Mehr als nur ein Experiment: MoTrip orchestrated by Jimek

Es ist schon einige Wochen her, seitdem ich bei den ersten Proben zu dem groß angelegten Projekt von MoTrip und Jimek im Berliner Konzerthaus war. Im ersten Drittel der Proben betrete ich den kleinen Saal, in dem sich neben Jimek, MoTrip und JokA, ein paar anderen Labelleuten von Universal und der deutschen Grammophon, welche übrigens das älteste Label der Welt (!) ist, auch ein knapp 80 Mann starkes Orchester versammelt hat. Im Moment spielen die Damen und Herren des Berliner Konzerthausorchesters eine Neuauflage des „Mama“-Openers „David gegen Goliath“, gefühlt zwanzig Geigen klingen gleichzeitig gespielt wie ein Hornissenschwarm, der wütend herumschwirrt. Während der Proben bewege ich mich durch den Raum, um die verschiedenen Sounds von allen Seiten hören zu können. Von Bassisten und Bläsern, über Xylophonspieler und Harfinistinnen, ist jedes Instrument vertreten, an das man aus dem Stehgreif denken kann. Nach der Probe und Gesprächen mit MoTrip, Jimek und Neffi Temur ist ein bleibender Eindruck hinterlassen worden. Ich weiß gar nicht, ob jemals schon irgendein Rapper mit einem ganzen Orchester performt hat – die einzige Frage, die bleibt: Können die jetzt geschürten Erwartungen am Tag des großen Konzertes gehalten werden?!

Ein Zeitsprung. Es ist Dienstag, der 14.09.2016. Die Hauptstadt hatte heute knappe 30 Grad Sommerwetter vorzuweisen und nach einem perfekt genutzten Tag hinterm Laptop, für diverse Interviewvorbereitungen, mache ich mich auf den Weg zum Hausvogteiplatz, um mir das Experiment Klassik trifft Hip-Hop live anzugucken. Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt sieht mit dem roten Teppich, der sich über die große Freitreppe zieht, verdammt edel und so gar nicht nach Hip-Hop aus. Lediglich an der Besucherschlange, die mittlerweile einmal quer über den Platz geht, erkennt man eindeutige Einschläge. Statt Frack und Krawatte sieht man vermehrt umgedrehte Caps und T-Shirts mit „Mo dirty Shit Trip“-Aufdrucken – auch für das von Karl Friedrich Schinkel errichtete Bauwerk ein eher ungewöhnliches Publikum. Aber genau darum geht es ja am heutigen Abend: Zwei Kunstarten, die für viele auf den ersten Blick wenig gemein haben, sollen heute ihren gemeinsamen Nenner finden. Schon vor dem eigentlichen Konzert laufen mir Vertreter unserer schönen, hiesigen Rapkultur über den Weg. Am Eingang hole ich mir meine Karte plus Bändchen und begebe mich auf den zweiten Rang des Werner-Otto-Saals, der, nebenbei bemerkt, nach dem Gründer des Otto-Versandhauses benannt wurde. Mit mir sitzen unter anderem Silla, Chefket, Joshi Mizu und Said in dem gerade frisch restaurierten Saal. Bei den bereits erwähnten Proben war selbige Halle noch eine nicht zu betretene Baustelle. Das heutige Event ist das dritte in dem neuen, alten Haus. Unter den riesigen, sehr imposant wirkenden Kronleuchtern proben die Kameramänner für den heutigen Abend ihre Fahrten, während das Publikum langsam Platz nimmt.

Kurz nach acht Uhr ist es soweit. Das Orchester betritt unter tosendem Beifall die Bühne und auch der polnische Dirigent Jimek, der durch die klassische Interpretation seiner Hip-Hop-History  auch hierzulande einiges an Bekanntheit erlangte, stellt sich mit Dirigentenstab bewaffnet auf sein dafür vorgesehenes Podest. Ein paar Minuten wird sich eingespielt, die Instrumente werden gestimmt und in dem Saal entsteht eine Stimmung und Energie, die beispielsweise mir, der sich seit gut einem Jahrzehnt fast ausschließlich nur mit Hip-Hop befasst, bis dato fremd ist. Da ich ja schon bei den Proben dabei war, weiß ich, dass heute etwas Großes passiert. Von meinem Platz aus kann ich sehen, wie sich MoTrip am Rande der Bühne bereit macht, auf eben diese einzulaufen. Die Streicher spielen, wie auch schon bei den ersten Testläufen „David gegen Goliath“ und Trip läuft ein.

Es macht Spaß, anhand der ersten paar Takte zu erraten, welcher Song wohl als nächstes kommen wird. Sowohl Mo, als auch Jimek und sein Orchester rufen die Songs ab – zwischen den Titeln gibt es jeweils ein paar Worte, danach geht es weiter, aber genauso muss es auch sein. Die Musik steht absolut im Vordergrund. Dabei ist es wirklich egal, ob Mo Flowabfahrten a la „Trip“ liefert oder mit „Feder im Wind“ sanftere Töne anschlägt. Zuerst hatte ich gedacht, dass die ruhigeren Songs fast besser zur orchestralen Untermalung passen würden – falsch gedacht. Bei „Kennen“, dem Opener seines Debütalbums Embryo, steht einer der Xylophonisten mit einem geschätzt 1,20 Meter großem Holzhammer im Hintergrund und schlägt auf eine Holzkiste ein, um damit für die Snare zu sorgen. Bei dem dritten Schlag bricht der Hammerkopf und nach wenigen Sekunden der Ahnungslosigkeit nimmt der Mann den Hammerkopf in beide Hände, führt diese über seinen Kopf und schlägt repetitiv auf sein Instrument ein – ein wahrer Held der Arbeit. Neben einem bunten Potpourri aus MoTrips bisheriger musikalischer Laufbahn, gibt es auch eine Handvoll exklusive, nur für diesen Anlass geschriebene Songs. Zur Performance dieser holt sich Mo als Gast überraschend Adel Tawil auf die Bühne, der schon vor einigen Jahren neben Azad auf dem Prison-Break-Soundtrack brillierte und seitdem immer mal wieder Hooks für unsere deutschen Rapper singt. Apropos Gäste: Natürlich darf auch JokA nicht fehlen, der Trip seit einigen Jahren auf fast jedem Gig begleitet und backt. Die „Triptheorie“-Performance, bei der der Bremer in die Rolle von Mos Gedanken schlüpft und mit ihm redet, funktioniert im Opernhaus ebenso gut, wie auf der splash!-Bühne in Ferropolis. Als Specialguest hat sich auch Baba Haft, der auf dem Titeltrack von Trips aktuellem Album gefeatured ist, nicht lumpen lassen und kommt mit Orchester im Rücken auf die Bühne, um „Mama“ zu huldigen. Fast schon keine Überraschung mehr, kommt auch Lary zwischenzeitlich immer wieder auf die Bühne. Was allerdings überraschend ist, ist einer der Tracks, den die beiden gemeinsam performen. „Mosaik“ ist einer der eigens für diesen Abend komponierten Songs der beiden, den ich gerne jetzt noch mal in Ruhe über Kopfhörer oder Studioboxen hören würde, aber da muss ich mich, so wie alle anderen auch, wohl bis zum Release der DVD gedulden, die hier heute am Rande bemerkt auch noch aufgezeichnet wird. Ich habe mich vor dem heutigen Abend schon zwei Mal mit MoTrip vor der Kamera darüber unterhalten, wie es wohl werden würde. Natürlich war von vornherein klar, dass es groß wird, aber Trip war sich zudem noch sicher, dass es nicht mehr und nicht weniger als das wichtigste Konzert seiner bisherigen Laufbahn werden wird, was er auch kurz vor Anpfiff seine Followern auf Instagram wissen ließ. Neben der Weltpremiere von Jimek orchestriert zu werden, gab es in der Show noch eine eigene. Der Titeltrack des Debütalbums „Embryo“, eine der, wenn nicht die persönlichste Geschichte des Aacheners, feierte Bühnenpremiere – wann, wenn nicht heute?!

Nachdem Trip gute 90 Minuten performt hat, verlässt er vorerst die Bühne. Schluss im Programm ist allerdings noch lange nicht – Jimek präsentiert seine Hip-Hop-History mit Songs von Mobb Deep über Dre und Pacs „California Love“ bis hin zu „Black and Yellow“. Kopfnicker im Opernhaus – geil. Zum Schluss kommt (der andere) Star des Abends gemeinsam mit Lary erneut auf die Bühne, um „Mosaik“ erneut zu performen. Das Publikum würdigt diese gut zweistündige Show mit einem tosenden Applaus, der gar nicht mehr aufzuhören scheint.

Auf der kleinen Aftershowparty im Anschluss sieht man sowohl MoTrip samt Entourage und Jimek die Erleichterung an. Die Resonanzen sind durchweg positiv und allen ist klar, hier heute etwas ganz besonderes geschaffen zu haben.

Für mehr Hip-Hop im kulturellen Mainstream. Für Crossover-Projekte mit anderen Musikrichtungen. Für Deutschrap.

One Love.

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Hallo Deutschrap, ich bin ab jetzt fest bei BACKSPIN. Gewöhn dich an mein Gesicht - ich bin gekommen um zu bleiben.

1 Comment

  1. Pingback: Motrip - "Mosaik" (live)

  2. Ata

    17. September 2016 at 1:33

    Wunderschön für alle beschrieben, die diesem tollen Abend nicht beiwohnen konnten.Vorfreude auf die DVD ist groß…Vielen Dank an dich und die Redaktion!

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