Loyle Carner: “Man darf nicht vergessen, warum man Texte schreibt.”

Loyle

Im Rahmen seiner ersten eigenen Tour, stoppte der junge Rapper aus dem Süden Londons in Hamburg.loylecarner_portrait2_pdw
Sein Sound, der weit weg von schnellen Hi-Hats und rollenden 808 ist und seine Persönlichkeit, die aus dem Gro der vielen jungen MCs herraussticht, begründen seine kleine Sonderstellung in der Flut neuer Musik. Durch den Tot seines Stiefvaters, der für Loyle mehr als das war, fang er schon in jungen Jahren an, reflektierende Texte zu schreiben. In diesem Interview und auch in seiner Musik beschreibt er sich als “Granddad”. Eine außergewöhnliche Aussage aus dem Mund eines Anfang Zwanzigjährigen.
Wenige Stunden vor seiner Show sprach mit dem Briten über seinen Antrieb, älter werden und *Trommelwirbel* sein Debütalbum: “Yesterday’s gone’”
erscheint am 20. Januar des kommenden Jahres über Caroline International / AMF Records.

Du bist für einen jungen MC viel unterwegs und dies offenbar sehr erfolgreich: Du eröffnetest vor wenigen Tagen die 02 World vor Nas, deine Show in London war innerhalb kurzer Zeit ausverkauft und jetzt sitzen wir in einem Club, in einem der wichtigsten Szeneviertel Deutschlands . Wie wichtig ist dir das Live-Geschäft?

Loyle: Für mich sind Touren und Konzerte ganz essentiell, wahrscheinlich sogar der wichtigsten Part am Musik machen. Dafür gibt es viele Gründen, vor allem lernt man Leute kennen, die man sonst so nie treffen würde. In ihrer ehrlichsten und unmittelbarsten Form.

Hast du klassische Gassenhauer in deinem Katalog oder findest du, dass alle deine Tracks eine große Rolle bei deinen Live-Shows spielen?

Loyle: Jeder Track steht für sich und ist einzeln gesehen sehr wichtig. “Ain’t nothing changed”, “Tierney Terrace” oder “BFG”: Das sind so meine Lieder, die ich am liebsten live auf der Bühne spiele und die auch in der Regel von der Crowd am meisten gefeiert werden.

Gibt es ein Rezept für den perfekten Live-Song?

Loyle: Das lustige ist, dass ich nicht darüber nachdenke, ob ein Song gut live funktioniert oder nicht, während ich ihn schreibe. Das ist wahrscheinlich auch sehr wichtig. Falls man verkrampft auf so etwas hinarbeitet, wird es wahrscheinlich nicht funktionieren. Dann kommt man sich selber in die Quere. Man darf nicht vergessen, warum man Texte schreibt. Es kommt schon manchmal vor, dass ich einen Track schreibe und mir denke “Der macht bestimmt Spaß live zu spielen”, oder ich schreibe einen nur für eine bestimmte Situation oder einen für unterwegs, aber das ist nicht die Regel. Ich finde es cool zu wissen, dass es passende Lieder für alle Situationen und Gefühle gibt.

Also alles, nur nicht der Kreativität im Weg stehen?

Loyle: Genau.

Wie wichtig ist es dir, mit den gleichen Leuten im Studio zu arbeiten und auf der Bühne zu stehen? Bezogen auf deinen Kumpel und Bühnenpartner Rebel Kleff.

Loyle: Das ist sehr wichtig. Alleine schon, weil man sich wohler fühlt. Es gibt so viele, die arbeiten in Sessions, mit Session-Crews, Session-Produzenten und Session-DJs. Ich finde das richtig whack.  Das Beste an all den Live-Shows ist die Zeit mit Chris. Ich stehe mit einem meiner besten Kumpels auf der Bühne und albere herum. Wenn ich mich wohl fühle, fühlt er sich wohl und das merkt auch die Crowd.

Macht es für dich einen großen Unterschied mit einem DJ oder einer Band auf der Bühne zu stehen?

Loyle: Ja, auf jeden Fall. Warum ich nicht mit einer Band unterwegs bin ist ganz einfach: Ich kenne keine.  Das ist wohl der Hauptgrund. Aber ich sehe das auch etwas anders. Ich war vor ein paar Monaten  auf der Tour von Mobb Deep, anlässlich ihres 20-Jährigen Bestehens. Da ging es nur um den DJ und den Rap. Wenn ich zu einem Hip-Hop-Konzert gehe, will ich den originalen Beat hören, nicht einen Drummer oder eine E-Gitarre. Versteh mich nicht falsch, ich mag Livebands, aber Hip-Hop-Instrumentals wurden am Computer erstellt. Sie sind nicht dafür gemacht, mit einer großen Band gespielt zu werden.

Wobei deine Instrumentals nicht wie typische Hip-Hop-Beats klingen. Die Arrangements sind ziemlich gut geeignet um sie mit einer Band zu performen.

Loyle: Ja, schon. Ich würde gerne irgendwann mal mit einer Band touren, aber mir geht es da, neben den bereits genannten Gründen, auch um die Elemente des Hip-Hops. Wenn wir von Rapmusik reden, geht es um einen  “Discjockey “ und einen “Master of Ceremonies” und deren Verbindung, wie sie zusammen auf der Bühne arbeiten. Aktuell möchte ich nicht meine Verbindung zu Rebel Kleff gefährden. Das würde der Show nicht gut tun.

Deine Lyrics, die in Zeiten von Codein und eingängigen Ohrwurmhooks, bestehend aus wenigen Worten, herausstechen fallen mir positiv auf. Wie stehst du zu der angesprochenen Musik, die grade aus dem Süden der Vereinigten Staaten kommt. Unter anderem bezogen auf deinen Twitterstatus: “Bringing the south back without trap.”

Ich finde, das ist schwer zu beantworten. Für fast jede Musik, gibt es die richtige Zeit. Ich persönlich möchte jedoch von Künstlern angesprochen werden. Es ist wichtig eine Aussage zu haben, davon lebt die Kunst. Wenn mich jemand fragt, was es braucht um ein guter Rapper zu sein, sage ich, dass es wichtig ist etwas erzählen oder sagen zu können. Es geht nicht darum wie du klingst oder wie du aussiehst, sondern dass du etwas Wichtiges zu sagen hast. Mich sprichst du nicht an, falls du nichts zu sagen hast.

Weg von deinen Live-Shows, hin zu deinen Musikvideos. In deinem Video zu “Ain’t nothing changed” sehen wir dich als alten Mann. Fühlst du dich manchmal alt?

Loyle: Immer. Mein Spitzname in der Schule war “Granddad”. Ich fühle mich wie ein älterer Mensch im Körper eines jungen. Womit ich aber gut klar komme (lacht). Ich bin nun mal alt und “grumpy”.

Kannst du dir erklären, woher dieses Bewusstsein kommt?

Loyle: Schwer zu sagen. Ich denke es liegt daran, dass ich schnell erwachsen werden musste. Als ich jung war merkte ich schnell, dass ich der Mann in der Familie werden musste. Außerdem verbrachte ich in meiner Kindheit viel Zeit mit meinem Großvater. Mein Opa war einer der wenigen zu dem ich wirklich hinaufblickte. Ich wollte genauso sein wie er. Als ich ihn kennen lernte war er schon 70, er war einer der wichtigsten Männer in meinem Leben.

Er brachte dir außerdem das Kochen bei.

Loyle: Genau, das meiste was ich heute kann, habe ich von ihm gelernt.

Weiter geht das Interview auf der nächsten Seite.

The following two tabs change content below.
Moin! Aachener, der irgendwas mit Medien macht, ungern über sich in der Dritten Person schreibt und fest zu BACKSPIN gehört. Kopf ist kaputt, aber Beitrag is nice, wa.

Seiten: 1 2

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.