Music: Four Music (aus BACKSPIN MAG #116)

„Vier gewinnt“

Die Geschichte einer Plattenfirma

Four Music hat Rap in Deutschland gefördert und geprägt wie nur wenige andere Labels. Geschmack, Qualität und die richtige Philosophie haben die Platten Firma Großes erreichen lassen. Dank ihres Pioniergeistes war – und ist – das Label oft seiner Zeit voraus. Zudem fördert und veröffentlicht es bis heute Künstler, die nicht selten stilprägend für ihr Genre sind. Vorhang auf also für die Geschichte von Four Music, einem der wichtigsten, konstantesten urbanen Labels des Landes. Mindestens. Fährt man im Frühling dieses Jahres mit der U-Bahn durch Hamburg, bekommt man in den Wagons über Lautsprecher einige Stationen von Prominenten angesagt. Großstadtrevier-Kommissar Jan Fedder etwa kündigt die Haltestelle St. Pauli an, Jan Delay die Hoheluftbrücke, Udo Lindenberg die Mönckebergstraße. Befindet man sich in der U2 und fährt durch den im Rap überregional bekannten Stadtteil Eimsbüttel, bekommt man folgendes zu hören: „Herzlich willkommen in Eimsbüttel. Mein Name ist Smudo von den Fantastischen Vier, nächster Halt: Christuskirche.“ Der Stuttgarter lebt seit vielen Jahren in Hamburg, unweit der von ihm angekündigten Haltestelle. 0711 bis Eimsbush.

Dass er 2013 aufgrund seines Status mal eine U-Bahn-Haltestelle in Hamburg ansagen würde, davon wird Smudo 1996 wohl noch nicht geträumt haben. Vier Studio- sowie ein Live-Album haben die Fantastischen Vier bis dahin veröffentlicht – und beachtliche Erfolge gefeiert. Und doch machen sie sich Gedanken über ihre Zukunft und gründen – zumindest der Legende nach – zur Altersvorsorge eine Plattenfirma. Die Geschichte von der Plattenfirma als Rentenversicherung steht bis heute auf der Website von Four Music. Tatsächlich ist dies aber nur ein Punkt der Gemengelage, die die Vier ihr Label gründen lässt. „Wir hatten damals das Gefühl, dass wir ein bisschen auf der Stelle treten und befanden uns in einer Phase, in der wir etwas verändern wollten“, erinnert sich Smudo. Die Idee, als neuen Spielball im Leben der Vier ein Label zu gründen, schiebt seiner Zeit auch der Manager der Vier, Andreas „Bär“ Läsker, mit an. „Michi war da sofort sehr entflammt, während ich erst mal noch nicht so viel Bock darauf hatte. Doch dann fand ich es einfach nur logisch“, so Smudo. „Four Music war 1995 / 1996 unumgänglich“, erinnert Michi Beck. „Wir kannten so viele Acts allein in Stuttgart, die keine richtige Plattform hatten, dass wir dachten: Das können wir selbst besser.“ Für den administrativen Part gewinnen die Fantastischen Vier Fitz Braum. Der sei immer schon ein großer Kämpfer für die Idee gewesen, dass man eine Band „lange und auch klein in sich selbst entwickeln lassen muss“, erzählt Smudo. „Das hat uns gefallen.“ Braum arbeitet zu diesem Zeitpunkt schon 14 Jahre im Musikgeschäft. Er hat als A&R die Ärzte gesignt und mit Rio Reiser gearbeitet. Und er hat die Fantastischen Vier 1991 für Sony / Columbia unter Vertrag genommen. Braum war damals auf der Suche nach einem Hip-Hop-Act. Er hatte Ende der 80er auf der ersten Def-Jam-Promo-Tour Public Enemy und die Beastie Boys gesehen und für sich erkannt, dass Rap eher in die Kategorie Rock’n’Roll gehört statt in die Sparte Dance, in die er für gewöhnlich eingeordnet wurde. Er sagte sich: „Was Rock’n’Roll ist, geht auch auf Deutsch.“ Also machte er sich auf die Suche. „Und die ersten, die wirklich etwas konnten und Talent hatten, waren die Fantas“, erinnert er. Auch Advanced Chemistry hat er damals auf dem Schirm. „Aber die hatten keinen Bock auf die Industrie und wollten nicht unter Vertrag genommen werden.“ Einige Jahre später verlässt Fitz Braum Sony Music und arbeitet für Warner, für die er das Label Königshaus betreut. „Da war meine Major- Zeit quasi abgeschlossen. Ich hatte keine Lust mehr“, erinnert er. Mit den Fantas aber bleibt er in Kontakt. Schließlich schlagen die Vier ihm vor, zusammen ein Label zu gründen. Die Sache zieht sich noch ein, zwei Jahre, doch dann ist es so weit und Fitz Braum zieht nach Stuttgart. Ein anderer Standort kommt für Four Music nicht in Frage. Parallel zu dem Label, das ursprünglich als Four Music Production GmbH firmiert, wird auch der Verlag Four Publishing ins Leben gerufen. Auf der Suche nach einem Vertrieb sprechen Fitz Braum und die Fantastischen Vier bei allen möglichen Major-Firmen vor. Letzten Endes steigt Sony Music, wo die Fantas ohnehin als Band unter Vertrag stehen, mit ein und Four Music schließt einen Label-Deal mit dem Major ab. Die Ausrichtung der Plattenfirma ist schnell definiert. „Wir wollten alles machen, was Groove hat und um Soul und Black Music herum passiert“, sagt Fitz Braum. „Und zwar unabhängig davon, in welcher Sprache und von welcher Herkunft die Musik war.“ Das Profil ist den Akteuren sehr wichtig. „Deshalb wollten wir auch nicht unbedingt mit einem deutschsprachigen Rap-Act starten“, erinnert Michi Beck. „Es sollte offen und international sein.“ Also holen die Stuttgarter zunächst Sens Unik an Bord. Auf die Schweizer Formation um Rapper Carlos und Sängerin Déborah folgt aber auch schon Freundeskreis. Zudem kommen die längst vergessenen Prophets of Rage zu Four Music, und auch Blumentopf, die man Smudo empfohlen hatte, unterschreiben bei den Stuttgartern.

„Eines Tages bekam ich einen Anruf von Thomas Hofmann. Er meinte, er würde ein Label machen und ob wir dabei wären“ (Max Herre)

Freundeskreis hat da schon eine weniger gute Labelerfahrung hinter sich. Die Gruppe stand bei Groove Attack / Intercord unter Vertrag und musste miterleben, wie ihre Single „A.N.N.A.“ zunächst floppte. In dieser Konstellation, unter dem A&R Manager Martin Schuhmacher ein Album zu veröffentlichen, konnte sich Max Herre dann auch nicht vorstellen. „Witziger Weise machte Martin Schuhmacher später mit André Luth zusammen Yo Mama!, und für alle, die ihn so kennengelernt haben, ist er ja indie. Für uns war er damals jedoch ein typischer 90er Jahre- Major-Pop-A&R.“ Letzten Endes fand man eine Lösung und Freundeskreis konnte zu Four Music gehen.
Zur Zeit des Wechsels interessierte sich noch ein anderes Label für Freundeskreis. „Eines Tages bekam ich einen Anruf von Thomas Hofmann, dem zweiten Mann vom Rödelheim Hartreim Projekt. Er meinte, er würde ein Label machen und ob wir dabei wären “, erzählt Max. Doch die Entscheidung für das Label in Stuttgart steht. Zumal Four Music laut Michi Beck auch deswegen gegründet wurde, weil die Vier beweisen wollten, dass „A.N.N.A.“ eben doch ein Hit ist. Die ersten Räumlichkeiten bezieht Four Music in der Stuttgarter Reinsburgstraße. Hier lebt zu dieser Zeit der Manager der Fantastischen Vier. Zudem befindet sich das Büro seiner Bär Music Factory in dem Gebäude, wo auch die ersten Four-Schreibtische aufgestellt werden. An einem sitzt Ana Morales, die als Quereinsteigerin zu dem Job bei Four gekommen ist. Sie lebt seiner Zeit in der Wohngemeinschaft von Thomas D und ist Mitbetreiberin des Clubs Das unbekannte Tier. Als es danach aussieht, dass der Club geschlossen werden würde, bietet Thomas D ihr den Job als Assistentin der Geschäftsführung an. Am nächsten Schreibtisch sitzt Markus Meyn, der als Frontmann der Synthie-Pop-Band Camouflage zu einiger Bekanntheit und bei Four Music als Product Manager an Bord gekommen war. Am dritten sitzt Fitz Braum. Michi Beck ist als President und A&R der Firma ebenfalls oft im Büro. Für Smudo hingegen kommt es „nicht in Frage“, im Büro Posten zu beziehen. Er sieht sich als „Kommunikator“, der „gut vernetzt ist“ und dessen soziale Fähigkeiten sich „gut für das Label nutzen“ lassen. Der Alltag im Büro ist seiner Zeit geprägt von Kommunikation. Es werden Releases angekündigt, Grafiken an den Start gebracht und Telefonate zu Fitz durchgestellt, wie sich Ana Morales erinnert. „Es war eine spannende Zeit“, sagt sie. „Wir hatten eine gute Stimmung.“ Die erste Veröffentlichung des frisch gegründeten Labels ist die 12“ „Enfant Terrible“ von Freundeskreis. Die Platte erscheint zur Popkomm 1996. Auf der B-Seite ndet sich der Song „Straight From Heart“. „Da haben wir zum ersten mal einen Schulterschluss geschafft“, erinnert Max. „Da war die komplette Kolchose drauf – und Michi sozusagen als Abgesandter dieses anderen Stuttgarts.“ Ganz einfach sei es damals für Freundeskreis nicht gewesen, auf dem Label der Fantastischen Vier zu sein. Mit „Lauschgift“ hatten sie sich in den Augen vieler Hip-Hop-Heads zwar ein großes Stück weit rehabilitiert. Aber „wir Stuttgarter haben aber ein bisschen länger gebraucht, weil wir uns als Kolchose ja anders abgrenzen mussten“, sagt Max. „Wir wollten für Stuttgart stehen und viele von uns hatten jahrelang das Hip-Hop-Ding auf den Jams bundesweit repräsentiert. Deswegen war das damals etwas zweischneidig. “Offen kritisiert wird Freundeskreis für ihre Labelzugehörigkeit nie. Lediglich Kolchose-intern kommt es zu Diskussionen, erzählt Max. Er sieht das Thema aber differenziert. „Four Music und die Fantas sind nicht dasselbe“ sagt er. „Wir mussten uns da auch nicht vereinnahmen lassen. Und die Struktur war hoch interessant. Es gab einerseits Sony-Major-Geld und mit Fitz, der von Sony kam, auch das geschäftliche Know-how, andererseits war Fitz ein Geschäftsführer, der den gesignten Acts künstlerisch absolute Freiheit ließ.“ Auch Smudo merkt bei seiner Labelarbeit nichts von den Ressentiments, die es in der Szene gegenüber den Fantas gibt. „Wenn ich junge Rapper angerufen und erzählt habe, dass ich ein Tape von ihnen habe, das ich super finde und ich die gerne mal live sehen würde, fanden die das grundsätzlich gut“, erinnert er. „Wir haben versucht, best of both worlds zu schaffen“, sagt Fitz Braum. Four Music bietet den Künstlern faire Verträge sowie Vorschüsse auf „Major-Company-Level“. „Wir haben versucht, die Lizenzen ein bisschen besser zu verteilen und die Künstler nicht mit dem Kleingedruckten zu verarschen. Das war uns wichtig“, so Braum. Die Video-Budgets sind ebenfalls wie beim Major, das Marketing gestaltet man künstlerorientiert. „Dafür haben wir stets versucht, dem Major die Kohle aus den Rippen zu schneiden. Das war sozusagen meine Aufgabe“, lacht Fitz Braum. „Wir haben immer auf der Seite der Künstler gekämpft und versucht, deren Wünsche zu erfüllen. Das war wahrscheinlich unser Erfolgsrezept.“ Für seine Künstlerfreundlichkeit wird er im Laufe der Jahre immer mal vom Mutterhaus kritisiert. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt er. „Wie kann man jemandem, der in einer Branche ist, in der es um Künstler geht, vorwerfen, zu künstlerfreundlich zu sein?“ Auf die „Enfant Terrible“-Platte folgen weitere frühe Releases des Labels. „Paquito“ von Sens Unik, „Kein Zufall“ von Blumentopf, „Zen Gravy“ von den Prophets of Rage und – natürlich – „Quadratur des Kreises“ von Freundeskreis. Die Singleauskopplung „A.N.N.A“ verkauft sich über 250.000 Mal und wird mit Gold ausgezeichnet. Das Album klettert bis auf Platz 12 der Charts. Ein unglaublicher Erfolg für diese Zeit und für das Label. Es geht also gleich „ziemlich heftig los“, wie Fitz Braum erinnert. Dass „A.N.N.A“ nicht schon bei Intercord funktioniert hat, findet er dann auch „erstaunlich“. Das „Bindeglied“ zwischen Mainstream und Underground“, wie Michi Beck Four Music mal genannt hat, erweist sich als schlagkräftig.

The following two tabs change content below.
Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

Seiten: 1 2 3 4

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.