Music: Chimperator (aus der BACKSPIN MAG #110)

Früher waren die Artists der Kolchose für sie die Kings. Heute halten sie das Zepter der Stadt selbst in der Hand. Dazu liegt ein Großteil des Landes zumindest einem ihrer Artists zu Füßen. Cro belegte 5 Wochen am Stück Platz 1 der Album-Charts, nie vorher hat ein Deutscher Rapper das geschafft. Bei dem kleinen Indie Chimperator Productions ist einiges los derzeit. Einmal mehr kommen in der hiesigen Rap-Geschichte alle Faktoren zusammen, die es braucht, um einen Flächenbrand zu entfachen.

Von außerhalb betrachtet war der Glanz des Stuttgarter Raps schon fast verblasst. Mit Max Herre und Afrob waren zwei Protagonisten nach Berlin ausgewandert. Die Massiven Töne ließen nichts mehr von sich hören. Und die vielen Rapper der Nachwuchsriege waren nach dem Ende des ersten großen Hypes entweder ganz vom bundesweiten Radar verschwunden oder dümpelten unter ferner liefen irgendwo auf den den Plätzen. Dabei war einer dieser Rapper damals nicht nur für die vielen Haus-der-Jugend-Rapper im Südwesten ein Vorbild. „Wenn man mal so erfolgreich ist wie Franky (Kubrick, Anm. d. Verf.), dann hat man es geschafft“, glaubte Anfang der 00er Jahre auch Steffen Posner. Daran gedacht, dass es für die Firma Chimperator Live, die der Booker Posner zusammen mit Kodimey Awokou als Geschäftsführer leitet, einmal weit darüber hinaus gehen könnte, hatte der 26jährige weiland nicht. Bestens besuchte Touren, die Spitze der Charts, goldene Schallplatten – was man sonst eher von den Majors kennt, oder im Rap höchstens von Plattenfirmen wie Aggro Berlin, hat nun auch Einzug bei dieser kleinen Firma im Stuttgart gehalten. Das Label Chimperator Productions und die dazugehörige Booking-Agentur Chimperator Live erleben gerade ihren bisherigen Zenit.

Dabei hatten die Chimperator-Acts weder Tabus gebrochen, noch anderweitig Skandale hinaufbeschworen. Dass Kaas nach dem Amoklauf von Winnenden als Opfer-Sau durchs mediale Dorf getrieben wurde, hatten die Jungs von Chimperator schlicht nicht mehr verhinder können. Drei Tage vor der Tat hatten sie Kaas‘ Video zu „AmokZahltag“ veröffentlicht, und flugs hatten spitzfindige Journalisten einen Zusammenhang zwischen dem Track und Tim K. Amoklauf konstruiert. Die Jungs hatten den Clip auf YouTube zwar schnellstmöglich auf privat gestellt und entschieden, das Album „AmokZahltag“ vorerst auf Eis zu legen, so geschockt waren sie von der Gemengenlage. Dabei waren die CDs von „AmokZahltag“ fertig gepresst, das Releasedate stand, der Vertrieb hätte nur noch loslegen müssen. Doch die Reaktionen von investigativen Formaten wie „Hart aber Fair“ hatten längst Blut geleckt. Und so genoss der Reutlinger Rapper plötzlich zweifelhaften medialen Ruhm. Ein Autor, der einst mit Marco W. aus Uelzen ein Buch über W.s Zeit im türkischen Gefängnis verfasst hatte, habe sich damals bei Chimperator gemeldet und vorgeschlagen, das „Ding größtmöglich aufzuziehen“, erzählt Sebastian Schweizer, Mitgründer und neben Niko Papadopoulos Geschäftsführer von Chimperator Productions. Die Bild hatte sich ebenfalls gemeldet und meinte, wenn weder Kaas noch das Label bereit wäre mit ihr zu reden, würden morgen Ü-Wagen vor den Häusern der Jungs stehen, erzählt der 33 jährige weiter. All eyes on Chimperator sozusagen.

Das eine oder andere Label hätte vielleicht nicht so defensiv gehandelt. Doch für die Stuttgarter gab es keine vertretbare Alternative neben dem Rückzug, auch wenn Niko Papadopoulos damals dachte, dass dies „das finanzielle Ende“ ihrer kleinen Plattenfirma bedeuten würde. Schließlich arbeitet das Label stets mit allen verfügbaren Mitteln am anstehenden Release. Da kann so ein GAU schnell mal die Existenz gefährden. Doch das Massaker war ihnen nahegegangen. Freunde, Leute aus ihrem Umfeld waren direkt betroffen. Sich da auch nur dem Verdacht auszusetzen, in irgendeiner Form Kapital aus dem Unglück schlagen zu wollen, kam für die Stuttgarter nie infrage. In einer beispiellosen Aktion gestaltete Kaas schließlich mit Hilfe seiner Familie und vielen Freunden die 4.000 Cover der Erstauflage von Hand um, so dass die LP etwa zwei Monate später als „The Album Formely Known As Amokzahltag ;-D“ veröffentlicht werden konnte. Blicken die Jungs heute zurück auf jenen Frühling 2009, wirken sie immer noch etwas fassungslos und geschockt. Wollte man trotz allem etwas Positives aus den Ereignissen ziehen, so ließe sich sagen, dass sie den Zusammenhalt in der Chimperator-Familie um die vier Köpfe Sebastian Schweizer, Steffen Posner, Niko Papadopoulos und Kodimey Awokou weiter gefestigt haben. Krisen schweißen eben zusammen.

Die Kaas-LP wurde das bis dahin erfolgreichste Release des Labels. Zum ersten Mal stand eine Veröffentlichung von Chimperator Productions in den Media-Control- Album-Charts, „The Album Formerly Known As Amokzahltag ;-D“ schaffte es auf Platz 100. Entstanden war das Label 1999 aus dem Kreis des eher losen Verbunds Die Goldene Mitte, in dem sich die drei Acts Supreme Techtics, Kesselkost und Bejone & Vince sowie einige DJs, Writer und Grafiker tummelten. Initialzündung für die Gründung einer Plattenfirma war ein Logo, das einer der Jungs entworfen hatte. Erste Veröffentlichung des Labels war das Tape „So ist es“ (1999) der Supreme Techtics. Mit „Objekt der Begierde“ (2001) und „Verborgene Hits“ (2003) folgten ein Album und eine EP von Kesselkost, jeweils auf Vinyl. Um die Abwicklung der Veröffentlichungen hatte sich seiner Zeit schon Sebastian Andrej Schweizer gekümmert. Seine Crew Bejone & Vince hatte er recht schnell an den Nagel gehängt und einen Großteil der Labelarbeit übernommen. Durch Praktika bei der EMI und Universal hatte er bereits einige Einblicke in die Abläufe im Musikgeschäft erhalten. Parallel hatte er außerdem eine Zeitlang in Berlin für Optik Records gearbeitet. 2002 schließlich meldete er Chimperator Productions als GbR an. In Rough Trade fand das Label zudem einen vertrauenswürdigen Vertrieb. Als übergeordnetes Motto schrieben die Jungs sich auf ihre Fahne, Dinge zu machen, die „neu und eigenständig sind, und mit denen wir uns alle wohlfühlen“, erklärt Sebastian Andrej Schweizer. Die Startformation des Labels jedoch hatte mit der Zeit leichte Auflösungserscheinungen gezeigt. Einige der Jungs waren zur Labelgründung in der Endphase ihres Studiums und konnten nicht mehr so viel Zeit für Chimperator Productions aufwenden. Es ergab sich also Platz für neue Leute. So stießen Maeckes und Plan B dazu, mit deren „Dayz Of The Championz“-Album das Label 2004 seinen ersten bundesweiten Release feierte. Der LP vorausgegangen waren damals noch ein weiterer Tonträger von Supreme Techtics sowie die „Mein Grund“-EP von Kesselkost– Rapper Kodimey.

Mit Maeckes und Plan B steigerte sich der Bekanntheitsgrad von Chimperator Productions merklich. Zudem war ihr Dazustoßen der Grundstein für die Bildung eines weiteren Acts. Im Vorfeld zu dem Maeckes– und-Plan-B-Mixtape „Als wärs das Album“ war es zu einem Zusammentreffen mit den beiden Reutlinger Rappern Tua und Kaas gekommen. Eine zu der Zeit nicht ganz einfache Konstellation, wie sich Niko Papadopoulos erinnert. „Die haben sich schon ein bisschen gehatet“, schmunzelt er. Die einen waren stolze Stuttgarter, die anderen stolze Reutlinger. Dennoch hatte Papadopoulos, der damals auch DJ und Produzent der beiden Stuttgarter war, die Reutlinger in sein Studio eingeladen und mit ihnen den Track „Orsons kleine Farm“ aufgenommen. „Das war so ein cooler Song, dass Maeckes und Plan B auch etwas drauf machen wollten“, erinnert er sich. In der Folge spielten die vier „Orsons kleine Farm“ auch live, gingen zusammen auf Tour, freundeten sich an und schließlich waren die Orsons geboren. „Vier Jungs, die alle geil rappen, und jeder ist ein eigener Character “, fasst Papadopoulos zusammen. Zwei Jahre nach dem ersten Orsons-Track folgte die erste LP dieser etwas anderen Boygroup. Dazwischen lagen Releases von Maeckes, Kodimey, Maeckes und Plan B, das „Kunst über Vernunft“-Album von Maeckes und seiner Ex-Freundin Celina sowie der Sampler „Beat ́em up“. 2010 schließlich gingen die Orsons mit Fettes Brot auf Tour, was den Bekanntheitsgrad der vier noch einmal steigerte. Bei Chimperator Productions wiederum wähnte man in sich in Sachen Orsons an der Grenze des Möglichen. „Damals haben alle gesagt, über dieses Level kommen wir nicht hinaus, ob mangels Kontakten oder Geld“, erinnert sich Sebastian Andrej Schweizer. Dennoch glaubte das Label, dass die Gruppe noch größer werden könnte. Und so kam es letzten Endes für die Orsons zu einem Deal mit Universal, durch den sie im September dieses Jahres mit ihrem dritten Album ihr Major-Debüt feierten. Parallel zum Tonträgergeschäft hatten die Stuttgarter auch ihr Live-Geschäft weiter ausgebaut. Einen vorläufigen Höhepunkt hatten sie hier mit der „Aqua Robot“-Tour der Orsons im Jahr 2009 erlebt. „Da waren wir zum ersten Mal ausverkauft, das war das erste Mal, dass etwas richtig funktioniert hat und dass so ein Plan aufging“, erinnert sich Steffen Posner. Für die Entwicklung und die Außenwirkung des Labels stuft Sebastian Andrej Schweizer die Orsons ohnehin als sehr wichtig ein. „Deren erstes Album hat uns richtig ins Gespräch gebracht“, findet er.

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