Music: Four Music (aus BACKSPIN MAG #116)

1997 erscheint das erste Solo-Album von Thomas D auf Four Music, das ebenfalls ein großer Erfolg wird. Es ist das erste Album von einem der Fantastischen Vier, das auf deren Label erscheint. Ein Jahr später folgt Michi Beck alias Hausmarke mit seinem Soloalbum „Weltweit“. Als Gruppe veröffentlichen die Vier erst 1999 mit ihrem „Unplugged“ ein Album auf Four Music. Grundsätzlich aber stehen sie weiter bei Sony / Columbia unter Vertrag. Die Promotion hingegen läuft über ihr eigenes Label. So selbstverständlich wie heute ist deutscher Rap 1997 noch lange nicht. Die Szene verfügt nur über wenige Infrastrukturen für Größeres. Im kommerziellen Radio wird die Musik von Four Music kaum gespielt. Eine sehr wichtige Rolle für die Verbreitung ihrer Veröffentlichungen schreibt Fitz Braum hingegen Viva und MTV zu. „Für die hatten wir genau die richtige Musik und waren da auch das meistgespielte Label“, sagt er. „Dank denen lief das wie geschnitten Brot.“ Allmählich nimmt auch Four Artists an Fahrt auf. Die Booking Agentur war mit oder kurz nach dem Label gegründet worden. Die Idee hierfür hatte Fitz Braum. „Für unsere Philosophie war das sehr wichtig“, sagt Smudo. „Wenn wir als Label von Künstlern für Künstler alles für den Act machen, dann gewinnen wir Fühlungsvorteile, wenn wir die Bands tatsächlich rundum betreuen können.“ Zumal es Bedarf für eine Agentur wie Four Artists gibt. „Vor 15, 16 Jahren wurde der nationale Live- Bereich noch etwas stiefmütterlich behandelt“, er- innert sich Alex Richter. Der Geschäftsführer von Four Artists kommt 1999 nach Stuttgart. Davor arbeitete er für die Booking-Agentur Energie in Herne, die seiner Zeit die Fantastischen Vier betreute. Als der Vertrag der Vier in Herne ausläuft, wechseln sie nicht nur zu ihrer eigenen Agentur. Sie werben auch Alex Richter ab. Four Artists sei im Übrigen nicht primär ins Leben gerufen worden, um Geld zu verdienen, erzählt Alex Richter. „Fitz Braum hat das Live- Spielen besonders von jungen Acts als eine Art Marketing-Tool gesehen. Er verfolgte die Philosophie, dass ein Act, der langfristig etabliert werden soll, eine Live-Karriere machen sollte.“ Wenn es für einen Act „an der Plattenverkaufsfront“ mal nicht so gut läuft, können die Einnahmen der Agentur aber auch für einen „längeren Atem“ sorgen, wie Smudo einräumt. „So kann das eine von dem anderen profitieren“, sagt er. Four Music und Four Artists bleiben dennoch jeweils eigene Firmierungen. Was außerdem für die Booking-Agentur spricht: Die Konkurrenz ist spärlich gesät. Bei den großen Agenturen wäre man zu dieser Zeit als deutscher Hip-Hop-Act gar nicht erst untergekommen. Mit Four Artists ermöglichen die Stuttgarter ihren Acts also eine professionelle Live-Präsenz. Gleichwohl es zu keiner Zeit ein Muss ist, als Four-Music-Signing auch bei Four Artists im Roster zu sein. Gerade in den Anfangszeiten sei es dann auch hier und da mal zu Irritationen gekommen, als man dem Mana- ger einer Band von Four Music offenbarte, dass das Booking zumindest theoretisch im gleichen Haus gemacht werden könnte, erinnert Alex Richter. Neben den Acts des Labels kommen anders herum auch externe Gruppen bei Four Artists unter, darunter über die Jahre große Bands aus allen möglichen Genres. „Das war auch die Philosophie des Labels“, sagt Alex Richter. „Wir sind immer sehr kollegial und entspannt mit den Künstlern umgegangen. Wäre uns etwas vorzuwerfen, würde das ja auch auf unsere Partner zurückfallen. Und das wäre ein absolutes no- go.“ Mit Partnern meint Richter die Fantas, die bis heute Gesellschafter der Four Artists GmbH sind. Wie beim Label wird auch bei der Agentur großer Wert auf Professionalität gelegt. So empfehlen sie jedem Künstler, den Deal von einem Manager aushandeln und von einem Anwalt prüfen zu lassen. Damit soll sichergestellt werden, dass „gelernte Leute mit anderen gelernten Leuten“ den Vertrag machen, erklärt Alex Richter. 1998 reichen die räumlichen Kapazitäten in der Reinsburgstraße nicht mehr aus und das Four-Konglomerat findet in der Mörikestraße eine neue Homebase. „Wir hatten die Idee, ein großes Geschäftsgebäude in Stuttgart zu nehmen“, erzählt Smudo. „Wir hatten ja auch Geld zu investieren, also kauften wir die Mörikestraße.“ In dem erworbenen Gebäude werden nicht allein das Label und die Booking-Agentur untergebracht. Es werden auch Studios gebaut sowie Proberäume eingerichtet und zur Mietung angeboten. Mit den neuen Räumen kommt auch neues Personal. Für die Fantastischen Vier zu arbeiten, sei „von Anfang an ein großer Reiz gewesen“, sagt Mark Löscher, der zu dieser Zeit bei den Vieren anheuert. Die Gründung des Labels sei „für damalige Verhältnisse in Stuttgart eine riesige Geschichte gewesen.“ Zunächst steht Löscher Alex Richter bei Four Artists zur Seite, wechselt aber nach knapp zwei Jahren als Produktmanager zur Plattenfirma, wo er weiterhin für die Acts arbeitet, die er auch schon im Booking betreut hat: Blumentopf, Gentleman, Turntablerocker, Tiefschwarz. Auch Claudia Trede startet 1998 ihre Arbeit für das Label. Die Kölnerin war davor bei Sony beschäftigt. Bei Four füllt sie die Position des Promotion Directors aus. Nach Stuttgart zieht sie für den Job jedoch nie. Sie arbeitet von Köln aus oder fährt mit den Künstlern auf Promo-Touren durchs Land. „Marketing war zu meiner Zeit bei Four Music zu 70% PR“, sagt Claudia Trede. „Geld für Marketing hatten wir ja keines. “Schwer sei es ab 1998 nicht mehr gewesen, bei den Medien und den Radiosendern etwas aus Stuttgart zu platzieren. „Durch die Fantis war deutscher Rap etabliert“, meint Claudia Trede. Und die Vier helfen wiederum ihren Schütz- lingen. Werden sie etwa bei 1Live eingeladen, bringen sie kurzerhand Max mit in die Show und geben ihm so ein Entrée. Nicht etabliert ist hingegen Reggae. Und einer von Claudia Tredes neuen Schützlingen ist: Gentleman. „Ich weiß noch, wie mir die Radio- Leute sagten, dass sie Reggae noch mehr hassen würden als Hip-Hop“, erzählt sie. Sie nimmt die Herausforderung an. „Mir hat es immer besonders Spaß gemacht, wenn alle sagten, dass da nichts geht“, lacht sie. Zu Four Music gekommen ist Gentleman über Max. Nach einem Gig in Stuttgart nahm Max Gentleman mit ins Studio, wo gerade an „Tabula Rasa“ gearbeitet wurde. So kam der Sänger auf den Song von Mellowbag und Freundeskreis. „Das war der Startschuss für die Zusammenar- beit “, erinnert Max. Ohnehin gilt er lange Zeit als inoffizieller A&R von Four Music.Fitz, Michi und ich haben uns öfters mal ausgetauscht und hatten Pläne“, erinnert MaxGentleman bekannt zu machen, ist seiner Zeit nicht so einfach. „Wir wollten ihn auf jeden Fall breaken“, lacht Claudia Trede.

Boulevard-Formate als Promo-Plattform lehnt das Label jedoch ab. „Wir haben immer versucht, die Künstler in ihrer Ernsthaftigkeit und Qualität zu promoten. Das hat uns auch ausgemacht“, erklärt sie. Im Falle Gentlemans bedeutet dies, dass für sein zweites Album „Journey To Jah“ zwei Jahre lang Promo gemacht wird. „Das kann man mit keinem Geld der Welt bezahlen, das geht nur mit dem Künstler“, sagt Trede. „Ich musste den Leuten erklären, was Reggae ist und wofür Tillmann steht. Im Interview musste er das dann tragen. Und das tat er – genau wie auf den Konzerten und den Alben.“ Nach diesem Prinzip verfährt man bei Four Music grundsätzlich. Künstler in etwas hineinzudrängen, wo sie sich nicht wohl- fühlen, kommt bei der Vermarktung nicht in Fra- ge. Populäre Wege werden nur eingeschlagen, wenn der Künstler es auch tragen kann und sei- ne Glaubwürdigkeit nicht darunter leidet. „So zu arbeiten, war mein größter Traum“, sagt Claudia Trede. Einen großen Promo-Aufwand betreibt Claudia Trede auch für den Track „Reimemonster“. „Bei dem Song habe ich gedacht, der ist ein Welthit“, sagt sie. Mit der Meinung gehört sie, mit Blick auf die Radiosender seiner Zeit, zu einer Minderheit. Trotz unzähliger Telefonate kommt der Song anfangs auf vielleicht 20 Radio-Einsätze in der Woche. Erfolgreicher läuft da die Platzierung des Videos bei Viva. Der Sender nimmt „Reimemonster“ frühzeitig in die Rotation auf. Um den Song auch bei den Radiostationen auf Rotation zu bekommen, reist Claudia Trede mit Afrob „durch ganz Deutschland“, um ihn den Radio- Leuten vorzustellen. Doch „die sagten mir alle, dass das nichts werden würde“, erinnert sie. Als Afrobs Album auf Platz 13 landet und die Single es bis auf Platz 70 schafft, ruft sie die Sender noch einmal an – mit Erfolg. „In der Spitze hatten wir um die 700 Plays. Das hat echt lange gedauert, aber hinterher haben wir uns alle darüber totgelacht. “All das kann freilich nur funktionieren, wenn sich Künstler und Label-Team verstehen und bereit sind, sich für die Sache zu opfern. Um dies sicherzustellen, kommt es vor der Vertragsunterzeichnung mit neuen Acts stets zu einem Treffen aller Beteiligten, so dass man sich „beschnuppern“ konnte, wie Claudia Trede erinnert. Die Atmosphäre bei dem Label beschreiben alle durch die Bank weg dann auch als familiär. Man hält zueinander, man steht für den anderen ein. Die Identifikation mit der Arbeit und der Firma ist sehr hoch. Andersherum sind auch die Hierarchien flach. Die Dinge werden stets „gemeinsam erarbeitet“, wie Mark Löscher erzählt. „Da war es auch völlig wurscht, ob der Praktikant etwas zur Sache beigetragen hat, Fitz oder ich. Bei uns haben sich alle eingebracht. Das hat vielleicht auch unsere Stärke ausgemacht. In einem Fall entschließt man sich bei Four Music jedoch, auf die Bremse zu treten, statt den Erfolg immer weiter voranzutreiben. Als sich Thomas Ds Single „Rückenwind“ zu einem „Überhit“ entwickelt, stoppt sie das Label. „Sonst wäre er nur noch der ‚Rückenwind’– Künstler gewesen, und das wollten wir nicht“, erinnert Claudia Trede. In der Folge wird die Single aus dem Handel genommen. Dazu bittet man die Radiosender, den Song nicht mehr zu spielen. „Wir sind dann mit ‚Solo’ mit Nina Hagen nachgekommen und sind uns sicher, dass das dem Album und der Karriere des Künstlers am Ende wirklich gut getan hat.“ Inzwischen ist Deutschrap in seiner ersten Hoch-Zeit. Stuttgart und Hamburg sind die Epizentren des Hypes. „Da wurde es irgendwie schwieriger, sich weiter auf unseren Weg zu konzentrieren, weil mehr Deutschrap über die gleichen Kanäle kommuniziert werden sollte“, erinnert Mark Löscher. „Auf einmal bekam jeder, der 1,2,3 Microphone sagen konnte, einen Plattenvertrag.“

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Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

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Hanfosan

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