mit 14 setzt ihn seine Mutter schließlich auf die Straße. Auf der rastlosen Reise von Couch zu Couch versucht es der junge MC erst mit der prestigeträchtigen BRIT School, deren Schulbank schon Adele und King Krule gedrückt haben. Ziemlich schnell merkt er jedoch, dass er auf Lehrer – selbst wenn sie versuchen kreatives Arbeiten anstatt Geometrie oder Geschichte zu unterrichten – immer noch allergisch reagiert und bricht ab.

Diese Ablehnung jeglicher Art von Autorität zieht sich bis heute durch sein Leben. Nachdem ein erster Schock und davon mitgetragene Freude über den Support von Drake verflogen sind, zieht es Octavian so auch erstmal vor nicht mit dem omnipräsenten Kanadier zusammenzuarbeiten. Musikalische und kreative Freiheit sind das Größte für ihn. Auch ein Label-Deal kommt nur unter dieser Bedingung zustande. Vorschuss und Vertrieb sind die einzigen zwei Dinge, die er von seinem Label braucht.

Diese Geschichte kennend, wundert es einen auch nicht, wenn Octavian die für einen Rapper doch eher untypischen Vorbilder James Blake und Bon Iver aufzählt. Allerdings ist es auch unüberhörbar wie oft die Musik von Drake auf dem digitalen Plattenspieler des Süd-Londoner rotiert haben muss. Nicht wenige seiner Produktionen, die mit J-Rick und Elevated aus seinem engen Umfeld stammen, suchen Anleihen in Noah “40“ Shebibs Sound. Daneben ist der Einfluss von vor allem britischer Tanzmusik nicht von der Hand zu weisen. In diesem historisch freiheitsliebenden Genre hat sich Octavian schon früh zuhause gefühlt. Und arbeitet mittlerweile mit nationalen und internationalen Vordenkern von Mura Masa bis Ross from Friends zusammen. Allgemein lassen alleine die Credits von „Spaceman“ auf einen sehr ungewöhnlichen musikalischen Cocktail schließen. Denn neben den bereits angerissenen engen Freunden finden sich hier neben ein paar Type-Beat Produzenten auch Rudimental-Mitglied Amir Amor und der deutschen Produzenten Beatells, der unter Anderem OlexeshsIvan Drago“ produziert hat. Für das Artwork von „Spaceman“ zeichnet sich ganz nebenbei bemerkt kein geringerer als Fuckboy-Gott und Kanye Wests kreativer Sparring-Partner Virgil Abloh verantwortlich.

Zweifelsohne ist das, was Octavian auf den 14 Songs seines Mixtapes zusammenschraubt und -kuratiert Musik für die Nacht. Das manifestiert sich nicht nur in in den angesprochenen Anleihen aus House und Jungle oder dem von seiner raspeligen Stimme skizzierten Auftreten als Diamanten-behängter Aufreißer. Vor allem der eher introvertierte Bruch mit diesem Image sorgt dafür, dass „Spaceman“ nicht nach dem ersten Hören aus der Mediathek fliegt. Teils erinnern die von Zigaretten-Rauch begleitet gesprochenen Intros einiger Songs an Pep-Talks, die Mut zusprechen und motivieren. „Move Faster“ nimmt schließlich die optimalen Konsum-Umgebung des Tapes schon vorweg: im Auto durch die Nacht, so schnell wie möglich und so frei wie möglich.

Im Rahmen seiner ersten Europa Tour macht Octavian im Februar halt in Hamburg und Berlin. Am 18. Februar bespielt der Brite das Uebel&Gefährlich in der Hansestadt, am Folgetag geht es in die Hauptstadt in die Kantine am Berghain. Tickets gibt es hier!

 

 

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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