MC Rene: „Nach dieser Reise weiß ich, wer ich bin“

bildschirmfoto-2016-10-11-um-12-09-12Kaum ein Thema wird im Rap so häufig thematisiert wie das der Herkunft und Identität.
Auch für Rap-Urgestein MC Rene spielt seine Identität eine große Rolle. Der in Deutschland aufgewachsene Halb-Marokkaner betitelte 2005 sogar ein Album, das auf seine Herkunft anspielt. Es trägt den Titel „Der letzte Marokkaner“ – es meint: Der letzte Marokkaner, der seine Heimat noch nicht kennengelernt hat. Genau das sollte ich nun endlich ändern.
Gemeinsam mit dem Berliner Produzenten Figub Brazlevic packte Rene die Koffer und stieg ins Flugzeug Richtung Marokko. Dort lernte er nicht nur endlich seine Familie und seine Heimat kennen, sondern nutzte die Gelegenheit, um in Zusammenarbeit mit Figub die Platte „Khazraje“ zu erschaffen. Entkoppelt vom Berliner Alltag und voll von neuen, inspirierenden Einflüssen der fremden Kultur entstand ein Album, das den marokkanischen Flavour nach Deutschland bringt.
Wir trafen MC Rene in Berlin zum Interview und sprachen mit ihm über die Reise, die marokkanische Rapszene und wie Figub Brazlevic sich seinen Platz in der Produzenten-Championsleague verdient hat.

 

In Kürze erscheint „Khazraje“ – ein Kollaboalbum von dir und Figub Brazlevic. Nun kreuzen sich eure Wege ja schon etwas länger – kannst du dich daran erinnern, wie ihr euch kennengelernt habt?

MC Rene: Das muss um 2013 herum gewesen sein. Ich war mit Immo und Spax im Studio und bei den Beat-Ordern gab es auch einen von Figub und wir haben einen Beat gepickt. Damals kannte ich schon ein paar Sachen von ihm, die er für Schwesta Ewa und so produziert hat. Jedenfalls dachte ich, wir sollten uns persönlich kennen, wenn ich immerhin schon auf Beats von ihm rappe. Wir haben uns dann über Facebook connectet, uns getroffen und den Song „The Missin’ Flava“ gemacht, den er auf Soundcloud veröffentlicht hat. Als wir gemerkt haben, dass wir gut harmonieren, haben wir uns immer wieder mal getroffen. Anfang des Jahres stand die Idee der Jam zu meinem 40. Geburtstag im Raum und er schlug dann irgendwann vor, gemeinsam ein Album aufzunehmen. Daraufhin haben wir uns dazu entschlossen, nach Marokko zu fliegen und waren dadurch entkoppelt und konnten ungestört produzieren, Beats machen und rappen.

Solch eine Reise verbindet sicherlich unheimlich.

MC Rene: Ja, auf jeden Fall, besonders, wenn die Reise nach Marokko geht. Figub hat eine marokkanische Freundin und wollte daher schon immer mal dort hin. Ich wollte unbedingt wegen meiner Verwandten hin und bin deshalb schon etwas früher angereist. In Marrakesh haben wir uns ganz unprätentiös eine Wohnung gemietet, uns dort ein Mini-Studio aufgebaut und waren Tag und Nacht am arbeiten.

Wie kommt’s, dass du vorher noch nie dort gewesen bist, obwohl dein Vater aus Marokko stammt?

MC Rene: Tatsächlich war ich nur mal als Baby da. Deshalb war die Reise für mich sehr emotional: Verwandte kennenlernen, das familiäre Gefühl spüren und so. Es war wichtig, dass ich vorher schon Zeit bei meinen Verwandten verbracht habe, bevor ich damit begonnen habe, dort Musik zu machen. Das gute Grundgefühl konnte ich dann mit in die Produktion nehmen.

Wie sah es mit Kontakt zu deiner Familie in Marokko während der letzten Jahre aus?

MC Rene: Wirklich Kontakt zu meinen Cousinen und Cousins hatte ich erst in den letzten Jahren. Die haben sich via Facebook bei mir gemeldet. Ich nahm mir vor, endlich mal hinzufliegen und jetzt war der Moment gekommen, indem ich dachte: Jetzt oder nie.

Was hinderte dich denn davor daran, nach Marokko zu fliegen?

MC Rene: Das Leben kommt dazwischen. Mein Vater ist Marokkaner. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und meine Eltern haben sich früh getrennt, deshalb war der Kontakt nie so stark. Man lebt hier sein Leben und macht sein Ding und merkt eigentlich nicht, wie die Zeit vergeht. Die Reise habe ich lange vor mir hergeschoben und war mir nie sicher, ob ich fliegen soll oder nicht. Jetzt musste ich endlich die Entscheidung treffen. Anfangs hatte ich Angst vor dem, was mich erwartet und habe mich gefragt, wie es dort sein würde.

Dann hast du auch in deiner Kindheit sicher nicht viel der Kultur mitbekommen?

MC Rene: Nein, gar nicht. Ich spreche auch kein arabisch, nur ein kleines bisschen französisch.

Welche Rolle hat Identität denn bisher für dich gespielt? 2005 hast du ein Album releast, das den Titel „Der letzte Marokkaner“ trug.

MC Rene: Da es ein Teil von mir ist, habe ich mich zwar darauf bezogen, allerdings eher wortspielerisch damit gearbeitet. Das war auch in Bezug auf mich gemeint:
Vielleicht bin ich der letzte Marokkaner, der seine Heimat noch nicht kennengelernt hat. Das könnte man also auch uminterpretieren.

Sowohl als MC, als auch als Mensch, war ich immer irgendwo auf der Suche und eben dieser Kreis hat sich nun für mich geschlossen.

Ich weiß endlich, wie meinen Namen Khazraje richtig ausspricht. Jetzt weiß ich, wer ich bin, wo ich herkomme und wer meine Leute dort sind.

Das ist so schwer vorstellbar, dass jemand so lange Zeit nicht genau weiß, wie der eigene Nachname korrekt ausgesprochen wird.

MC Rene: Da ich kein arabisch spreche, hatte ich keine Ahnung. So wurde mir nun aber auch erklärt, wo der Name herkommt. In Marokko gibt es in diesem Sinne keine Nachnamen. Es gab einen Stamm und mein Opa hat diesen Nachnamen für sich angenommen. Der Name ist auch sehr selten und dann war ich natürlich stolz, in Marokko meine Verwandten zu treffen, die auch so heißen wie ich.

Ich war leider noch nie in Marokko und habe folglich auch gar keine Vorstellung – beschreib doch mal, wie du die marokkanische Kultur erlebt hast.

MC Rene: Aus meiner Sicht sind die Menschen sehr gastfreundlich und auch sehr stolz auf ihre Herkunft. Dann herrscht natürlich auch eine ganz andere Essenskultur. Die Leute gucken einen allein schon anders an. Da geht man nicht so krass aneinander vorbei, man guckt sich mehr in die Augen. Marokko ist ein sehr familiär geprägtes Land. Gleichzeitig ist es, demographisch gesehen, ein sehr junges Land. In Berlin ist zwar auch viel Leben auf der Straße, aber in Marokko herrscht noch mal ein ganz anderer Flair. Es wird viel Zeit draußen verbracht. In Cafés trifft man fast ausschließlich Männer an. Nicht, dass Frauen nicht ins Café gehen, aber geht da eine Frau ins Café, wird von ihr gedacht, sie sei eine Nutte. Alkohol kann man nicht einfach am Kiosk kaufen, gar nicht in der Öffentlichkeit. Außer in touristischen Gegenden, da wird Alkohol in Cafés und Restaurants verkauft. Das ist aber wirklich ein krasser Unterschied zu Deutschland. Besoffene auf der Straße hast du da einfach nicht. Im Alltag ist die Religion sehr wichtig und ein natürlicher Bestandteil.

Erlebt man Marokko, dividiert man automatisch sein Bild, das die Medien hierzulande bezüglich der Religion und Marokkanern versuchen zu verbreiten.

Das hat nichts mit der Realität in Marokko zu tun. Was krass ist, ist die Mischung aus Tradition und Moderne. Die Natur ist natürlich auch krass. Wir waren beispielsweise im Atlas-Gebirge. Da sitzt du im Skilift und oben liegt Schnee, es sind aber trotzdem 30Grad.

Welche Erfahrung war denn, außer der eben genannten Punkte, dein größter Kulturschock?

MC Rene: Es war insofern ein Kulturschock, als dass mein Vater mich in Casablanca abgeholt hat und die Stadt ist einfach riesig. Der Verkehr ist sicherlich zehnfach so krass wie hier. Der Unterschied ist, dass deren Autos nicht solche Katalysatoren haben und das merkst du natürlich an der Luft. Überall sind Menschen und alle hustlen so krass. Du guckst in jede Richtung und überall passieren kleine Geschichten – dort findet mehr Streetlife statt.

Was konntet ihr für euch aus der marokkanischen Musikkultur mitnehmen?

MC Rene: Wir haben keine MCees oder so getroffen, weil wir schon die meiste Zeit für uns waren. Es gibt die traditionell marokkanische Gnawa-Musik, die einen sehr großen Einfluss auf jung und alt hat. Was Rap angeht habe ich ein bisschen im Internet gesucht und meine Cousins haben mir was gezeigt. Es ist wie hier aktuell sehr Trap-orientiert bezüglich den Beats. Die Attitüde der jungen Rapper in Marokko ist etwas härter, aber de sind dort auch swaggy unterwegs. Betrachtet man HipHop als globales Phänomen, gibt es Künstler wie Drake beispielsweise, die nicht nur hier beeinflussen, sondern eben auch in Marokko. Die Amerikanisierung merkt man natürlich stark in der Rap-Musik. Klar gibt es dort auch Künstler wie hierzulande Torch, die dann eher Conscious-Rap machen.

Hier bei uns ist Rap ja schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In Marokko findet Rap jedoch immer noch eher am Rande der Gesellschaft statt, oder?

MC Rene: In Marokko existiert eben kein Business wie hier, unsere Kaufkraft ist ja viel stärker. Die Kids, die sich Merchandise oder Tickets kaufen, sind viel industrialisierter und amerikanisierter. Die Leute haben mehr Geld, das sie auch ausgeben. Drüben wird noch viel Musik vom Handy gehört. Es gibt aber auch nur zwei, drei Künstler, die von ihrer Musik gut leben können. Hier gibt es ja auch einen Rap-Mittelstand. Ich bin zwar nicht superrich, aber ich lebe auch von der Musik. Achso, außerdem wird dort natürlich auch über andere Themen gerappt. Die sind wie gesagt sehr stolz auf ihr Land und es wird beispielsweise auch nichts gegen den König gesagt. Sprich, politische Themen finden wirklich nur am Rande statt.

Bei uns kann im Grunde genommen jeder sein Maul aufreißen, da ist es echt schon etwas brisanter.

Da wird mehr aus dem Leben erzählt. Es ist ein bisschen so wie in Frankreich: Dort hast du entweder die besten oder die beschissensten Lyrics. Aber die Franzosen rapper auch mehr über krasse Geschichten aus dem Leben. Diesen Banlieue-Lifestyle gibt es zwar in Deutschland auch, aber in Frankreich eben noch sehr viel krasser. Ähnlich ist’s bei den Nordafrikanern. Also: Entweder total materielle Themen oder total conscious.

Hat die Gnawa-Musik denn stilistisch Einfluss auf das Album genommen?

MC Rene: Einen direkten Einfluss auf das Album hat die Gnawa-Musik eigentlich nicht genommen. Für uns als Hörer war es vor Ort einfach schön, diese Musik zu hören und da zu sein, wo sie entstanden ist. Es gibt den Track „Yalla“, auf dem uns ein Junge das Intro in einem Marakkesh/ Medina Straßenlang gesprochen hat. So nimmt die Sprache Einfluss. Das war eben authentisch, weil man so 2016 dort auf der Straße redet. Bezüglich der Drums oder perkussiv hat Figub dort Einfluss mit eingebracht, aber es war nicht so, dass wir uns zwingend dazu verpflichtet gefühlt haben, dass man den marokkanischen Einfluss definitiv hören muss. Wir wollten schon dopes, zeitloses Rap-Album machen. So sind die Einflüsse eher textlicher Natur. Ich greife die Themen Reise und Identität auf – von einem Rapper, der 40 ist und endlich seine Heimat kennenlernt. Dennoch wird ein Beat, der in Marokko entsteht, anders klingen als einer, der hier in Deutschland produziert wird. Der Ort, die ganze Sonne und das Abgekoppeltsein von Europa hat uns schon Kraft gegeben. Wir haben das ganze Album in 12 Tagen fertiggemacht und danach nur noch zwei oder drei Songs hier in Deutschland produziert. In Marokko hat Figub immer im Wohnzimmer produziert, während ich auf dem Bett saß und ständig geschrieben habe. Da wir ja nur eine einfache Wohnung hatten, bestand die Booth aus einem Schrank mit Decken und Mic drin. Es gibt Tracks, bei denen man hört, dass sie sehr schnell produziert wurden. An den Songs, die jetzt auf dem Album gelandet sind, hätte man auch ein Jahr arbeiten können, allerdings weiß ich nicht, ob das immer ein Qualitätsmerkmal ist. Man muss dazu sagen, dass Figub auch verdammt schnell ist und liefert dabei eine Qualität ab, die man als Championsleague der Beatmaker betiteln könnte. Natürlich hat mich das dann auch zu Höchstleistungen angetrieben.

Ist es nach dem Trip jetzt nicht erstmal seltsam, wieder im Studio in Deutschland zu arbeiten?

MC Rene: Das ist eine sehr, sehr gute Frage. Das Projekt ist ja jetzt abgeschlossen, ich bin wieder in Deutschland und rede über das Produkt, über das, was in Marokko unser Flavour war. So langsam nabele ich mich davon ab. Aber ich habe gemerkt, dass es eine gute Arbeitsweise für mich ist, wenn ich mir für eine Platte ein besonderes Refugium schaffe. Zwar heißt es nicht, dass ich künftig nur noch in Marokko Musik machen kann, aber weg und entkoppelt zu sein, ist gut für mich. Das hilft, Dinge zu reflektieren und wieder klarer zu sehen. Dem Sound möchte ich auf jeden Fall treu bleiben und innovativ sein, was die Flows betrifft. Privat höre ich jeglichen Rap, aber ich bin niemand, der andere Musik automatisch in die eigene einfließen lassen muss.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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