Music: Four Music (aus BACKSPIN MAG #116)

 

Ende der 90er betritt Four Music abermals Neuland. Das Internet hält gerade bei der breiten Masse Einzug. Und da die Fantas „immer vorne mit dabei waren, wenn es um technologischen Fortschritt ging, war Online im Allgemeinen schon damals für sie ein Thema“, erzählt Markus Roth. Der Stuttgarter hat sich „schon relativ früh“ für Musik-Vermarktung im Netz interessiert. 1999 tritt er bei Four Music den Job des Online- Marketing-Menschen an. Für einige „alte Medien“ sei der „Onlinebereich damals noch schwer einzuordnen gewesen und der eine oder andere Künstler hatte damals nur wenig Erfahrung mit dem Internet“, erinnert sich Roth. Bis 2005 betreut er in einer One-Man-Show die Online-Marketing-Sparte von Four Music und kümmert sich um die Netz-Aktivitäten der Künstler. Dann bekommt er Verstärkung. Mit den Jahren sind auf Four Music zahlreiche Releases verschiedenster Künstler erschienen, darunter die Turntablerocker, der von Michi Beck an den Start gebrachte Clueso, Manumatei, Thomas D, Phono, Afrob, DJ Friction, Y Files, Franky Kubrick, Kaleidoskop, Tiefschwarz. Was anfangs den Anschein eines klassischen Rap-Labels erweckte, ist inzwischen zu einem breit aufgestellten Haus in Sachen urbaner Musik geworden. Einige Signings scheinen dennoch aus dem Rahmen zu fallen. Die Lemonbabies, die Ende der 90er zu Four Music kommen, passen auf den ersten Blick musikalisch nicht ins bisherige Schema der Stuttgarter. Dazu erscheinen in Deutschland Platten von The Pharcyde über Four. „Mit The Pharcyde kam damals Michi Beck an“, erinnert Mark Löscher. Four Music hatte seiner Zeit die Werke der Gruppe aus Los Angeles von deren Label Delicious Vinyl für Deutschland lizensiert. Um ihr Album „Plain Rap“ zu promoten, holte das Label die Crew über den Atlantik. „Dazu gibt es eine lustige Anekdote“, lacht Mark Löscher. „Als wir mit denen unterwegs waren, fragten wir immer, ob wir zusammen etwas essen oder trinken gehen. Aber die Antwort war stets: Nein, bei uns ist alles gut. Als wir dann abends im Hotel an der Bar saßen, haben wir die Jungs beladen mit McDonald’s-Tüten auf ihre Zimmer gehen sehen. Am nächsten Morgen gingen wir also auf sie zu und meinten, dass sie doch einfach sagen sollten, dass sie Hunger hätten und wir dann ja zusammen was essen gehen könnten. Da kam heraus, dass sie Angst davor hatten, dass alles, was wir zusammen verzehren, mit deren Lizenzeinnahmen verrechnet werden würde. Ihr Vertrag mit Delicious Vinyl hatte das so geregelt. Nur: so etwas ist in Deutschland absolut unüblich. Aber darum nahmen die nie unsere Einladungen an. “Neben all den Releases freilich gibt es auch diverse Acts, über die die Four-Macher intern diskutierten, die aber am Ende keine Mehrheit in Stuttgart fanden. „Zum Beispiel hatte ich da- mals Seeed auf meinen Schreibtisch liegen“, erzählt Smudo. Und auch Deichkind habe er mal vorgeschlagen. 2002 bricht Four Music in Stuttgart die Zelte ab. „Es ging nicht mehr weiter voran, die Basis war leer gesignt“, erinnert Smudo. „Dazu hat die Stadt nicht diesen dauernden kulturellen Output.“ Also ziehen die Schwaben in die Hauptstadt. Allerdings weniger, weil man sich sagt, dass in Berlin etwas passieren würde, wo man unbedingt dabei sein müsse. Vielmehr ist Fitz Braum Berliner im schwäbischen Exil und wünscht sich eine Rückkehr in seine Heimat. „Es gab damals ein legendäres Abendessen mit der Firma, auf dem wir abgestimmt haben, ob wir nach Berlin gehen oder nicht“, erzählt Ana Morales. „Und es wurde Berlin!“

Also machte sich ein Team von lauter Mitte-20-jähriger auf an die Spree. Nur ein einziger Mitarbeiter bleibt seiner Zeit aus familiären Gründen in Stuttgart. Mit dem Umzug ergeben sich auch standorttechnische Vorteile. Sony Music war von Frankfurt nach Berlin gezogen, MTV war von München in die Hauptstadt gezogen. Dazu gibt es wohl in keiner Stadt des Landes mehr Konzerte zu sehen. „Wären wir in Stuttgart geblieben, wären wir nur noch am Reisen gewesen“, erinnert Ana Morales. Und noch etwas anderes tut in der Hauptstadt auf. Wie Braum erzählt, gab es seiner Zeit in Berlin auch mal Gespräche mit Specter und Sido. „Allerdings wollten die immer nur wissen, wie wir es machen. Irgendwann habe ich also gesagt: Ey Specter, ihr wollt doch einfach nur besser sein als wir. Dann meinte er: Ja, stimmt. Also sagte ich: OK, dann geht doch zu Groove Attack und macht es so und so. Das war’s. Aber wir haben uns gut verstanden. Ich fand den immer geil, ich fand auch das Label immer geil.“2003 folgt ein weiterer Paukenschlag. Yo Mama’s Recording Company wird von der Krise im Musikgeschäft derart hart getroffen, dass die Hamburger darüber nachdenken, das Label zu schließen. Damit wäre ein großes Stück Tradition und Rap- Geschichte in Deutschland gestorben. Der Tobi & das Bo, Fettes Brot, Fünf Sterne Deluxe, Patrice, Nneka, Eins,Zwo, DJ Koze – sie alle hatten über das von André Luth geführte Label veröffentlicht. Als Fitz Braum davon erfährt, entschließt er sich zu handeln. Er ruft die Beteiligten zusammen und am Ende steht der Entschluss, das Label weiterzubetreiben. Fortan kümmert sich also Four Music um die Veröffentlichungen der Yo-Mama-Künstler. „Wir waren damals in der Situation, dass wir weiter wachsen wollten“, erinnert auch Mark Löscher. „Die Künstler passten zu uns, wir haben uns gut verstanden und aus wirtschaftlicher wie strategischer Sicht war das ein guter Move. “Im September 2004 erfährt Four Music einen weiteren Höhepunkt. Fünf Alben veröffentlicht das Label in dem Monat, davon landen vier in die Top5, die Alben von Max Herre und Gentleman gehen gar auf Platz 1. Und das mit einer Mannschaft von 13 Leuten, die die Veröffentlichungen bearbeiten. Dazu findet in dem Jahr der Eröffnungsabend der Popkomm ausschließlich mit Four-Artists-Künstlern statt. Zu dieser Zeit wird auch Fine gegründet, ein Sub-Label von Four Music in London. Hier erscheinen verschiedene Dance-Releases wie zum Beispiel die von Mocky, die von London aus in Europa aber auch in den USA und Kanada vermarktet werden. Die Krise, die die Musikbranche in den 00er Jahren trifft, geht jedoch auch an Four Music nicht spurlos vorüber. „Unsere Überlegungen waren – wie man auch gesehen hat – unser Roster noch weiter zu verbreitern“, erzählt Mark Löscher. „Gleichzeitig waren wir mit die ersten, die Leute eingestellt haben, die nichts anderes machten als den Backkatalog zu digitalisieren, um so gut und schnell wie möglich den digitalen Markt erobern zu können.“ Tatsächlich ist Four Music eines der ersten Labels in Deutschland, das einen Deal mit iTunes und anderen Download- Plattformen einfädelt – noch bevor die Majors soweit sind. Zudem fasst man Markenkooperationen ins Auge, um „für kleines Geld große PR fahren zu können“, erzählt Mark Löscher. Und doch beschließen die Fantastischen Vier im Angesicht der sinkenden Umsätze 2005, die Hälfte ihres Unternehmens an Sony Music zu verkaufen. „Es gab damals unterschiedliche Meinungen, wie man jetzt mit Four umgeht“, erinnert Fitz Braum. Zwar ist das Four-Imperium durch das Label, die Booking-Agentur und das Merchandise schon lange nach dem Prinzip des sogenannten 360°-Modells aufgestellt. Und doch denkt man, dass es „zu gefährlich ist“, das durch die Agentur verdiente Geld für die Plattenfirma draufgehen zu lassen, erzählt Braum. „Den Niedergang der fossilen Tonträger haben wir schon 1998 gespürt“, sagt Smudo. „Da gab es die ersten Anzeichen, dass es nun nach unten geht.“ Auch auf der Suche nach nanziell potenten Partnern merken die Four-Macher, dass die Aussichten immer trüber werden. So stellen sie im Laufe der Jahre fest, dass „sich der Pensionstraum nicht mehr erfüllen würde“, wie Smudo erzählt. Zwar gibt es wohl einige Interessenten, die Four Music zu kaufen gedenken. Letzten Endes verläuft das alles aber wieder im Sande. In der Folge geht es also darum zu verhin- dern, dass das Label geschlossen werden muss. Zudem soll verhindert werden, dass die Four- Künstler plötzlich ohne Labelheimat dastehen. Und schließlich will man auch die Mitarbeiter nicht im Stich lassen. „Für die hatten wir ja auch eine Verantwortung“, sagt Smudo. „Und außerdem wollten wir ungern mit der Schlagzeile Fanta-Label ist pleite aus der Ära gehen.“ Vieles wird nun in Frage gestellt. Auch die Philosophie, den Künstlern so viel Zeit zu geben, wie sie brauchen, um sich zu entwickeln. „Das war irgendwann auch ein Grund dafür, dass wir Four Music nicht weiter betreiben konnten“, sagt Michi Beck. Ein langer Atem kostet eben Geld, der Aperrat läuft ja permanent weiter. „Wir mussten uns also wieder entscheiden, ob wir eine ganz kleine Klitsche draus machen, oder ob wir das Label verkaufen“, erzählt Beck. In Folge dessen verkaufen die Vier den Mehrheitsanteil an Sony. Mit dem Deal verlieren sie auch die alleinige Entscheidungskraft. „Das hat dann für uns keinen Sinn mehr gemacht, also sagten wir uns, dass wir auch ganz aussteigen können“, so Michi Beck weiter. „Da hat das Herz schon geblutet. Four Music war rund 10 Jahre unser Baby und auch mitverantwortlich für das Standing unserer Band. Das hat schon gestrahlt und einen Teil unserer Bandhistorie mitbestimmt“, sagt er mit Blick auf die Fantastischen Vier. „Ich stand dann irgendwann alleine da“, erinnert Fitz Braum, der weiter für die Firma und die Mitarbeiter kämpft. „Das war natürlich naiv“, schmunzelt er. Dann sagt er: „Ein Label, das nicht von einem Major geschluckt wird, war auch nicht erfolgreich. Als kleines Label in der Größenordnung und mit den Risiken, die wir hatten, waren wir viel zu erfolgreich. Wir mussten uns ständig wehren. Unsere komplette Mannschaft wurde gejagt. Aber wenn dann der Markt zusammenbricht und die Umsätze halbiert werden, kann man das nur in gute Hände weitergeben oder schließen“, bilanziert er. Auch für Four Artists gehen Angebote ein. Warner und Universal interessieren sich für die Booking-Agentur. Doch die gebotenen Summen sind den Fantastischen Vier zu niedrig. „Wenn wir mit der Firma mehr erwirtschaften, als wir durch einen Verkauf einnehmen würden, wozu sollten wir dann verkaufen?“, kommentiert Smudo die Angebote. Four Artists hat sich über die Jahre zu einer großen Agentur entwickelt. Hätte man sich hier allein auf urbane Musik beschränkt, wäre das nicht möglich gewesen, meint Alex Richter. Ob eine Band passt, sei vielmehr „einfach eine Geschmacksfrage“, sagt Michi Beck. Das Roster von Four Artists ist heute schier riesig. Von Seeed über Mac Miller oder den Wu-Tang-Clan bis hin zu Fritz Kalkbrenner oder David Guetta – sie alle sind in Deutschland über Four Artists zu buchen. Eine Zeit lang war gar Nena im Roster der Agentur – genau wie Tokio Hotel.

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Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

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Hanfosan

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