Navid Tufan: “Musik ist keine Fließband-Arbeit”

bildschirmfoto-2016-09-09-um-16-00-36„Je suis Navid“ – so lautet der Titel des Debütalbums von Navid Tufan, das ab heute erhältlich ist. Navid Tufan, das ist kein weiteres Pseudonym, sondern der bürgerliche Name des jungen Künstlers aus der Ruhrpott-Metropole Essen. In der Vergangenheit nutzte er noch diverse Künstlernamen wie beispielsweise Maebouris, um sich so ein Standing in der Battlerap-Szene zu erarbeiten. Inzwischen ist Navid jedoch einen Schritt weiter gegangen und hat das Battlerap-Kapitel hinter sich gelassen. Punchlines sind selbstverständlich geblieben, doch die Intention, die Navid auf seinem Debütwerk verfolgt, hat sich geändert. Er spricht nicht nur über, sondern auch für eine Generation.
Wir trafen Navid zum Interview und sprachen mit dem jüngsten Wolfpack-Zuwachs über seine Battlerap-Vergangenheit, seinen Bezug zur Ruhrpott-Szene und sein Erstlingswerk.

Navid, seit heute steht dein Debütalbum “Je suis Navid” in den Läden. Wie lief der Produktionsprozess der Platte ab?

Navid Tufan: Der ganze Albumprozess hat sich in etwa über ein Jahr gezogen, explizit daran gearbeitet haben wir drei, vier Monate. Ich habe viel mit Joshimixu gemeinsam gearbeitet, dann alleine und oft sind wir auch nach Berlin gefahren und haben dort mit anderen Künstlern gearbeitet.

Für viele Künstler in der deutschen Rapszene gehört es mittlerweile zum guten Ton, im Jahresrhythmus Alben zu veröffentlichen. Kannst du dir das auch vorstellen?

Navid Tufan: Ich sehe das auf jeden Fall als machbar, denke aber nicht, dass das richtig ist. Joshimixu meinte auch, er könne das verstehen, wenn Künstler das so handhaben, allerdings sollte man ein Album produzieren, wenn das feeling stimmt und wenn die richtige Idee da ist.

Musik sollte keine Fließbandarbeit sein.

Ich habe das Gefühl, dass viele Künstler, die jedes Jahr ein Album veröffentlichen, keine Zeit haben, sich weiterzuentwickeln. Dann hast du plötzlich sieben Alben hintereinander, die klingen wie eins. Es geht auch schneller, wenn ein Künstler Beats pickt, schreibt und aufnimmt. Bei „Je suis Navid“ haben wir aber gemeinsam produziert, sind in andere Städte gereist, haben Videos gedreht und so weiter. Bei wirklich großen Alben, in die noch viel mehr Promo gesteckt wird, springt man dann vermutlich von der einen Promophase bereits in das nächste Album rein.

„Je suis Navid“ ist dein Debütalbum – wie hast du deine erste richtige Promophase erlebt?

Navid Tufan: Ich habe das alles als sehr positiv erlebt. Das war für mich das erste Mal, das ich ein Projekt fertiggestellt habe und die Möglichkeit bekam, wie jetzt gerade auch, darüber reden zu können. Das ist wohl der Traum eines jeden Künstlers, seine Musik zu machen und diese vorstellen zu können. Das ist keine Arbeit, sondern absolutes Vergnügen.

Du lebst in Essen, wurdest aber jüngst beim Berliner Label Wolfpack Entertainment gesignt. Was war für dich das entscheidende Argument, dich für Wolfpack als deine Labelheimat zu entscheiden?

Navid Tufan: Joshimixu ist ja ein sehr etablierter Produzent. Der ursprüngliche Plan war, ein Album aufzunehmen und seine Kontakte spielen zu lassen und zu schauen, zu welchem Label wir gehen. Nun ist es in Deutschland so, dass so gut wie jedes Label einen bestimmten Style fährt. Das Demo, das wir hatten, ist nur schwierig irgendwo zuzuordnen. Deshalb dachten wir, wir benötigen ein Label, das viel verschiedenes abdeckt. D-Bo hat viele unterschiedliche Projekte am laufen und das passt zu uns. Zu irgendeinem Label mit einem bestimmten Stil zu gehen und krampfhaft zu versuchen, unsere Musik dort zu releasen, ist natürlich auch nicht von Vorteil. So war Wolfpack definitiv die richtige Entscheidung.

Ein Video von dir wurde auf dem YouTube-Kanal von Life is Pain veröffentlicht. Danach wurden Stimmen laut, die von PA Sports forderten, dich zu signen.

Navid Tufan: Das Splitvideo zu „9/11 / Je suis Navid“ haben wir auf dem Life is Pain Kanal veröffentlicht. Der Song repräsentiert nicht das ganze Album, passt stilistisch aber in die Ecke von Life is Pain. Die Resonanz fiel sehr positiv aus und dann wurden viele Stimmen laut, die ein Signing forderten. Diese Leute haben aber vermutlich nur diesen Song gehört und ich bin gespannt, wie sie reagieren, wenn sie die restlichen Song hören.

In der Vergangenheit warst du als Battle-Rapper aktiv. Hast du dieser Szene inzwischen komplett den Rücken gekehrt?

Navid Tufan: Der ausschlaggebende Punkt für mich, keinen Battlerap mehr zu machen, war pure Langeweile.

Battlerap hat mich gelangweilt.

Ich bin diese Schiene gefahren seitdem ich 15 war. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, dachte ich, es gäbe nur Battlerap, weil ich nichts anderes gesehen habe. Mein ganzes Umfeld bestand nur daraus. Es gibt Punchlines, Vergleiche, ein bisschen Doubletime und das war’s. Irgendwann hatte ich zwar schon ein bestimmtes Level erreicht, aber es reizte mich nicht mehr. Früher habe ich Musik mit der Intention gemacht, die Leute um mich herum zu begeistern. Dann wirst du älter, Musik bleibt Leidenschaft und du willst Musik machen, auf die du selbst Bock hast. Mit dem Album habe ich jetzt eben Musik gemacht, die sich in eine andere Richtung bewegt. Käme jetzt aber die Chance, die alten Sachen wieder auszupacken, hätte ich richtig Bock drauf.

Kannst du dir vorstellen, es so zu handhaben wie RAF Camora es lange Zeit getan hat? Zwei Egos aufzubauen und so stilistisch mehrere Facetten abzudecken?

Navid Tufan: Einen komplett neuen Ego müsste ich mir dazu wohl nicht aufbauen. Mein Image, das ich mir gerade aufbaue, sagt nämlich, glaube ich, nicht aus, dass ich keinesfalls eine andere Schiene fahren dürfte. Es muss sich bloß die richtige Chance ergeben. Im Deutschrap ist es ja Gang und Gebe, dass Künstler mal von anderen negativ erwähnt werden. Natürlich würde ich mich jetzt nicht bei irgendeinem Battle anmelden oder ein Album aufnehmen, das ausschließlich aus Punchlines besteht. Ich würde einfach die Chance nutzen, falls sie sich ergibt. Also: Wenn mich irgendjemand negativ erwähnen möchte, ich bin gern dabei (lacht).

Was machst du, wenn du dich gerade nicht deiner Musik widmest?

Navid Tufan: Ich studiere Wirtschaft auf Englisch an einer Hochschule hier in Mühlheim und komme jetzt ins vierte Semester. Schließlich muss ich noch was in der Hinterhand haben, falls das mit der Musik in die Hose geht. Seitdem ich 16 bin, mache ich sehr viele Sachen gleichzeitig. Das heißt, ich absolviere mein Studium nicht mit dem überwiegenden Hintergrundgedanken, dass das mit der Musik nichts wird, sondern ich bin es einfach gewohnt, viel gleichzeitig zu machen. So funktioniert mein Kopf. Natürlich ist das von Vorteil: Wenn eine Sache nicht funktioniert, habe ich Alternativen. Musik bleibt aber meine größte Leidenschaft und folglich investiere ich in diese auch die meiste Zeit und Kraft. Wenn sich das rentiert, bin ich bereit, alles andere stehen und liegen zu lassen.

Wie ist der Titel „Je suis Navid“ und die Anspielung auf Charlie Hebdo entstanden?

Navid Tufan: Ursprünglich sollte das Album „Millenians“ heißen wie die EP davor. Nachdem wir aber die EP so betitelt haben, suchten wir einen neuen Namen für das Album. Der mittlere Teil der Platte ist sehr politisch. Das Wortspiel ist schon provokant, springt aber auch ins Auge. D-Bo hat den Titel vorgeschlagen und es ist mir sofort im Kopf geblieben.

Du behandelst politische Themen auf deinem Album, kann man „Je suis Navid“ denn der Polit-Rap-Ecke zuordnen?

Navid Tufan: Es wirkt so, aber im Grunde genommen ist es kein politisches Album. Drei Songs sind politisch angehaucht, die ganze Platte besteht aber aus insgesamt 16 Songs. Die anderen Songs gehen in eine ganz andere Richtung. Es ist so, dass ich ein Konzeptalbum über diese Generation geschaffen habe. Spricht man über diese Generation, dürfen bestimmte Themen einfach nicht fehlen. Die Singles, die wir jetzt weiter veröffentlichen werden, bringen sicherlich Klarheit darüber, in welche Richtungen das Album noch geht.

Ist jemand denn automatisch Polit-Rapper, nur weil er über politische Themen spricht?

Navid Tufan: Um ehrlich zu sein, habe ich mich noch nie intensiv mit der Bezeichnung Polit-Rap auseinandergesetzt. Würde ich ein Album machen, das ausschließlich so ausfällt wie der mittlere Teil von „Je suis Navid“, würde ich das definitiv als politisches Album bezeichnen.

Warum erreicht Musik, die sensiblere Themen behandelt, denn schwieriger Publikum als Musik, die auf Entertainment setzt?

Navid Tufan: Oft ist solche Musik sehr leichte Kost. Die Texte sind nicht sonderlich komplex und es hat viel mit feeling zu tun. Persönlich feiere ich solche Musik natürlich auch, aber ich habe mir ein anderes Ziel gesetzt.

Für mich ist es die größte Kunst, ein komplexes Thema zu wählen und es so einfach wie möglich darzustellen.

Das ist gleichzeitig auch ein Punkt, der dir Probleme bereiten kann. Du brauchst länger, um Leute zu erreichen, es trifft oft nicht den Geschmack der Leute. Das ist aber eben meine Herausforderung. Straßenrap ist so angesagt, weil er einfach ist. Die Leute stehen auf das Feeling. Bei meiner Musik soll das Feeling natürlich auch stimmen. Sie soll ins Ohr gehen, die Hook soll knallen. Trotzdem kann man einen Song drei, vier Mal hören, bevor man ihn verstanden hat. Aber dann kann man ihn auch genießen.

Inwiefern glaubst du, dass Rap das Potenzial hat, besonders junge Hörer für diese komplexen Thematiken zu sensibilisieren?

Navid Tufan: Ich glaube, dass Rap auf jeden Fall das Potenzial besitzt. Aus diesem Grund habe ich einen Song wie „Je suis Navid“ gemacht. Der besitzt das Straßenrap-Feeling und spricht allein musikalisch viele junge Leute an. Daraufhin gehe ich aber sehr detailliert über bestimmte Themen ein. Im ersten Part rappe ich über die Kuba-Krise, im zweiten über den Iran und im dritten geht es um 9/11. Am Ende des Tages ist es sehr komplex, aber junge Hörer verstehen es und das macht es aus. Wenn der Sound anspricht, befassen sie sich auch damit. So ziehen sie vermutlich sehr viel mehr aus dem Thema als aus irgendeiner YouTube-Dokumentation.

Werden gerade politische Themen in den Medien einfach zu kompliziert dargestellt?

Navid Tufan: Die Kritik, die ich mir von einigen Leuten anhören muss, ist, dass die Themen in meiner Musik zu einfach dargestellt sind. Aber in diesem Leben haben wir einfach nicht die Zeit, alles total komplex und so detailliert wie möglich anzusprechen. Die Leute haben keine große Aufmerksamkeitsspanne. Genau aus diesem Grund müssen komplexe Themen vereinfacht dargestellt werden, um die Masse zu erreichen. Es ist ja auch nicht so, als dass man jetzt Experte wäre, wenn man einen Song von mir oder eine Dokumentation zu einem gewissen Thema gesehen hat. Viel mehr werden dadurch die Gedanken angeregt und man befasst sich selbst weiter damit.

Die Generation der digital natives ist die erste, die mit dem Internet aufwächst. Wie siehst du diesem Umstand entgegen?

Navid Tufan: Der große Vorteil ist natürlich, dass man sehr leicht an Informationen kommt. Der Nachteil wiederum, dass man alles nur noch überfliegt und sich kaum noch mit etwas detailliert befasst wird. Durch Kommentare kann jeder seine Meinung loswerden, am Ende des Tages werden aber auch oft Sachen geschrieben, die so eigentlich nie gesagt worden wäre. Es hat also sowohl seine Vor- als auch seine Nachteile und jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er letzten Endes damit umgeht. Ich empfinde diese Entwicklung als sehr positiv, aber auch nur, weil ich damit umgehen kann.

Du bist nach Essen gezogen, als du 12 Jahre alt warst. Inzwischen bist du gefühlt mit der ganzen Szene dort connectet – entsteht solch eine Connection?

Navid Tufan: Man kennt sich halt. Die Szene in Essen ist schon krass, wir haben viele etablierte Künstler. Wenn du halbwegs gut bist und ein wenig Lärm machst, werden die anderen automatisch auf dich aufmerksam. Mein Glück war, immer ein wenig „der Andere“ gewesen zu sein, als ich nach Essen kam, da ich im Osten von Deutschland aufgewachsen war. Nachdem ich Musik im Internet veröffentlicht hatte, wurden KC Rebell und PA Sports irgendwann auf mich aufmerksam und da bestand dann über Jahre Kontakt. Damals habe ich mal ein Actionvideo gedreht, das noch unter einem anderen Pseudonym veröffentlicht wurde. Das war sehr amateurhaft, dennoch haben wir es damals geschafft, innerhalb von 24 Stunden so gut wie jeden Rapper zu mobilisieren und so hat man auch die Essener Szene gut kennengelernt und alle haben sich meinen Namen gemerkt.

Wie empfindest du die Rap-Szene rund um Essen?

Navid Tufan: Ist man in Essen unterwegs, hat man absolut nicht ein Eindruck, dass es so eine Rapper-Stadt ist. Hamburg, Frankfurt oder Berlin geben dir ein ganz anderes Feeling. Die Verbundenheit ist auch gar nicht so krass, wenn ich ehrlich bin. Natürlich gibt es die Ecke um PA Sports und KC Rebell und so, aber es macht eher jeder sein eigenes Ding. Abseits von dieser Ecke gibt es dann auch noch Leute wie 257ers, Favorite und Co. Ein Künstler, der mittlerweile auch schon sehr etabliert ist, von dem ich aber vor Kurzem zum ersten Mal gehört habe, ist 3Plusss.
Der ist auch aus Essen, ich habe den Jungen noch nie in meinem Leben gesehen. So finde ich eben, dass die Verbundenheit nicht so übermäßig groß ist. Wie ich schon gesagt habe, man merkt nicht, dass Essen solch eine HipHop-Stadt ist, trotz der vielen krassen Künstler. Ich habe auch schon oft mit anderen Künstlern über dieses Thema gesprochen, richtig erklären kann es aber niemand.

Vielen Dank für das Interview, deine abschließenden Worte?

Navid Tufan: Heute ist Releasetag, happy releaseday to me! Ich hoffe, dass alle Leute, die dieses Interview lesen, sich weiterhin mit meiner Musik befassen. Ihr könnt euch das Album besorgen und euch einen eigenen Eindruck machen. Vielen Dank an BACKSPIN, hat mich gefreut!

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