Mein Mixtape – mit RAF 3.0 (aus BACKSPIN MAG #112)

Am 5. Juli erschien sein neues Album. Im Frühling war Raf 3.0 schon mal vorab auf Tour, um seine Hörer auf „Hoch2“ einzustimmen. Wir haben ihn gebeten, ein Mixtape zusammenzustellen, das er getrost dem Tourbusfahrer zur Beschallung in die Hand drücken würde. Was Raf gerne hört, sieht man auf seiner Tracklist. Warum er sich ausgerechnet für diese zehn Songs entschieden hat, das erzählt er hier.

Raf, stell dir vor, du gehst auf Tour und stellst dir für die Fahrt ganz klassisch ein Mixtapes mit deinen Favourites zusammen…

Du meinst eine Kassette? Puhh (überlegt). Das habe ich zuletzt vor der Jahrtausendwende ge- macht. Wobei: Für eine iTunes-Playlist macht man ja nichts anderes. Und Playlists erstelle ich mir jeden Tag aufs Neue – und zwar fürs Training.

Eine selbst zusammengestellte Playlist ist dir also wichtig? Nach welchen Kriterien gehst du da vor?

Eine Playlist ist sehr wichtig! Man feiert ja nicht jeden Song von einer Band. Aber wenn man sich selbst etwas zusammenstellt, hat man quasi 90 Minuten Adrenalin, schließlich hat man ja ausschließlich seine Hits in der Playlist. Und dann kommen noch die verschiedenen Stimmungen dazu. Ich hab zum Beispiel eine Chill-Playlist, eine Trainings- Playlist, eine Mädchen-Playlist und so weiter.

Für uns hast du eine Playlist erstellt, die keine Genre-Grenzen kennt – da ist Rock dabei, Grunge und ein bisschen Hip-Hop…

Klar! Da ist „Rooster“ von Alice in Chains dabei, „Lithium“ von Nirvana…

Oder „Sailhouse“ von Mavado.

„Sailhouse“ ist so ein unglaublicher Song! Ich liebe ja alles, was leidet. Und Mavado ist der König der Leidenden. Mavado singt wie ein geschlagener Hund. Das find ich geil. Und „Sailhouse“ sagt halt: „Nein, nein, ich will nicht wieder ins Gefängnis“. Genauso hab ich mich auch schon gefühlt, etwa als ich etwas machen musste, was ich nicht wollte. Als ich quasi mit meinem Auto über die Felder an einen Ort gefahren bin, wo ich nicht hinwollte. Daher bedeutet Mavado für mich Freiheit. Ich hab‘ den Song das erste Mal gehört, als ich mit dem Fahrrad in der französischen Schweiz von einem Berg heruntergefahren bin und über diesen riesigen See geguckt habe. Das war einfach ein unglaubliches Gefühl.

Du hast dir auch einen Song von Petro Guelfucci ausgesucht, einem korsischen Folk-Musiker. Was verbindet dich mit Korsika?

Ich bin Neapolitaner – und die korsische und die neapolitanische Musik sind fast gleich. Allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass mir die neapolitanische teilweise ein bisschen zu sprunghaft ist. Zudem geht es da immer nur um Liebe, Mord und Mütter. Und dann zeigte mir meine Mutter zum ersten Mal korsische Musik – da sind mir fast die Tränen gekommen, so sehr hat mich das berührt. Dieser Typ singt, als würde die ganze Welt zusammenbrechen. Unglaublich, wie viel Leid dahintersteckt.

Und was bedeutet dir „Rooster“ von Alice in Chains?

„Rooster“ ist der Song, den ich nach jedem Auftritt höre. Sobald ich mit einem Auftritt fertig bin, setze ich mich irgendwo in den Backstagebereich und meine Kumpels gehen raus und lassen mir meine fünf Minuten. Und dann höre ich „Rooster“, einfach zum Kraftsammeln und zum Genießen. Manchmal höre ich den aber auch auf der Autobahn – und dann freue ich mich einfach, am Leben zu sein.

Von Nirvana hast du dir „Lithium“ ausgewählt. Was verbindest du mit dem Song?

„Lithium“ ist ein Song, der genau das hat, was den ganzen Grunge ausmacht und was auch ein bisschen meine Musik hat. Er stellt etwas Fröhliches traurig dar, oder eben genau umgekehrt. Zum Beispiel hatte ich zu Joshi, einem meiner besten Freunde, zwei, drei Jahre keinen Kontakt. Und als ich ihn dann zum ersten Mal wieder gesprochen hatte, war ich am Morgen danach so glücklich, dass ich sofort „Lithium“ hören musste. In der ersten Zeile heißt es ja auch: „Ich bin so glücklich, denn heute habe ich meine Freunde gefunden…“

Erst in der zweiten Hälfte deines Mixtapes tauchen dann auch Rap-Songs auf…

Na ja, ich mache ja nun mal auch Hip-Hop. Und wenn man mich fragt, was ich für Mucke höre, antworte ich natürlich sofort mit Hip-Hop. Jedoch muss ich dazu sagen, dass ich so gut wie nie Ami- Rap gehört habe. Erst jetzt höre ich einige dieser ganzen neuen Künstler. Erst seit die dazugekommen sind, kann ich mir das geben. Die alten Sachen waren, bis auf Cypress Hill, nichts, was ich hören konnte. Ich habe dafür immer viel französischen Hip-Hop gefeiert. Allerdings enttäuscht mich der Rap Francais der letzten sechs Jahre. Den kann ich mir inzwischen nicht mehr geben.

„Si Tu Kiffe Pas“ hast du als Song von Booba aufgeschrieben, eigentlich ist der aber von Lunatic, oder?

Richtig, ich glaube, der ist sogar schon von 2002. Und von den eben erwähnten neuen Amis hast du Kendrick Lamar („Swimming Pool“) und A$ap Rocky („What ́s Up“). Dazu dann aber auch Trinidad James, der zu den Freshman 2013 der XXL gehört…

Oh ja, „Gold On Everything“. KD Supier hat das mal wunderbar formuliert. Er ist ja aus einer krassen Musikerfamilie. Und ich selbst studiere sozusagen auch schon Musik seit ich klein war. Und gerade deswegen gefallen mir auch manchmal so primitive Nummern. Man muss auch davor Respekt haben. In „Gold On Everything“ geht’s einfach darum, wie er das rüberbringt. Natürlich sind der Beat und auch der Text an sich nicht besonders gut. Aber wie er das performt, das hat einfach – ich schäme mich dafür, dieses Wort in diesem Zusammenhang zu benutzen – Swag! Man kann es nur feiern!

Der einzige deutsche Song ist „Pimp Yannick“ von DCVDNS. Warum das?

Den finde ich einfach unfassbar witzig. Ich feiere DCVDNS abnormal. Ich war früher Helge Schneider-Fan, nun feiere ich DCVDNS. Ich gucke mir immer an, was der macht und lache mich kaputt. Ich war mit ihm mal beim Rap-Quiz, und es war so schwierig für mich, auch nur kurz ernst zu bleiben, weil ich jede Bewegung von dem Typen einfach nur witzig finde. Was ich aber generell zu deutscher Musik sagen muss: Die bringt mich immer in eine Art Arbeitsmodus. Wenn ich zum Beispiel einen Song wie „Verstrahlt“ höre, dann feiere ich das unnormal, aber in meinem Kopf stresst es mich gleichzeitig auch, weil ich denke: „Fuck. Ok, jetzt muss ich richtig loslegen.“ Und wenn ich zum Beispiel einen Track höre, den ich einfach nur scheiße finde, denke ich mir wiederum: „Scheiße, wieso kann so etwas überhaupt gefeiert werden?“. Das muss irgendetwas mit meiner Arbeit zu tun haben, und es lässt mich am Ende einfach nicht chillen, weil ich immer an neue Projekte und neue Songs denke. Mit deutscher Mucke finde ich einfach keine Ruhe.

Nicht mal von dir selbst hast du einen Song in deiner Playlist.

Du musst bedenken: Ich schreibe, produziere und mische meine Songs selbst. Bevor also einer meiner Songs herauskommt, habe ich den gefühlte 600 Mal gehört. Auch auf deinem neuen Album „Hoch2“ wäre kein Track, den du in so eine Playlist aufnehmen würdest?
Doch, „Treibsand“ ist zum Beispiel so einer. Der spiegelt wider, was ich mit dem Album machen wollte. Ich wollte zum Beispiel Grunge-Einflüsse dabeihaben, diese Harmonien, die man eigentlich seit 1994 nicht mehr wirklich hört. Und das gemischt mit Trap – dem Sound, den ich immer habe. Und dazu kommt dann noch ein Reggae- Einfluss. All das ist auf „Treibsand“ vereint.

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