Megaloh: „Platz an der Sonne ist das wichtigste Album, das ich gemacht habe“

Mit „Platz an der Sonne“ erschien kürzlich das erste Album von BSMG – einer Künstlerkonstellation, die aus Megaloh, Musa und Ghanaian Stallion besteht. Abseits des hiesigen Trends im Deutschrap, der sich hin zu Guter Laune Atmosphäre und La Vida Loca bewegt, präsentieren BSMG Raum für ein Projekt, dessen Message über weitaus mehr Tiefgang und Relevanz verfügt. Die Platte widmet sich den afrikanischen Wurzeln ihrer Protagonisten, dem Leben in der Diaspora und dem auch heutzutage leider immer noch existenten Rassismus in unserer Gesellschaft. In Berlin haben wir Megaloh, Musa und Ghanaian Stallion zum Interview getroffen und mit ihnen über „Platz an der Sonne“, gesprochen.

 

 

Megaloh und Musa: Euch beide kennt man eigentlich als Solokünstler – Ghanaian Stallion, dich als Produzenten. Zwar habt ihr schon oftmals gemeinsam gearbeitet, doch mit der „Platz an der Sonne“ erschien nun kürzlich euer gemeinsames Album als BSMG. Wie hat sich diese Konstellation entwickelt und weshalb habt ihr euch dazu entschieden, gemeinsam dieses Projekt anzugehen?

Megaloh: Wir drei kennen uns schon sehr lang. Ghanaian Stallion und ich kennen uns seit dem Kindergarten und sind in derselben Gegend aufgewachsen, bevor er nach Ghana gezogen ist. Auch Musa kommt aus Moabit und wir rappen schon locker seit 15 Jahren gemeinsam. Das Projekt BSMG ist total natürlich gewachsen. Die Beats zu meinem Album „Regenmacher“ aus dem Jahr 2016 stammen von Ghanaian Stallion und auch Musa war an der Produktion beteiligt und ist auf den Songs „Oyoyo“ und „Wohin“ vertreten. Ohne dass wir es wussten, war diese Zusammenarbeit eigentlich bereits der Startschuss für dieses Projekt. Wir haben Musik über Thematiken gemacht, mit denen wir uns auf eine ganz natürliche Art und Weise auseinandersetzen. Nach diesen zwei Tracks war jedoch lang nicht alles gesagt. Im Anschluss ist noch der Track „N-Wort“ entstanden, den man jetzt auf der „Platz an der Sonne“ Platte hören kann. Bevor die Idee zu BSMG kam, existierte „N-Wort“ also bereits als übrig gebliebener Song aus der „Regenmacher“ Session. So kam dann der Stein ins Rollen. Danach haben wir Song für Song gemacht und irgendwann war klar, dass wir bereits so viel gutes Material haben, dass wir daraus auch gleich ein ganzes Album schaffen könnten.

Welche Bedeutung trägt der Titel „Platz an der Sonne“?

Musa: „Platz an der Sonne“ ist ein Zitat aus der Berliner Afrika Konferenz aus dem Jahr 1885. Dieses Zitat fasst den Wunsch der europäischen Großmächte, beziehungsweise von Deutschland, auch eine Kolonie in Afrika zu haben angesichts des Konkurrenzkampfes in Europa. Deshalb ist es passend, diesen Titel für das Album zu wählen. Gewissermaßen münzen wir das Zitat um auf unseren Platz an der Sonne.

Könnt ihr das Album auf eine Grundaussage beziehungsweise die wichtigsten Grundthematiken reduzieren?

Megaloh: Afrikanische Selbstermächtigung und afrikanisches Selbstverständnis. Es geht viel darum, mit der afrikanischen Identität in der Diaspora aufzuwachsen.

Ghanaian Stallion: Generell Systemkritik. Wir sprechen Missstände an, die nach wie vor existieren. Wir weisen darauf hin, wie die wirtschaftliche Welt heute aufgebaut ist und wer leidet, damit ein Teil der Welt gut leben kann.

Die Platte erschien am 22.09. in drei Editionen: Digital, auf Vinyl und in einer Deluxebox. Eine Deluxebox wirkt bei einem Werk mit solch einem politischen Statement erstmal unpassend.

Megaloh: Die Box ist vor allem für die Leute bestimmt, die sich nicht entscheiden können. In der Box findet man die CD und die Platte. Dazu gibt es weiteres Merchandise, in erster Linie geht es aber natürlich um die Musik.

Ghanaian Stallion: Die Instrumentals sind auch noch mit dabei. Die sind für Leute geeignet, die sich ausprobieren wollen und versuchen, so gut zu sein wie Musa und Megaloh (lacht).

Megaloh: Ich finde das Prinzip des Weitergebens bei diesem Projekt auch sehr wichtig. Das ist der ursprüngliche Hip-Hop Gedanke. Dahinter steht ein Movement, das viel größer als bloß dieses Projekt ist. Das heißt, wenn dieses Projekt die Leute einlädt, ihre Version zu erzählen oder nur die Geschichten weiterzutragen, dann ist es das beste, was passieren kann. Es ist die musikalische Kommunikation und der politische Diskurs, den wir mit dieser Platte fördern wollen.

Ihr habt gerade bereits einen kurzen Einblick gegeben und erzählt, dass der Grundstein des Projekts noch während der „Regenmacher“-Zeit entstanden ist. Wie kann man sich den weiteren Produktionsprozess um „Platz an der Sonne“ vorstellen?

Ghanaian Stallion: Musa und ich wohnen zusammen. Ich versuche eigentlich immer produktiv zu sein und Beats zu bauen. Bei Megaloh und mir hat es sich mittlerweile auch so eingebürgert, dass ich ihm viel rumschicke und er schaut, was ihn inspiriert. Bei „Platz an der Sonne“ gab es auch Phasen, wo Musa mehr vorgelegt hat, weil Megaloh noch viel mit „Regenmacher“ und dem Nachgang zu tun hatte. So hat Musa das Feuer in das Projekt gebracht. Zunächst haben wir also Beats für die Jungs gepickt, Musa hat dann mit Strophen vorgelegt und im Anschluss wurde der Ball weitergegeben an Megaloh. Beim nächsten Mal hat dann Megaloh vorgelegt oder es wurde gemeinsam an einer Hook gearbeitet. Mit diesem Prozess haben wir einen guten roten Faden für das Album kreieren können.

Das klingt bisher nach einem organischen und vor allem sehr harmonischen Produktionsprozess. Gab es dennoch Schwierigkeiten, die ihr während der Studiozeit überwinden musstet?

Megaloh: Die Thematik der Platte ist sehr schwer für uns. Es ist keines, wo es eine einfache oder absolute Wahrheit gibt. Natürlich gibt es Fakten, die sich nicht verleugnen lassen – zum Beispiel, dass Europa den afrikanischen Kontinent 500 Jahre lang ausgebeutet hat und es weiterhin tut. Das hat auch nichts mit fake news oder irgendwelchen Verschwörungstheorien zu tun. Wie man diese Tatsache interpretiert und wie man auch gegenwärtigen Rassismus in der Gesellschaft wahrnimmt und diesem entgegnet, bietet sehr viel Raum für Diskussion. Es wurde viel diskutiert und war längst nicht alles harmonisch bei uns.

Musa: Ich glaube, gerade das ist das interessante. Es ist wichtig, dass wir uns untereinander austauschen können und es einen inspiriert, wie der jeweils andere etwas empfindet. Mich hat immer inspiriert, wie die anderen in den Weg in der Musikindustrie mit dem kulturellen Hintergrund gegangen sind und wie sie es verpackt haben.

Ghanaian Stallion: Ich kann bestätigen, dass wir immer wieder diskutiert haben. Streitereien gab es so nicht. Natürlich gibt es Sichtweisen, über die man diskutieren kann und unterschiedliche Erfahrungen, die jeder von uns für sich erlebt hat. Im Endeffekt sind wir aber auch alle tolerant genug, um uns in die andere Person hineinversetzen zu können. Gerade weil wir uns aber auch so lange kennen, ist es für uns etwas sehr besonderes, gemeinsam an diesem Album zu arbeiten. Das ist nicht zusammengewürfelt von irgendwelchen Leuten, die vielleicht ein ähnliches Schicksal teilen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jeder Schritt eine Bereicherung war. Der ganze Prozess war spannend.

Megaloh: Das Diskussionsthema war vor allem, wie verzeihend man mit bestimmtem Verhalten von Menschen umgehen kann. Wie entscheidet man, es aufzufassen, wenn sich jemand dir gegenüber klar rassistisch äußert? Da stellt sich die Frage, ob man diesen Menschen direkt aufgibt oder ob man versucht, zu verstehen, woher diese Einstellung kommt und man versucht, etwas an dieser zu ändern. Das ist aber keine festgefahrene Einstellung, sondern verhält sich jedes Mal anders. Es gibt Momente in meinem Leben, in denen ich motiviert bin, so etwas zu bekämpfen. Es gibt allerdings auch andere Momente, in denen der Eindruck so frappierend ist und man bemerkt, wie fest verwurzelt Rassismus in der Gesellschaft ist. In solchen Momenten möchte man aufgeben und denken: Wenn ihr mich so sehen wollt, dann ist mir das auch egal. Bei diesem Projekt ging es bei den Diskussion ja auch immer um die Aussage, die der Song am Ende trägt.

Ghanaian Stallion: Die Erfahrungen, die man macht, hinterlassen bei jedem andere Spuren. So ist es völlig legitim eine ignorante Haltung zu vertreten und seine Wut rauszulassen aber genau so ist es legitim, versuchen zu wollen, Verständnis für gewisse Menschen aufzubringen. Einerseits war es uns wichtig, genau das auszudrücken, was wir fühlen. Andererseits wussten wir auch, dass das ein hochsensibles Thema ist, das viele Menschen betrifft.

Fehlen euch Werke wie „Platz an der Sonne“ es ist aktuell in der deutschen Hiphop-Szene?

Megaloh: Fehlen tut es uns nicht wirklich, da wir eher selbstschaffend als aktive Hörer sind. Generell findet aber eine Entwicklung in der Rap Szene statt, sodass die Musik viel davon handelt, eine gute Zeit zu haben und eine positive Atmosphäre zu schaffen. Wir sind einfach stolz, sagen zu können, dass es nichts vergleichbares mit „Platz an der Sonne“ gibt. Außerdem kommt es genau zur richtigen Zeit.

Wessen Feedback war euch während des Produktionsprozesses wichtig? Wen habt ihr ins Vertrauen gezogen?

Ghanaian Stallion: Da wir ja bereits drei Personen mit stellenweise unterschiedlichen Sichtweisen sind, wäre es sehr schwierig gewesen, noch eine vierte Person zu involvieren. Als wir drei alle mit dem Produkt zufrieden waren, haben wir die Songs natürlich auch anderen Leuten gezeigt. Das waren dann Leute wie Amewu oder Chima Ede – das sind Leute, von denen wir wissen, dass sie Ahnung von dem Thema haben und sich damit auseinandersetzen. Ich habe das Album aber beispielsweise auch Torky Tork gezeigt, der es auch von Anfang an gefeiert hat. Wir hatten anfangs schon Bedenken, wie die Platte wohl aufgenommen wird. Es war schön zu sehen, dass Leute wie Torky Tork oder Audio88 das feiern. Die haben keinen afrikanischen Hintergrund und können sich trotzdem sehr gut mit der Thematik auseinandersetzen und verstehen, was wir da tun. Konkret haben wir uns niemanden rangeholt, von dem wir Feedback zur Platte erwartet haben.

Chima Ede und Amewu sind beide auch als Featuregästen mit einigen anderen Namen vertreten. Was war euch für diese Platte wichtig hinsichtlich der Auswahl der Featuregäste?

Musa: Ich denke, wir haben viel aufgrund der musikalischen Qualität ausgewählt. Wir wussten bei Amewu, dass er sich bereits lange mit der Thematik auseinandersetzt und qualitativ gut zum Projekt beitragen kann. Chima Ede befindet sich auch in unserem Kreis und bringt natürlich auch musikalischen einen großen Mehrwert. Er befasst sich auch mit der Thematik, aber ich glaube, auf eine andere Art und Weise, da er einer anderen Generation angehört. Während des ganzen Prozesses hat er aber das Projekt gefühlt und wollte auch unbedingt beteiligt sein.

Ghanaian Stallion: Des Weiteren war es auch von vornherein klar, dass wir mit Künstlern zusammenarbeiten wollen, die auch ihre Sicht zum großen Thema beitragen können. Deshalb ist es wahrscheinlich wenig verwunderlich, dass alle Featuregäste der Platte ebenfalls einen afrikanischen Hintergrund haben. Es gab nur eine einzige Person, über die wir nachgedacht haben, die diesen nicht hat. Das wäre Trettmann gewesen, weil er diesen Vibe einfach versteht und wir ihn alle sehr feiern.

Inwiefern spielt der kommerzielle Faktor, genauer die Aussicht auf eine Chartplatzierung bei solch einem Projekt noch eine Rolle? Verhält sich die Erwartungshaltung hier anders als beispielsweise bei einem Soloalbum von dir, Megaloh?

Megaloh: An sich ist es traurig, dass man das anders bewerten muss. Allerdings ist es aufgrund einiger Faktoren ganz logisch, dass man dieses Projekt anders bewerten muss. Zum einen ist der Name BSMG noch nicht so bekannt, es ist also ein neues Projekt, das seine Zeit braucht, bevor es die Runde macht. Zum anderen ist es ganz klar die Thematik. In der Vergangenheit hat man an Beispielen wie Afrob, D-Flame oder Brotherskeepers gesehen, dass sie in Deutschland schon fast ein No Go ist. Daher haben wir ehrlich gesagt keine besonders hohen Erwartungen an die Charts. Natürlich würden wir uns freuen, da es der Qualität der Musik nur gerecht werden würde, wenn die Platte in die Top 10 einsteigt. Das ist ein kulturelles Statement, das so noch nie jemand vorher gemacht ha. Die Musik bewegt sich am Zeitgeist, ohne dabei verwässert irgendwelchen Trends folgen zu wollen. Wir haben das Projekt nicht wegen des Erfolgs gemacht, es geht um das Statement. Wenn man nur vom Verständnis hierzulande ausgeht, wäre das auch ein Album, mit dem meine Karriere zu Ende gehen könnte. „Platz an der Sonne“ ist für mich jedoch das wichtigste Album, das ich je gemacht habe.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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