Marsimoto „Ring der Nebelungen“ (Review)

Marsimoto-Ring-der-Nebelungen-Album-Cover-505Ein bekiffter Marsianer gibt sich die Ehre und die Menge jubelt. Marsimoto war verschwunden. Zwischen Lianen und unter tropischen Temperaturen reifte ein neues Epos aufs Kiffen heran. Oder eine neue Leitlinie für friedfertige Umstürzler – je nach Laune. Noch immer ziehen einige grüne Rauchschwaden verloren durch Jamaica, doch mittlerweile sind Marsi und sein eingeschworenes Green-Berlin-Team wieder in Deutschland gestrandet. Im Gepäck wertvolle Schmuggelware: Der »Ring der Nebelungen«.

Es bleibt grün. Das vierte Album der undurchsichtigen Alienpersona, die eigentlich Liebe für jeden übrig hat und doch so viel Wut im Bauch trägt, ist die logische Weiterentwicklung von „Grüner Samt“. Wobei Weitererzählung noch viel eher passt, denn entwickelt hat sich gar nicht mal so viel. Muss es auch nicht, denn schon mit dem Vorgänger wurde eine schwer zu überbietende Hürde geschaffen. Lyrisch ist die verselbstständigte Quasimoto-Hommage von Marten Laciny deswegen wieder einmal auf Höchstniveau. Solidarität mit Außenseitern, ein Mittelfinger für die machthabenden Oligarchen dieser Welt und ein riesengroßen grünes Herz. So reiht sich Erzählung an Erzählung wie in einem Buch mit Kurzgeschichten, das man erst beiseitelegt, wenn jedes Wort verschlungen ist. Der Blick schweift durch unberührte Natur, wird immer wieder von süßlichem Dampf getrübt und man beginnt, ihn lieb zu gewinnen – den Antihelden, der sich noch nie anpassen wollte. Angepasst ist dafür die Soundkulisse. Angepasst an das Erzählte. Mal wummern beim Ausruf zur „Anarchie“ bedrohlich die Bässe, dann wieder taumeln wirre Synthflächen nervös im Hintergrund, bis ein mysteriöser Ethno-Sound auf „Flywithme“ einem endgültig ins Gesicht brüllt: „Hallo, das hier ist eigenständig!“ Die Produzentengarde rund um Dead Rabbit, K-Paul und Co. haben das schöne Layout und den Hardcovereinband von Marsis Kurzgeschichtenband geschaffen und setzen dem ganzen damit die Krone auf. Zu mäkeln gibt es dagegen so gut wie gar nichts. Vielleicht hätte sich das Album noch ein wenig mehr von „Grüner Samt“ abheben können. Wobei: warum eigentlich?

Marsimoto bewegt sich in seinem eigenen Kosmos und deswegen ist sein »Ring der Nebelungen« unbeeinflusst von all den aktuellen Zeitgeistsounds, ohne dabei altbacken zu klingen. Eher: anders. Das ist erfrischend und positioniert die Platte weit entfernt von all dem, was im Deutschrap sonst so passiert. Logisch, denn zu tun haben wir es nach wie vor mit einem Marsianer.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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