Acht Jahre Obama – Acht Jahre ein Hip-Hop-Fan im Weißen Haus

Obama

20 Jahre nach dem Tupac rappte

„And although it seems heaven-sent // We ain’t ready to see a black president“

beendet Barack Obama seine Amtszeit. Während und vor seiner Zeit als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zeigte der Politiker oft seine Leidenschaft für aussagekräftigen Rap. Zudem begleiteten viele Künstler aus unserer Szene seine beiden Amtszeiten. Aber wann kamen der Politiker und die Szene erstmals in der Öffentlichkeit in Kontakt?

2004 interviewte Sean „Diddy“ Combs Obama, kurz bevor er in den Senat gewählt wurde, und zeigte sich sichtlich beeindruckt von dem Politiker, der die Sprache und den Slang des Rappers verstand und mit ihm auf Augenhöhe reden konnte. „Falls du Präsident werden willst, melde dich“, bietet Combs am Ende des Gesprächs Obama seine Hilfe an.

Fünf Jahre später sollte es soweit sein.

Im Januar 2009 feiern viele namhafte Rapper in einem Klub in Washington D.C anlässlich Obamas Amtsantritts. Unter ihnen auch Jay Z, TI, Akon und Young Jeezy, dessen Track „My President“, den er mit Nas aufnahm, den Wahlkampf des gebürtigen Hawaiianers begleitet hatte.

Obama erkannte die Wichtigkeit der amerikanischen Hip-Hop-Szene, ihrer Fans und ihrer Lenker, deren Protagonisten zum Großteil Schwarze aus sozial schwächeren Verhältnissen waren. Diese fühlten sich von Obama angesprochen, der sich moderner und stilvoller als seine Rivalen gab, jedoch auch durch seine Arbeit bei einer kirchlichen Wohltätigkeitsorganisation in Chicago glaubwürdiger als der durchschnittliche Politiker wirkte.

Es mag außergewöhnlich klingen, dass der bis zum 20. Januar mächtigste Mann der Welt sich auf Veröffentlichungen aus der gleichen Szene freut wie wir. Wobei, so ungewöhnlich ist es vielleicht nicht, dass ein erwachsener Mann, der als Kind oft umzog, seinen Vater mit zehn zum ersten Mal sah, auf gesellschaftliche Missstände hinweisen wollte und ein großer Basketballfan ist, sich zum Hip-Hop hingezogen fühlt. Alleine durch sein Kindheit ähnelt Obama vielen Rapfans und Rappern. Wobei man den jungen Barack Obama wohl eher beim Poetry Slam, der zufälligerweise in Chicago, der Stadt, in der Obama lange lebte, entstand, getroffen hätte, als am Rande einer Freestyle Cypher. Schließlich steht für ihn die Aussage klar im Vordergrund:

„I think the most vibrant musical art form right now, over the last ten, 15 years, has been hip-hop. And there have been some folks that have dabbled in political statements, but a lot of it has been more cultural than political.“ (Obama, 2012)

Viele Rapper erhoffen sich einen Wandel von dem 44. Präsidenten. Am Ende der Wahl stimmen über 90 Prozent aller Afro-Amerikaner für die Demokraten.

Nach seinem Amtsantritt gab sich ein Rapper nach dem anderen die Klinke des Oval Office in die Hand. Barack Obama lädt Jay Z und seine Frau Beyoncé zum Essen ein und besucht sie ebenfalls bei ihnen Zuhause. Zu den gern gesehenen Gästen gehörte auch Kendrick Lamar, der das Weiße Haus öfter besuchte und davon zum Beispiel von Kool Savas hart kritisiert wurde. An einem Tag schaffte er es besonders, Rap und Politik zu verbinden: Im letzten April besuchten J. Cole, Nicki Minaj, DJ Khaled, Ludacris, Timbaland, Common, Busta Rhymes, Wale, Pusha T und Rick Ross zusammen den Präsidenten, um mit ihm über neue Strafrechtsreformen im Rahmen der „My Brother’s Keeper“-Initiative zu reden. Über das Treffen wurde übrigens nicht groß berichtet, sollte doch die Politik im Vordergrund stehen. Dennoch konnte Khaled es nicht lassen, seinen Snapchat-Account zu füttern. Auch andere Rapper nutzten wohl die Chance, das Haus noch besuchen zu können, bevor es nicht mehr von Familie Obama bewohnt wurde. So folgte auch Frank Ocean der Einladung Obamas und gab eines seiner seltenen Interviews.

Darüber hinaus startet 2015 eine Kooperation zwischen dem Weißen Haus und Spotify: Während uns der Vizepräsident Biden zusammen mit seiner Frau den Soundtrack für eine Hochzeit lieferte, zeigt uns Obama seine Lieblingslieder – Method Man, Wale, Chance the Rapper und Common fanden sich in der Playlist wieder. Konsequenterweise bot der Spotify-Gründer Daniel Ek Obama vor Kurzem mit einem Augenzwinkern einen Job bei dem schwedischen Streamingdienst an.


Aber Obama spürt auch, dass sein politisches Handeln schwer mit den Aussagen vieler Rapper zu vereinbaren ist. Sei es Jay Zs Reise nach Kuba oder Kanye West dreiste Demütigung von Taylor Swift bei den VMAs vor Acht Jahren, zu denen er Stellung beziehen musste. War er bei den Ereignissen rund um Kanye West oder Jay Z nicht beteiligt, entschied sich seine Frau Michelle im Jahr 2011 bewusst dazu, Common im Rahmen eines Abends der Poesie einzuladen. Der Rapper aus Chicago schrieb in der Vergangenheit schlecht über Bush und bezog klar Stellung gegen die Polizei. Dabei handelt es sich bei Common, der zuletzt 2015 einen Oscar für den Soundtrack des Films „Selma“gewann, bei weitem nicht um die Speerspitze des politisch unkorrekten Raps. Kurioserweise waren Common und Obama in derselben Gemeinde in Chicago und besuchten Gottesdienste desselben Priesters. Für die Einladung wurde das Ehepaar stark von den Medien kritisiert.

„Burn a bush, cause for peace he no push no button“ (Common, 2007)

Das Weiße Haus bezog Stellung zu dieser Einladung und versicherte, dass Common keine Gefahr darstelle. Diese Rechtfertigung war jedoch für viele Rapfans nicht deutlich genug.

Dennoch blieb das Interesse für den Musikgeschmack des Präsidenten.

„Frau Merkel, wer ist ihrer Meinung nach besser, Kool Savas oder doch Shindy?“

Mit so einer Thematik würde man einen hiesigen Politiker wohl kaum konfrontieren, Obama schon. Ein Moderator stellte ihn vor die Wahl zwischen Drake und Kendrick Lamar. Der Präsident verdeutlichte nicht zum ersten Mal seine Sympathien für den Rapper aus Compton. Bereits Ende 2015 nominierte er Kendricks „How Much a Dollar Cost“ zu seinen persönlichen Lieblingssong des Jahres  aus 2015. Drake kommentierte seine Entscheidung mit einem Verse auf seiner Single „Summer Sixteen.“

Im März 2015 erschein das Album von Obamas Lieblingsrapper. Auf dem Cover von  „To Pimp a Butterfly“ sehen wir das Weiße Haus und eine Menge Schwarzer feiernd davor.

“That will be taught in college courses someday.”
(Kendrick Lamar über Album „To Pimp A Butterfly“; 2015)

Im Vordergrund des Bildes, unter den Feiernden, liegt der einzige Weiße auf dem Bild. Die Kreuze, die seine Augen verdecken, deuten darauf hin, dass er tot ist. Dabei Bezieht sich Kendrick auf den 1960 erschienen Roman „To Kill a Mockingbird“, der auch die Vorlage für den Titel des Albums war. In dem Roman, der vom Erwachsenwerden, der „Great Depression“ aber vor allem vom Rassismus in den Südstaaten handelt, wird ein Schwarzer zu unrecht beschuldigt eine Frau vergewaltigt zu haben und wird im Verlauf des Buches ermordet. Der weiße Mann im Vordergrund, der seinem Anzug nach zu urteilen ein Richter ist, steht als Symbol für die weiße Gesellschaft Amerikas. Damit bringt er ein weiteres mal seine Wahrnehmung, einer Rassendifferenz des U.S Amerikanischen Gerechtigkeitssystems in den Vordergrund. Auf der anderen Seite steht die Ausgelassenheit und der Fanatismus der feiernden Meute für die Kritik an diejenigen, die der Meinung sind, dass einfache Gewalt oder sogar Morden zum Ziel führt. Der Rapper sucht und findet Kritikpunkte an beiden Parteien, hat keine Angst davor auch sich selber als Heuchler zu bezeichnen. Die Kritik und Botschaft, die das Cover verspricht, wird von dem dahinter stehenden Album gehalten. Deutlich wird dies vor allem in dem Track „The Blacker the Berry“, die zweite Single des Albums. Vor etwas weniger als zwei Jahren, als die Rassenunruhen in den U.S.A, ausgelöst durch den Tode des Afroamerikaners Michael Brown einen neuen Höhepunkt erreicht hatten, veröffentlicht der Rapper aus Compton diesen gesellschaftskritischen Rund-um-hieb ohne große Ankündigung. Jedoch zieht er keine Linie, malt nichts schwarz und auch nicht weiß. Es gibt keine klaren Schuldigen und keine Unschuldigen, sich selbst bezieht er dabei mit ein. Der Track Endet mit einer fast schon versöhnlichen Melodie. Aber eine Lösung präsentiert er uns nicht, dafür einen Einblick in sein zerrissenes Inneres.

Auch Obama sollte keine Lösung finden.

Acht Jahre nach Obamas Amtsantritt fühlen sich viele Schwarze in den U.S.A nicht wirklich geholfen. Ohne P. Diddy zu einer Stimme des Volkes zu machen, aber auch er zeigt sich enttäuscht von Obamas Handeln. Niemand hätte wohl gedacht, dass sich ein Movement wie Black Lives Matter unter einem schwarzen Präsidenten entwickelt, um nur ein Beispiel zu nennen. Laut ihm wurde die schwarze Bevölkerung von Obama „übers Ohr gehauen“. Eine Erhebung der New York Times und des Senders CBS aus dem April 2009 ergab, dass zwei Drittel aller befragten Bewohner der Vereinigten Staaten das Verhältnis zwischen weißen und schwarzen Bürgern generell gut empfinden. Im Sommer des letzten Jahres gaben drei Prozent mehr an, dass sie es genau umgekehrt erleben.

„Wir stimmten Präsident Obama ins Weiße Haus. Aber wenn ich zurückblicke, hätte ich mir gewünscht das mehr für uns Schwarze passiert. So funktioniert Politik. Wenn wir jemanden wählen, wollen wir, dass er etwas für uns tut.“ (Sean „Diddy“ Combs)

Am 20. Januar wird Trump vereidigt und offiziell in das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeführt. Nach aktuellem Stand werden dort nicht viele bekannte Gesichter auftauchen, auch wenn der Gastgeber grade etwas anderes behauptet, und Hip-Hop wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht gespielt.

Auch wenn Obama für einen möglichst reibungslosen Machtübergang sorgen will, der Ton wird ab Trumps Einzug ein anderer sein.

Sarkastischer Weise warnte Tupac bereits vor über 20 Jahren vor den Gefahren eines Menschen wie Donald Trump.

 

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Moin! Aachener, der irgendwas mit Medien studiert, ungern über sich in der Dritten Person schreibt und fest zu BACKSPIN gehört. Kopf ist kaputt, aber Beitrag is nice, wa.

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