“Es nervt mich, dass nicht so viel über die Musik geredet wird.“ – Mavi Phoenix im Gespräch

Boys Toys Mavi Phoenix

Ein Debütalbum von Mavi Phoenix steht eigentlich schon seit mehreren Jahren auf diversen Kritiker-Listen an sehnlichst erwarteten Platten, die grade zum Jahreswechsel zu Hauf erscheinen. Mit futuristisch coolen Songs, die irgendwo zwischen Pop und Rap herumschwirren, entwickelte sich Mavi Phoenix mehr und mehr zum Kritikerliebling. Ein Album entstand dann trotzdem lange nicht. Mit „Boys Toys“ ist im April nun endlich sein Debüt erschienen und eigentlich sollte mit der frischen Platte im Gepäck quer durch Deutschland und Österreich getourt werden. Das Corona-Virus machte dem Wiener dabei einen Strich durch die Rechnung und verlegte unser Interview über die turbulente Entstehungsphase und das nun erschienene Ergebnis so auch zwangsweise von einem Backstage-Räumchen ans Telefon.

 

„Don’t fit in the ‘biz but I stick to it“ schallt es einem direkt auf dem gleichnamigen Titeltrack und Intro von Mavi Phoenix Debütplatte „Boys Toys“ entgegen. Am Telefon verrät der trotz Corona-Krise ganz gute aufgelegte Sänger und Rapper aus Wien, dass sich diese Zeile – entgegen meiner plumpen Vermutung hier sei das vielzitierte Rap-Geschäft gemeint – an die gesamte Musik-Industrie richtet. „Es gibt immer noch die falsche Annahme, dass das Musikbusiness so offen ist und so. Aber schau dir mal die Charts an und für wen da Platz ist.“ Gemeint sind natürlich vor allem Männer, die auf Frauen stehen, das auch häufig genug betonen und sämtliche andere Gesinnungen bestenfalls ignorieren.

“Ich glaube schon, dass Mavi Phoenix jetzt ein neuer Künstler ist.“

Für Mavi Phoenix trifft das nicht zu. Bis in den letzten Sommer hinein galt Mavi Phoenix als vielversprechendster Musikexport Österreichs – und als Frau. Mit dem Song „Bullet in my Heart“ machte Mavi dann öffentlich, was schon seit Kindertagen in ihm schlummerte und nach einer langen Phase des hin und her endlich raus musste: Mavi Phoenix, der in einem weiblichen Körper geboren wurde, ist ein Mann. Mit „Boys Toys“ veröffentlicht der Wiener nun ein beeindruckendes Album, das in seiner Gänze den harten Alltag, die innerlichen wie gesellschaftlichen Konflikte, die hinter dem erstmal recht simplen Begriff Transgender stehen, verhandelt.

 

Allgemein gesagt wurde das Album, auch etwas zur Verwunderung von Mavi selbst, medial sehr stark und positiv aufgenommen. Grade die Jugendseiten großer Wochenzeitungen zeigten viel Interesse, vor allem an der Transgender-Thematik, die durch die ganze Platte hindurch im Mittelpunkt steht. Was dabei leider allzu häufig hinten runterfällt: Die musikalische Seite der Medaille. Im gegenwärtigen Medienzirkus der Industrie spürt man mehr und mehr eine Mentalität, die Musik gewissermaßen in zwei Teilbereiche ordnet. Während auf der einen Seite das Gesamtpaket Musik und die simple Freude daran im Mittelpunkt steht, wird die andere Seite unter dem wenig schmeichelhaften Adjektiv „wichtig“ zusammengefasst.

Die Musik ist häufig zweitrangig, wenn Künstler*innen als “wichtig” gelten

Künstler*innen, die hier hineinfallen werden meist auf die Inhalte ihrer eigentlich musikalischen Ausflüsse reduziert. Ihnen wird quasi ein Bildungsauftrag erteilt, sie gelten als positive Beispiele einer diversen Industrie. Ganze Rezensionen bewerten lediglich Inhalte. Und hinter vorgehaltener Hand hört man dann häufig noch, dass die Musik an sich eigentlich gar nicht so gut sei, halt viel zu anstrengend, man müsse immer hinhören, kein Entertainment sondern Unterricht, aber für die Außendarstellung sei es eben wichtig. Das ruft natürlich auch diverse Kritiker*innen auf den Plan, die von Zeigefinger-Rap sprechen und verlangen eine politische Message müsse nicht offen ausgesprochen werden, sondern solle impliziert in die Musik eingefügt werden, damit eben wieder die Musik im Mittelpunkt steht.

Mavi Phoenix fiel interessanter Weise bis Juli 2019 vor allem in die erste Kategorie. Mit englischsprachiger und sehr nach vorne gewandter Musik wurde in Interviews vor allem festgestellt, dass Mavi eigentlich viel zu international und cool für das kleine Österreich klinge. Wo diese musikalischen Anlagen herkämen wurde da gefragt. Mit „Boys Toys“ geht es jetzt in die andere Richtung. Das musikalische wird leider häufig ausgeklammert. Ihn selbst stört das zwar, lieber würde er einfach als normaler Typ zu seinem musikalischen Output befragt werden, aber er betont auch, es mit der Platte ja auch drauf angelegt zu haben.

 

Dabei hat Mavi Phoenix mit „Boys Toys“ eigentlich einen beeindruckenden Spagat geschafft zwischen der unnahbar coolen Attitüde, die sein Frühwerk bestimmt, und einer inhaltlichen Emotionalität und Dichte, die in Zeiten des vielzitierten Single-Business ihresgleichen sucht. Hinzu kommt ein sehr eigener und gereifter Sound-Entwurf, den Marlon, wie Mavi bürgerlich heißt, gemeinsam mit dem Produzenten Alex The Flipper und der Mithilfe von Musikern wie Markus Ganter oder Rip Swirl, perfektioniert hat. Das Hit-Potential der Songs ist immer noch extrem hoch. Die Songs, die eine 90er Ästhetik mit modernen Elementen wie Autotune verbinden, sind häufig sehr poppig und sprudeln nur so über vor Mitsing-Hooks und Catchphrases, die man am liebsten direkt auf T-Shirts drucken möchte. „Just because my voice is high doesn’t mean I’m not a guy,“ ist so ein Satz, der sofort im Gedächtnis bleibt.

“Immer wenn ich was neu mache klingt das irgendwie scheiße.“

Zu meiner Verwunderung freestyled Mavi solche Sachen meist: „Viele Songs auf dem Album leben davon, dass sie eine Momentaufnahme sind. Ich freestyle dann einfach viel und das kann man schwer neu machen. Immer wenn ich was neu mache klingt das scheiße.“ So sind auf vielen Songs zum Glück auch Spuren – und damit Emotionen – gelandet, die bei glattgebügelten Hochglanz-Produktionen hochkant rausgeflogen wären. Mal hört man ein Grinsen förmlich aus der Aufnahme heraus. Bei dem Schlüssel-Track „12 Inches“ wiederum sagt schon Mavis Stimmlage alles über das genervte Gemüt aus. So wird über das ganze Album hinweg eine emotionale Nähe erzeugt, die gerade die alten Mavi Phoenix Songs häufig vermissen ließen.

 

Hier macht Mavi selbst auch die größte Veränderung, die sein Coming Out in der Musik hinterlassen hat, aus: „Diese Attitude, die ich jetzt gewonnen hab oder mehr die Selbstsicherheit das Männliche zu zeigen. Allein meine Delivery, wie ich rappe oder singe, hat das Coming Out schon beeinflusst. Vorher habe ich extrem darauf geachtet, es nicht zu männlich werden zu lassen, damit niemand checkt, dass ich eigentlich ein Mann sein will. Jetzt lasse ich das halt einfach raus. Und dann ergeben sich schon auch andere Sachen.“

Das Coming Out löst die Schreibblockade

Schließlich hat sich auch textlich eine Barrikade in Mavis Kopf gelöst. Eigentlich sollte sein Debüt schon viel eher kommen. Bereits vor über zwei Jahren sprach Mavi im BACKSPIN Podcast mit Kevin über eine kommende Platte. Die Songs dafür waren auch bereits da. Was fehlte war ein Zusammenhang, ein Faden, der den wachsenden Berg an Songs zusammenhält. Mit „Bullet in my Heart“ zieht er dann schließlich die Reißleine. „Ich habe einfach nicht mehr gewusst, worüber ich schreiben soll. Viele Frauen machen sich ihre Rolle halt zu eigen – was ich auch voll unterstütze – aber ich konnte mich selbst nie über das Frau-Sein identifizieren, weil ich das halt nicht gefühlt habe. Jetzt ist das viel leichter für mich, über Probleme zu schreiben. Das macht alles viel mehr Sinn,“ fasst er die Situation zusammen.

Als im Oktober 2019 dann die ersten Demos für das Album standen, kam Mavi zudem auf die Idee aus den Skizzen ein Konzeptalbum zu formen. Dafür erschuf er das Alter-Ego Boys Toys, welches ihn selbst als Kind widerspiegeln soll und mit hochgepitchter Stimme durch die Platte moderiert. Dieser rote Faden hält zudem auch die emotionale Bandbreite des Albums, die zwischen immer wieder hochkochender Wut, (Galgen-)Humor und Melancholie hin und her springt. „Diese Wut ist auf jeden Fall ein Teil von mir, einfach weil es extrem frustrierend ist Transgender zu sein. Ich würde einfach gerne ein Typ sein, was aber einfach nie passieren wird,“ konstatiert Mavi zwischendurch. Am Ende fasst er die Platte jedoch treffend mit dem englischen Wort „Growth“ zusammen, Wachstum also. Seines kindliches Alter-Ego beendet die Platte in diesem Sinne mit dem treffenden Worten „This was „Boys Toys“ and I feel much better now“

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