Music: Chimperator (aus der BACKSPIN MAG #110)

Von ihrer Arbeit für Chimperator leben konnten die Label-Macher und Booker damals allerdings noch nicht, jedenfalls nicht als Angestellte ihrer eigenen Firmen. Die Acts hingegen konnten mittlerweile vor allem durch die Konzert-Gagen ihre Existenz mit der Musik bestreiten. „Das war und ist für unsere Künstler sehr wichtig“, weiß Sebastian Schweizer. „Hätten die das Live- Geld nicht gehabt, hätten sie die ganze Musik nicht machen können, was für uns als Label wiederum wichtig war.“ Auf Label-Seite aber wurde immer alles, was reinkam, wieder in Wachstum investiert. Investoren von Außen gab es bei Chimperator nie. Neben dem Label Chimperator Productions zogen sie eine weitere Firma auf: die Chimperator Live GmbH. So konnte das Label das Booking weiter in seinen eigenen Händen halten, sich zudem eine weitere Einnahmequelle sichern und von den Bühnenerfolgen seiner Artists profitieren. Die beiden Firmenzweige befruchten sich nun gegenseitig. Als Label leistet Chimperator die Promo-Arbeit und sorgt für die Veröffentlichungen, als Booking-Agentur ist Chimperator wiederum an den Gagen der Künstler beteiligt, die das Label aufgebaut hat. Die Gründung der zweiten Firma sorgte dafür, dass die Macher noch weiter zusammenrückten und schließlich alles unter einem Dach vereint wurde. Sebastian und Niko auf der Labelseite, Steffen auf der Bookerseite, Kodimey ist in beiden Bereichen tätig. Zudem ergab sich mit der Gründung eine wichtige Allianz mit den Stuttgarter Übervätern der 0711 Entertainment GmbH. Steffen Posner stieg im Mai 2011 als Gesellschafter und Geschäftsführer bei 0711 Entertainment ein. Sein Geld verdiente er bei den 0711ern, nebenher arbeitete er weiter für Chimperator. „Strukturmäßig war das ein bisschen blöd“, schmunzelt Sebastian Schweizer. „Wir haben uns daraufhin mit Schowi und Strachi getroffen und denen erzählt, dass wir ihnen ja nicht ihren Partner wegnehmen wollten, aber eben auch eine Lösung brauchen.“ „Ich saß da zwischen den Stühlen“, erzählt Steffen Posner. „Das war echt unangenehm, wir mochten uns ja auch alle.“ So entstand letztlich die Chimperator Live GmbH mit Steffen Posner und Kodimey als Geschäftsführer und Schowi und Strachi als Strategen im Hintergrund. Eine für alle Beteiligten glückliche Lösung.

So sitzen drei der vier Macher des Chimperator-Imperiums an jenem Freitag vor den HipHop Open, in deren Organisation Steffen Posner involviert ist, in ihrem Büro in der Stuttgarter Innenstadt am Rotebühlplatz und erzählen ihrem Besuch aus Hamburg von ihrer Arbeit. Ihr Headquarter ist in einem etwas älteren Bürohaus untergebracht, die Jungs haben die komplette oberste Etage gemietet, mit Zugang zum Dach, das eigentlich nicht betreten werden darf, auf dem sie aber schon das eine oder andere Video drehten und die Orsons im Sommer ein Dach-Konzert spielten. Die Büroräume sind zweckdienlich eingerichtet, ordentliche Schreibtische beherbergen die Arbeitsplätze, an den Wänden hängen HipHop-Open- und Chimperator-Poster, Tourplakate, Terminplaner und alte Backstage-Pässe, etwa von Rock am Ring. Auf dem Boden stehen die frischen goldenen Schallplatten von Cro. Im Oktober kamen dann noch Platinauszeichnungen für „Easy“ und „Raop“ hinzu. Ein Blick aus dem Fenster offenbart eine wunderbare Aussicht auf die Stuttgarter Innenstadt in ihrem berühmten Kessel. Zum Gespräch bitten sie auf ihren Balkon über dem Rotebühlplatz.

Bekanntlich geht es bei Chimperator derzeit hoch her. Ihr aktueller Act hat gerade ein paar Rekorde gebrochen. Fünf Wochen stand Cro mit seinem Debütalbum „Raop“ an der Spitze der deutschen Albumcharts. Das schaffte vor ihm kein anderer Rap-Künstler. Die Konzerte des Pandamaskenträgers sind im Nu ausverkauft, die großen Medien zeigen Interesse, die Mainstream-Radiosender spielen ihn, die Kids zerreißen sich die Mäuler darüber, wie der Rapper denn nun ohne seine Pandamaske aussehe oder was es mit dem Kreuz auf der Stirn der Maske auf sich habe. Mehr geht derzeit nicht. Dabei hätte es auch anders kommen können. Vor Cro sprachen die Chimperator- Jungs mit Kraftklub. Doch unterschrieben haben die Chemnitzer nicht bei den Stuttgartern, sondern bei Beat The Rich in Berlin. „Hätten wir Kraftklub gemacht, hätten wir Carlo nicht machen können“, sagt Niko Papadopoulos. „Die Kapazitäten hätten wir nichtgehabt. “Hätte, würde, könnte. Zeit, den gescheiterten Verhandlungen nachzutrauern, haben die Jungs heute nicht. Wie gesagt: Cro geht derzeit durch die Decke. Mit dem Pandamaskenträger beschreitet Chimperator-Productions nicht nur erfolgsmäßig Neuland. Auch menschlich ist der Rapper eine neue Komponente. Vorher persönlich gekannt hatte keiner der Jungs diesen Cro. Auf ihn aufmerksam wurde Chimperator Productions durch Kaas. Weitere Infos besorgten sie sich über MySpace, auch „wenn es das zu der Zeit eigentlich schon nicht mehr gab“, schmunzelt Sebastian Schweizer. Schließlich luden sie Cro in ihr Büro ein, anschließend gingen sie mit ihm auf eine ihrer Partys in dem Stuttgarter Club Schräglage. Menschlich kamen sie schnell auf gemeinsame Nenner. Musikalisch je- doch war ihre Entdeckung noch eine Baustelle. „Seine ersten Auftritte waren wirklich furchtbar“, erinnert sich der Booker Steffen Posner. Doch Cro lernte schnell, wurde besser und schon bald sagten sich die Chimperator-Jungs nicht mehr, dass es noch ein weiter Weg mit ihrem neuen Schützling werden würde, sondern dass sie da vielleicht den nächsten Star vor sich hatten.

Die Idee, den Rapper hinter einer Maske zu verstecken, kam von Chimperator. Dass es letzten Endes eine Panda-Maske wurde, war Cros Idee. Vergleiche respektive Plagiats- vorwürfe zu Sidos Maske wollen die Jungs nicht gelten lassen. „Der hat das doch auch nicht erfunden“, sind sie sich einig. Dass Cro so schnell so groß werden würde, hatten sie nicht erwartet. So muss Steffen Posner nun in anderen Maßstäben denken als er gewohnt ist. Plötzlich brauchte er Hallen für 5.000 Gäste statt Clubs mit einer 300-Mann-Kapazität, und er braucht nun zusätzliche Leute für die Touren. Die Gage für Cro ist ebenfalls gestiegen. Da haben die, die ihn schon im Dezember letzten oder im Januar dieses Jahres buchten, großes Glück gehabt – aber läuft es manchmal eben, schmunzelt Steffen Posner.

Von dem Hype um Cro profitieren freilich auch die anderen Chimperator-Acts. „Wenn ich davor mit unseren Themen ankam, haben sich einige Veranstalter nur darauf eingelassen, weil sie es cool fanden. Geld verdient haben die mit uns nicht. Auch wir hatten nicht so viel davon. Unsere Kosten haben wir mit unserem Wohnmobil klein gehalten, so dass bei den Künstlern wenigstens etwas von der Gage hängen blieb. Das war noch alles richtig schwäbisch. Und jetzt haben wir ein Thema, durch das wir wirklich wichtige Partner sind. Dadurch haben wir nun einen Türöffner auch für unsere anderen Themen“, so Steffen Posner. Trotz allem denken die vier nicht daran, nur noch in diesen neuen Größen zu denken. Stattdessen wollen sie auf „ausgewählte Künstler“ setzen, die sie selbst geil finden. Wachsen werden sie, da ist sich Steffen Posner sicher, in den kommenden Jahren dennoch. Mit SAM und Muso haben sie bei Chimperator zwei weitere Acts in der Pipeline. Dazu kommen die altgedienten Künstler wie Tua, Kaas, Maeckes und Plan B – solo oder als die Orsons. Die Stuttgarter werden in nächster Zukunft also noch einiges bewegen. Es ist wie um die Jahrtausendwende. Sie schicken es über Stuttgarts Hügel in die Welt.

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Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

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