Music: Tropf (aus der BACKSPIN MAG #110)

Tropf, du bist gerade aus Moskau wiedergekommen, wo ihr zum Tag der Deutsch-Russischen Freundschaft einen Gig gespielt habt. Wie war ́s?

Derbe. Ich bin da vollkommen vorurteilsbeladen hingefahren, von wegen scheiß Russland, scheiß Putin etc.. Aber erstmal denkt man, ach, das ist weit weg, in einer anderen Welt, grau und hässlich. Aber in zweieinhalb Stunden ist man mit dem Flieger da. Und dann sieht man diese ganzen Plattenbauvororte und denkt sich: das ist Steilshoop mal 1000. In der Stadt leben offiziell 11 Millionen Menschen, inoffiziell sollen es sogar um die 16 Millionen sein. Der Verkehr ist ein Albtraum, ständig Staus, überall Unfälle. Aber in der Innenstadt ist es richtig schön. Im Gorki-Park, wo wir aufgetreten  sind, ist es super geil. Der erste Abend war auch noch so ein lauer Sommerabend und du kamst dir vor wie an der Seine:Junge Leute am Rollerbladen.

Hast du den Kontrast gesehen zwischen der Armut und dem unfassbaren Reichtum in der Stadt?

Ich glaube, den siehst du erst, wenn du da länger lebst. Die Penner werden da ja raus- gekarrt, das Superarme kriegst du in der Innenstadt also gar nicht mit. Wir waren mit dem Goethe-Institut da, und die sind ja auch immer so ein bisschen alternativ unterwegs, was cool ist. Abends,nach dem Auftritt, waren wir noch in so einem linken, alternativen Lokal, wo du merkst, es gibt da Jugendliche, die sind wie alle Jugendlichen auf der Welt. Die Entwicklung kann man eben nicht aufhalten. In 20 Jahren wird sich das drastisch verändert haben.

Konntet ihr euch auf eurem Auftritt eine gewisse Kritik am Regime erlauben?

Nicht wirklich. Jan hat ein paar Sprüche gebracht, so PussyRiot-mäßig, aber du merkst, dass die Leute sich nicht richtig trauen, sich in die eine oder andere Richtung zu äußern. Die bejubeln das nicht, sie buhen dich aber auch nicht dafür aus.

Hat der Auftritt euch eigentlich in euren aktuellen Arbeitsprozessen gestört?

Joa, aber das war jetzt der letzte Gig in diesem Jahr. So zum Abschluss nochmal nach Moskau!

Was macht ihr gerade?

Die Beginner– oder die JanDelay-Rock-Platte? Beides. Ich habe irgendwann gesagt, kommt, lasst uns das doch parallel machen. Wenn Dennis kann, arbeiten wir an der Beginner- Platte, und wenn er gerade nicht kann, machen wir an den anderen Sachen weiter.

Warum bist du eigentlich nie Rapper geworden?

Das hat mich Sam auch immer gefragt: Er meinte, ich hätte so eine derbe Stimme, ich müsste auch mal rappen. Tobi und ich wollten tatsächlich ja auch mal einen Track zusammen machen, von wegen die rappenden Produzenten. Das ist aber auch schon wieder lange her. Ich habe übrigens schon mal gerappt, mit 13 oder 14. Allerdings fand ich Deutschrap ganz lange scheiße. Ich hatte Bock, Mucke zu machen. Das war mein Ding! Ich bin auch eher der Typ, der nicht unbedingt im Rampenlicht stehen muss. Ab und zu mal Gespräche zu führen über Themen, die für mich interessant sind, finde ich ja super, aber wenn ich mir vorstelle so wie Jan oder Sam die ganze Zeit nach irgendwelchen Dingen befragt zu werden, da hätte ich überhaupt keinen Bock drauf. Und wenn ich Rapper geworden wäre, wäre ich natürlich ein erfolgreicher Rapper geworden, da wäre das also nicht ausgeblieben. (lacht)

Erfolg hast du dennoch. Wenn man sich deinen Weg anschaut, geht der eigentlich immer nur nach oben…

Jein. Es gab hier und da auch schon auch kleine Dellen. Zum Beispiel die Eimsbush– Pleite, zudem war das zweite DynamiteDeluxe-Album auch nicht der Kassenschlager schlechthin – den Umständen entsprechend war das alles cool, und live war es sehr erfolgreich, klar, aber alles in allem läuft es manchmal so und manchmal so. Und was den Weg mit Jan angeht – da waren die letzten sechs Jahre der Wahnsinn.

Und dennoch willst du nicht weiter ins Rampenlicht?

Nö, überhaupt nicht. Vielleicht liegt das auch an meinem Vater. Der war Dramaturg am Theater, hat im Hintergrund die Fäden gezogen und ist immer bescheiden geblieben. Das kommt da auf jeden Fall ein bisschen mit her.

Trotzdem könnte man aber sagen, dass von dem Punkt an, ab dem Dynamite Deluxe als Band nicht mehr so stark im Fokus stand, du dich als Einzelperson stärker etabliert hast, oder?

Absolut!

Im Rückblick: Wie ist das für dich abgelaufen?

Mit Jan zu arbeiten, hat mich zeitlich befreit. Wir kennen uns, seitdem wir zwölf sind. Wir haben in seinem Kinderzimmer ja quasi zusammen angefangen, Beats zu machen. Aber die Beginner und Dynamite Deluxe – das lief getrennt von einander. Wenn man in so einer Band ist, ein Album macht und dann die Promo, das ist einfach sehr zeitaufwendig. Wir haben dann zusammen die La- Boom-Platte gemacht, einfach aus Bock, das war richtig geil. Und als ich dann die Zeit hatte, ist das natürlich weiter zusammengewachsen und wir richteten uns einStudio ein. Zudem habe ich einen immer besseren Ruf gekriegt als Live-Mischer. Das hat dazu beigetragen, dass ich viel mehr gearbeitet habe.

Wie kam es eigentlich dazu, dass du angefangen hast, als Live-Engineer zu arbeiten?

Das kam mit Jans Reggae-Platte. Angefangen Musik zu machen hatte ja mit Dynamite Deluxe, später hatte ich aber auch bei der Sam Ragga Band Keyboard gespielt. Und als es bei denen dann richtig losging, war fürbmich klar, dass ich das nicht konnte. So ein guter Keyboarder bin ich nicht. Aber ich konnte mir vorstellen, die Konzerte zu mischen. Also meinte Jan, dass wir das probieren sollten.

Ist das Mischen heute dein wichtigstes Geschäft?

Das kommt darauf an, von welcher Warte aus man das betrachtet. Ich bin schon mehr Zeit im Studio als unterwegs. Aber das bedeutet nicht, dass das für mich Priorität hat. Ich finde beides geil. Wenn ich drei Monate im Studio war und Bürojob-mäßig zwölf Stunden am Tag meine Maus bedient habe, bekomme ich extrem das Bedürfnis, in einen Tourbus zu steigen und loszufahren. Wenn ich aber im Frühjahr drei Wochen auf Tour war und den ganzen Sommer über auf Festivals und im Herbst nochmal drei Wochen auf Tour gehe, habe ich auch das Bedürfnis, mal für eine halbes Jahr keinen Tourbus mehr von innen zu sehen.

Noch mal zu La Boom: Warum gab es eigentlich kein zweites Album?

Daraus sind eben Jan Delay und Tropf geworden. Wenn wir zusammen was machen und das wird richtig geil, hat das keine Chance ein La-Boom-Album zu werden, weil das dann eine JanDelay-Platte oder irgendwie so etwas wird. Eigentlich hätten wir da derbe Bock drauf, aber auf der anderen Seite ist es so, dass sich diese ganze Szene wahnsinnig verändert hat, was Qualität und Produktion angeht. Wir müssten uns als erst mal neue Produktionsweisen aneignen. Das haben wir im Zuge der Beginner-Produktion jetzt auch getan. Und bis man dann wieder mit dem, was man macht, so zu- frieden ist, dass man sagt: Ey, das können wir in Konkurrenz stellen mit dem ganzen Kram, der da draußen ist – da sind wir mitlerweile auch viel härter in unseren Qualitätsansprüchen geworden.

Wie beurteilst du die Entwicklung auf der Seite der technischen Möglichkeiten? Wie wichtig ist es für dich, dass es da immer Neues gibt?

Auf der einen Seite ist das sehr wichtig, auf der anderen Seite habe ich aber das Ge- fühl, dass die meisten das total überbewerten. Teilweise ist es so, dass die Geräte, die die Plug-Ins simulieren, 30 Jahre alt sind, und ich mit denen schon gearbeitet habe. Wenn ich jetzt einen Urei-Kompressor in meinem Computer habe, ist das natürlich sehr praktisch und sehr geil und der klingt auch super, aber das ist für mich letztlich nichts Neues. Andererseits kenne ich aber vieles auch nicht richtig. Ableton Live zum Beispiel habe ich noch nie angefasst. Ich bin zu 100 Prozent Logic. Mein Setup im Studio ist seit drei Jahren dasselbe. Im Prinzip braucht man immer das Richtige für den entsprechenden Zweck. Das ist das, was ich über die Jahre gelernt habe. Weniger ist mehr. Anders gesagt: Egal, wie viele Programme und Plug-Ins ich auf meinem Rechner habe – all das bedeutet trotzdem noch nicht, dass die Quelle geil ist.

Was meinst du mit der Quelle?

Meine große Lehre aus der ganzen Zeit ist, dass es das Wichtigste ist, bei der Quelle anzufangen. Zum Beispiel bei einem Vocal- Mic: Ich kann die tollsten Plug-In-Ketten für Vocalbearbeitung haben, aber die werden dir nichts nützen, wenn die Aufnahme scheiße ist. Bei „Mercedes Dance“ zum Beispiel hatten wir uns noch nicht viel mit dem Thema Live-Aufnahmen beschäftigt. Das war auch alles ok so. Aber für die Bahnhof-Soul-Platte haben wir, bzw. primär ich mich hingesetzt und Research betrieben. Dann sind wir in ein krasses Aufnahmestudio gegangen und haben zum Beispiel getestet, welche Snare welches Mikrofon braucht. So etwas ist für die Aufnahme sehr wichtig. Beim Mischen kann man schließlich nicht zaubern.

In welchem Studio wart ihr, um das alles zu testen?

Im Vox Klangstudio von Volker Heintzen in Bendestorf, der ist der Truck-Stop-Mischer und wirklich ein ganz lieber Mensch, ein echtes Urgestein. Ohne ihn hätte das alles viel länger gedauert, der war eine große Hilfe. Interessant, dass man auch als Rap- Mensch, der einen früher dafür ausgelacht hätte, dass man den Engineer von Truck Stop zur Hilfe holt, irgendwann dahinkommt zu sagen: Zum Glück haben wir den getroffen… Absolut. Die Scheuklappen sind mir inzwischen abhanden gekommen, aber die hatte ich früher voll, klar. Das passiert eben zwangsläufig, wenn du einen gewissen Anspruch an dich selber hast und dich dafür öffnest. Dann merkst du eben, dass der Typ von Truck Stop der krasseste sein kann. ́

Wie dominant bist du als Produzent?

Es kommt darauf an. Bei Jan zum Beispiel brauche ich nicht dominant zu sein, weil er eine ganz klare Vorstellung von dem, was er will, im Kopf hat. Er ist ja quasi sein eigener Produzent. Wir stehen ja auch immer beide als Produzenten auf den Platten drauf. Bei anderen Leuten wiederum bin ich durchaus dominant. Vor allem, wenn ich die noch nicht so gut kenne und nicht so gut einschätzen kann. Wenn man dann mit Leuten was aufnimmt und merkt, die daddeln nur rum, dann kann ich durchaus mal auf den Tisch hauen und sagen: Dein Sound ist nicht geil, wir machen das jetzt so und so.

Wer sind denn die?

Sag ich nicht. (lacht)

Wir kennen dich im Zusammenhang mit Jan Delay, mit Samy Deluxe, mit Marteria. Aber es gibt noch mehr?

Aktuell arbeite ich auch mit Rakete, das heißt, ich gebe denen ein bisschen Hilfestellung. Wenn die mal bei einem Mix nicht weiterwissen, kommen die zu mir. Ab und zu kriege ich außerdem von Kollegen ein paar Leute hergeschickt mit der Bitte, denen zu helfen. Namen will ich da aber keine nennen. Das ist meistens ein Gefallen, den ich aber nur leiste, wenn ich darauf auch Bock habe.

Hat sich aus deiner Sicht eigentlich die Qualität der Rap- Konzerte im Allgemeinen verbessert?

Tut mir leid, wenn ich das sagen muss, aber oft empfinde ich es als Frechheit, wofür da Eintritt verlangt wird. Es gibt immer noch zu viele, die scheinbar keinen Bock haben, die Gage und den Transport für einen eigenen Mischer zu zahlen, wenn man auch mit dem vor Ort arbeiten kann. Oder die sich fragen: Wozu proben? Ich bin doch eh der geilste. Letzten Endes aber zeigt sich, dass die, die auf so etwas Wert legen, doch den längeren Atem haben.

So wie Marteria?

Genau. Das erste Marsi-Album lief bei uns im Tourbus auf Heavy Rotation. Und dann haben wir ihn als Vorgruppe bei Jan mitgenommen. So lernten wir uns kennen. Das war sofort Freundschaft. Ich habe mich so gefreut als die gefragt haben, ob ich sie mischen will. Und mir graut es schon vor der Zeit, wo ich sagen muss: Es tut mir furchtbar Leid, aber diese Tour kann ich nicht mitfahren und diesen Sommer habe ich auch nur Zeit für zwei Festivals. Wenn das Verhältnis irgendwann kippt und du mehr Shows nicht machen als mitmachen kannst, dann musst du auch so ehrlich sein und sagen: Holt euch einen, der immer für euch da ist und ich komme dann, wenn Not am Mann ist.

Wenn ihr auf Tour geht: Was bringt ihr an Technik mit und was ist da?

Von nichts bis alles, das variiert. Bei Jan bringen wir alles mit, bis auf die Bühne, die Podeste und so etwas. Aber die Anlage, das Licht, die Leinwände, wenn man welche hat, die Pulte, die Mikrofone, das mieten wir alles vorher und bringen das dann mit.

Was gibt es in diesem Bereich für technische Neuerungen, die dir das Leben leichter machen?

Wenn es um Boxen geht, ist ein wahnsinniger Quantensprung passiert: Line Arrays. Das sind Boxen, die hängen links und rechts so Bananen-mäßig am Bühnenrand. Früher hast du einfach die Boxen übereinander gestellt. Je lauter du sein wolltest, desto höher wurde der Turm. Mit den Line Arrays ist es so, dass jede Box einen bestimmten Teil vom Publikum beschallt. So hat man von der ersten Reihe bis zur hundertsten einen Abfall von vielleicht 2 oder 3 dB. Wenn du also am FOH, dem Pult des Mischers, richtig laut machst, sterben die Leute in der ersten Reihe nicht gleich. Diese Boxen haben den Sound auf Festivals aber auch in Clubs richtig verbessert. Außerdem sehr spannend ist, wenn wir mit Jan unterwegs sind, dass wir uns vorab die Hallendaten herunterladen können. Damit bekommst du eine 3D-Aimation der Halle und die simuliert dir, wie du die Halle mit welcher Anlage beschallst, das funktioniert inzwischen auch richtig gut.

Welche Konzerthalle in Deutschland ist dir denn die liebste?

Das ist schwer zu sagen. Der Ringlokschuppen in Bielefeld ist richtig geil. Es kommt aber immer auf die Größe an. Die O2- World in Berlin ist deutlich besser als die in Hamburg. Aber warte: Die Columbiahalle in Berlin ist die geilste Halle in Deutschland!

Was war die größte Location, in der ihr bisher gespielt habt?

Die Schalke-Arena, da haben wir vor den Chilli Peppers gespielt, das war richtig geil. Da waren 44.000 Menschen. Da haben wir den Amis mal gezeigt, wie geilen Sound man machen kann. (lacht)

Machst du nebenher noch weiter Beats?

Klar, bringt Riesenspaß. Ich habe keine Ahnung, was jetzt draus wird, aber ich habe alles Mögliche gemacht. Mal nen Dubstep- Beat und mal was anderes. Leider ist immer zu wenig Zeit da. Vorspielen würde ich die aber erst mal niemandem.

Und wann gibt’s wieder einen Release?

Eine erste Auskopplung kommt hoffentlich zum Sommer, und vielleicht dann im September die Platte. Das ist ja bisher immer so unser Rhythmus gewesen.

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