Mode und Rap: Gib mir… mehr vom Flohmarkt

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Die Wahrnehmung von Luxus und Statussymbolen wird sich in den nächsten Jahren stark verändern müssen. Es wird Zeit für weniger Label-Lines und mehr Individualität

„Sketchers lookin‘ like Balenciaga / Thrift clothes lookin’ like the Prada”, rappt Princess Nokia aka Destiny Nicole Fresqueri in ihrer neuen Single „Balenciaga“, die am 15. November erschien. Und macht klar, wie lit – und high fashion – sie aussieht, weil sie Second Hand trägt. Klingt im ersten Moment seltsam, denn zum typischen Representen gehört, noble Modehäuser zu nennen und damit zu zeigen, wie viel Geld der Künstler hat.

Es ging im Rap eine Ewigkeit darum, dazuzugehören. Rapper X (hier erfolgreichen Rapper einfügen) durchlebt einen sozialen Aufstieg und kann sich alles leisten, wovon er vorher geträumt hat. Gucci, Supreme, Balenciaga. Natürlich wird der Erfolg auch nach außen getragen. Denn welcher Mensch zeigt nicht gerne, dass er es endlich geschafft hat? Dieses Phänomen ließ sich schon in den 80er Jahren beobachten. Mit einem großen Unterschied: Große Modehäuser wollten nie, dass Vertreter des Rap ihre Kleidung repräsentieren, weil sie schlicht nicht chic genug waren.

Dapper Dan aka Daniel Day hat in dieser Zeit Kleidung aus Taschen von Fendi, Gucci, Louis Vuitton u.a. gesampelt. Und diese Luxusmode für Legenden wie Eric B. & Rakim zugänglich gemacht. Als die Nachfrage zu groß wurde, fand er Möglichkeiten, die Logos selbst auf das Leder zu drucken, wofür er später von jenen Modehäusern verklagt wurde. Doch damit machte Hip-Hop einen gigantischen Schritt in Richtung High Fashion. Über die Jahrzehnte haben Rapper diese Welt erobert. Mittlerweile kann fast keine Kollektion genannt werden, die sich nicht bestimmter Elemente der urbanen Bewegung bedient. Künstler haben ihre eigenen Labels gegründet (siehe Kanye West oder Rihanna). Die Queer-Rapperin Princess Nokia dreht den Spieß um. Du kannst auch reich aussehen und wenig ausgeben. Dabei ist das nicht mal das Wichtigste: Es geht hier um ein ganz anderes Weltbild als das typisch kapitalistische.

„Luxury Fashion hat ihren Arsch verkauft“

Second Hand erinnert immer an billig, weniger wert, bereits gebraucht. Der Gedanke wird in unserer Gesellschaft langsam umgedreht. Second Hand bedeutet weniger Müll, mehr Verwertung von Altem. Nicht gleich alles wegwerfen, nicht immer etwas Neues brauchen.

Beim tieferen Eintauchen in die Deutschrap-Blase ist schon erste Kiritk zu finden. Journalistin Jule Wasabi formuliert in Folge 143 von Schacht und Wasabi kurz und knapp: „Designermode ist irgendwie ausgelutscht.“ Aber nicht nur seitens des Journalismus gibt es Kritik. Kummer rappt in „Wie viel ist dein Outfit wert“ darüber, dass sich die Welt um Hype und Marken dreht und immer noch kaum einer darüber nachdenkt, wie schnell und überschüssig Ware hergestellt wird. Dabei trägt unsere (soziale) Umwelt einen Schaden, den wir bald nicht mehr stemmen können.

„Die zunehmende Auseinandersetzung heutiger Modedesigner mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Diversity, Nachhaltigkeit, Gender oder Politik zwingt auch Artists selbst zu einem bewussteren Umgang mit dem eigenen Erscheinungsbild. Allgemein erzeugt das reine Kopieren angesagter Styles in Zeiten hochgradiger Individualisierung immer weniger soziale Anerkennung“, erklärt Trendforscher Marc Völler.

Ähnlich beschreibt Rin die Situation in einem Interview zu seinem neuen Album „Nimmerland“: „Es gibt einen großen Umbruch. Luxury Fashion hat ihren Arsch verkauft. Es wird sich zurück ins Individuellere entwickeln. Es wird mehr Leute geben, die sich ihrer Person entsprechend anziehen.“

Um also nochmal auf Daniel Day zurückzukommen: Er hat sich bereits bestehende Elemente gepickt und daraus etwas Neues, Eigenes kreiert. Wenn sich Musiker diese Herangehensweise zum Vorbild nehmen würden, würden sie verstehen, dass sie sich nur schwer von der Masse abheben können, wenn sie alle den typischen Designerfilm fahren. Mit mehr Second Hand in Lyrics wären also gleich zwei Probleme gelöst: zu wenig Individualität, zu viel Konsum. Hier bleibt nur noch die Frage, ob deutsche Flohmarkt-Lines so sexy klingen können wie die von Übersee. Rin hat es in „Fabergé“ bereits hinbekommen: „Mix‘ Designer mit dem ‘Preme und auch dem Flohmarkt.“ Wer nimmt die Challenge an?

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1 Comment

  1. Timo Jan Knoll

    2. Februar 2020 at 15:07

    Schönes Ding, Danke.
    Magst é noch einen Artikel schreiben ?

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