Nisse: “David Bowie war ja auch nicht auf dem Mars, aber schreibt schöne, wahre Songs darüber.”

Der Vater des wohl berühmtesten Basketballspielers aller Zeiten, Michael Jordan, war flammender Baseballfan und hätte seinen Sohn lieber mit einem Schläger in der Hand als mit einem Spalding auf dem Court gesehen. Die Baseballkarriere der heute berühmten Nummer 23  sollte allerdings schon in den Jugendjahren ein vorzeitiges Ende finden als der Basketball den größeren Erfolg versprach. Als sein Vater James 1993 starb, beschloss Michael Jordan jedoch seine aktive Basketballkarriere zu beenden und seinem Vater zu Liebe Baseball zu spielen. Er wurde Mitglied in einem unterklassigen Team der Chicago White Sox. Kurz darauf kehrte er zurück zum Basketball und wurde zwei Spielzeiten später MVP der NBA. Nisse benutzte diese Geschichte als Gleichnis um zu verdeutlichen, wie er vom Rap zum Gesang kam. Er hat jahrelang gerappt und die dazu gehörende Hip-Hop-Kultur gelebt, erkannte jedoch nach und nach, dass Singen seine Zukunft bestimmen sollte. Die BACKSPIN hat den gebürtigen Hamburger vor einem emotionalen Konzert vor heimischer Kulisse getroffen um mit ihm unter anderen über seine Entwicklung, seine Sicht auf die Hamburger Hip-Hop Szene und den Einfluss deutscher Musik zu sprechen.

Ich habe hier eine Zeile und möchte mal sehen ob du weißt, von wem die kommt: „Ich hingegen scheiß‘ auf’s BACKSPIN-Cover und werde jetzt lieber wie die Jacksons Popstar.“

Nisse: Die kommt von mir.

Richtig. Hat ganz gut geklappt, oder?

Nisse: Ja, aus alten Tagen. Aber aus einer Zeit, mit der ich jetzt nicht mehr viel zu tun habe. Das Rap-Ding und Zeilen wie diese, das habe ich gemacht seit ich 14, 15 war. Mit rappen, scratchen und sprühen bis zu Hausdurchsuchungen. Ich habe alles mitgemacht und bin auf rappen hängen geblieben. Und aus heutiger Sicht, war das auch mit die beste Zeit meines Lebens, aber auch so als würde man ohne Regeln auf dem Bolzplatz herumkicken. Das heißt, wenn man damals ein guter Freestyler oder Battlerapper war, haben da ja nur wenige – außer ein paar Ausnahmen, wie Savas und Samy – mehr daraus machen können. Aber die Technik für mein Songwriting zu nehmen, war super wichtig. Ich benutze einen Teil der Technik von damals, aber Rap ist mehr meine Vergangenheit und das was ich jetzt mache, meine Zukunft.

Das Rap-Ding und Zeilen wie diese, das habe ich gemacht seit ich 14, 15 war. Mit rappen, scratchen und sprühen bis zu Hausdurchsuchungen.

Damals hast du auch auf einem Song gesagt, dass man nicht gut sein muss um Erfolg zu haben.

Nisse: Das ist ja auch nach wie vor so. Wenn ich das Radio einschalte oder mir die Charts angucke, ist es ja leider nicht groß anders geworden. Hart arbeiten tun wohl die meisten, aber gut sind sie deshalb nicht automatisch.

Und auf Rap gemünzt?

Nisse: Der Rap, der erfolgreich ist, der ist es auch zu Recht. Also ein Kollegah ist, meiner Meinung nach, technisch einer der besten Rapper der Welt. Von den Songs, den Bildern, der Technik, der Herangehensweise und den Ebenen, ist das einer der krassesten Typen, die es jemals gegeben hat. Der hat den Erfolg zu Recht verdient. Ein Cro, der seiner Linie treu bleibt und es, glaube ich, auch total ernst meint, hat es voll verdient. Ein Haftbefehl könnte noch mehr Erfolg haben als er schon hat, da „Russisch Roulette“ mit das krasseste Album bis heute war – wirklich unglaublich. Aber alles, was derzeit abgeht – auch 187 – alles verdient. Alles absolut verdient.

Du hast teilweise über Jahre an einem Text gesessen. Kannst du dann auch Songs feiern, die auf den ersten Blick sehr simpel scheinen?

Nisse: Ja, total. Die Beatles haben ihre krassesten Songs teilweise morgens um Drei in der Abby Road gemacht, weil es hieß, dass das Masterband um Acht Uhr am nächsten morgen fertig sein musste, aber noch drei Minuten auf der Vinyl zu füllen waren. Dann haben die sich halt in der Session schnell etwas ausgedacht, was sich dann aber Millionen mal verkauft hat und eines der schönsten Lieder aller Zeiten wurde. Im richtigen Moment kann dir etwas geniales einfallen. Du kannst in fünf Minuten die Welt verändern und manchmal brauchst du jahrelang und schreibst „Faust II“ über zehn, zwanzig Jahre. Es ist egal, wie plump es ist. Das ist meistens der ehrlichste und direkteste Weg.

Also müssen wir jetzt nicht noch einmal 8,5 Jahre lang auf deine nächste Platte warten.

Nisse: Nein, zehn! (lacht) So ein bisschen Sentence-mäßig.

Da soll ja jetzt „Sentinos Way 3“ noch einmal kommen.

Nisse: Ja, „Ich bin deutscher Hip-Hop“ ist ja jetzt auch bestimmt 10 Jahre her. Ein mega Talent. Bin sehr gespannt, was da kommt.

Unterwegs“  von Fler und Sentino wäre vielleicht ein gutes Beispiel gewesen. Da gibt es ja jetzt auch keine drei Metaebenen.

Nisse: Ich find’s halt geil. Ich unterscheide zB. auch nicht groß zwischen der Komplexität eines Kollegahs und dem schnörkellos direkten Stil eines Fler. Für mich haben beide in ihrer Welt eine Daseinsberechtigung, der eine vielleicht eher als Storyteller und der andere als Straßenrapper. Fler hat einfach einen extrem guten Geschmack, was Beats betrifft. Ich verstehe auch die Sachen, die er sagt und sagen will – wenn der Storyteller plötzlich vor der Tür steht, fragt man sich wahrscheinlich in wie fern das berechtigt ist. „Unterwegs“ ist ein krasser Beat und der Song vermittelt ein gutes Gefühl. „A Milli“ von Lil‘ Wayne z.B. ist der Song für mich. Bangladesh, der Produzent des Songs, meinte in einem Interview, dass der Beat nach fünf Minuten fertig war und ich will gar nicht wissen, wie schnell Lil‘ Wayne den Text geschrieben hat. Für mich ist Rap und Hip Hop am Ende alles eins: Ich freue mich über „Unterwegs“ genauso wie, wenn Torch ein neues Album machen würde.

Du legst ja viel Wert darauf, dass du in deinen Texten nur Dinge verarbeitest, die du selbst erlebt hast oder die zumindest in deinem Freundeskreis passiert sind.

Nisse: Ja, auf jeden Fall. Wenn jetzt erfolgreiche Leute wie Mark Forster und Andreas Bourani – ich zähle mich jetzt mal zu den Popsängern – und alle anderen anfangen über ein bestimmtes Thema zu singen und jeder Song wird ein Hit, dann würde ich es entweder aus Antihaltung nicht machen oder wenn ich’s mache, dann muss es eine Geschichte sein, die meinem Leben, meiner Erzählweise, meiner Herangehensweise entspricht. Ich kann für meine Musik einfach nicht über etwas schreiben, was ich nicht fühle oder erlebt habe, selbst wenn es ein garantierter Erfolg wäre. Und mit dem Gefühl meine ich auch über Dinge schreiben zu müssen, die man nicht direkt erlebt hat, zu denen man aber ein wahres Empfinden hat. Wenn ich als Beispiel über eine minderjährige Prostituierte schreibe, die ich persönlich nicht kenne, aber ich weiß, dass es diese Mädchen gibt und da es mich bedrückt, lässt es mich dazu einen emotionalen Bezug aufbauen. Ich habe ja ein Gefühl dazu, wenn ich in der Zeitung lese, dass junge Mädchen verschleppt werden. David Bowie war ja auch nicht auf dem Mars, aber schreibt schöne, wahre Songs darüber. Sing darüber, worüber du singen willst – Du musst es nur fühlen. Das ist „real“.

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