Nate57: Hype ist nur ein Wort

nate

Als ich Mitte März erfahren habe, dass Nate57 im Mai ein neues Mixtape releasen wird, habe ich mich gefreut wie ein kleines Kind. Konnte Nate auf Albumlänge zwar nur mit seinem Debütalbum “Stress aufm Kiez” wirklich glänzen und nachhaltig bei mir für Eindruck sorgen, so hatten mich die Mixtapes immer krass mitgenommen. Nun, zwölf Tage nach Release von “Unter Deck” ist meine Euphorie wieder der Realität gewichen. “Unter Deck” hatte Potenzial in Zeiten voller Traptrends etwas ganz Großes zu werden. Das ist es aber leider – wieder einmal nicht geworden. Und selbst, wenn es richtig gut geworden wäre, es hätte kaum einer mitbekommen.

Willkommen auf St.Pauli

Aber fangen wir der Reihe nach an. Wie ging es mit Nate57 nochmal los? 2008 war die musikalische Geburtsstunde des Nathan Pedreira, als sein erstes Mixtape “Willkommen auf St.Pauli” erschien. Damals konnte man noch nicht erahnen, dass der junge Rapper in nicht einmal zwei Jahren zusammen mit dem Offenbacher Rapper Haftbefehl als Deutschraps Hoffnung betitelt wird. Schon im frühen Alter von 18 Jahren hatte Nate einen durchaus reflektierten Blick auf das Leben der Straße. Neben klassischen Representer-Tracks war Sozialkritik schon früh einer der wichtigsten Aspekte seiner Musik. Das alles gepackt auf Westcoast lastigen Beats war damals klangtechnisch mehr als nur vielversprechend.

Verrückte Ratten

Ein Jahr später wurde dann nach Release von Free-Mixtape Nummer Zwei “Verrückte Ratten” auch wohl ganz Deutschland von Nates brachialem Straßenrap mitgenommen. Endlich zeigte Nate auch sein Gesicht im Internet und drehte Videos zu “Nur die Starken überleben” und “Blaulicht”. Besonders letzteres verschaffte dem jungen Rapper einen krassen Hype, denn Künstler wie Sido, Fler und Farid Bang erwähnten den bis dato noch unbekannten Hamburger in Interviews. „Nur die Starken überleben“ kam auf Mobb Deeps „Survival of the Fittest“ daher und klang bei weitem nicht wie eine schlechte Kopie aus Amerika. Nein, es war eine ganz eigene Version und würden Mobb Deep dieses Lied kennen, sie würden es garantiert feiern. Beats aus dem Amerika der 90er Jahre und Nate – das war schon damals die perfekte Symbiose, da der junge Rapper gerade auf diesen Untermalungen eins mit dem Beat werden konnte.

Stress aufm Kiez

Als im Sommer 2010 die meisten mehr mit Deutschlands Achtelfinaleinzug gegen Ghana beschäftigt waren, ließ Nate zwei Tage nach besagtem Match seine erste physische und kostenpflichtige Platte auf den Markt bringen. “Stress aufm Kiez”, das waren 17 Songs voller authentischer Straßengeschichten und handfester Sozialkritik, auch wenn man Nate mal vorwerfen konnte, dass er sich teils zu oft auf YouTube-Dokus verlassen hat. Trotzdem, im Kern konnte man seine Kritik auch als Neutraler nachvollziehen. Doch bereits auf “Stress aufm Kiez” offenbarten sich bereits die ersten große Probleme des Hauses Rattos Locos. Die Beats. Waren einige Beats durchweg brutal gut, kamen einige recht amateurhaft daher. Das Album wurde fast ausschließlich von Nates großem Bruder Oswald aka. Blacky White produziert, zwei Beats stammten von Telly Tellz. Doch “Stress aufm Kiez” überzeugte ansonsten so sehr, dass man über die Produktionen ein wenig hinwegsehen konnte. Der damals 19-jährige konnte mit seinem Debütalbum auf einem damals durchaus beachtlichen Platz #37 landen.

Auf der Jagd

Nach diesem erfolgreichen Ausrufezeichen setzte sich Nate direkt ans nächste Release und veröffentlichte keine 14 Monate später sein Mixtape “Auf der Jagd”. Auf Beats von Sully Selfil, Method Man & Redman, Ludacris und Missy Elliot zeigte der Rapper abermals, was ihn auszeichnete, und diesmal konnte er sich wieder einmal auf eine perfekte Beatuntermalung verlassen. Tracks wie “Mach Platz”, “Süchte”, “Hardcore” und “Lehn dich zurück” werden wohl die meisten Nate57 Fans bis heute in wohliger Erinnerung behalten. Einige Tracks des Tapes waren zwar eher oberflächlich gehalten und gingen mehr “In-die-Fresse”, nichts desto trotz konnte sich Nate mit diesem Release erstmal in der deutschen Rap-Landschaft festsetzen, ohne seine Stärken aus den Augen zu verlieren.

Land in Sicht

Dann wurde es einige Zeit ziemlich still um die Hamburger Raphoffnung. Nate, der in Interviews immer super sympathisch, aber auch recht introvertiert rüberkam, konnte wie Rattos Locos auch nie wirklich einen Fuß in das große Geschäftsfeld des Social Media Marketing fassen. So hatte man als Fan teilweise das Gefühl, dass der Rapper in der Versenkung verschwunden war. Doch das war wohl nie so. Auch wenn Nate nicht jeden Tag publik machte, dass er gerade im Studio saß, er tat es doch sicherlich, wie er in Interviews immer wieder betonte. Im März 2013 folgte dann endlich ein neues Lebenszeichen in Forme eines Videos zu “Immigranten”, mit dem auch Soloalbum Nummer Zwei „Land in Sicht“ angekündigt wurde. Im Nachhinein ein etwas seltsamer Zeitpunkt, denn das Album kam erst ein halbes Jahr später heraus. Erst im späten August wurde noch die zweite Videosingle “Die alte Zeit” veröffentlicht. Zwei Videos in einem halben Jahr? Von einer erfolgreichen Promophase konnte hier nicht wirklich die Rede sein. In die Verkaufszahlen des Albums lässt sich leider nicht reinsehen. Fakt ist nur, dass so gut wie jeder Rapper in dieser Zeit von Release zu Release einen Chartssprung geschafft hat. Nate konnte das mit diesem Album nicht mehr schaffen, nach Platz #10 mit “Auf der Jagd”, welches sich zwei Wochen in den Charts halten konnte, landete “Land in Sicht” “nur” auf der #11 und war nach einer Woche auch schon wieder aus den Charts verschwunden. Die damalige Releasewoche war mit Helene Fischer, Kings of Leon, Sting und weiteren Musik-Größen aber auch verdammt schwierig. Da hätten wohl auch gestandene Rapper ihre Probleme mit gehabt. Auch wenn er eventuell sogar mehr verkauft hat – Fans sahen das Album nicht nur aus Charts-Sicht nicht gerade als einen Fortschritt.

Dass das zweite Album wohl wirklich das schwierigste Release eines Künstlers ist, kann man am Beispiel von “Land in Sicht” nur zu gut feststellen. So musste sich der Rapper den Vorwurf gefallen lassen, alte Thematiken wieder und wieder durchzukauen. Viele empfanden das als ermüdend, doch das gesellschaftliche Themen wie Rassismus selbst heute im Jahre 2017 auch in Deutschland noch allgegenwärtig sind, zeigt, dass Nate sich diesen Vorwurf eigentlich nicht gefallen lassen muss. Hatte das Album zwar wieder inhaltliche Vielfalt, so fehlte diesem Album schlichtweg ein roter Faden, an dem man sich festhalten konnte. Auch die Produktionen waren auf Dauer recht eintönig, teilweise kamen die Beats viel zu lasch daher. Schlecht war das Album keineswegs, jedoch konnte es nicht diesen bleibenden Eindruck wie das Debüt hinterlassen.

Gauna

Wieder einmal verging eine recht lange Zeit. Zumindest für die Art von Raphörern, die von ihrem Künstler ein 20-Track Album im Zwölf-Monatszyklus erwarten. Knapp zweieinhalb Jahre musste man auf das dritte Album des Hamburgers warten. “Gauna” nannte sich der dritte Longplayer und erinnerte teilweise stark an einen zweiten Teil von “Stress aufm Kiez”. Zum dritten Album kann ich ehrlicherweise wenig sagen, denn es ist nach einigen Hördurchgängen bei mir wieder untergetaucht. Bis auf “Mit der Basy” und “Mische für Mische” konnte mich nichts an diesem Album flashen. Wieder einmal konnte ich mich mit den Beats zu selten anfreunden. Aber man sollte wie bei diesem ganzen Artikel nicht vergessen – all das ist stets Kritik auf sehr hohem Niveau. Vielleicht hatte die deutsche Raphörerschaft nach “Stress aufm Kiez” auch einfach zu hohe Erwartungen an Nate, denen er schlussendlich fast nie mehr gerecht werden konnte.

Unter Deck

Nun, nach fast 1000 Worten sind wir auch nun in endlich wieder im Hier und Jetzt angekommen. Mitte März kündigte Nate wieder ein Mixtape an. Dieses konnte man sich allerdings nicht überall vorbestelllen, ne Deluxe-Box war überhaupt nicht geplant. Über eine fehlende Deluxe-Box konnten die meisten wohl gern hinwegsehen. Als ich einen Artikel zur Tracklist des Tapes schreiben durfte, wollte ich meinen eigenen Augen nicht trauen. 32 (!!!) Features auf 16 Tracks, die meisten Namen werden wohl nur den wenigsten etwas gesagt haben. Neben Telly Tellz waren lediglich Sinan49, Haze und Crackaveli und vielleicht noch Ajé überregional bekannt. Natürlich kann man Nate hier nicht wirklich einen objektiven Vorwurf machen. Wenn er Bock darauf hat, kann er sich auch 100 Features auf das Tape packen. Aber auf dem Cover steht doch, dass es sich um ein Solo-Release von Nate handelt, von Nate 57 & Friends ist auf dem Cover nichts zu sehen. Das wird für viele Fans des Hamburger Rappers eine große Enttäuschung gewesen sein, weil im Vorhinein klar war, dass Nate auf Golden-Era Beats wieder komplett abliefern wird. Und ja, er hat wieder einmal abgeliefert. Aber in diesem ganzen Feature-Sumpf geht das wieder einmal komplett unter. Und es ist ja nun wirklich nicht so, dass die Features durch die Bank weg überzeugen . Einige mildern die Qualität der Platte wirklich sehr. Und das ist schade, weil spätestens jetzt wohl der große Rap-Zug für Nate abgefahren ist.

Hype ist nur ein Wort

2010 wurde Nate in einem Atemzug mit Haftbefehl genannt. Nun stehen die beiden an ganz anderen Punkten ihrer Karriere. Während die ganze Straßenrapgemeinde auf den Nachfolger von “Russisch Roulette” wartet, ist das neue Nate Release wahrscheinlich sogar an den meisten Deutschraphörern vorbei gegangen. Eine Promophase zum Release gab es quasi nicht. Im Vorhinein ein Track, dann zum Releasetag den Titeltrack als Videoauskopplung. Natürlich kann man hier wieder sagen: “Ja, scheiß auf Promophasen! Am Ende geht es doch um die Mucke an sich!” Ja, das stimmt ja auch. Aber mit diesem Release hat Nate garantiert keine neuen Zuhörer gewonnen. Wenn man dem Rapper nicht auf seinen Social-Media Kanälen folgt, dann gibt es kaum eine Möglichkeit, von diesem Release mitzubekommen. Interviews zum Mixtape gab es nicht. Dabei gäbe es doch durchaus Themen, die man hätte ansprechen. Alleine über die Beatauswahl hätte man doch richtig stabilen Oldschool-Nerdtalk führen können.

Dadurch, dass es das Release auch ausschließlich im Online-Shop von Rattos Locos zu kaufen gab und dadurch auch nicht streambar ist, tut sich Nate damit wohl auch wieder keinen Gefallen. Musikstreaming darf man durchaus kritisch beäugen, aber gerade einem Nate hätte das durchaus gut getan. Nate hat zurzeit knapp 130.000 monatliche Zuhörer. Aufstrebende Künstler der neueren Generation wie Dardan, Soufian haben diese Zahlen nach einem einzigen Release bereits erreicht oder gar überschritten. Ein Haftbefehl steht zurzeit bei etwas mehr als 320.000 Hörern, obwohl sein letztes Solo-Release im Winter 2015 herauskam. 

Was ist nun eigentlich die Essenz dieses Artikels? Nate57 ist zweifelslos einer der talentiertesten Rapper unserer Zeit und die jetzige Rap-Generation sollte sich glücklich schätzen ihn miterleben zu dürfen. Tracks wie “Mitleid”, “Blaulicht” und “Nur die Starken überleben” werden einige wohl mit ins Grab nehmen. Dazu zähle ich mich auch dazu, obwohl ich niemals je in irgendeiner Weise unter derartigen Umständen gelebt habe, in denen Nates Musikkosmos spielt. Aber genau das macht Nates Musik zum Teil zu zeitloser Kunst. Ein Typ, der mir im Alter von nicht mal zwanzig Jahren zeigte, wie es in anderen Teilen der Gesellschaft aussieht. Und es mir so vermitteln konnte, dass ich es als Neutraler komplett fühlen konnte. Wie hart haben das dann bitte die Leute aus seinem Umfeld gefühlt? Das alles gepaart mit 90er Ami-Beats, einer Stimme, die man auch unter 1000 Rappern wiedererkennen würde, einem unglaublichen Flow und unkopierbarer Delivery machen ihn auch aus technischer Sicht zu einem unglaublichen MC.

Talent ist (leider) nicht alles

Aber was zeigt uns Nate57 auch? Er zeigt uns, dass Promophasen, so nervig sie auch sein können, fester Bestandteil des Rapgames im Jahre 2017 sind. Dass Social Media Aktivität unabdingbar ist, damit man bei den Fans nicht in Vergessenheit gerät. Auf Nate trifft das eventuell nur bedingt zu, da ich mir sicher bin, dass er sehr loyale Fans hat. Doch sollte man das Facebook Game wirklich nicht unterschätzen.

Nate57 ist das perfekte Beispiel dafür, dass man sich von Hype nichts kaufen kann. Vom meist gehyptesten Rapper 2010 ist er mittlerweile zwar ein einigermaßen gestandener Künstler, doch hätte er heute an der Spitze des  Straßenraps stehen können. Mit ein wenig Glück, besseren Beats und etwas mehr Geschäftssinn hätte er das easy gepackt. 

Ein Fler zeigt uns, wie man am besten etwas macht, ohne überhaupt etwas zu machen und damit ordentlich für Aufsehen zu sorgen. Erst hieß das neue Album mit Jalil “Südberlin Maskulin 3”, dann wurde es kurzerhand in “Epic” umbenannt. Der Name konnte sich recht lange halten, ehe per Twitter und Co. das Album wieder für zwei Tage in “Future” umbenannt wurde. Somit hat Fler mit einigen Klicks für viel Gesprächsstoff in der Szene gesorgt. Dass bloß niemand überhaupt die Gelegenheit bekommt, dieses Release zu vergessen. Egal ob man Fan ist oder nicht, man kriegt es zwangsläufig mit. Nate wird das ganze wahrscheinlich wenig jucken. Mit solchen Themen beschäftigt er sich wohl auch nicht. Nate ist ja nicht doof, er wird das wohl alles selbst wissen. Das neue Tape sollte wohl auch nur von der Straße für die Straße sein. Und das ist es auch geworden. Aber stellt euch vor, es wäre das Tape der letzten Jahre geworden – und kaum einer hätte es mitbekommen.

Am Ende sind wir mal wieder bei einem der besten Tracks der deutschen Straßenrapgeschichte gelandet. Im Rapgame 2017 ist das Motto nach wie vor: “Nur die Starken überleben!” Hoffen wir, dass Nate57 und Rattos Locos zu alter Stärke wiederfinden. Oder das Promophasen im Game irrelevanter werden und es vermehrt um Mucke geht. Wie in guten alten Zeiten…

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