Nate57 – “Gauna” (Review)

 

Nate57-Gauna-Cover

Anfang September hatten die Verfolger der Rattos Locos allen Grund zu feiern: Nate gab in Form von „Nie Stille“ erstmals seit langem ein klares Lebenszeichen von sich. Folglich begann eine ausgedehnte Promophase mit dem GeeFuturistic-Brett “Mit der Basy”, “Gesetzlos”, “Kein Para? Kein Sinn!” und der “Hammaburg Studiosession”, bis “Gauna” rund ein halbes Jahr später droppte. 17 Tracks und 54 Minuten später steht fest: Nate ist ordentlich on fire und fast ganz der Alte. Gehen wir chronologisch vor.

Erfreulicherweise entpuppt sich bereits das Intro nicht als flaue Skit-Parabel, sondern als vierminütige Nacken-Bombe. Gefolgt von meinem Favoriten “Alarm“ und “Kein Para? Kein Sinn!” eröffnet der Hamburger sein drittes Studio-Album mit einem Kreuzfeuer echter Headbanger. Es scheint, als füge er sich den bewährten Dogmen des Real-Rap: Auch Inhalt-fütternde Filmschnipsel über den heimischen Kiez vervollständigen als stramm gesetzte Vocal-Cuts den “Gauna”-Funk. Nach dem ersten Drittel der LP riecht es stark nach einem Back to “Stress aufm Kiez”.

Im Mittelteil entspannen sich die Nackenmuskeln ein wenig. Der übliche Grime-Track mit Telly Tellz steht an und weitere Stilwechsel kommen auf. Als musikalisches Highlight entpuppt sich das Moog-Bass-Brett “Mische für Mische” in Kollaboration mit Kalim. Der trockene Vortrag des AON-Rappers unterscheidet sich deutlich von dem des Melodie-affinen Protagonisten und doch liegt beiden gleichermaßen die Smoothness der westlichen Küste – mehr davon bitte! Die inhaltliche Komponente kommt auf “Chaos” besonders zur Geltung. Wie bereits auf den vorherigen LPs zeichnet Nate eine stimmige Kritik an Obrigkeit und System, wobei die “Sie wollen nicht, dass…”-Floskeln doch allmählich ihren Charme verlieren. Besonders gespannt war ich auf die vielen und vielversprechenden Features. Unerwartet positiv rappen Nate, Abdel und Gzuz über die wenigen sonnigen Tage der Hansestadt, wobei letzterer etwas unsicher und unmotiviert klingt. Es scheint, als wolle sich der musikalische Spagat mit Sing-Sang-Hook dem Album-Konzept nicht richtig fügen.

Im abschließenden Drittel neigt “Gauna” zu Nachdenklichkeit und Introversion. Zum gezupften Fado-Sample auf “Saudade” sinniert Nate über seine portugiesische Kindheit und schafft einen harmonisches Gleichgewicht zum undurchdringlichen Alltag des Großstadt-Dschungels.

Rückblickend zeigt sich Nate noch vielseitiger als auf seinen vorherigen Releases. Nach dem beinharten Erstling, dem Mixtape mit Beats aus Übersee und “Land in Sicht” spinnt der Hamburger seine Grundidee gelungen weiter und übersetzt seinen ursprünglichen Stil in die Jetztzeit. Auch wenn das Album mit überdurchschnittlich vielen Hits aufwartet, wird die hohe Track-Anzahl mit einigen Schwachstellen aufgefüllt, ohne die “Gauna” noch stringenter geklungen hätte. Nate 57 ist musikalisch gewachsen und doch bewahrt er seinen gutturalen Dicke-Eier-Flow als Markenzeichen – so wie ihn Fans der ersten Stunde lieben gelernt haben und so wie er mir am Besten gefällt.

 

INTERPRETEN
VÖ Datum: 25. März 2016
Verkaufsrang: 313
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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.
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