Zum Glück eine Fortsetzung: Marteria gefangen zwischen Spießern und Zweifeln

Lange mussten Marteria Fans auf einen Nachfolger des Neuzeitklassikers „Zum Glück in die Zukunft“ warten.

Heute vor vier Jahren erschien das dritte Studioalbum von Marteria: „Zum Glück in die Zukunft II“ ist bis heute das erfolgreichste Album des Rostockers. Es könnte so leicht sein für Marten Laciny, der bevor er sein erstes Top Ten Album releaste, bereits erfolgreich modelte und Fußball spielte, sich als vom Erfolg gekrönten Frauenheld darzustellen, dem alles mit Leichtigkeit gelingt. Aber der Sympathieträger von der Ostsee schafft es auf eine beeindruckende Weise seine Schwächen zu zeigen und damit ebenfalls viele seiner Hörer zu erreichen. Immer in einem Spagat zwischen Kitsch und gut dosierter Melancholie.

Die Messlatte, die es zu überbieten galt, lag hoch, wurde der erste Teil doch als Startschuss einer neuen Generation von Rapper gefeiert. Nach dem Release seiner ersten großen Veröffentlichung, die drei Jahre nach Release mit Gold ausgezeichnet wurde, versuchte er nicht sofort mit einem neuem Album nachzulegen, sondern tourte unter anderem mit den Fantastischen Vier durch Deutschland und veröffentlichte erst im Spätsommer 2012 zusammen mit Miss Platnum und Yasha die „Lila Wolken“-EP, welche als Überbrückung bis hin zu den Soloalben der drei Künstler gedacht war. Dieses Projekt entwickelte sich zu einer der bis zu diesem Zeitpunkt wenigen Nummer 1 – Singles in Deutschland aus der deutschen Hip-Hop-Szene.

Veröffentlichte er „ZGIDZ“ als Geheimtipp, warteten auf den zweiten Teil deutlich mehrere Fans des charismatischen Rostockers. 

Nachdem der Hörer im Intro mit den Worten „For you“ begrüßt wird, wendet sich Marteria wenigen Minuten später an das Spießbürgertum, das ihn umgibt. Während er große Konzerte spielt und das Nachtleben, so auch berufsbedingt, eine große Rolle in seinem Leben spielt, drücken seine Freunde ihn weg, wenn er an einem Samstagabend anruft oder fliegen lieber nach Schweden, als nach Malle. Zu diesen Freunden gehören offensichtlich nicht Paul Ripke und Kid Sinius, die kleine Cameoauftritte im Video haben.

„Randale und Krawall, die Zeiten sind längst vorbei.
Wo sind meine Leute hin, die waren früher überall.
Was all die anderen starten sieht wie ne Landung aus.
Und die Welt sie dreht sich weiter nur nicht mehr ganz so laut.“

Mehrere Songs auf dem Langspieler schlagen in diese Kerbe und kritisieren entweder, wie der zitierte Song seine Generation oder wie „Bengalische Tiger“ die Polizei. Auf der Hymne für und über bengalische Fackeln wird auch ebenfalls die Beziehung von Marteria zu Fußball deutlich, die sich weiter in dem Outro der Platte thematisiert. Neben diesen Songs finden sich aber auch Anspielstation auf dem Album, die einen größeren Einblick in das Innere des Künstlers geben.

„Und dann kommt Louis“ sind die nervösen Minuten eines werdenden Vaters vor der Geburt seines ersten Kindes und in gewissen Massen der zweite Teil des Tracks auf „ZGIDZ“, welcher ebenfalls nach seinem Sohn benannt wurde.

„Also gib’ mir keinen Rat, gib’ mir’n Drink!“

Klingt diese Nummer und Vorstellung sehr harmonisch, schlägt „Die Nacht ist mit mir“ rauere Töne an. Mister Mister Marteria berichtet aus einem Abend an dem Tresen einer verqualmten Eckkneipe. Anstatt den Alkohol zu glorifizieren, beschreibt er die Auswirkung einer Alkoholsucht. Musikalisch wird er auf diesem Lied von Campino unterstützt, der die Hook des Rappers wiederholt und durch seine Stimme mit einer eigenen Note versieht.

Noch einen Schritt persönlicher wird Marteria auf „Eintagsliebe.“ Das Wortspiel erinnert an das Faible eines Jan Delays und seine Album- und Songtitel. Das Lied thematisiert die Beziehungsunfähigkeit des Protagonisten. Die Lebensdauer der Ephemeroptera, so der wissenschaftliche Name der Fliegenart, wird mit der Zeitspanne einer Liebelei verglichen. Unterstützt wird Marteria auf diesem Track von Julian Williams. Wir erinnern uns an unser Interview mit dem Hessen.

Sind diese Lieder musikalisch unaufgeregt, ist „Auszeit“ eine Hymne für all diejenige, die sich im Arbeitsalltag und/oder Großstadtdschungel verloren haben und dringend nach einem Urlaub, beziehungsweise einer „Auszeit“ rufen. Besonders geeignet für turbulente Konzerte, sticht das Instrumental dieses Songs heraus.

Nach wie vor arbeitet Mister Marteria mit den Krauts zusammen, die ebenfalls sein Debüt und zum Großteil die bereits genannte EP von ihm, Yasha und Miss Platnum produzierten. Statt düsteren melancholischen Instrumentals sind es warme, organische Klänge, die die Bilder Marterias untermauern. Die genannten Produktionen der Krauts lassen keinen Kritik zu. Aber dennoch sind es die Lyrics des Rappers, die diese Platte vom Vorgänger abheben. In einem Jahr in dem eines der erfolgreichsten Alben des deutschen Rap, „King“ von Kollegah, erscheint, welches von langen Reimketten und vielen Wie-Vergleichen dominiert wird, stellen die Wortspiele von Marteria eine Art ästhetische Antithese dar. Weder Reimsilben oder Punchlines im klassischen Sinne zeichnen die Stärken des ehemaligen Schauspielstudenten aus, sondern die so einfach und naheliegenden Wortspiele beziehungsweise Bilder, die aus diesen entstehen.

Marteria schafft es mit diesen Liedern sich als Projektionsfläche seiner Generation und dem Umfeld, das ihn umgibt, zu präsentieren. Am deutlichsten wird dies auf „Pionier.“ Um das Wort „Zeitgeist“ komme ich nicht drumherum. Er schafft es ein weiteres mal seine Situation und Gefühlslage auf das nötigste runter zu brechen – ohne Phrasen. Die Gier nach dem Neuem, dem vermeintlichen Unentdeckten wurde selten so gut auf den Punkt gebracht.

„Was für Herbert Grönemeyer das Bochum ist, ist für Marteria Rostock.“

So beschreibt Marteria den letzten Song auf seinem Album. Mit „Mein Rostock“ wendet sich der Hanseat, nachdem er einen Song früher auf „Welt der Wunder“ bereits den Planeten besang, seiner Heimatstadt. Passenderweise zeigt er uns im Video seine wichtigsten Orte und vor allem Gesichter seiner Geburtsstädte. Mit diesem Song trat er 2014 bei Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ auf und verpasste mit dem vierten Platz nur knapp das Treppchen.

Rückblickend verkaufte sich das Album alleine in Deutschland über 200.000 mal und die ausgekoppelten Singles „Kids“ und „OMG“ erhielten den Goldstatus. Unabhängig von Verkaufszahlen, schaffte es Marteria weitere Facetten seiner Persönlichkeit und Gedankenwelt zu zeigen, die zwar durchdacht, aber nicht verkopft klingen. 

Zu dem Release seines jüngsten Albums „Roswell“  wurde Marteria einen Tag durch Hamburg von Niko begleitet .

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Moin! Aachener, der irgendwas mit Medien studiert, ungern über sich in der Dritten Person schreibt und fest zu BACKSPIN gehört. Kopf ist kaputt, aber Beitrag is nice, wa.

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