Maeckes: „Dann schmilzt die Platine in meinem Kopf.“

Wie kommt’s denn, dass er zu dem ehrenvollen Namen „Äh, Dings“ geraten ist?

Das weiß ich nicht. Das weiß niemand, aber es ist der beste Name der Welt (lacht).

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Hast du mitbekommen, dass Jan Böhmermann über dich gesprochen hat?

Ja, das wurde von ein paar Seiten an mich herangetragen.

Hast du auch mitbekommen, was er über dich gesagt hat?

Ich hab’s nicht genau im Kopf, aber wenn ich’s richtig habe, hat er erzählt, dass er durch’s Büro lief und ich da herumsaß und er nicht so genau wusste, ob er ins Gespräch geht, weil er keine Musik von mir gehört hat und nicht wusste ob er’s gut oder schlecht findet und dass er sich dann Sachen angehört hat und sie gut fand. Also haben wir nun eine Gesprächsgrundlage. Ich habe mir auch nochmal sehr viel von ihm angeschaut damit ich auch gut gebrieft bin für ein Gespräch.

Was treibt man denn als Maeckes in der Bildundtonfabrik?

(zögert) Na, der hat rumgesessen und so’n Video gemacht mit einem Freund, der bei der Bildundtonfabrik ist und gerade eben übrigens Premiere feiert – „Gettin’ Jiggy With It“.

Hier wird’s dann nun eingebettet (beide lachen).

Ich stelle mir die Situation zwischen dir und Jan Böhmermann ganz witzig vor.

Ja, es war auch so Feierabendstimmung und ich bin auch gerade an dem Tag erst angereist und war übelst im Arsch und hing nur im Eck. Er war auch übelst im Arsch, da er gerade Sendung hatte. So ungefähr war das (lacht).

„Tilt“ erscheint ja nicht über Chimperator, sondern über Vertigo.

Über Vertigo und Chimperator zusammen ja. Also ich mache alles mit Chimperator, aber Vertigo hält eine schützende Hand darunter. Das gibt mir einfach so ein paar Möglichkeiten. Ich hatte Bock ein paar Musikvideos zu machen und in der Konstellation ging das besser.

Ich habe beim Titelsong des Albums sehr an die Orsons erinnert gefühlt, was ich so eigentlich nicht erwartet habe, da es bei den Orsons immer heißt, dass es schwer sei alle Geschmäcker und Einflüsse unter einen Hut zu bekommen. Demnach habe ich nun ein „richtiges“ Maeckes-Album erwartet, was es aber natürlich auch geworden ist.

Für mich kam der Song auch etwas überraschend. Der ist aus völligen Scheiß heraus entstanden als wir den ganzen Tag lang Gitarren aufgenommen haben und ich mich zu Tode gelangweilt habe. Und dann hatten wir so ein Kinderinstrument im Studio herumliegen und Äh, Dings hat sich eine 808 auf’s Pad geladen und ich hatte dieses Kinderinstrument und wir haben dieses Hauptelement des Songs (schreit mit quäkender Stimme „Ja! Jaja! Ja!“) gefunden und haben uns übelst gefreut, da es endlich mal eine Abwechslung zu den Gitarren gab. Dann wollten wir das Aufnehmen verschieben und einen Beat daraus machen, aber die anderen meinten so „Nee“. Also haben wir innerhalb von drei Minuten einen Beat gemacht um die Idee im Hinterkopf zu behalten. Als er dann da und schon ein bisschen orsig war, habe ich mich dafür entschieden, ihn wirklich so zur Schnittstelle zu den Orsons zu machen und erst im dritten Part und im C-Teil bricht er herunter und dann wird’s auch Maeckes-Sound eher – davor ist’s so Orsons-Sound. Nachdem ich ja auf den Orsons Alben immer einen Solo-Song hatte, habe ich das mal umgedreht und einen Orsons-Sound auf meinem Solo-Album. Das fand ich irgendwie ganz witzig.

Ohne die restlichen Orsons aber.

Ohne die restlichen aber, genau.

Haben sie denn trotzdem irgendwie mit ins Album reingespielt?

Absolut. Tua war eigentlich die ganze Zeit über ein wichtiger Faktor. Mit dem habe ich ganz viele Sachen angehört und durchgesprochen. Es war nicht so, dass er an den Reglern saß, sondern dass man so über Verständnis von manchen Sachen und wie Dinge zusammen funktionieren. In solchen Sachen ist Tua eine sehr, sehr wichtige Person – beim Musikmachen jedenfalls. Und er war beim Album dabei und er singt auch Backings auf einem Lied und hat ein anderes Lied auch immens umgereimt. Bei „Kino“ hat er den ganzen ersten Part umgebaut. Das ist so ein ewiger Loop, der sich aus einer Straßenszene herausarbeitet. Da war’s ganz klar, dass wenn Tua und ich aufeinandertreffen, das es etwas ganz experimentelles, auch etwas Tua-mäßiges, in sich haben wird – auch wenn man es gar nicht so wirklich hört.

Sonst hat man bei den Orsons-Alben auch immer im Gefühl, wenn Tua oder du überwiegend eure Finger im Spiel hattet.

Man kann’s hören! Manchmal haben wir es aber auch geschafft, dass so beide mit drin sind. Bei „Schwung in die Kiste“ weiß man zum Beispiel nicht ganz genau wo’s herkommt.

Ich würde sagen, dass ein bisschen mehr bei dir auf der Habenseite liegt bei dem Song.

Ja (lacht).

Ich glaube, Tua ist nicht so albern.

Das dumme Samplen ist auf jeden Fall bei mir zuhause.

Der Tilt-Mechanismus ist ja der Mechanismus, der bei einem Flipperautomaten einsetzt, wenn man versucht zu cheaten. Den Flipper also anhebt, damit die Kugel nicht herunterfällt. Jedoch blockiert der Flipper dann alle Funktionen, sodass man verliert und die Situation verschlimmbessert. Wann war denn dein letzter Tilt-Moment?

Ich habe täglich einen. Also langsam finde ich Mechanismen, dass ich mich kurz chille, bevor ich flippe und die ganze Zeit dagegen haue, bis nichts mehr geht. Ich habe das aber schon immer wieder, nur halt in verschiedenen Stärken. Dass man so einen großen Moment im Leben hat, an dem dann gar nichts mehr geht, davon gibt’s hoffentlich nur sehr, sehr wenige, wo jeder dann weiß: „Okay, da war ich echt am Arsch in meinem Leben und habe lang gebraucht um da rauszukommen“. Das passiert natürlich zum Glück nicht so häufig. Aber diese kleinen Momente, wo dann nichts mehr geht und egal was man macht, es wird nur noch schlimmer – da flippe ich dann völlig aus. (Der Drummer Willi betritt den Raum) Gestern hatte ich zum Beispiel einen Tilt-Moment, wo Willi gerade hereinkommt (lacht). Wir sind zum Proberaum gefahren und standen im Aufzug, den man mit so Schlüssel bedienen muss. Wir sind dann hochgefahren und in die Lichtschranke reingekommen und dann ging nichts mehr und der Aufzug ist wieder ganz heruntergefahren. Dann hat jemand anderes den Aufzug geholt, ist aber nicht mehr reingekommen und wir waren in so einem Zwischenstock gefangen. Egal, was wir gemacht haben, es wurde immer nur schlimmer. Wir waren darin, unten haben sich die Leute aufgeregt, oben sind wir nicht mehr rausgekommen, weil die Tür nicht funktioniert hat und (wird laut) zehn Minuten waren wir dann in dem scheiß Aufzug nur um dann doch die Treppe hochzulaufen. Dann schmilzt die Platine in meinem Kopf. Ich kann das nicht akzeptieren, dass wir das jetzt nicht geschafft haben (lacht). Da war auf jeden Fall Tilt am Start.

Vielleicht weil eine Bombe einschlägt und plötzlich ist nach nur einer Minute ein nuklearer Winter entstanden, in dem nur auf japanisch gesprochen wird

Wie kommt’s, dass man ein ganzes Album danach benennt?

Ich habe gemerkt, dass das das Motiv ist, das dem Album am meisten inne wohnt. Ich habe abgeklopft, was da so drin ist und es gibt so ein paar Songs, die das irgendwie so am Rande tangieren, es gibt zum Beispiel „Atomkraftwerke am Strand“, der das im Song drin hat! Man hört den Song und irgendwann bricht der ab, weil genau das entstanden ist. Keine Ahnung was da passiert. Vielleicht weil eine Bombe einschlägt und plötzlich ist nach nur einer Minute ein nuklearer Winter entstanden, in dem nur auf japanisch gesprochen wird (lacht). Das ist ganz klar ein Tilt im kleinen, wo es quasi geschlossen in einem Song ist. Bei anderen Songs habe ich aber auch gemerkt, dass es bis zu einem gewissen Punkt geht und plötzlich geht alles kaputt. Oder es entsteht so eine Energie, dass es chaotisch wird wie bei dem Song „Tilt“, der so sagt: „Ich bin nicht Maeckes“ und plötzlich schreit alles laut und wirbelt in einem, weil man’s eigentlich gar nicht sein will.

In diesen Momenten, in denen nichts mehr geht. Wirst du dann eher laut oder ruhig?

Ganz genau beides, da bin ich manisch genug. Das variiert je nach Situation.

Du sollst aber ein lautes Kind gewesen sein.

Ja, voll, aber ich habe da schon alles herausgeschrien. Ich bin jetzt ein sehr ruhiger Mensch. Die Menschen, die mich kennen, wünschen sich, dass ich manchmal etwas mehr reden würde, aber ich habe keine Lust mehr zu reden. Außer in Interviews mit dir.

Das ist doch ein schönes Schlusswort.

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Razer

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