Der heimliche König des G-Funk – Zum achten Todestag von Nate Dogg

Die Zeiten haben sich geändert und das ist in gewisser Weise auch gut so. Heutzutage ist Hip-Hop nicht nur salonfähig, sondern auch knallhart im Mainstream angekommen. Auf den Schulhöfen wird Trap gepumpt und auch die über Dreißigjährigen brauchen sich nicht mehr für ihre Liebe zu Snoop Dogg, Too $hort oder ODB zu rechtfertigen.

 

Das war aber nicht immer so. Noch vor einigen Jahren musste man sich als „Hip-Hopper“ – alleine diese Bezeichnung war schon immer von einer gewissen Verachtung geprägt – einiges anhören. Unkundige verrenkten ihre Finger zu peinlichen Gangzeichen oder sagten „Yo!“ – nur um ihrem Gegenüber klarzumachen, wie lächerlich Rap doch eigentlich sei. Noch schlimmer wurde es, wenn sich Westcoast-Rap auf den Tellern drehte. Ice Cube, Mr. Doctor, WC – sie alle personifizierten die Klischees, die von Hip-Hop existierten. Nur eines wollte nicht so recht ins Bild passen: Ab und an erklang ein Gesang, mal im Refrain, mal in der Strophe. Mit schöner Stimme, sauber getroffenen Tönen. Doch beim genaueren Hinhören mit gleicher Thematik. Gemeint ist Nate Dogg. Heute vor acht Jahren ist die Westcoast-Legende viel zu früh verstorben.

Oder um es in der heutigen Sprache der Szene zu sagen: Wo um alles in der Welt war sein Hak?

Snoop Dogg, Ludacris, Mos Def, Eminem, 2Pac, Xzibit, Jadakiss – die Liste derjenigen Hip-Hop-Größen, deren Liedern Nathaniel Hale mit seiner Stimme die nötige Portion Soul gegeben hat, ließe sich fast beliebig lange fortsetzen. Bereits in den Anfangsjahren des G-Funk war er nicht nur als Randerscheinung in Long Beach aufgetaucht. So gut wie auf allen einschlägigen Klassikern der Westküste ergreift Nate Dogg mindestens ein Mal das Mic. Doch gerade angesichts dieser muskalischen Leistung stellt sich doch umso mehr die Frage: Warum hat dieser Mann nie den Fame bekommen, der ihm gebührte? Oder um es in der heutigen Sprache der Szene zu sagen: Wo um alles in der Welt war sein Hak?

Klar, Nate feierte seine Erfolge, nicht zuletzt mit Warren G und seinem Cousin Snoop Dogg als 213. Doch hier wurde ihm das Schicksal zuteil, das wohl die meisten Künstler ereilt, sobald sie sich mit einer Übergröße der Szene in einer Crew zusammenschließen: Snoop übertraf mit seiner Strahlkraft eben auch hier alles. Das alleine war aber nicht der Grund, warum dieser Junge, der eigentlich in geregelten Familienverhältnissen in Mississippi aufgewachsen und für seine musikalische Karriere nach Long Beach gezogen war, nie den wirklich großen Solo-Durchbruch geschafft hat. Denn auch in diesem Fall war da noch ein Mann, der sich Suge Knight nannte.

 

Nates Soloalbum „G-Funk Classics, Vol. 1“ stand quasi schon in den Startlöchern, doch das Release wurde immer wieder verschoben. Künstler wie Tupac und Snoop Dogg waren für den Labelchef von Death Row Records in dieser Zeit einfach wichtiger. Viel schwerer wog jedoch die Tatsache, dass die bereits fertigen Tracks „Ain’t No Fun“ und „Regulate“ nicht für Nate Doggs Album vorgesehen waren, sondern für andere Künstler des Labels – Ersteres landete auf Snoop Doggs Debut „Doggystyle“, Letzteres auf dem „Above The Rim“ Soundtrack. Nate Dogg war hier also wieder nur das Feature, das die Hook singen durfte. Dabei waren es ursprünglich seine Tracks gewesen. Beide Lieder, so wissen wir heute, wurden zu Klassikern der G-Funk Ära. Und bei Beiden, auch das ist klar, liegt das an Nate Dogg.

Denn auch in diesem Fall war da noch ein Mann, der sich Suge Knight nannte.

Erst dreieinhalb Jahre nach „Doggystyle“, im Jahr 1997, erschien dann letztendlich doch „G-Funk Classics, Vol. 1“ – wie vorgesehen auf Death Row Records. Nach nur wenigen Tagen aber wurde das Album auf Geheiß von Nate Doggs Anwalt wieder vom Markt genommen. Die Streitigkeiten mit Suge Knight hatten mittlerweile ihren Höhepunkt erreicht, 2Pac war bereits tot, Biggie Smalls noch lebendig. Ein Gerichtsurteil stoppte also den Verkauf der Platte. Für den kommerziellen Erfolg eines Albums ist das natürlich Gift, die miese Promo tat damals ihr Übriges.

Nate Dogg gründete zusammen mit einem Partner ein eigenes Label, nahm weitere Tracks auf und veröffentlichte sein Album ein Jahr später noch einmal, nun aber unter dem Namen „G-Funk Classics, Vol. 1 & 2“. Während das Release auf Death Row noch gechartet war, gelang das mit diesem Album nicht mehr, denn es war nur als Bootleg erhältlich. Ähnlich schwach lief es für Nate Dogg in Europa, denn hier wurden die beiden Classics separat über Lizenznehmer vertrieben, unter den Namen „Ghetto Preacher“ und „The Prodigal Son“. Außer Props war für Nate Dogg auch hier leider nicht viel drin.

Im Jahr 2000 wurde Nathaniel Dwayne Hale durch ein SWAT-Team festgenommen, weil er seine Ex-Freundin entführt hatte. Auch das war nicht gerade karrierefördernd.

Auch seine beiden folgenden Alben – „Music & Me“ von 2001 und „Nate Dogg“ von 2003 – waren eigentlich schon am Erscheinungstag echte Klassiker, mit hochkarätigen Features besetzt und dennoch kommerziell wenig erfolgreich. Warum nur? Vermutlich trug das Erstarken des Internets zu dieser Zeit einen Teil dazu bei. Vielleicht aber auch der Fakt, dass zu Beginn des Jahrtausends der G-Funk-Zug einfach schon abgefahren war. Zu allem Überfluss geriet Nate – ehemaliger Marine und Mitglied der Crips – immer wieder mit der Polizei aneinander. Körperverletzung, Betäubungsmittel- und Waffenbesitz: Immer wieder krachte es. Im Jahr 2000 wurde Nathaniel Dwayne Hale durch ein SWAT-Team festgenommen, weil er seine Ex-Freundin entführt hatte. Auch das war nicht gerade karrierefördernd.

Doch trotz all dieser kommerziellen Misserfolge blieb Nate Dogg von Anfang an ein Künstler, der nicht nur einem gesamten Genre seinen Stempel aufgedrückt, sondern auch Gegensätze geeint hat. Seiner sanften Stimme konnte sich eben kaum jemand erwehren und so mancher Hit wäre wohl keiner ohne Nate Dogg. Daneben schaffte er es wie kein Zweiter, harte Gangsta-Rap-Lyrik in einen solch souligen Gesang zu packen, dass gerade dem unkundigen Hörer kaum die Tragweite der Texte aufgefallen wären. „Bitch please, fall down to your knee/ been around the movie baby you can blow on me” – selten wurde derlei Explizites klanglich schöner verpackt. Die Lorbeeren hingegen heimsten immer die anderen ein.

 

Nachdem er bereits im Jahr 2007 – noch nicht einmal 40 Jahre alt – seinen ersten Schlaganfall erlitten hatte und infolgedessen halbseitig gelähmt war, folgte ein Jahr später ein weiterer. Ein dritter Schlaganfall am 16. März 2011 letztendlich kostete Nate Dogg mit gerade einmal 41 Jahren das Leben.

Heute, acht Jahre nach seinem Tod und 22 Jahre nach Erscheinen seines Debut-Albums, kann man jedoch eines sagen: Manchmal dauern Dinge einfach zu lange. Doch betrachtet man sein unglaubliches Schaffen, hat Nate Dogg sein Hak irgendwie doch bekommen – leider nur viel zu spät. Es lebe der heimliche König des G-Funk.

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Bei Mr. Doctor gelernt, bei Large Professor den Abschluss gemacht: Ob als Journalist oder einfach nur so, Flo steht auf diesen Hip Hop Scheiß - vom dreckigen Süden bis hoch zur Hansestadt.

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