Music: Den Sorte Skole (aus BACKSPIN MAG #116)

Simon Dokkedal und Martin Højland von Den Sorte Skole im Gespräch über die Entstehung ihres Albums „Lektion III“, für das sie Tausende von Soundschnipseln aus 51 Ursprungsländern verwendeten, über die Bedeutung von Urheberrechten, moderne Sampling-Kultur und den Gig, der für sie alles veränderte.

2010 wurdet ihr gebeten, ein DJ-Set zum 40. Jubiläum des Roskilde Festivals zu spielen, des größten Musikfestivals Nordeuropas. Was bedeutete das für euch?

Martin: Das war ein wahnsinnig interessanter Job, weil wir uns mit allen Künstlern befassen mussten, die jemals dort gespielt hatten. Wir haben sehr lange recherchiert und ein riesiges Archiv von Songs gesammelt. Wir hatten noch nicht einmal in den großen Clubs in Kopenhagen gespielt, und plötzlich standen wir vor 30.000 Menschen auf der zweitgrößten Bühne Dänemarks. Der Hype und die Energie waren unglaublich – ein völlig verrücktes, zweistündiges Mitsing-Inferno.

Dabei konntet ihr zum ersten Mal nicht nur Musik verwenden, die ihr schon kennt und mögt. Ihr musstet einen Zugang zu Musik finden, die ihr sonst nicht gehört hättet …

Martin: Das war das Beste, was uns passieren konnte. Dadurch war unser Ansatz viel offener, als wir mit der Arbeit an „Lektion III“ anfingen. Ein Problem war aber auch, dass wir von heute auf morgen wahnsinnig viele neue Fans hatten, die ein völlig anderes Bild von uns hatten als wir selbst. Als dann „Lektion III“ herauskam, fanden sich einige Leute auf der ganz falschen Party wieder. (lacht)

Ihr habt genau das Gegenteil dessen gemacht, was man erwartet hätte. Ihr hattet all diese neuen Fans, und euer nächstes Projekt war das Unzugänglichste, was es je von euch zu hören gab. Wie wurde daraus statt eines weiteren Mixtapes dieses viel komplexere Album?

Simon: Wir wollten etwas machen, das wir verkaufen könnten. Wir wollten tiefer ins Produzieren einsteigen und obskure Samples finden, anstatt wieder fremde Beats zu nehmen.

Martin: DJ Shadow und RJD2 waren große Vorbilder für uns. Wir wollten etwas erschaffen, das in der Tradition dieser Künstler steht. Ein komplett samplebasiertes Album, das dieser Art von Musik auch etwas Neues hinzufügen kann. Wir wollten das Gefühl haben, diese Musik selbst gemacht zu haben.

Simon: Auch wenn wir drei Jahre an einem Mixtape gearbeitet hatten, wurde das immer anders wahrgenommen, weil man die Musik anderer Leute spielte. Jahrelang mussten wir uns fragen lassen, wann wir denn etwas Eigenes machen würden.

Martin: Das ist eben so ein Hip-Hop-Ding. Man will es den Leuten dann beweisen.

Und wann wurde euch klar, dass ihr auch „Lektion III“ nicht offiziell verkaufen können würdet?

Martin: Wir wollten mit der dänischen Vertretung der IFPI einen Weg finden, pauschal alle Samples zu klären. Erst, als wir buchstäblich am letzten Tag des dreijährigen Produktionsprozesses im Mastering-Studio saßen, wurde uns gesagt, wir müssten das Album verwerfen, weil es keine Möglichkeit zur Freigabe gäbe. Da stand aber schon fest, dass wir es als freien Download herausbringen würden. Es wäre nur schön gewesen, auch auf iTunes und Spotify zu sein – eben dort, wo Leute Musik hören. Simon: Jetzt gibt es den Download auf unserer Website, wo man auch spenden kann. Erstaunlich viele Leute haben das getan – wahrscheinlich, weil sie so das Gefühl haben, näher an der Quelle zu sein. Es ist eine persönlichere Verbindung.

Bisher hat euch niemand verklagt?

Martin: Nein. Man spendet auch nicht für das Album, sondern allgemein für unsere Arbeit. Und das Album wird über eine Gesellschaft veröffentlicht, wir haften also nicht als Privatpersonen dafür.

Der Fall zeigt aber, dass die Musikindustrie und die Gesetzgebung immer noch nicht adäquat mit samplebasierter Musik umgehen können. Wie könnte denn ein System aussehen, auf dessen Grundlage man eine Platte wie „Lektion III“ legal veröffentlichen kann?

Martin: Man bräuchte eine zentrale Einrichtung, die sich um die Klärung von Samples kümmert. Bei Coverversionen ist es ja so, dass jeder einen Song nachspielen darf. Man muss die veraltete Denkweise hinter sich lassen, dass man sich weigern kann, gesamplet zu werden. Sampling passiert ständig. Wenn du Architekt oder Designer bist, hast du auch kaum Kontrolle darüber, wer was aus deiner Arbeit macht. Man muss sich öffnen und Sampling grundsätzlich zulassen, aber dafür braucht man ein System, das die Einkünfte gerecht aufteilt.

Simon: So, wie es jetzt ist, klären viele Leute ihre Samples nicht, weil der offizielle Weg zu teuer oder zu kompliziert wäre. Deswegen bekommen viele Urheber gar nichts ab. In einem neuen System könnte der Urheber eines Samples aber auch Rechte an der neuen Produktion haben.

Martin: Natürlich ist es interessant, wenn man nicht weiß, welches Sample jemand benutzt hat. Aber es ist unfair. Ich mag zum Beispiel die Sachen von Gaslamp Killer, aber wer weiß da schon, was er selbst gemacht hat, und ob der Urheber etwas abbekommt? Kaum jemand sucht nach den Originalen, die er verwendet. Deswegen gibt es zu unserem Album ein Buch, in dem wir alle Samples auflisten. Damit kann man losgehen und seinen musikalischen Horizont erweitern.

Stimmt es, dass ihr die Samples nicht verändert und die ursprüngliche Tonlage beibehalten habt?

Simon: Wir haben Filter und EQs benutzt, ein paar Effekte, aber wir wollten den Originalsound behalten und die Samples nicht kaputt bearbeiten. Es sollte nicht nach Computer klingen

Martin: Es gibt eine Ausnahme, einen Track haben wir um einen Halbton gepitcht. Die Leute dürfen gern herausfinden, welcher das war. Als klar war, dass wir ein samplebasiertes Album produzieren wollten, sprachen wir viel darüber, wie es sich von „Endtroducing…..“ oder „Since We Last Spoke“ unterscheiden könnte. Wir wollten zum Beispiel keine Samples aus Nordamerika und Europa benutzen, und über das Internet konnten wir an Vinyl aus der ganzen Welt kommen. Außerdem sollte es nicht so beatlastig sein. Wir wollten samplebasierte Musik machen, der man nicht anhört, dass sie aus Samples besteht.

Wenn man Musik aus der ganzen Welt hört, ist es immer interessant, aus welchem sozialen und politischen Kontext sie stammt, wer sie warum gemacht hat. Beim Sampling setzt man ein Stück in einen ganz neuen Kontext. Habt ihr darüber nachgedacht?

Simon: Auf jeden Fall. Uns sind viele Verbindungen klargeworden, von Blues zu westafrikanischer Musik zum Beispiel, und es gibt Dinge, die gleichzeitig in Indonesien und in Honduras passiert sind, ohne dass die Musiker voneinander wussten.

Martin: Wir haben viel über die Geschichten hinter den Samples nachgedacht, und das Album ist voller solcher Geschichten. An manchen Stellen haben wir auf Samples verzichtet, weil wir wussten, dass die Aufnahme einen religiösen Hintergrund hat, der nicht gepasst hätte. Und manchmal hatten wir auch einfach keine Ahnung, was wir da gerade kombinierten.

Ein anderer interessanter Aspekt an Roskilde 2010 war, dass ihr damals zum ersten Mal widerwillig mit digitalen DJ-Systemen gearbeitet habt. Heute benutzt ihr ein komplett digitales Setup …

Martin: Ja. Ich hasse es immer noch. Die MPD- Controller sind natürlich sinnvoll, aber bei Serato fehlt mir etwas. Wenn ich ein Bläsersample spiele, fühlt es sich nicht so an, als wäre es wirklich unter meinen Fingern. Mit dem Originalsample von Platte wäre es viel eher so, als würde ich das Instrument selbst spielen. Ich mochte die DJ-Shows lieber, bei denen wir nur Vinyl gespielt haben, aber „Lektion III“ könnten wir nie von den Originalplatten spielen. Das wäre völlig unmöglich.

Wie funktioniert denn die Live-Umsetzung?

Martin: Es sind Tausende von kleinen Schnipseln, die wir vorbereitet haben. Wie bei fast jeder Band, die du heute siehst, gibt es einen Backing-Track, über den wir verschiedene Spuren live spielen. Über Serato und MIDI-Controller.

Simon: Auf großen Bühnen mit sehr viel Bass ist es auch wegen der Rückkopplungen fast unmöglich, Vinyl zu spielen – das haben wir oft genug versucht.

Ihr spielt viel live und habt mit den unterschiedlichsten Crowds zu tun. Wenn man es als DJ-Set sieht, wie findet ihr die Balance zwischen „Entertainment“ und „Education“?

Simon: Es ist grundsätzlich eine Herausforderung für das Publikum, wenn wir live spielen. Unsere Musik ist oft sehr ruhig, und Gäste in Clubs unterhalten sich lieber, als sich auf die Musik zu konzentrieren. Besonders in Dänemark. Deswegen haben wir auch energiereichere Tracks, die in unser Universum passen. Wir selbst stellen uns nicht so sehr in den Vordergrund. Man soll nicht Martin und mich sehen, zwei bleiche Typen aus Kopenhagen. Es geht um die Musik, das Licht und die Stimmung.

In welche Richtung werdet ihr euch in Zukunft bewegen?

Martin: In Dänemark haben wir im Juni mit einem Kammerorchester unsere erste Symphonie uraufgeführt. Das Orchester (des staatlichen Rundfunks, Anm. d. Verf.) wurde leider inzwischen geschlossen, aber wir haben noch zwei weitere Symphonien geplant, die wir mit einem anderen Orchester umsetzen wollen. Wir haben die komplette Musik geschrieben und stehen mit auf der Bühne – es ist also wie ein Konzert von Den Sorte Skole, nur viel größer.

Simon: Die erste Symphonie wird im Oktober veröffentlicht. Das war schon verrückt, da sucht man jahrelang nach Samples auf irgendwelchen Platten, arbeitet an nichts anderem, und dann spielt plötzlich ein ganzes Orchester deinen Loop.

Martin: Ich glaube, in Zukunft werden wir einerseits Sachen mit mehr Energie produzieren, andererseits aber auch noch verkiffteres freaky Zeug. Diese Extreme sind sehr reizvoll.

INTERVIEW: RALF THEIL FOTOS: JUEL POULSEN

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