OBC – „Braun stehen lassen, gelb darf gehen!“ (aus der BACKSPIN MAG #111)

Manchmal nimmt die Schizophrenie der Writer wirklich unsäglich amüsante Züge an. Die OBC ist ein Zusammenschluss, der den Betrachter an den Rand der Verzweiflung bringt. Woran liegt das? Nun ja, zum einen steht OBC an manchen Tagen für Oberlippenbartcrew und zum anderen sind die Typen dieser Crew echt harte Trainbomber. Wenn ich recht überlege, schließt das eine das andere nicht aus, aber hey, denkt man bei Schnäuzern nicht doch eher an Kriminalbeamte. Na, egal! Wichtig sind die Resultate und die sprechen eine ganz eigene Sprache. Pieces dieser Crew sind einfach besser als der Durchschnitt und daher dürfen diese pubertär anmutenden Oberlippenbart tragenden hardcore Bomber nun zu Wort kommen. Genießt ihren Output!

Stellt euch doch mal vor!

Wir sind ein Team, das aus vielen multiplen Persönlichkeiten besteht. Mal ist man nur einer und dann wieder 10. Wir sind ich. Grundvorrausetzung für die Mitgliedschaft ist ein Oberlippenbart. (lachen) Was die Bedeutung des Crewnamens angeht, stehen erst einmal die Buchstaben im Vordergrund OBC. Das kann dann mal Our Blood is Chrome, Oh Baby Common oder anderes heißen. Im Moment steht halt dieses Oliba-Ding im Vordergrund. Damit wird unsere Maskulinität unterstrichen (Lachen).

Wie definiert ihr Maskulin?

Hardcore. (lautes Lachen)

Sprich nur Trains?

Nein, alles, wie es gerade Bock macht. Taggen, Trains, Autobahn, Linie, Straße. Auf der Straße eher Tags.

Dort besoffen oder nüchtern?

Nee, nee. Natürlich immer alles nüchtern. Vorher schön eine Sojamilch, ein vegetarisches Schnitzel und die Welt ist in Ordnung.

Ihr verwirklich schon öfters aufwendige Konzepte.

Man hat halt immer wieder so Geschichten, die einem im Kopf herumgeistern. Das ist aber wohl bei vielen Crews so. Einer schmeißt einen Idee in die Runde und die wird dann von den anderen weiter ausgearbeitet. Später wird dann versucht das umzusetzen. Natürlich macht es Spaß, auch einfach ein Panel irgendwo hinzuklatschen. Da zählt meist die Action. Was das Ganze aber außergewöhnlich macht, ist ein Konzept. Ein Whole-Car mit einer geilen Idee im Hintergrund schindet mehr Eindruck. Man hat dann nicht wieder mal ein Panel gemalt, wie es schon tausende gibt, sondern man hat was geleistet. Das klingt vielleicht pompös, aber man hat dann ein Werk geschaffen. (lautes Gelächter) Manche Konzepte kann man aber auch alleine nicht umsetzen, da unterstützt die Gruppe.

Durch die Crew an sich werdet ihr auch mehr motiviert?

Ja doch. Es ist ja auch so, dass wenn du an einem Backjump zum Beispiel nur zehn Minuten Zeit hast – alleine bleibt es bei den zehn Minuten, aber zu zweit werden es effektiv schon fast 20. Man kann mit mehreren einfach schneller mehr Dosen leer machen. Natürlich kommt es auch vor, dass man sich mal mit anderen Crews zusammentut und man dann die Kürzel miteinander kombinieren kann. Da kommen oft auch herrlich bescheuerte Ideen am Ende bei rum.

Wer sind denn im Endeffekt die Mitglieder der Crew?

Grundsätzlich treten wir als Kollektiv auf. Natürlich pushen manche auch ihre eigenen Namen, je nach dem wie groß gerade die eigenen Egoprobleme sind. Wer im Endeffekt was pusht, spielt hier in diesem Kontext keine Rolle.

Ihr packt also den eigenen Charakter hinter den Crewnamen?

Das kommt durch den Verfolgungsdruck. (lachen). Inzwischen stimmt das aber schon, ja. Wer in gewissen südlichen Bundesländern mal Stress hatte, der kann das auch nachvollziehen.

Ihr seid generell nicht nur auf ein Bundesland festzumachen?

Wir sind weit verteilt. Wir sind in verschiedenen Bundesländern zu finden. Das ist auch ein Grund, warum wir mal im Team malen und mal alleine. Bei uns gibt es Charaktere, die zu 80 Prozent nur den Crewnamen pushen und andere machen mehr ihren eigenen Namen.

Seit wann gibt es denn die Crew überhaupt?

Die Freundschaften untereinander bestehen ja schon länger als die Crew. Vor zirka acht Jahren haben wir uns kennen gelernt und dann haben wir jeweils einen Namen geschrieben und dann wieder andere und irgendwann haben wir uns dann auf OBC geeinigt. Die Besetzung hat sich auch schon teilweise geändert, einige machen fast nichts mehr, andere sind dazu gestoßen, aber im Grunde ist es immer noch der gleiche Freundeskreis.

Welche Kriterien muss man haben, um aufgenommen zu werden?

Man nimmt nicht hier und da einen auf, zum Beispiel nur weil er einen geilen Style hat. Bei uns basiert das eher wirklich auf guter Freundschaft. Bei den neusten Mitgliedern hat man sich auch vorher gut verstanden und dann wurden sie aufgenommen. Die einzigen Voraussetzungen sind ein Mofaführerschein und eine hohe Trinkfestigkeit bei Sojamilch.

Habt ihr denn auch Mitglieder, die nur mal zum checken mitkommen und eigentlich nicht mehr malen?

Ja, Rentner. (lachen) Es gibt eben Leute, die sich aufgrund von bestimmten Lebensumständen nicht mehr so richtig auf das Ganze konzentrieren können, aber sie sind immer noch Teil der Crew. Ihr habt gesagt, dass ihr alles macht. Leider kenne ich von euch aber fast keine U-Bahn-Pieces! Wir kommen nun mal nicht aus der Großstadt. Wenn wir herumfahren, dann wird schon mal die eine oder andere U-Bahn gemacht. Das ist aber nun mal nicht unser Aushängeschild. Die Pieces erreichen oft auch nicht unseren Anspruch von einem guten Piece, sodass wir es irgendwo hinschicken würden. Wenn wir was machen, dann wollen wir das auch gerne fahren sehen in einer für uns stimmigen Qualität.

Ihr seid also keine Modelljäger?

Teilweise ja. Favorisiert wird natürlich die alte Frankfurter Libelle, die 420ziger. Einen schöneren Zug gibt es wohl nicht. Natürlich gibt es Zugmodelle, die man geil findet und gerne machen würde, aber wir nehmen einfach alles mit, was auf dem Weg liegt.

Gibt es auch Grenzen?

Ja, das Modell „Talent“ und in den Knast gehen ist eher so mittelschön.
Was ist denn der Unterschied in irgendeinem Kaff einen Zug zu bemalen zur Großstadt? Im Kaff hat man mehr Übersicht und hört den Fuchs in die Ecke scheißen. Wenn man auf demLand wohnt und dort seine Yards hat, die man auch im Auge behält, dann kann man eher abschätzen, was passiert ist und wie es sich über die Jahre verändert. Was das Malen angeht, ist es natürlich anders, wenn mal was abgeht, hängst du eher mal aufs Land, da man dort eher die Zeit dafür hat.

Wie wichtig ist euch denn Qualität und Quantität?

Am liebsten haben wir 15 Minuten ohne Störung und dann noch ein schönes Model. Meistens entstehen auch so die Bilder, die am besten gefallen. Natürlich ist es auch geil, anderthalb Stunden rumzustehen und nach dem Vorziehen erst mal ne Kippe rauchen und Pissen gehen. Oft kommen aber die besseren Bilder dabei herum, wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt.

Wie wichtig ist euch der Ursprung in New York?

Natürlich spielt die New-York-Nummer von An- fang an eine Rolle, aber im Endeffekt machen wir jetzt unser Ding. Dieses Internet hat da momentan mehr Einfluss.

Ihr rennt jetzt aber keinem Trend hinterher. Ihr malt jetzt zum Beispiel keinen Antistyle.

Das kann aber auch mal passieren. Wenn wir Güterwagons bemalen, dann kann da mal so ein Pseudotoystyle bei rumkommen, wenn man ein paar Sojamilch zu viel drin hat. Dabei kann man aber auch mit den Buchstaben komplett durchdrehen. Wir lachen uns da oft über unsere eigenen Bilder kaputt. Zu viel Effekthascherei ist auch nicht gut, man sollte schon den Buchstaben erkennen und nicht mit zwanzig Pfeilen verdecken. Natürlich gibt es auch Maler, die unsere Stile beeinflusst haben, aber Trends hinterherlaufen würden wir das nicht nennen, wenn man weiße Highlights, schwarze Outlines, Bubbles, Sternchen, Blocklinien und versetzte Seconds macht (schmunzeln). Hat da eigentlich jemand ein Patent drauf?

Gibt es bei euch auch Momente, bei denen ihr so richtig gar keinen Bock auf Graffiti habt?

Wenn man zu sehr in der Arbeit eingespannt ist.

Und gab es schon mal Bullenstress, der die Crew hätte zerreißen können?

Jein, meistens waren das eher so Paranoia-Anfälle. Wenn einer ein Verfahren am Arsch hat, dann lässt er das Hobby ruhen, aber dafür pumpt der andere wieder mehr. Das passiert aber auch irgendwie automatisch und ist nicht abgesprochen. Wir haben Crewintern auch einen gewissen Konkurrenzkampf. (lachen) Eigentlich sind aber alle Zerreißproben überstanden.

Hattet ihr denn schon mal mit anderen Writern Stress?

Man macht sich ja schon schnell unbeliebt, wenn man dann mal irgendwo hinkommt, wo dich keiner kennt und du dort etwas machst. Aber richtige Kriege gab es bisher noch nicht. Respekt sollte man haben.

Gibt es eigentlich Städte in denen ihr unbedingt mal was gemacht haben wollt?

New York, auch wenn es sich kitschig anhört. Oslo. Paris. Hamburg immer wieder gerne und alles andere wo Züge stehen.

Gibt es politisch oder rechtlich etwas, was euch stoppen könnte?

Bis zu einem gewissen Grad, machen solche Entwicklungen das Ganze auch interessanter. Es ist schon cool, die Lücke im System zu finden und mal wieder einen raus zu schicken. In den Bau zu gehen wäre schon eine Hürde, die wir generell nicht gerne nehmen wollten. Wenn die Karren keinen Meter mehr fahren, nachdem man sie bemalt hat, dann würden wir uns auch etwas anderes einfallen lassen. Ansonsten heißt es einfach nur besser aufpassen!

Wie seid ihr generell politisch anzusiedeln?

Mehr Toleranz für Intoleranz! (alle lachen) Wir sind freiheitlich.

Wieviel Freiheit beinhaltet Graffiti denn für euch?

Zum einen hat man vorweg immer dieses Katz und Maus Spiel. Sprüher gegen Staat. Wenn man dann die Lücke gefunden hat, zwingt man ja alle anderen dazu, sich deinen Scheiß anzugucken. Du verbreitest deine Sachen und jeder muss es sehen. In einer Galerie ist es nur für die, die den Weg dorthin finden. Der Akt an sich ist allerdings Freiheit pur. Man nimmt die Szene und seine Regeln in Kauf und pocht ja selber darauf, auch wenn man es ab und an echt affig findet. Ohne Skizze an der Line oder am Zug einfach malen, das ist Freiheit! Skizzen braucht eh kein Mensch, die gehen eh meist in die Hose. (lachen)

Habt ihr das Gefühl, dass ihr mit Graffiti irgendetwas bewegt?

Wir machen das doch nicht, um etwas zu bewegen. Wir machen es einfach, weil es unser Ding ist. Die Leute nehmen es allerdings schon wahr, dass da jemand ist, der etwas macht, was nicht erlaubt ist. Genau wie Leute, die immer noch im Nichtraucherbereich rauchen. Wenn sich jemand wirklich dafür interessiert, dann interessieren ihn auch nur die Pieces und nicht die Person dahinter.

Wäre es für euch überhaupt eine Option mit eurem Tun in die Galerien zu gehen?

Wenn der Preis stimmt, dann macht man schon so manche Dinge. Graffiti gehört aber nicht dahin, sondern auf die Straße. Es ist einfach geiler, wenn man einen Zug bemalt und am nächsten Tag rollt das Ding in den Bahnhof ein. Aufträge oder Galerien-Zeug hat halt nichts mit Freiheit zu tun, weil man sich bei solchen Dingen dem Betrachter immer erklären muss

Was war denn bisher die krasseste Wegrennaktion, die ihr hattet?

Vor längerer Zeit musste einer von uns mal wegrennen und nach dem obligatorischen: „Halt! Stehenbleiben, Polizei!“ wurde zwei Mal in die Luft geschossen. Und das in Deutschland. Dann hat einer mal erlebt, dass er sich drei Stunden in einem Rohr verstecken musste, was gerade mal so einen Durchmesser hatte, dass er hineinpasste, das alles nachdem er schon eine halbe Stunde lang vor den Bullen weggerannt ist. Mittlerweile besteht der inoffizielle Konkurrenzkampf eher darin wer am dümmsten gebustet wurde.

Ihr lacht viel und habt ne Menge Spaß. Ist Humor generell wichtig für euch?

Auf jeden Fall ja. Wir haben Konzepte im Kopf, wenn wir die mal umsetzen, dann schreit sich jeder weg vor Lachen. (lachen) Ernsthaft an die Sache rangehen ist doch voll der Schwachsinn. Jeder von uns hat bestimmt auch mal eine solche Phase durchgemacht, aber dann macht es früher oder später doch auch keinen Spaß mehr und Spaß ist doch das Wichtigste an der Sache.

Wie steht ihr Veröffentlichungen eurer Pieces im Internet gegenüber?

Das wird dann wichtig, wenn man selber kein Foto von seinem Train bekommen hat und dann das Ding auf irgendeiner Seite auftaucht. Da ist man schon froh. Wenig Sinn macht es, wenn Typen Fotos von Pieces hochladen, die ganz schief fotografiert wurden und man eigentlich gar nichts erkennt. Generell macht es einen aber auch schon irgendwie stolz, dass jemand anderes dein Piece feiert.

Wo seht ihr die Crew in den nächsten zehn, zwanzig Jahren? Ist nach diesem Interview Ende?

Ja klar! (alle Lachen) Wir haben aber auch keine Agenda für die Crew. Vielleicht wird der eine oder andere mal kürzer treten, aber wir gehen mal davon aus, dass man sich auch noch dann trifft, wenn es nur zum Sonntagskaffeekränzchen mit den Kindern ist. Die Freundschaft besteht ja weiter. Wenn man eine Crew haben möchte, die etwas bewirkt und einem etwas bedeutet, dann muss eine solche Freundschaft auch gegeben sein.

Grüße?

An alle, die sich jetzt denken: „Ach mal wieder nichts neues, ist ja immer dasselbe mit diese Sprayers. Züge, Züge, Züge.“

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Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

1 Comment

  1. iloveobcs

    13. Februar 2019 at 21:17

    OMGGGG! Haha ihr seid die besten komme aus eurer gegend und suche schon lange aus euch. Kuss und macht weiter so!!!

Erzähl Digger, erzähl

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