Music: DJ Scientist (aus BACKSPIN #115)

Selektion und Transformation über den kulturellen Kontext von Hip-Hop

Hip-Hop hat für jeden eine andere Bedeutung, und jeder hat auch seine eigene Art, sich aus- zudrücken. Hip-Hop ist inzwischen Popkultur, schreibt die Geschichte von Disco fort. Damit wächst Protagonisten wie dem Wahlberliner DJ Scientist die Aufgabe zu, Hip-Hop in seinen Ursprüngen zu erforschen und an die Obefläche zu tragen. Erhobene Zeige finger mit Hinweis auf die vier Elemente kommen bei Scientist gar nicht gut an. Er hat ein eigenes und durchaus ernstes Verständnis von Hip-Hop. Dieses wollten wir ergründen.

Scientist, wo hast du Hip-Hop getroffen?

Die erste Hip-Hop-Musik, an die ich mich erinnern kann, ist „Hey You“ von der Rock Steady Crew. Ich hörte das Lied im Radio und bekam es nicht mehr aus dem Kopf. Das ist vielleicht das erste Lied, an das ich mich überhaupt erinnern kann. Später verstärkte sich mein Interesse für Hip-Hop, auch da- durch, dass er viel in Skate-Videos gespielt wurde. Mit der Hip-Hop-Kultur und damaligen Szene hatte das erst mal nicht viel zu tun, außer, dass viele Münchner Skater wie Jamie Luca alias Jamerson von Feinkost Paranoia später auch im Hip-Hop aktiv wurden. Später war es mir wichtig, besondere und seltene Musik zu haben, denn ich wollte anders sein als die anderen. Als ich meine ersten Platten kaufte, habe ich übrigens im Laden nicht gecheckt, wie der Technics 1210 anging. Dann

setzte ich mir in den Kopf, DJ zu werden, und als ich mir den Gemini Scratchmaster leisten konnte, war ich täglich am üben.

Wie wichtig war die Begegnung mit Katmando, auf dessen Label Masters On Broadway du „Mad Science“ veröffentlicht hast?

Katmando schaute mir beim Auflegen zu, und wir hatten gemeinsame Abende im Atomic Café. Mein Mix erschien zusammen mit Tapes von DJ Static und Mr. Burnz. Ich bin Katmando dankbar, dass ich es bei ihm veröffentlichen durfte. Die „Mad Science Breaks“ kamen dann auf Breakz’R Uz, und ich entwickelte mich zu abstraktem, düsterem Instrumental-Hip-Hop. Später legte ich mit Katmando wieder im Atomic Café auf, und es lief ein kleiner Konkurrenzkampf, wer die geilsten Platten hat.

Konnten sich deine Sets von Katmandos abheben?
Nein, jeder von uns hatte seinen eigenen Stil. Ich vermischte Funk und Soul auch viel mit Hip-Hop. Ich sammelte Electro und Old School, wodurch Ivan und Klemens von Rap History aus Zürich auf mich zukamen. Mit Misanthrop habe ich die Rap- History-Datenbank entworfen, als es auf Discogs kaum Hip-Hop gab und Freddy Freshs Buch noch neu war.

Was motivierte dich, diese weltweit einmalige Rap-History-Liste zu erstellen?
Wer Hip-Hop chronologisch betrachtet, der versteht, weshalb Titel zu Klassikern wurden. Sie waren ihrer Zeit voraus, so wie „Planet Rock“ oder „Sucker MC’s“. Außerdem wollte ich neue Titel entdecken, weil zu viel Gutes unbekannt blieb. Die Grundarbeit zur Rap History kam von Ivan und Klemens. Wir haben sie in Berlin nur vervollständigt.

Wann hast du Instrumental-Hip-Hop für dich entdeckt?

„Royalties Overdue“ mit DJ Krush erschien auf Mo’ Wax, DJ Shadows „In/Flux“ lief im Radio – so wie vieles von Mo’ Wax in den 411-Skate-Magazin-Videos. Turntablism und der frühe Instrumental-Hip- Hop, Trip-Hop oder „Headz“ fanden sich in meinen ersten Produktionen wieder. Für das Album mit Ceschi hatte ich wesentlich mehr Ein üsse, und hierauf hört man meinen eigenen Stil, denke ich.

Womit legitimieren sich deine Produktionen als Hip-Hop?

Als Kool DJ Herc auf zwei Plattenspielern die Breaks wiederholte, war das eine Vorstufe des Sampling. Die ersten erschwinglichen Sampler läuteten Mitte der Achtziger das goldene Zeitalter des Hip-Hop ein. Sie brachten die Musik zu ihrem Ursprung, indem alte Block-Party-Breaks wie „Apache“ oder „Funky Drummer“ neu arrangiert wurden. Vorher war das technisch gar nicht möglich. Hip-Hop ist, wie der Name sagt, ein „Hop“, eine Veranstaltung, die zum Tanzen einlädt. Meine Musik ist melancholisch, nicht für Clubs gemacht, aber sie basiert genauso auf Breakbeats. Eigentlich ist doch alles nach Herc, Bam und Flash abstrakter Hip-Hop.

Was bedeutet Hip-Hop also für dich?

Hip-Hop ist eine kulturell geprägte Sichtweise, und damit auch eine bestimmte Herangehensweise. Ich habe letztes Jahr einen Mix für Ninja Tune mit sowjetischer Musik aus den Siebzigern gemacht. Das war für mich purer Hip-Hop. Ich suche das Beste heraus und transformiere es. Hip-Hop ist für mich Selektion und anschließende Transformation in einen neuen Kontext, den kulturellen Kontext von Hip-Hop. Dieser Kontext ist für jeden anders, je nachdem, wie man Hip-Hop erlebt, und wie eindringlich man sich mit ihm beschäftigt. Für mich war Hip-Hop immer Mut zu Neuem. Bezogen auf Musik war es das Schaffen von Neuem durch Selektieren.

Du bist in München aufgewachsen, wo einige der besten Plattensammler der Welt herkommen. Wo hast du deine Platten gesucht?

Ich war auf Flohmärkten und habe alles gekauft, was funky aussah. Anfang 2000 stieß ich auf ost- europäische Musik. Aus Polen und Tschechien kam guter Jazz, über Amiga der Schlager mit deutschen Texten, und der Sowjet-Groove auf Melodia. Ich bin ein Schnäppchenjäger, und Flohmärkte sind mein Revier. Das hat aber auch den Nachteil, dass andere gute Sachen an mir vorüberzogen. Ich war beispielsweise nie darauf aus, mir über Ebay teure Funk-45s zu besorgen.

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