Wer mal auf meine Beats rappen sollte? – „In Deutschland hab ich alle die ich wollte.“

Bisher kannte man Nobodys Face als Mitglied von Green Berlin, sowie als Live DJ und Produzenten von Marteria a.k.a. Marsimoto. Auf „Halloziehnation“ war er erstmals mit seinen Instrumentals auf einer Marsiomoto Platte vertreten. Jetzt steht er mit einem eigenen Projekt in den Startlöchern, am 11. November releaste er sein Debütalbum „Niemandsland“. Die elf Tracks sind geformt von unterschiedlichsten musikalischen Einflüssen, von Hip-Hop über Elektro bis zu vereinzelten Techno-Beats. Auf „Niemandsland“ vertont Henrik Miko, wie er bürgerlich heißt, 24 Stunden in seinem Leben. Diese beginnen mit dem „Abendrot“ einer einbrechenden Nacht, welche von „Hektik“ geprägt ist. Darauf folgt am nächsten Tag der „Slow Down“ und ein Ausflug aufs Land („Bad Kleinen“). Am Ende erlebt der „Plattenproduzent“ einen „Happy Day“ mit Kumpel Marsimoto. Weitere Vocals liefern Tua und Chefket. Wir haben mit Nobodys Face über den Entstehungsprozess von „Niemandsland“, den eigenen Sound der Platte und die Feature-Gäste unterhalten. Dabei verrät der Wahlberliner wer mal auf seine Beats rappen sollte, warum er selbst kein Rapper geworden ist und wieviel Prozent Marsimoto in ihm stecken.
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Zunächst einmal Herzlichen Glückwunsch zum Release deines Debütalbums. Was ist das für ein Gefühl zum ersten Mal sein komplett eigenes Werk in den Händen zu halten?
Eine gewisse Art von Befreiung auf jeden Fall. Das kann mir keiner mehr nehmen. Natürlich auch Erleichterung, Glück und Stolz.

Du stehst damit auch erstmals im Mittelpunkt eines Projekts. Ist die damit verbundene Aufmerksamkeit ein gutes oder komisches Gefühl?
Definitiv ist das komisch, weil das ganze Mediendrumherum und die ganzen Interviews ja sonst immer andere Leute gemacht haben. Davon war ich immer befreit und hatte den Kopf frei für neue Sachen. Das fällt natürlich jetzt weg.

Das Album ist am Freitag erschienen. Wie zufrieden bist du mit dem Feedback, dass du bisher bekommen hast?
Komischerweise ist das Feedback bisher noch sehr sehr positiv.

Hast du etwas anderes erwartet?
Nein das nicht. Ich war halt eher stolz, dass ich das eigene Projekt gestemmt habe – mit viel Unterstützung von anderen Leuten natürlich. Das war für mich viel wichtiger. Und dann noch positive Resonanzen zu bekommen ist natürlich umso schöner.

Angefangen hast du als Live DJ für Marteria bzw. Marsimoto. Du hast mal gesagt, dass es dich irgendwann einfach geärgert hast, dass alle anderen so geile Beats machen und, dass du dir dann gedacht hast: Das mach ich auch und angefangen hast zu produzieren. Was war die Motivation jetzt ein komplett eigenes Werk auf die Beine zu stellen?
Ich produziere ja schon lange, allein für Marsimoto habe ich schon so viele Beats gemacht und auch für andere Leute. Das war jetzt eher um zu zeigen: Das bin ich wirklich. Nicht nur der, der im Hintergrund sitzt und für andere Leute produziert. Vor zwei oder drei Jahren hab ich das erste Mal ernsthaft darüber nachgedacht. Und dann hab ich vor einem Jahr ungefähr damit angefangen, natürlich mit vielen Unterbrechungen, mit Touren und so. Und hab dann aber immer sehr intensiv daran gearbeitet, wenn ich Zeit hatte.

Im Pressetext zum Album heißt es die Musik präsentiere „24 Stunden in deinem Leben“. Stand dieses Konzept von Anfang an, oder hat es sich im Arbeitsprozess so entwickelt?
Naja du fängst an mit dem Gedanken „Ich will jetzt ne Platte machen“ und dann probierst du dich aus. Was willst du machen? In welche Richtung willst du gehen? Und dann stehen irgendwann ein oder zwei Songs die du persönlich geil findest. Kurz danach hat sich die Idee dann schon ergeben. Das ist glaub ich das wichtigste wenn du ein Album machst, dass du eine Idee hast, wie alles aussehen soll. Dann kannst du auch viel geiler daran arbeiten. Diese spezielle Idee mit den 24 Stunden stand dann schon ziemlich früh fest.

Der Titel „Niemandsland“ wurde oft im Kontext mit dem Green Berlin Studio genannt. Gibt es hier eine Parallele zu deinem Albumtitel oder hat „Niemandsland“ mehr mit dem Soundbild zu tun, weil du quasi musikalisches Niemandslad betrittst?
Genau sehr gut, aber das lag natürlich auch auf der Hand. Ich heiße ja auch Nobodys Face und „Niemandsland“ lag dann schon irgendwann sehr nahe, weil das sozusagen mein Niemandsland ist. Wo meine Musik stattfindet. Es hat einfach perfekt gepasst.

Wenn du schon selbst deinen Künstlernamen anspricht, wieso eigentlich Nobodys Face?
Gute Frage…so ein bisschen aus Bud Spencer und A-Team. Viele haben hat gesagt damals, wenn ich einer von A-Team wäre, wäre ich Face. Und Nobody kam dann halt davor. Also im Endeffekt durch die ganzen Bud Spencer Filme, die ich abgefeiert hab.

Wenn du an “Niemandsland” denkst, welche 5 Worte kommen dir in den Kopf, mit denen du dein Album beschreiben würdest?
Unkonventionell, brachial, verfrickelt, Liebhaber und…nö mehr fallen mir erstmal nicht ein. Das ist immer so schwer sich selbst und seine eigenen Sachen zu beschreiben.

Der Pressetext beschreibt den Sound so „Einflüssen zwischen Hip-Hop und elektronischer Musik“, aber mit einem „ganz eigenen, speziellen Geist“. Worin besteht für dich dieser eigene, spezielle Geist?
Der spezielle Geist ist natürlich mein Geist. Jeder Mensch, der etwas mit Liebe und Sorgfalt macht, steckt seinen Geist da rein. Wie willst du den beschreiben? Die Beschreibung hörst du ja, wenn du dir das Album anhörst. Da hörst sozusagen, wie ich ticke und was ich persönlich mag. Der eigene Geist der darin steckt, bin also einfach ich. Da müsste man mich halt auch persönlich kennen, dann kann man das wahrscheinlich auch ein bisschen besser nachvollziehen.

Was für ein Gefühl möchtest du dem Hörer von „Niemandsland“ idealerweise vermitteln?
Im Idealfall sollen sie die Platte gleich nochmal hören. Die Musik ist ein Trip durch meinen Kopf. Ideal wäre es, wenn der Hörer sich in mich hineinversetzen kann. Am Ende des Tages wäre es natürlich auch geil, wenn er sich das Album doch noch kauft. Aber das ist auch egal. Das wichtigste ist, dass er mit dem Gefühl raus geht: Das will ich jetzt nochmal hören. Das kann ich geil in der Bahn hören, im Auto, egal bei welcher Situation, mal passt der eine Song, mal der andere. Von traurig bis Party, bis chilliger Beat, da ist alles so bisschen dabei. Alle Facetten von mir sozusagen.

Als Feature-Gäste hast du Tua, Chefket und Marsimoto auf dem Album. Wie kam der Kontakt zu Tua und Chefket zustande?
Chefket kenne ich schon länger und hab auch viele Auftritte mit ihm gemacht. Er war auch Background Sänger bei Marten und ihn kenne ich daher schon sehr lange. Wir haben auch schon viele Songs gemacht. Da lag es natürlich auf der Hand, dass er dabei sein muss. Tua habe ich erst im Studio bei uns so richtig kennen gelernt. Und lieben gelernt natürlich. Dann hab ich irgendwann gefragt „Ey hast du Bock, ich mach ein Album?“ und dann hat es zwei Monate gedauert, dann war der Song fertig. Vereinfacht gesagt.

Musstest du Tua erst überzeugen, dass er so einen klassischen Rap-Part abliefert oder kam das von ihm?
Wir haben im Studio ab und zu geredet, was man für Musik mag. Und dann auch über diese Grime-Schiene gesprochen. Und irgendwann haben wir gesagt, es wäre doch geil so was auch mal auf Deutsch zu machen. Da war unser Aufhänger, ein Grime-artiger Beat. Und da hatte er natürlich auch richtig Bock drauf zu rappen. Und nicht nur auf einen Trap-Beat oder so einen Standard Hip-Hop Beat. Als er den Beat gehört hat fand er ihn auch sofort geil. Das war unsere Intention, Grime auf Deutsch auch mal geil zu machen.

Gab es einen Künstler, den du außerdem noch gerne drauf gehabt hättest?
Nein gar nicht. Im Endeffekt entsteht das meistens, wenn man sich kennt und dann kommt man irgendwie zusammen oder nicht. Da sollen ja auch Leute drauf sein, mit denen ich gute Kontakte habe oder befreundet bin oder die ich schätze, für das was sie machen.

Inwiefern hast du auf die Gastparts Einfluss genommen? Hast du vorgegeben, was das Thema sein sollte, oder haben die Künstler einfach die Beats bekommen und sich nur von der Musik beeinflussen lassen?
Natürlich war das auch frei, aber ich hab ihnen auch meine Platte erklärt. Und daraufhin kam zum Beispiel Tua auf dieses Hektik-Thema. Das hat perfekt in mein Konzept gepasst. „Anti“ hatte Chefket schon auf einen anderen Beat aufgenommen. Ich fand den geil, auch weil ich mich mit „Anti“ voll identifizieren konnte. Weil ich natürlich auch ein wenig Anti bin. (lacht) Da hab ich dann einfach nur noch einen Beat drunter gebaut. So hat sich das alles ergeben, man erklärt den Leuten was man machen will. Und Marsi, Tua und Chefi sind einfach mit die besten Leute in Deutschland, wenn es ums texten geht. Da brauchte ich mir überhaupt keine Sorgen machen. Bei den englischen Sachen zum Beispiel, waren die Ideen für die Vocals schon vorher da.

Auf den Tracks mit Features stehen trotzdem die Instrumentals im Vordergrund. Bewusst?
Klar das war schon wichtig, dass die Beats im Vordergrund stehen. Aber im Endeffekt ist es am wichtigsten, dass der Song insgesamt einfach geil ist. Dann ist es auch egal, ob du erst einen Instrumental Part hast und nach zwei Minuten die erste Stimme kommt. Bei „Follow me“ war es mir zum Beispiel wichtig, dass man erstmal einen geilen Beat hat. Aber die Beats sind auch nicht die ganze Zeit im Vordergrund, die Tracks mit Marsi, Tua und Chefket sind ja richtige Songs. Die anderen sind eher so ne Mischung.

Was ist dein Lieblingstrack auf dem Album?
Ich hab alle so oft gehört. Das ist echt schwer. Also „Slow Down“ find ich schon für mich eine perfekte Mischung. Aber ich bin auch sehr stolz auf den Marsi-Beat, der ein bisschen in die Westcost-Richtung geht. Ich kann in jedem Beat was geiles finden, ehrlich gesagt. Aber „Slow Down“ würde ich am ehesten nennen, für mich persönlich. Da war der erste Song, der fertig war, wo ich wusste: Das ist die Richtung.

Du hast bisher zwei Musikvideos veröffentlicht, beide in einem psychedelischen Cartoon-Look. Hast du mit dem Gedanken gespielt auch selbst in deinen Musikvideos aufzutreten? Damit rückt man ja auf jeden Fall nochmal ein Stück mehr in den Vordergrund.
Aber ich heiße doch Nobodys Face. (lacht) Das fand ich auch irgendwie nicht so interessant und passte auch nicht so in das Konzept – „Niemandsland“. Und als dann das Cover und die Figur da war, war klar das muss alles einheitlich sein und so ein bisschen eine neue Welt aufmachen, meine Welt.
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Welche Produzenten in Deutschland feierst du persönlich?
Da gibt es viele, die ich mag. Farhot ist natürlich ein ganz Großer. Dann das was Tua macht und alles aus unserem Kreis, Kid Simius, BENDMA. Die machen alle geile Beats und versuchen immer neue freshe Sachen zu machen. Dexter zum Beispiel ist auch immer ein ganz Großer. Und es gibt auch bestimmt viele neue ganz freshe, deren Namen ich jetzt leider nicht weiß. Da gibt es einige auf jeden Fall.

Farhot hat ja gerade unter seinem Alter Ego Fuchy die EP „420“ releast. Deine Musikvideos haben mich ein bisschen an Fuchys erinnert. Waren die für dich eine Inspirationsquelle?
Nö, da stand das bei mir schon fest und war auch schon in der Mache. Aber auf jeden Fall fand ich das sehr geil. Und Farhot ist natürlich immer eine Inspiration, aber eigentlich mehr von der Mucke her. Aber seine Videos sind natürlich auch mega geil.

Ich habe ein Video gefunden, da sieht man dich und die Green Berlin Gang ein paar Lines spitten. Wenn man in einem so raplastigen Umfeld unterwegs ist und Musik macht, fragt man sich nicht zwangsläufig, wie es wäre auch zu rappen?
Nein, man weiß ja was man kann und was man nicht kann. Wir haben natürlich viel gefreestyled aber ich schätze mich so ein, dass das nichts für mich ist. Aber klar rappe ich mal einen Song mit oder kick in der Freestyle-Runde mal ein paar einfache Lines. (lacht)

Ist „Niemandsland“ der Startschuss für weitere Soloprojekte? Oder wirst du wieder hinter die Kulissen zurückkehren?
Ich bin für alles offen. Es gibt schon weitere Ideen, was man noch machen könnte. Aber das wird die Zeit zeigen. Es gibt auch unglaublich viele andere Projekte, die schon fest stehen. Das nimmt auch sehr viel Zeit in Anspruch. Dieses Album war einfach auch ein sehr persönliches Anliegen. Dass man mit 70 noch sagen kann: Das hab ich gemacht und das ist alles aus meiner Feder entstanden. Aber im Endeffekt wird auf jeden Fall immer was kommen, ich werde immer ein eigenständiger Künstler bleiben.

Welcher Rapper, national oder international, sollte mal auf deine Beats rappen?
Auf jeden Fall ein Engländer. Sowas in die Skepta oder D double E-Richtung. Das fände ich sehr interessant, weil ich den England-Sound einfach ein bisschen mehr abfeier. In Deutschland hab ich alle die ich wollte. Das weiß ich gar nicht wer das toppen könnte, fällt mir gerade keiner ein.

In einem Interview hast du mal gesagt, in dir stecken zu 95 Prozent Marsi, die letzten 5 Prozent wehren sich noch. Bei was für einem Prozentsatz bist du heute?
Es steckt natürlich immer in einem drinnen, weil wir alle auch ein Team sind. Aber durch „Niemandsland“ hat meine Seite jetzt doch ein wenig überhand genommen. In der Platte steckt 100 Prozent Nobodys Face, 100 Prozent Marsi, 100 Prozent Tua, 100 Prozent Chefket, 100 Prozent Alle in meinem Umfeld. Das kann man natürlich nicht wirklich in Prozent sagen, das war damals scherzhaft. Da denkst du ja niemals, dass das jemals wieder aufgegriffen wird.

Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast.

Aktuell ist Nobodys Face mit „Niemandsland“ auf kleiner Club-Tour. Hier die Dates:
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Aus der südlichsten Ecke in den hohen Norden gezogen um über Hip-Hop zu schreiben. I'm all the way up.

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