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„Perfekter Hamburger Charme!“ Neonschwarz über’s Spektrum 2016

Das Spektrum zeigt mit seinem eintägigen Hip-Hop-Festival am 06. August 2016 in Hamburg eine aktuelle „Momentaufnahme der Beatkultur“. Das Line-Up bewegt sich in einem „Spannungsfeld zwischen Tradition und Grenzüberschreitungen, zwischen elektronischen Grauzonen und klassischem Rap“. Das Augenmerk liegt auf Qualität und Vielfalt. In dieser farbigen Mischung repräsentieren Neonschwarz die Facette von fröhlichem, positivem und genauso nachdenklichem politischem Rap. Wir haben Spion Y und Johnny Mauser vor ihrem Auftritt zu einem Interview über ihre individuelle Hip-Hop-Schublade und das Festival getroffen. Die Crew-Mitglieder Marie Curry und Captain Gips waren leider an dem Tag verhindert.

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Foto: Hendrik Köhler

Lars Lewerenz, euer Labelchef bei Audiolith, sagt, er will Musik veröffentlichen, die dabei hilft, „den Alltag zu bewältigen.“ In euren Texten sprecht ihr auch über viele alltägliche Themen, ermutigt andere und inspiriert dazu, positiv und optimistisch zu bleiben. Ist es für euch wie für euer Label ein klares Ziel, anderen mit eurer Musik weiterzuhelfen?
Johnny Mauser: Lars meint wahrscheinlich damit, dass die Woche der Leute, die hier leben, davon geprägt ist, 40 Stunden zur Arbeit zu gehen oder zur Schule und sehr von Leistungszwängen. Und dass Audiolith mit seiner Musik dazu beitragen will, dass man dem entfliehen kann. Die Musik bei Audiolith hat oft einen hedonistischen oder widerständischen Touch und setzt dem Gegenpunkte. Und so ist es auch bei Neonschwarz, dass wir nicht total negativ und negierend sind. Aber wir sagen halt, ok es gibt auch coole positive andere Sachen, für die es sich lohnt zu kämpfen und von denen man träumen kann. Und ich glaube, man kann das verknüpfen, dieses Alltagsding mit größeren Zielen und Träumen. Deshalb sprechen wir das mal mehr, mal weniger deutlich an in unserer Musik.

In einer Line rappt ihr: „Insgeheim träumst auch du von einer anderen Welt.“ Wie stellt ihr euch eine bessere Welt vor?
Spion Y: Es gibt auf ja jeden Fall gerade jetzt aktuell genügend Umstände und beschissene Situationen einfach, gerade jetzt auch politisch gesehen, was in den letzten Tagen passiert ist und was ganz fürchterlich war- ob jetzt die Türkei oder sehr viel Rechtsdruck. Man kann sich auf jeden Fall mehr als genug eine bessere Welt wünschen. Wir versuchen auf jeden Fall, mit der Musik beizutragen, dass Leute auch auf schöne und nette Gedanken kommen- obwohl in unseren Texten auch nicht alles schön und nett ist und wir das auch vermitteln wollen, dass es nicht nur darum geht.

„Generell wünschen wir uns eine Welt, die weniger von Ellenbogen und Grenzen geprägt ist.“

Johnny Mauser: Wir wollen den Leuten jetzt auch nicht konkret den Plan aufzeigen: so und so musst du‘s machen und dann lebst du so, wie wir uns das vorstellen. Wir wollen jetzt nicht so ne Handlungsanweisung geben. Aber generell wünschen wir uns eine Welt, die weniger von Ellenbogen und Grenzen geprägt ist. Es geht nicht darum, ich habe hier jetzt nur meine Religion und alle anderen darf ich umbringen oder ich habe hier nur mein Land und alle anderen dürfen hier nicht rein. Das ist ja das, was die Gesellschaft gerade ziemlich krass prägt, dass es um diese Grenzziehung und das Sich-Durchsetzen gegen andere geht. Das heißt, wenn wir von einer gesellschaftlichen Utopie sprechen, dann irgendetwas, wo es solidarischer und weniger ausgrenzend abgeht.

Spion Y: Für Hamburg betreffend wäre auf jeden Fall auch mehr und fairerer Wohnraum wünschenswert und dementsprechend auch für Geflüchtete, die dann nicht neben der Autobahn abgestellt werden und in unschönen Umständen hausen müssen.

An einer anderen Stelle rappt ihr: „Schreibe dreimal in den Sand wie ich nicht werden will.“ Wie wollt ihr nie werden?
Johnny Mauser: Wir haben uns ja bewusst dafür entschieden, Künstler zu sein. Das Künstlerleben zeichnet sich ja auch dadurch aus, dass man nicht einen klassischen 40Stunden-Rhythmus pro Woche hat und Hauptsache das Eigenheim zählt mit einem sehr eng gefassten Horizont. Die Zeile ist von mir und damit meine ich, dass man sich etwas weitere, alternativere, nicht vom Mainstream vorgegebene Ziele oder Träume bewahren sollte. Und das muss man sich glaube ich in Erinnerung rufen, weil man ja durch die Alltagsmühlen schnell auch weichgespült wird. Wenn du jetzt jeden Tag abends die Glotze anstellt so habitualisiert, dann passiert es vielleicht auch schneller. Man gewöhnt sich daran, ist irgendwann so eingelullt und schwimmt mit in dem Zirkus. Wenn du es aber immer in den Sand schreibst, dann passiert das nicht so schnell.

Spion Y: Ich denke das ähnlich, wenn man wirklich einen 24/7-Job hat und nur so vor sich hinlebt mit seinem zwar geregelten, aber auch festgefahrenen Alltag ist es halt einfach nicht geil. Ich komm‘ da auch her. Ich mal einen Vollzeitjob und Phasen in meinem Leben, wo ich dachte, dass ich daran kaputt gehe. Ich war da vor allem auch noch sehr jung und hatte komplett eine 40/50-Stunden-Woche teilweise und dann will man dahin auf jeden Fall nicht zurück.

Johnny Mauser: Auf der anderen Seite geht es uns hier natürlich extrem gut, also dass wir überhaupt 40/50-Stunden-Wochen haben können theoretisch und dafür Geld bekommen, wovon wir leben können. Das ist natürlich auch wiederum Luxus, wenn man es jetzt global betrachtet. Aber Fragen, die wir uns auch stellen, sind eben, wofür man lebt, und ob der Sinn jetzt ist, am Ende das Haus abzubezahlen.

Auf Seite 2 geht es weiter mit Neonschwarz über Selbstreflektion und die Frau in ihrer Band 

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Diana

Die Stuttgarterin ist seit Dez' 2015 in Hamburg. Sie liebt die Welt der Bässe, Beats, Melodien und Lyrics. Im Studium hat sie sich fast nur mit Hip Hop beschäftigt und könnte endlos darüber nachdenken und schreiben.

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