Music: Four Music (aus BACKSPIN MAG #116)

Bevor die Ära von Fitz Braum bei Four Music zu Ende geht, leitet er – ob bewusst oder unbewusst – noch seine indirekte Nachfolge ein. Nachdem Michael Stockum 2004 ein Praktikum bei Four Music absolviert hat, meldet sich Braum einige Monate später bei ihm. Er fragt, ob Stockum einen guten A&R kenne. „Ich meinte dann eher scherzhaft, dass mir, außer mir, keiner einfällt. Und dann fragte er mich: Was meinst du, warum ich anrufe?“ Braum bietet Stockum einen Posten als Junior-A&R an. Doch der zaudert. Er hat in Darmstadt mit Kehlkopf Aufnahmen sein eigenes Label am Laufen und gerade eine Verlagsedition gegründet. Stockum bittet Braum um Zeit. „Ich meinte zu ihm: gib mir ein Jahr, dann könnte es klappen.“ Die Zeit vergeht. Stockum hat die Sache schon fast abgehakt. „Ich dachte, ich hätte da die Chance meines Lebens verpasst“, sagt er. Doch ein Jahr später klingelte sein Telefon und Fitz Braum ist in der Leitung. „So, das Jahr ist vorbei, ich habe dir einen Flug gebucht und ein Hotel für Freitag. Du kommst her und wir verhandeln deinen Vertrag, ok?“, habe er zu ihm gesagt, erzählt Stockum. Vor Braums Abschied entsteht mit Nesola ein Sub-Label von Four Music. Von Max Herre, Joy Denalane, Sophie Raml und Götz Gottschalk gegründet, kümmert sich Nesola um das Künstlerische, während Four Music die Promotion besorgt. Das Mutterhaus Sony Music übernimmt den Vertrieb. „Four war da sehr eng involviert“, sagt Max. So löst sich die geschäftliche Verbindung zwischen Nesola und Four Music auch erst 2012 auf, als Nesola zum „Hallo Welt“-Album mit Universal zu arbeiten beginnt. „Bei Sony wie auch bei Four hatte sich vieles geändert“, kommentiert Max. Zumal die Verhandlungen für eine Vertragsverlängerung nicht mehr mit Four Music geführt wurden, sondern mit Sony Music in München. Das waren also komplett andere Voraussetzungen. “2007 schließlich geht die Ära von Fitz Braum zu Ende. „Wenn man an den Majorteufel verkauft, wird man natürlich zerschlagen und als Geschäftsführer auch rausgeschmissen. Ist doch klar, würde ich auch machen“, sagt Braum rückblickend und lacht. Dass er „nicht rechtzeitig genug“ von selbst ausgestiegen ist, bezeichnet er als seinen größten Fehler in Bezug auf Four Music. Das hätte ihm, meint er, die „echt harte Zeit danach“ erspart. Tatsächlich kann man Braums Verdienste um das Label und damit auch um die deutsche Mu- siklandschaft kaum genug würdigen. Als Kopf von Four Music trug er einen maßgeblichen Teil zur Etablierung und zum Erfolg des deutschen Rap bei. Zudem festigte er mit Gentleman den hiesigen Reggae und begründete mit der Veröffentlichung von Joy Denalanes „Mamani“ den deutschen Soul. Er gab Künstlern wie Clueso viel Zeit für deren Entwicklung und verhalf ihnen so zu ihrem Status und Erfolg. „Ich finde, man muss ihm ein Denkmal bauen“, sagt dann auch Max Herre. Claudia Trede sieht das nicht anders. Auf FitzFour Music  Braum folgt Mark Löscher als Ge- schäftsführer und Kopf von Four Music. „Der ist auch noch aus der alten Clique gewesen“, sagt Max Herre. „Fitz war bis zu diesem Zeitpunkt mein Mentor“, erzählt der neue Geschäftsführer. Die neue Situation verunsichert ihn ein wenig. Würde man sich bei Sony Music dazu entschließen, Four Music dicht zu machen?, fragt er sich zum Beispiel. Bekanntlich kommt es anders. Edgar Berger äußerst sich unmissverständlich für den Erhalt von Four Music, spricht Mark Löscher sein Vertrauen aus und stellt ihm Philip Ginthör zur Seite. „Trotzdem war der Anfang schwierig“, erinnert Löscher. „Ich glaube, ich habe nie vorher so viele Gespräche und Meetings gehabt wie zu dieser Zeit. Wenn jemand wie Fitz, der das Schiff sozusagen mitgebaut hat, von Bord geht, dann gibt es von Seiten der Künstler eine Menge Fragen. “Neben Four Music entsteht zu dieser Zeit noch ein weiteres Label: Columbia Berlin, was vornehmlich von betrieben wird. Hier veröffentlichen zum Beispiel Wir Sind Helden oder Jupiter Jones. Die Promotion der Bands übernimmt das Four-Music-Team. Aber auch Rap-Künstler, die nicht direkt bei Four unter Vertrag stehen, sondern beim Mutterhaus in München, werden zu dieser Zeit von dem Label betreut. So kommt es dazu, dass Massiv für sein Album „Meine Zeit“ 2009 mit Four Music zusammenarbeitet. Als ersten Künstler seiner Ära nimmt der neue Four-Music-Junior-A&R Michael Stockum Miss Platnum unter Vertrag. Zudem arbeitet er mit Gentleman, Clueso sowie mit den Yo-Mama!-Künstlern Dendemann und Nneka. Miss Platnum hat er im Übrigen seinem späteren Arbeitskollegen Volker Mietke vor der Nase weggeschnappt. Mietke arbeitete zunächst bei Universal, bevor er 2008 zu Four wechselt, und hatte ebenfalls ein Auge auf die Sängerin geworden. 2010 gehen schließlich auch die restlichen Anteile der Four Music GmbH an Sony Music. Das 1996 von den Fantastischen Vier gegründete Label wird damit zu einer „Kreativzelle“ des in München ansässigen Major-Labels. Parallel verlassen einige langjährige Mitarbeiter die Firma. So geht etwa Susanne Beck (nicht verwandt oder verheiratet mit Michi Beck), die viele Jahre die Presse- Promotion von Four Music gemacht hat. Und auch Ana Morales verlässt seiner Zeit das Label. Claudia Trede hingegen bleibt der Firma noch bis 2012 als feste Mitarbeiterin erhalten. Aus der Four– Welt verschwunden sind viele der ehemalige Mitarbeiter dennoch nicht. Susanne Beck etwa macht sich selbstständig und arbeitet bis heute immer wieder auch für ihren alten Arbeitgeber als Presse-Promoterin. Genau wie Claudia Trede, die als Freie TV-Promo-Jobs übernimmt oder Ana Morales, die aktuell das Produkt-Management für Patrice macht. „Es kreuzen sich immer mal wieder die Wege“, kommentiert Ana Morales. „Es war ja auch eine schöne Zeit, die ich in keinem Fall missen möchte!“

2011 verlässt dann auch Mark Löscher Four Music. „Wenn man 13 oder 14 Jahre mehr oder weniger in derselben Firma auf ähnlichen Position das Gleiche gemacht hat und irgendwann auf die 40 zugeht, fragt man sich, was wohl in 10 Jahren passieren kann“, erklärt Löscher die Beweggründe für seinen Abschied. Zudem betrachtet er seine Aufgaben zu diesem Zeitpunkt „als ein Stück weit erledigt“, sagt er. „Wir hatten da ja eine Zeit, in der alles funktioniert hat, was wir angepackt haben – ob das nun Casper war, Marteria, Wir Sind Helden, Jupiter Jones oder Hurts.“ Also entschließt er sich, etwas Neues anzufangen. Heute arbeitet Mark Löscher als General Manager für die Hörstmann Unternehmensgruppe, die etwa das „Melt!“-Festival orga- nisiert, das „Berlin Festival“ und auch mit dem „splash!“ eng zusammenarbeitet. Weiterhin an Bord ist der „Online-Verantwortliche“ Markus Roth, der heute als dienstältester Mitarbeiter des Labels gilt. Was Roth 1999 als One-Man-Show startete, ist heute zu einem fünfköpfigen Team gewachsen, dem er vorsteht und das von München und Berlin die Online- Aktivitäten sowohl von Four-Music– als auch von Columbia– und Epic-Künstlern betreut. Volker Mietkes erstes Signing für Four Music ist Marsimoto bzw. Marteria. Zu diesem Zeitpunkt haben, erinnert er, viele in der Industrie nicht mehr an Hip-Hop geglaubt. Also sagt man sich bei Four: „Jetzt erst recht!“ Das intern ausgegebene Ziel: „Hip-Hop wieder geil machen“ – und zwar durch antizyklisches Handeln. Nicht lange danach gewinnt Michael Stockum Casper für Four. „Die beiden sind für mich nach wie vor die zwei Speerspitzen im Deutschrap“, sagt Volker Mietke. Generell geht es den bei- den darum, diejenigen herauszufiltern, die „für uns besonders sind, die eigenständig sind und vielleicht auch mal über Hip-Hop hinaus performen und verkaufen können“, erklärt Mietke. Freilich spielt auch der persönliche Geschmack eine Rolle, räumt Michael Stockum ein. So gibt es einerseits natürlich Geschäftsziele sowie eine Philosophie, der man zu folgen versucht und wo man „auf bestimmte Art und Weise mal über seinen Schatten springen muss“, sagt er. Aber man kann eben auch nicht „glaubwürdig vertreten, was man macht, wenn man es nicht gut findet“. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass man das nicht für sich selbst macht, weiß Volker Mietke. „Man möchte die Musik ja auch mit vielen Menschen teilen“, sagt er. Besonders viele Hörer findet 2012 ein einzelner, auf Four Music veröffentlichter Remix von Asaf Avidans „Reckoning Song / One Day“ vom Berliner DJ Wankelmut. Das Video auf YouTube hat Mitte Juni knapp 100 Millionen Klicks. Die Single steht sieben Wochen lang auf Platz 1 der deutschen Singlecharts. Mit ihrer Philosophie handeln Volker Mietke, der heute Head of Four Music ist, und Michael Stockum, der heute Director A&R of Four Music ist, im Sinne ihrer Vorgänger. Fragt man diejenigen, die Four aufgebaut haben, nach ihrem Blick auf ihr Baby, hört man jedenfalls nur Gutes. „Die Philosophie wurde teilweise beibehalten“, sagt Michi Beck. „Vieles, was da nach uns rauskam, hätte auch mit uns rauskommen können.“ Auch Fitz Braum, der von Sony Music geschasste Vater des Labels, findet es „großartig, was die Jungs da jetzt machen. Ich bin Fan von Marteria und Casper!“ Max Herre sieht es nicht anders. „Es ist den A&Rs zu verdanken, dass Four Music in den letzten drei, vier Jahren wieder so ein Pro- l bekommen hat“, sagt er. Für ihn sind Michael Stockum und Volker Mietke „die richtigen Leute mit den richtigen Motiven“.

Auch dass das Produzenten-Team The Krauts unter Vertrag genommen wurde, findet er einen guten Schachzug. Das Produzenten-Team erweist sich in vielerlei Hinsicht als gute Connection. So hat Volker Mietke seiner Zeit Marteria mit ihnen bekannt gemacht. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist das großartige „Zum Glück in die Zukunft“– Album sowie das mit Platin ausgezeichnete „Lila Wolken“-Projekt. Mit Yashas Album „Weltraumtourist“ liefern sie diesen Sommer die nächste Spitzenplatte ab. Ein gutes Auge zeigt Four Music auch, als Chakuza unter Vertrag genommen wird. Viele hatten den Österreicher längst als ersguterjunge-Rapper abgespeichert. Auf Four zeigt er dann eine andere Seite, die nicht nur überrascht, sondern auch hervorragend zu seiner neuen Labelheimat passt. Damit haben nicht viele gerechnet. Auch beim Label selbst war nicht jeder sofort Feuer und Flamme. Andere hingegen sind angetan von den neuen Arbeiten des Österreichers und tun das auch kund. „Casper hatte schon vor mir erste Demos gehört und sagte daraufhin: Hör dir das ruhig mal an, das ist echt gut“, erzählt Michael Stockum. Was er dann hört, überzeugt ihn. Die Songs von „Magnolia“ hält er jedoch nicht für eine „180°-Drehung“. „Er hatte schon früher deepe Songs und hat mit ‚Magnolia’ einfach an diesem Punkt wieder angeknüpft, zudem hat er sich als Mensch weiterentwickelt und ist erwachsen geworden, was man nun in seinen Songs hören kann“, findet Stockum. Neuester Rap-Act bei Four Music ist Lance Butters. „Der scheißt einfach komplett auf alles und macht sein Ding. Das hat großen Respekt verdient“, meint Michael Stockum. Die Stärken von Four Music sind damals wie heute die gleichen. Der Vibe, das kleine Team, das mit hundertprozentiger Überzeugung arbeitet und sich komplett mit der Marke Four Music identifiziert „sind ein schönes Erlebnis für die Künstler“, sagt Volker Mietke. Man kann sich gegenseitig vertrauen. Unterschreibt ein Künstler heute bei Four, so wird er das nicht tun, weil er hier das meiste Geld bekommt, sondern weil alle Beteiligten davon überzeugt sind, dass man zusammen als Team „super funktionieren“ wird, glaubt Michael Stockum. Wichtig sei zudem, dass man sich nicht davon beirren lässt, dass für die erste Platte mal mehr Geld ausgegeben wird als man einnimmt, erklärt Volker Mietke. Es komme eben auf die Langstrecke an. In der Konzernzentrale in München scheint man das ähnlich zu sehen. Und so stehen die Zeichen gut, dass weiterhin Spannendes, Bahn- brechendes auf jenem Label erscheint, das 1996 erst mal als Spielball und Altersvorsorge für die Fantastischen Vier gegründet wurde. Und auch wenn die Vier heute nur noch Gesellschafter der Four Artists GmbH und nicht mehr der Plattenfirma sind, wird man sich um ihre Rente keine Sorgen machen müssen.

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Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

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