Main Concept (aus BACKSPIN #118)

,,WENN ICH RAP MACHE, DANN MUSS ICH MISSSTÄNDE ANPRANGERN.“

München im November. Es ist grau, der Winter kommt näher. Doch in der Muffathalle wird es allmählich heiß. Denn heute wird gefeiert: 25 Jahre Main Concept. Das heißt auch: 25 Jahre Erfahrung. Ein scheinbar nicht alternder David Papo steht Rede und Antwort zum Weg der Crew – von den Anfängen bis in die Neuzeit, während Explizit und Glam die Show vorbereiten. Ein Gespräch über Haltung, Werte, Hip-Hop und was Tao mit dem neuen Album zu tun hat.

1990 war mit der Wiedervereinigung und der Weltmeisterschaft wohl eines der wichtigsten Jahre in der jüngeren deutschen Geschichte. Ihr habt euch in dem Jahr gegründet. Erinnerst du dich daran?

Ich war 14, als ich Markus Klammer (Glam, Anm. d. Red.) kennengelernt habe. Davor, so in der siebten Klasse, kam mein Freund Michael Kuchar mit einem Rap-Tape an. Fat Boys auf der einen Seite und „Licence to Ill“ von den Beastie Boys auf der B-Seite, und wir dachten: „Schau mal, was der da macht, whoa, krass!“ Ich hatte von Hip-Hop durch die Breakdance-Welle mitbekommen und auch schon angefangen, mich für die Graffitis an der Isarbrücke zu interessieren, weil ich selbst gerne gezeichnet und gemalt habe. Ich habe mit zwölf tatsächlich mal einen eigenen Comic gezeichnet. 1990 kamen dann Rado und Tino, die älter waren, in meine Klasse und die merkten, dass ich Rap mag. Rado hat mir dann gezeigt, wie man Graffiti-Buchstaben konstruiert und Tino hatte zwei 1210er. Da haben wir uns dann mal getroffen und Sessions gemacht. Irgendwann haben die mich mit in ihr Jugend- haus in Giesing genommen, da stand ich mit 13 Jahren zum ersten Mal am Mic. Bei einem Auftritt von Raw Deal saß Markus Klammer zufällig neben mir und wir kamen ins Gespräch. Irgendwann habe ich ihm dann was vorgerappt und er hat dazu gebeatboxt. Danach verabredeten wir uns, weil er auf seinem Amiga ein paar Beats hatte. Als ich da war, habe ich auch gleich was eingerappt und wir hatten unseren ersten Auftritt im Kulturzentrum. Nach den Sommerferien 1990 meinte er, er kenne einen krassen DJ. Und bei einem Treffen im Studio von einem Kumpel vom Markus war dann auch Morris (DJ Explizit, Anm. d. Red.) dabei. Wir haben da zu dritt unsere ersten Tracks aufgenommen. Danach beschlossen wir: „Okay, wir gründen ‘ne Gruppe und nen- nen uns Main Concept.“ Das war im September 1990. Im Jugendzentrum am Biederstein hatten wir quasi unseren Durchbruchsauftritt. Da sind wir mit ein paar anderen aufgetreten, etwa Raw Deal und die Diss-One-Posse. Einer von denen war übrigens Lou Bega. Damit wurden wir Teil der Münchner Rap-Szene.

Wo war eure Positionierung im Rap?

Meine großen Vorbilder waren damals schon Run DMC, Public Enemy, Poor Righteous Teachers und Ice-T.

Wegen der Aussagen?

Rap war für mich von Anfang an politisch und gegen Rassismus. Ich habe immer mit dem Kampf der Schwarzen in den USA sympathisiert, weil ich erzogen wurde, jede Art von Diskrimierung zu verurteilen. Im Hip-Hop zählt nicht, woher du kommst, sondern was du machst. Das war der erste Hip- Hop-Gedanke, der mich geprägt hat. Das Zweite, was für mich wichtig war, war „Each one teach one“. Das habe ich von den Poor Righteous Teachers gelernt. Auch N.W.A waren für mich keine Gangsta-Rapper – das waren Schwarze, die gegen Polizeibrutalität rebelliert haben.

Es kam in Deutschland sehr viel Input von der Gangsta-Seite aus Amerika an, da ist es interessant, was die erste Generation und auch ihr daraus gemacht habt. Die haben ja, ähnlich wie ihr, etwas Politisches draus gemacht …

Hip-Hop war Ende der 80er einfach politisch. Chuck D war mein Idol, genau wie sein Kampf gegen die Ungerechtigkeit, die einen fertig macht. So was war meine Ambition. Für mich war klar: Wenn ich Rapmache, dann muss ich Missstände anprangern.

War deshalb die deutsche Sprache der Weg, den du gegangen bist?
War deshalb die deutsche Sprache der Weg, den du gegangen bist?

Ja. Auf der einen Seite war mein Englisch limitiert und auf der anderen Seite verstehst du eh nicht alles, was die Amis labern. Das Ziel war, gegen Missstände und Rassismus, die Manipulati on durch die Medien, gegen die Ausbeutung der Dritten Welt und natürlich gegen Gewalt zu sein. Da hat mich das „Stop the Violence Movement“ von KRS-One stark geprägt. Es war damals nun mal auch eine anstrengende Zeit. Ich war nach jeder Hip-Hop-Jam froh, wenn ich mit all meinen Klamotten wieder nach Hause gekommen bin und keine aufs Maul bekommen hatte.

War die erste 12“ eine logische Konsequenz aus der Sozialisierung?

„So hat das Volk den Verstand verloren“ konnte nur in dieser Zeit entstehen. Heute regt sich ja keiner mehr über das blöde Gelaber, das Internet und die ganze Werbung auf. Damals war RTL mit der „Mini Playback Show“ und den Nachrichten, die es da gab, einfach die Verblödung. Wie Chuck D in „Don’t Believe the Hype“ sagen wir: „Die wollen uns verdummen.“

,,FRÜHER DACHTE ICH, WIR WAREN DIE EINZIGEN, DIE REALEN HIP-HOP GEMACHT HABEN, ABERSO LÄUFT DAS NICHT.“

Deine Freestyle-Karriere fing schon vorher an …

Das war schon 1991. Hier in München gab es Tec- Roc, der war ein richtiger Oldschooler, der durfte hier alles, war quasi untouchable. Der hat so auf Deutsch rumgefreestylet und das fand ich immer richtig cool … (freestylet kurz). Dann habe ich zum Spaß auch mal einen deutschen Freestyle gebracht, aber wirklich nur zum Spaß, weil dich so ja keiner ernst genommen hat. Ich habe von anderen gehört, die auf Deutsch gerappt haben, und das hat mich bestärkt, weiter auf Deutsch zu schreiben. Aber auf der Bühne habe ich mich bis 1991 nicht getraut, die Sachen zu bringen. Auf einer „MZEE Frisch“-Jam in der Kulturstation waren auch Advanced Chemistry. Wir wollten dann ans Mic und Torch hat uns sogar rappen lassen. Danach hat mich Linguist gefragt, warum ich mich nicht traue, auf Deutsch zu rappen. 1992, bei einer Jam, haben wir dann mal nach unseren englischen Liedern gesagt: „Wir machen jetzt weiter auf Deutsch.“ Einige haben uns dafür Respekt gezollt und andere mit Bechern beworfen. Wir wurden irgendwann nach Karlsruhe in die Wei- ße Rose eingeladen, wo auch Cora E., Boulevard Bou und MC Rene waren, und damit sind wir aus dem Münchner Kosmos ausgebrochen. Zudem haben wir dann die Beginner zu unserer Jam nach München eingeladen und lernten sie so kennen. Einige Monate später gab es in Itzehoe eine Jam, wo wir beide aufgetreten sind. Das Wochenende hatten wir dann in Hamburg verbracht, so dass wir uns noch besser kennenlernen konnten. So haben wir, nach und nach, die ganze andere deutsche Hip- Hop-Szene kennengelernt.

War eure erste Platte da, um einfach was raus- zubringen?

Nee, das waren die zwei Songs, die wir gerne veröffentlichen wollten. Als uns Move Records angeboten hat, wir könnten eine Platte bei denen rausbringen, war das für uns noch total surreal, da- ran hatten wir nie gedacht. Wir glaubten, Platten machen nur Popstars und nicht irgendwelche Kinder, die im Keller rumrappen. Die Entstehung war auch ganz interessant. Wir waren in einem Studio am Arsch der Welt und haben da aufgenommen. Aber weil der Typ da keinen Tisch hatte, musste Explizit die 1210er selbst mitbringen und auf dem Boden scratchen.

Wie ging es dann beim Album weiter?

Danach waren wir richtig fleißig. Ich habe „Coole Scheiße“ einfach komplett runtergeschrieben. Ich bin jeden Tag von der Schule gekommen, habe meine Hausaufgaben gemacht und dann einen Song geschrieben, ohne groß drüber nachzudenken. Der Reim war mir da egal, ob das nun ein doppelter, siebensilbiger Reim oder so war, war mir wurscht. Es war einfach alles cool, solange man einfach macht.

1994 war dann ja ein Jahr, in dem Leute angefangen haben, Deutschrap-Fans zu werden …

Naja, Anarchist Academy hatten auch noch recht früh ein Album, aber Advanced Chemistry zum Beispiel, die haben ja zuerst gar kein Album gemacht und es haben ja viele weiter auf Englisch gerappt, vor allem in Berlin. Es hat zum Beispiel mal ein junger Typ aus Berlin bei einem Kumpel von mir am Goetheplatz gepennt. Der hieß Jux und hat auch auf Englisch gerappt, Deutschrap mochte er da noch nicht so. Das war halt Kool Savas und wir haben uns richtig gut verstanden, weil wir die gleiche Sicht auf Hip-Hop hatten. Wir waren total auf einer Wellenlänge.

Was ist „Coole Scheiße“ für dich?

Mmh … Unser Eintritt ins Plattengeschäft, ins Touren, weil die Klasse von ’94 ja direkt danach losging. Es war halt „Yeah, Hip-Hop!“, das Feeling mit Breakdance und Graffiti, einfach das ganze Community-Ding. Aber auch Gesellschaftskritik, gegen Nazis, gegen Polizeiwillkür, gegen den Staat und seine Überwachung, wobei das alles heute noch viel krasser geworden ist. Und jetzt auf Hip-Hop beschränkt: „Kein Ausverkauf!“ Des- halb waren die Fantas für uns die Schlimmsten, auch wenn ich diesen Hass heute nicht mehr so nachvollziehen kann, aber wir brauchten nun mal einfach ein Feindbild, weil wir noch nicht die Lebenserfahrung hatten und uns selbst bestätigen wollten.

Seid ihr euch darüber bewusst gewesen, was dieses Album für die Szene bewirkt hat?

Das sind wir uns erst so 20 Jahre später geworden. Irgendwann kamen Leute an, die meinten: „‚Coole Scheiße‘ war damals meine erste Hip- Hop-Platte und ich habe zu ‚Münchens Diktatur‘ gebreakdanced“ oder so was. Für uns war das damals einfach nur eine Platte von uns. Mir war damals klar, dass ich erst mal mein Abitur mache und irgendwas studiere.

Du hast die Klasse von ’94 mal als Klassenfahrt bezeichnet. Gab es denn schon professionelle Ambitionen bei der Tour?

Gar nicht! Wir haben da die Spaghetti aus dem Topf gegessen, in Schlafsäcken gepennt und sind mit Glams altem Golf rumgefahren. Wir sind mit dem Auto alle einzeln zu den Jugendzentren gefahren und haben uns dann da erst getroffen. Wir haben nicht viel erwartet, schon gar nicht von den Verkäufen.

Hat das bei euch den Hunger geweckt?

1995 mit der „Münch Mob“-EP waren wir ein bisschen in unserer musikalischen Suchphase, kurz danach war es bei den Beginnern mit „Flashnizm“ genau dasselbe. Ich habe damals zum Beispiel viel Rage Against the Machine gehört, Morris war in der Drum&Bass-Musik drin, und so ist die EP entstanden. Da haben wir dann auch Blumentopf kennengelernt. Ich fand deren Musik schon voll cool und mit denen hatten wir auch endlich eine Münchner Posse so wie in Hamburg. Endlich waren wir keine Einzelgänger mehr.

Dann habt ihr ja ein ziemliches Release-Tempo vorgelegt. Es gab im Prinzip jedes Jahr eine Veröffentlichung …

Ja, wir haben einfach alles, was fertig war, raus- gebracht. Wir haben gedacht, jetzt haben wir drei oder fünf neue Lieder, dann machen wir eben eine EP oder eine Maxi.

Was hast du mit dem Geld gemacht?

Also von unseren Platten damals, da gab’s kein Geld. Es gab bei den Auftritten mal einen Fuffi hier und einen Hunni dort und so habe ich dann mein Geld verdient. Es gab bei den Auftritten anfangs mal einen Fuffi hier und einen Hunni dort. Im Laufe der Zeit wurden die Gagen dann höher. So habe ich mir meine Platten und Klamotten gekauft und Urlaube bezahlt. Die anderen mussten Kellnern oder irgendwo im Krankenhaus Sitzwache machen und ich habe halt gerappt. Ich habe, während ich studiert habe, gut gelebt, aber damals waren auch 100 Euro, äh Mark, ja schon viel.

Euch war aber schon klar, dass ihr nicht den Weg wie die Beginner oder Fettes Brot gehen würdet, oder glaubst du nicht?

Bei Fettes Brot war von Anfang an klar, dass sie diesen Weg gehen werden, weil die damals schon diesen eingängigeren Sound machten. Und die hatten mit dem André Luth von Yo Mama auch einen Geschäftsmann an der Seite, der das für sie realisieren konnte. Wir waren ja an Move gebunden, weil wir denen noch eine Platte schuldeten und die haben uns blockiert. Wir waren auch ein bisschen verzweifelt: „Scheiße, die haben alle so coole Labels.“ Aber Move hat das, was Yo Mama und Buback gemacht haben, nicht verstanden.

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Razer

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