Mavi Phoenix: „Ich mache keinen Cloudrap – auf keinen Fall.“

Zugegeben: Dieses Interview hätte schon vor langer Zeit erscheinen sollen. In etwa in der Zeit als Mavi Phoenix ihr letztes Video „Aventura“ veröffentlicht hat. In etwa in der Zeit, in der ihr Name in relativ vielen Medien fiel, da sie gerade mit Bilderbuch auf Tour war und generell als der (nächste) Geheimtipp aus Österreich gilt. Vielleicht haben viele von unseren Lesern all das gar nicht mitbekommen, weil sie für viele auch nicht so ganz in unsere Leserschaft passt, aber: wenn du auch über den Rap-Tellerrand schaust, dann hör’ und sieh dir gerne mal an, was die gebürtige Linzerin so treibt. Denn, und deshalb ist es eigentlich auch egal, wann dieses Interview herauskommt, ihr könntet in Zukunft häufiger auf sie stoßen – und Hip-Hop Heads damit vor dem Kopf. Angetrieben von amerikanischen Rap aus den Hochzeiten MTVs fing sie selbst an zu produzieren, zu singen und zu rappen. Mit ihrer „My Fault“ EP konnte sie 2015 erste Aufmerksamkeit auf sich ziehen ehe dieses Jahr die „Young Phrophet“ EP erschien. Mit letzterem Release wurde sie zwei Mal für den Amadeus Austrian Music Award nominiert. Bilderbuch wiederum haben sie im Radio gehört und spontan dazu eingeladen bei einem Konzert als Gast-Act auf die Bühne zu kommen. Wir haben mit der Wahl-Wienerin unter anderem über Hype, Szene-Zugehörigkeit und Selbstbewusstsein gesprochen.

 

Viele Künstler, die im Moment durch’s Internet eine Art Hype erfahren oder bekannt werden, tun sich ein bisschen schwer live zu spielen. Geht’s dir da ähnlich?

Ich habe mir das eigentlich immer so gewünscht – Internet-Hype. Das wünscht sich vielleicht jeder Artist. Ich habe auch relativ früh angefangen Tracks ins Netz zu stellen. Mein Weg war oder wird aber über’s live spielen geführt. Ich habe schon relativ viel live gespielt bis jetzt und für mich ist es jetzt auch nichts Neues mehr, wenn ich auf die Bühne gehe. Einmal habe ich vor 5000 Leuten gespielt – das ist echt krass. So habe ich mir das aber tatsächlich immer vorgestellt, dass ich erst über das Internet bekannt werde und dann live spiele. Es ist dann aber doch eher klassisch bei mir aufgebaut.

Man kann momentan ja schon ein wenig von Hype sprechen – auch wenn ich das Wort überhaupt nicht mag. Was bringt einem das aber überhaupt noch in einer Zeit, in der jeder jederzeit nach dem neuen nächsten großen Ding sucht?

Ja, ich weiß nicht. Ich nehme es überhaupt nicht so wahr. Ich kriege natürlich mit, dass über mich geschrieben wird und finde es cool, aber für mich fühlt es sich nicht wie ein Hype an. Vielleicht merke ich das in ein paar Wochen, aber jetzt gerade fühlt es sich für mich irgendwie normal an.

Jemand aus Hamburg, Haiyti, befand oder befindet sich in einer ähnlichen Situation wie du und hat mal gesagt, dass sie das Gefühl hat als Frau besser sein zu müssen als der Rest. Hast du das Gefühl, dass das Interesse an Frauen gerade wieder auf ein gesundes Level steigt?

Irgendwie schon! Gestern meinte ein Freund von mir, dass es gerade eine Welle an nicen Rapgirls gibt. Irgendwie wirkt’s gerade schon so, dass es wieder mit offenen Armen empfangen wird. Dass man es als Frau schwieriger hat, ist schon ein bisschen so. Das kann man selbst verschlimmern oder aber versuchen es gelassener zu nehmen und die Leute dazu zu bringen es zu tolerieren. Ich denke, das funktioniert vor allem bei Live-Auftritten. Bei Rap-Kollegen, die einfach mit einem DJ oben stehen und rappen, finden es alle geil. Wenn das eine Frau macht, ziehen alle eine Fresse. Man muss halt drauf scheißen, noch mehr Ansagen machen und desinteressiert an der Publikumsreaktion sein. Mal schauen wie das funktionieren wird (lacht). Wobei – desinteressiert bin ich eigentlich gar nicht bei Auftritten. Ich meine es eher so, dass die Ansagen an das Publikum ein bisschen gemeiner sein sollen (lacht).

Du musstest dich in letzter Zeit häufiger über Autotune unterhalten und experimentierst ja auch nicht erst seit gestern damit. Haben dennoch Künstler wie Yung Hurn im deutschsprachigen Raum auch für dich die Tür ein Stück weit aufgetreten?

(überlegt) Also bei Haiyti zum Beispiel muss ich sagen, dass ich noch gar nicht so viele Tracks von ihr gehört habe. Von Yung Hurn viel eher, da er auch aus Wien ist und ich ihn dadurch auch viel eher gehört habe – Anfang 2015 schon. Den habe ich schon gescheit gefeiert. Generell wird Autotune in Amerika ja so gut wie gar nicht thematisiert. Manche verwenden es halt und manche nicht. In Österreich ist das immer wieder Thema – Ich merke das ja an den Kommentaren. „Du brauchst doch gar kein Autotune“ – ja, das weiß ich auch, es ist aber einfach geil.

Viele denken bei Autotune ja auch direkt an dieses ausgedachte Genre Cloudrap und prophezeien, dass diese Blase bald platzen wird.

Ja, es fängt jetzt schon an, dass es mich langweilt. Diese ganzen Halftime-Sachen. Ich bin eigentlich voll der Cloudrap-Fan, aber irgendwann muss man sich als Künstler einfach neu erfinden. Ich mache keinen Cloudrap – auf keinen Fall.

Darauf wollte ich gar nicht hinaus. Kannst du dir aber vorstellen, dass du davon betroffen wärst, wenn diese Blase tatsächlich platzt?

Nein, glücklicherweise nicht. Ich finde, dass ich mir genau das herausgepickt habe, was mir daran gefällt und es aufgesogen, aufgenommen und unterbewusst oder bewusst einfließen lassen habe. Bei den Tracks, die ich nun mache, hat es aber rein gar nichts mit Cloudrap zu tun. Es ist immer etwas Neues. Gott sei Dank, dass ich davon nicht betroffen bin und gar nicht so in dieser Szene drin bin.

In welche Szene könnte man dich überhaupt packen? Du hast gar nicht so wirklich Kontakt zu etwas, oder?

Ja, voll. Ich bin eigentlich nur allein (lacht). Das kann vor allem an der englischen Sprache liegen und an Linz. Wir haben schon unsere Crew – Alex The Flipper, mit dem ich die „Young Prophet“ EP produziert habe, das ist meine Crew. Das ist aber nichts, was jetzt offiziell ist.

Du gibst schon ein internationales Selbstbild ab. Ich habe nicht das Gefühl, dass du vor hast dich mit der Musikszene im deutschsprachigen Raum anzufreunden. Hilft das vielleicht sogar dabei beachtet zu werden?
Ja, irgendwie schon. Es ist ja immer irgendwie so, dass man das, was mich nicht will, bekommt. Natürlich find ich’s einfach voll geil. Deutschland ist ein riesiger Markt mit großen Radiostationen und mich freut es, wenn Leute auf mich aufmerksam werden. Eigentlich habe ich aber nie daran gedacht. Generell habe ich nie so business-mäßig daran gedacht. Ich wollte die Hürde immer schaffen, aber habe nicht gewusst was das heißt. Jetzt merke ich erst wie viel da zusammenspielt.

Die englische Sprache ist ja wahrscheinlich auch eine sehr bewusste Abgrenzung. Gerade wo die österreichische Popwelt wieder so floriert.

Ja, voll! Auf der anderen Seite aber auch gar nicht so bewusst, weil ich es einfach immer so gemacht habe. Ich habe einfach schon immer englische Songs geschrieben. Natürlich kann man auf der einen Seite sagen, dass es dumm ist, mir keinen Nutzen von meinem Dialekt zu verschaffen. Auf der anderen Seite, wird’s wohl auch so sein, dass der Ösi-Hype irgendwann wieder vergangen ist.

Gibt’s im deutschsprachigen Raum, denn überhaupt Vorbilder bzw. Einflüsse auf deine letzte EP beispielsweise?

Deutsche Vorbilder habe ich wirklich nicht, nein. Ich höre fast nie Sachen aus Deutschland oder Österreich. Ich höre fast immer nur amerikanischen Rap – das ist meine Referenz.

Du arbeitest ja in relativ kleinen Teams, wenn nicht sogar alleine. Maurice von Bilderbuch hat mal Kanye West und Frank Ocean dafür kritisiert, dass sie im Hintergrund mit einer Schar an Menschen an Texten und Musik pfeilen, ihre Musik aber als etwas sehr gebrechliches und persönliches darstellen. Kannst du mit der Kritik etwas anfangen? Oder stört dich das sogar selbst, wenn du Musik hörst?

Gar net eigentlich. Ich verstehe schon, was er damit meint, aber solche Gedanken habe ich mir wirklich noch nie gemacht. Da kann ich gar nicht wirklich etwas zu sagen, da es mich nicht stört (lacht).

Du wirkst jetzt schon relativ trainiert, was so Trubel und Medien angeht.  Als wüsstest du genau, was Musikbusiness bedeutet und auf welchen Zirkus man sich da einlässt – und dass es dir Spaß macht.

Das kann sehr gut sein, weil ich wirklich seitdem ich klein bin, genau das machen will. Ich habe mir schon vorgestellt, wie so ein Interview ablaufen könnte – ich wollte das wirklich immer schon machen. Vielleicht wirkt es deswegen so trainiert (lacht).

Du hast ja jetzt ein paar Interviews hinter dir: Macht’s immer noch Spaß zu erzählen mit elf Jahren ein Macbook geschenkt bekommen zu haben?

(lacht) Ja, voll! Das macht schon Spaß, weil’s einfach schön ist, wenn Leute deine Geschichte hören wollen, aber es wird teilweise auch leicht anders dargestellt als es eigentlich war. Ich habe einmal gelesen, dass mein Papa „Schuld“ an dem ganzen Musik-Ding war. Da denke ich mir: „Einen Scheiß war der Schuld!“ Manchmal wird es einfach als die Magic Story verkauft, die es eigentlich gar nicht war. Das war ein altes Teil, das ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe und er hat mir ein Programm gezeigt – oder ich habe es selbst entdeckt, das weiß ich gar nicht mehr so genau. Die Geschichte wurde aber sehr breit getreten. Das ist schon ein gutes Beispiel. Ich denke mir aber: s’wurscht (lacht).

Du versteckst alte Musik im Netz nicht unbedingt. Es gibt ja sogar noch Rap-Songs von 2012.

(lacht) Oh Gott! Ich habe noch viel mehr auf meinem YouTube-Channel, was aber schon privat gelistet ist. Den Song „Meet Marlenski“ habe ich oben gelassen, weil es so ein Drehpunkt für mich war. Das war das erste Mal, dass ich gerappt und ein Instrumental gemacht habe, das hip-hopig war. Ich finde auch, dass es schön zu sehen ist, wenn alles klein beginnt – nicht mit fetten Produzenten – und natürlich wächst. Dann kann man alles gut nachvollziehen.

Das unterstreicht meine These, dass jeder, der im Moment Erfolg in oder am Rande der Hip-Hop-Szene hat, schon durch diese Hip-Hop-Schule gegangen ist.

Voll, auf jeden Fall. Ich mach echt schon lange Musik und ich kenne es einfach auch, wenn man etwas hochlädt und sich denkt, dass das jetzt voll geil wird und im Endeffekt interessiert es keinen und du bekommst vielleicht sogar noch einen scheiß Kommentar darauf. Man muss einfach weitermachen. Deswegen wirkt’s jetzt vielleicht schon ein wenig trainierter, weil ich irgendwie schon seit zehn Jahren Musik mache. Jetzt nicht immer mit Vollgas, aber ich hatte es ständig im Hinterkopf und habe immer neue Dinge ausprobiert und geschaut was geht.

 

Erzähl Digger, erzähl

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