Music: Mobile Mondays in New York City (aus BACKSPIN #115)

Seit März 2011 lockt der Club Bowery Electric Vinyl- und Musikliebhaber Montag für Montag in Manhattan, New York City, zu einem ganz besonderen Abend. Auf den „Mobile Mondays“-Partys werden primär 45s gespielt, Serato oder Traktor Scratch gibt es hier nicht. Ob es allein daran liegt, dass man hier eine äußerst sympathische Party-Crowd antrifft? Unser Autor Sticky Dojah hat mitgefeiert …

NYC. Die Lower East Side an einem milden Montagabend im Frühjahr. Wir sind gerade in New York angekommen, noch etwas geschlaucht von der langen Reise. Die Kumpels machen schlapp, doch ich ziehe los. Mein Ziel liegt zehn Blocks entfernt in südwestlicher Richtung. Dann dummerweise mal wieder den klassischen Touri-Fehler gemacht und den Ausweis im Hotel vergessen. Doch Carlos, der Türsteher, zeigt Verständnis. Nach einem kurzen Gespräch mit dem deutschstämmigen Manager wird mir Einlass gewährt. Der Club heißt Bowery Electric, die Party „Mobile Mondays“ – eine Party, auf der nur Vinyl-Singles gespielt werden.

Das Bowery Electric steht in der Tradition von Lokalitäten wie dem CBGB und dem Negril, einem der ersten Hip-Hop-Clubs in New York in den frü- hen Achtzigern. Schon beim ersten Schlendern entlang der Bar fällt mir die besondere Mischung der Gäste auf. Links ein paar Typen in Anzügen, in der Mitte eine Gruppe von amboyant gekleideten New Yorker Mädchen, die es so nur in dieser Stadt gibt. Rechts in der Ecke entdecke ich Psycho Les von den Beatnuts, der lässig an einem Cocktail schlürft und mit seinen Kumpels abhängt. Dahinter Evil Dee von den Beatminerz, der angeregt im Gespräch ist mit BreakBeat Lou, dem Begründer der „Ultimate Breaks & Beats“-Serie, die in den späteren 1980er-Jahren mitbestimmend für den damaligen Sample-Sound war. Meine romantische Vorstellung von Hip-Hop-Clubs in den Anfangstagen der Kultur findet hier ihre Entsprechung. Ich bin angekommen.

An den Plattenspielern legt gerade der Begrün- der der „Mobile Mondays“ auf: Michael „Operator Emz“ Greene. Er ist eine dieser unknown legends im großen Apfel. Aufgewachsen in Harlem und der Bronx, begann er unter dem Namen Emz One als Writer. Schon als Teenager verdiente er sich seine Sporen bei diversen College-Radios an der Ost- und Westküste. Zudem arbeitete er für Labels wie etwa Interscope (wo er an der Promotion von „The Chronic“ beteiligt war) und Loud Records. Nach Jahren in der Musikindustrie fokussierte er sich dann auf das Produzieren und das Organisieren von Veranstaltungen. Er produzierte beispiels- weise für Cyndi Lauper, Joell Ortiz und M.I.A. Auch Adidas zeigte sich an ihm interessiert und lud ihn nach Herzogenaurach ein, wo er eine limitierte Ausgabe des Pro Models mitgestaltete („Operator Emz Edition“). Mehr Hip-Hop geht kaum.

Nachdem er gekonnt seine Disco-Singles ineinander mischt, übernimmt Joey Carvello an den Plattenspielern. Joey ist ebenfalls eine Legende im New Yorker Nachtleben. Bereits Mitte der 1970er- Jahre startete er als Disco-DJ, er schrieb ein Buch darüber („That’s Disco Before Travolta“) und war etwa der Entdecker von Lil Jon, dessen frühe Hits er promotete. Der Mitsechziger ist ein absoluter Impresario, der gerne gute Geschichten aus der Industrie erzählt. Als nächstes steht Natasha Diggs bereit. Die aparte New Yorkerin rockt ein- mal im Monat den Club Sankeys zusammen mit Q-Tip und zählt zur Speerspitze der Frauen unter den New Yorker DJs. Kurz nach ihr übernimmt Mike Cobbs, der im legendärenPlattenladen A-1 Records arbeitet und sich spezialisiert hat auf New Yorker Dance-Klassiker. Wenig später geht die Tür auf und Just Blaze hat seinen Auftritt: Mit einem Daft-Punk-Helm unter dem Arm stürmt er mit zwei Kisten voller Singles in die DJ-Booth und verdeutlicht einmal mehr, warum er neben seinen Produzentenkünsten zu den besten 45-Single- DJs gehört. Vom „Psycho“-Soundtrack über rare Pressungen von aktuellen Nas-Hits spielt er sich durch bis zu seltenen Electro-Scheiben. Viele da- von rockt er als Doubles und es bildet sich eine kleine Menschentraube vor der Booth, die ihm beim Auflegen zusieht. Keine Frage, seine Samm- lung gehört zu den größten und bestsortiertesten der Welt, und es macht ihm sichtliche Freude, die raren Scheiben auszupacken. In den frühen Morgenstunden taucht dann noch Misbehaviour auf, eine DJane aus London, die sich auf Reggae spezialisiert hat und mit Foundation-Tunes die Party ausklingen lässt. Das Team ist vollzählig, die Party zur closing hour vorbei. Ein ganz normaler Montag in New York City.

In der darauffolgenden Woche treffe ich Operator Emz und die Promoterin Miss Rebecca in den Räumlichkeiten des lokalen Radios von Miss Lily’s, wo sie mir Rede und Antwort stehen über die Beweggründe hinter „Mobile Mondays“.

 

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