Memphis-Rap: Der Dirty South im Deutschrap-Untergrund

„There’s always been a dark cloud over the city. They killed the Symbol for peace here.“

Die frühen 90er gelten als Blütezeit des Memphis-Rap. Namen wie Tommy Wright III, Project Pat, die Three 6 Mafia oder Eightball & MJG zogen damals ihre Kreise in der größten Stadt des US Bundesstaats Tennessee. Memphis-Rap ist düster und wollte in seinem Ursprung die Attitüde des klassisch-arroganten Gangsta-Raps in Geschichten über Mord und Chaos verwandeln und dabei hin und wieder als Zeichen von Dramatik übertreiben. Weg von der Prahlerei – hin zum Geschichten erzählen. Während Deutschrap momentan über Playlisten diskutiert und Gangsta-Rap sich plötzlich zum Tanzen eignet, wachsen im Untergrund deutscher Städte vielfältige Künstler und ihre Kollektive heran, um den Dirty South zu repräsentieren. Sie tragen die Namen AlphaMob, Klapse Mane und Skinny Finsta.

Runtergepitchte John Carpenter Horror Score Samples trafen auf messerscharfe Doubletimeflows und Roland TR-808s. Der thematische Fokus liegt dabei, wie heute noch, auf Aggressionen, Drogen, Gewalt, Geschichten von der Straße, und erzählt von einer Gesellschaft, die dank Mangel an Zusammenhalt auseinander zu fallen droht. Memphis-Rap ist Anti, versucht gar nicht erst sich anzupassen und zeigt sich dabei als Antagonist zu tanzbarem, kommerziellem Gute-Laune-Großraumdisko-Rap. Memphis ist rabiat und der dreckige Süden stellt eine Alternative zu hiesigem Mainstream-Trap dar. Der Szene, in der oft vergebens nach Haltung gesucht wird, wird eine ehrliche Seite aufgezeigt und dabei werden Dinge thematisiert, die dank mangelnder Berichterstattung und Aufmerksamkeit längst in Vergessenheit geraten sind. Die Lyrics erzählen uns von Depressionen, Emotionen und Tod, aber bleiben dabei offen, tolerant und sowas wie ein Zugang für die Alleingelassenen, die etwas zu erzählen haben, anstatt doch nur wieder über gestern Abend zu reden.

Synthie Glockenspiele treffen auf gesunde Übertreibungen, geerdeter LoFi Sound und spannende Samples auf eine Mentalität, die stets authentisch wirkt.

Zwischen Ost und West, tief im Süden, prägte in den 90ern vor allem die Three 6 Mafia den Memphis-Sound Stil. Das Kollektiv um Juicy J war die erste Hip-Hop Gruppe, und nach Eminem der zweite Hip-Hop Act, der einen Oscar gewann: 2006 gab es die goldene Trophäe für „It’s hard out here for a pimp“, welcher als Song für das Filmdrama „Hustle&Flow“ diente. Spätestens seit diesem Ereignis können die Mitglieder der Crew sich als Schlüsselfiguren, wenn nicht sogar als Memphis-Könige bezeichnen. Der Sound war stilprägend für Richtungen, die heute deutlich populärer sind, als der Südsound selber. Das Hip-Hop-Magazin The Source beschrieb ihren Stil 2003 als eine „Artikulation der Hölle auf Erden, von Armut und Verbrechen in den Ghettos der US-amerikanischen Großstädte.“

Aus dem Dirty South nach Hamburg, Berlin und Heidelberg

Mittlerweile fließen die Einflüsse langsam aber relativ sicher aus dem Süden der USA rein in den Großstadtuntergrund von Hamburg, Heidelberg oder auch Berlin. Man spürt einen Schwung an Talenten aus dem Untergrund, die Bock haben den mittlerweile etwas eingestaubten Spielplatz bunter und breiter zu gestalten.

AlphaMob ist einer von ihnen. Auf seinem ersten Release „Swaffle Phonk“ konnte der Hamburger Produzent mit und dank Hilfe von beispielsweise Haiyti oder Donvtello gänzlich überzeugen.

„Mit seiner raffinierten Mischung aus Phonk-, Trill-, und Memphis-Vibes, hat DJ und Produzent AlphaMob verstanden, wie man düsteren, dunklen Sound produziert, der es einem eiskalt den Rücken runterlaufen lässt, der aber dennoch Bock auf Tanzen macht.“, schreibt das Splash!Mag.

Bestätigen möchte sich AlphaMob mithilfe seines zweiten, kürzlich erschienenen Mixtapes „Swaffle Phonk 2“, welches wohl ebenfalls zwischen klassisch-dreckigem Memphis Phonk und modernen 808’s liegt. Auch hier finden sich diverse Features wieder: Tightill, Donvtello, DiscoCtrl, Lord Pusswhip und Baker sind die Namen, die auf der Platte Platz finden – eine durchaus vielschichtige Palette an aufstrebenden Künstlern des hiesigen Deutschrap-Kosmos. Das Tape erschien am 17.08 und wurde durchweg positiv aufgenommen. Falk Schacht findet: „Hier hält man sich weitestgehend an die Memphis Vorbilder.“, das Splash!Mag zeigt sich begeistert: „…so, dass man nach den zehn Anspielstationen wieder von vorne beginnt und „Swaffle Phonk 2“ für unendlich viele Stunden auf Dauerschleife laufen lässt. Wir verbeugen uns vor dir, AlphaMob.“

Statt Schwanzvergleich gibt’s Emotionen

Wer allerdings Aggressionen oder Hass erwartet, der tut dies vergeblich. AlphaMob bleibt sich treu. Klar nach dem Motto keine Zeit für Hass zu verschwenden, um stattdessen Liebe zu geben. Die Phonk-, Trill-, und Memphis- Vibes, die der Produzent aus Blankenese an den Tag legt, werden nicht nur in die eigene Mucke, sondern auch in seine 2013 eigens gestarteten Nite of The Trill‘ Partys gepackt. Was herauskommt ist ein Turn up, der „Raver wie Grundschüler aussehen lässt“ und Memphis-Liebhabern, sowie Fans neue Möglichkeiten aufzeigt:

Als ich mit Phonkycool vor vier, fünf Jahren hier in Hamburg angefangen habe die ’Nite Of The Trill‘ Memphis Phonk Parties zu machen, habe ich von vielen Gästen gehört, dass sie jetzt das erste mal überhaupt in einen Club gegangen sind. Vorher war das für sie einfach nicht interessant. Ihre Musik hat halt bisher nur im Internet statt gefunden.“

Angefangen hat für ihn alles in dem Proberaum seines Vaters, in welchem AlphaMob begann Rap erst in Form von East Coast Sound zu hören, ehe er später über einen kurzen Umweg über die Westküste im Süden der Staaten landete:

Ähnliche Sample Vibes aber völlig anderes Drumming und Tempo. Und vor allem auch eine andere Attitüde. Bei denen kam das Geld noch nicht über die Musik rein, dementsprechend anders waren die Textinhalte. Irgendwann kam dann eins zum anderen. Der eine hat sich ein Mic gegriffen (ich auch eine Zeit lang), der nächste fand Platten scratchen nice und ich hab‘ halt angefangen Beats zu bauen.“

Memphis-Attitüde bedeutet für ihn auch nach dem DIY-Prinzip zu agieren, sich nicht unbedingt durch Rarität zu definieren, sich gegen fortlaufende Trends zu stellen und stattdessen greifbare Kassetten an den Mann zu bringen. Auch aus Liebe zur dem, was er macht:

„Ich mag gern Dinge produzieren. Nicht nur am Rechner setzen und ein File auf Soundcloud hochladen. Tonträger gestalten ist da eine gute Möglichkeit sich auch rein über das Musik machen hinaus kreativ auszutoben. Covergestaltung, Materialen checken, Poster, Merch- was auch immer. Das befriedigt mich.“

Genau deswegen, liefert er zudem über sein Label Insalata Di Nastro regelmäßig eigene und Musik anderer Künstler des Dirty South und Phonk/Trap ganz klassisch auf Kassette.

Drogen, Saufen, Sex, Liebe, Hass und Dunkelheit

Das Berliner Untergrund Label Hutmacher Entertainment, bestehend aus Al Majeed, BigToe, Klapse Mane, LockeNumma19, Saftboys, Nordin und weiteren MC’s, kommt als Kollektiv und ist ebenfalls passendes Beispiel dafür, wie junge Künstler den Südstaatensound samt Attitüde an den Tag legen.

Klapse Mane ist einer von ihnen. In seinen Texten behandelt er den Umgang mit Drogen, er redet über Depressionen, tagelangen Kneipeneskapaden und malt Bilder von dunklen Gassen. Alles während er irgendwie selbstreflektiert über das Leben spricht und Geschichten erzählt, die zum einen eine deutliche Message zeigen, zum anderen nicht nur zum Zuhören anregen, sondern einen auch unterhalten.

„Im Blaulicht siehst du die Schandtaten der Staatsgewalt / nachdem es zwischen jugendlichen Banden auf den Straßen knallt.“ („worum gehts“)

Naja eigentlich geht es nur um Drogen, Saufen, Sex, Freundschaft, Liebe und Hass, verpackt mit einer guten Prise Dunkelheit. Ich kann euch versichern, dass ich in meinen Texten leider nicht übertreibe. Das besondere an meiner Musik bin natürlich ich.“

Harte Beats, Harte Texte, Ehrlichkeit. Und zwar eine Ehrlichkeit, die man sich im hiesigen Hip-Hop Kosmos so dringend wünscht, dass sie mittlerweile ein Merkmal darstellt, was oft vergebens gesucht, selten gefunden, und in Zukunft weiterhin bitter nötig sein wird.

Angefangen hat das HME Mitglied deutschen Rap in Form von Smoky, Frauenarzt, Weskone, GPC, oder der alten Bongbande – Sachen zu hören. Erst dann kamen die Three 6 Mafia, Juicy J, 8ball, Skinny Pimp, Project Pat, Gangsta Boo und Bassboxxx dazu. „Und natürlich nicht zu vergessen mein äußerst stabiler Drogen- und Alkoholkonsum.“ Musik bezeichnet er als Teil seines toxischen Blutes. HME gehört zu einem der spannendsten Labels, die momentan im Untergrund ihre Bahnen ziehen.

„In Memphis, in Memphis, Ich kick’ es wie in Memphis / Ich rauche 1000 Blunts und bin high wie Jimi Hendrix.“ („In Memphis“)

AlleHabenSie Untergrund-Phänomen Skinny Finsta bringt den Dirty South nach Heidelberg. Detailliebe und provokante Zeilen sind Teil des Geamtbildes, welches Skinny auf seinem zweiten Langspieler „Spieler der Liebe“ malt.

Kleiner Player, Große Ambitionen / lauf’ ein Tag in meinen Schuhen – du hast Löcher in den Sohlen.“ („Dope“)

Als ich begann, mich mit den dreien (AlphaMob, Klapse Mane und Skinny Finsta) zu connecten, stach besonders letzterer hervor und wollte direkt an dem Beitrag, den du hier gerade liest, mitarbeiten und vor allem eines: Aufklären.

„Nur die Wenigsten kennen die Wurzeln, Memphis Rap hat eine lange Historie bis in die 80er. Viele Elemente, die heute weltweit in den Charts laufen, haben ihren Ursprung in Memphis genommen. Die Stadt umgibt eine Mystik, die es zu erforschen gilt. Wer sich wirklichmit der Materie „Memphis“ auseinandersetzt wird viele spannende Erkenntnisse erfahren. Memphis Rap hat eine Stadtkultur, die nur innerhalb ihrer eigenen Grenzen entstanden ist. Wer wissen will, warum wir so reden, wer den Slang verstehen will, der muss sich reinfuchsen!
Das Spannende ist eben, ich höre heute z.B. das neue Drake-Album und bemerke sofort welcher der Songs des Albums ganz unverkennbar den Memphis-Stil trägt. Memphis benutzt bestimmte Stilmittel, Samples, Basslines etc. Wer sich für’s Produzieren interessiert, wird reichlich fündig werden! Memphis hat viele Stilrichtungen geprägt, Memphis hat den „South“ maßgeblich beeinflusst, ein roter Faden zieht sich da durch – bis heute.“

„Memphis is a dark city.“, sagte einst die Memphis-Rap Ikone und Ex-Three 6 Mafia-Mitglied Playa Fly. Lil’ Fly, so sein Aka, zählt zu einem von vielen Rappern aus Memphis, die Skinny geprägt haben. Ebenso Koopsta Knicca, auch Mitglied der Three 6 Mafia, welcher 2015 den Folgen eines Schlaganfalls, verbunden mit denen eines Gehirn Aneurysmas erlag.

Skinny Finsta wirkt wie jemand, der weiß was er tut, der sein Handwerk versteht, mit der Geschichte eins ist, und die Kultur und Einflüsse, die ihn bis heute prägen, um jeden Willen weitergeben möchte.

„Trap wurde in Memphis geboren, lange bevor es Trap hieß! Merkt euch das!“

Da ich schon immer das Gefühl hatte, dass Memphis-Rap im Gegensatz zu anderen Facetten des Hip-Hops nie die Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die er verdient hätte, stellte ich zum Abschluss allen dreien die selbe Frage:

Hat Deutschrap etwa ein Problem damit gewissen Subgenres, wie dem Memphis-Rap, eine geeignete Fläche zu bieten? 

„Ich will einfach Mucke machen. Das ist meine große Liebe neben der Trinkerei und den Drogen. Der Rest kommt mit der Zeit oder auch nicht. Ist nicht so wichtig. Musik sollte man nie nach der Aufmerksamkeit, die sie bekommt bewerten.“ (Klapse Mane)

„Nein, alles geht seinen natürlichen Gang, so wie es gehen sollte. Die Leute erkennen immer schneller die Uhrzeit und spielen das Spiel mit! Kassetten verkaufen sich besser als Steine!“ (Skinny Finsta)

„Nein, das denke ich nicht. Trap hat ja auch fast 15 Jahre gebraucht, um aus den Staaten hier anzukommen. Memphis scheint da ja auch erst seit etwa drei Jahren ein Thema zu werden. Von daher wird es in Deutschland noch etwas dauern. Davon mal ab konsumieren die meisten Menschen halt lieber Vorgesetztes, als sich selbst auf die Suche nach Neuem zu machen. Wenn, dann liegt die Sache vielleicht eher bei den Medien, Nischen nicht genug Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Punkt ist wohl auch, dass gerade wenn es um Phonk geht, das Meiste vor allem im Internet passiert. Viele der Protagonisten sind halt sehr jung und kennen es nicht anders, als Musik einfach nur bei Soundcloud hochzuladen.“ (AlphaMob)

Skinny Finsta fasst es eigentlich gut zusammen. Man kann den Sound des Dirty South nicht in einem einfachen Text zusammenfassen oder gänzlich erklären. Denn wer die wirkliche Attitüde verstehen möchte, der muss sich durch Tapes wühlen, sich Abseits des Mainstreams bewegen, sich reinfuchsen und darauf einlassen. Denn nur dann kann man eine gewisse Liebe für den dreckigen Südsound entwickeln. Doch genau das macht Memphis-Rap zu eine der spannendsten Nischen, die Deutschrap momentan zu bieten hat.

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Fotos: AlphaMob: Pelle Buys / Skinny Finsta: M. Heinsch

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