Low Bros: „Durch unsere Bilder versuchen wir für uns etwas Ordnung in das ganze Chaos zu bringen“

Als Brüder kamen sie zum Graffiti und als Brüder arbeiten sie noch heute zusammen. Flo und Chris von den Low Bros schaffen mit ihrem Murals, Canvas und Skulpturen zeitgenössische und farbenkräftige Werke voller geomtrischer Flächen. Häufig finden sich darin Natur- und Tiermotive, die mit der urbanen Ästhetik kontrastieren. Auch Elemente aus Videospielen der 80er und 90er sind zu erkennen. Mit ihrer Kunst sind sie mittlerweile auf der ganzen Welt unterwegs. Über ihre Anfänge, ihre Inspirationen und die Arbeit als Brüder haben sie mit uns geredet. 

Wie habt ihr mit Graffiti angefangen?

Da wir es als Brüder schon von Kindesbeinen auf geliebt haben zu kreieren, ob gemeinsam, oder jeder für sich, war uns jedes Medium, welches zurzeit interessant war recht. In späterer Kindheit und früher Jugend haben wir uns sehr für Comics interessiert, aber hatten dann doch nie das Durchhaltevermögen, ganze Bildbände selber zu zeichnen. Als wir dann in Berührung mit der Hip-Hop-Kultur kamen und darüber dann auch zum Graffiti fanden, waren wir total begeistert und es bedurfte keiner Anstrengung mehr, sich zu motivieren.

Wir haben zwar, Mitte der Neunziger, hier und da mal ein Bild auf der Straße gesehen, aber was alles möglich war, haben wir dann in Büchern gesehen. Das waren Graffiti Art Berlin und Graffiti Art München, die ein Freund von uns zu Hause hatte. Mit ihm haben wir auch dann die ersten Versuche gestartet.
Zunächst draußen, ganz unbedarft. Hatten aber dann die Möglichkeit bei ihm im Keller – er hatte dort einen großen Raum, in dem wir viel mit Freunden gechillt haben – ein paar Trockenübungen zu machen, bis wir den Raum Schichtenweise vollgemalt hatten und genügend Übung um draußen halbwegs ansehnliche Sachen zu machen.

Dann ging das einfach immer so weiter…

Low

Was war bisher euer Lieblingsspot?

Das wird wohl immer das große ehemalige Betonwerk bei Itzehoe sein. Wissen gar nicht was heute davon noch übrig war, aber damals war es unser liebster Spielplatz. Bevor der erste von unseren Freunden einen Führerschein hatte, sind wir immer von Hamburg aus mit der Bahn hin, später dann mit dem Auto. Dort gab es alle Möglichkeiten an Größen und Formaten. Wir hatten dort die beste Zeit, im Sommer mit Freunden, Grill und Boombox, oder auch beim Arsch abfrieren im Winter.

Irgendwann hatten wir dann mit unserer Crew, TPL, bestehend aus Paco Sanchez aka. Anus One, Auge, Smok, Wer, Dekan und Rolle, eine große Wand dort in Beschlag genommen und uns mit jeder neuen Aktion dort an Höhe getoppt. Wir sind froh, uns das großformatige Malen noch selber, mit den uns zu Verfügung stehenden Mitteln und schmalem Budget, erarbeitet zu haben und auch den Umgang mit Fläche Schritt für Schritt gelernt zu haben.

Mittlerweile ist es ja für uns viel leichter geworden. Wir haben meist mindestens einen Lift zur Verfügung und alles Material vor Ort. Die Orte an denen wir malen wechseln ständig, was auch schön ist, nur wird man sich keinen dieser Orte ähnlich einverleiben.

Ansonsten haben wir gute Erinnerungen an Vancouver und Bangkok.

Low

 

 

Wie fühlt es sich an als Brüder zusammen zu arbeiten?

Also erstmal fühlt es sich ganz natürlich an, als hätten wir nie anders gearbeitet. So haben wir ja, wie gesagt auch angefangen als Kinder. Es gab aber dann doch die Zeit in unserer Jugend, in der sich jeder selber ausprobieren musste. Chris ging lieber skaten, während Flo schon gemalt hat. Durch’s Malen in der gemeinsamen Crew sind wir dann wieder immer näher zusammen gerückt, bis wir dann unsere Einzelnamen aufgegeben haben.

Zunächst mussten wir uns im Prozess noch viel absprechen und alles war sehr konstruiert und durchgeplant. Mittlerweile arbeiten wir viel intuitiver und brauchen kaum noch Absprachen während des Malens. Es ist gut jemanden zu haben mit dem man die gemeinsamen Arbeiten reflektieren kann und wir können nicht nur Aufgaben, sondern auch Erlebnisse teilen.
Für uns das beste Modell…

Low

Welche Einflüsse habt ihr, abseits der Jugendkultur der 80er und 90er?

Tatsächlich haben wir uns von Einflüssen aus unserer Vergangenheit ein wenig losgelöst. Unsere älteren Arbeiten hatten einen starken Bezug zu allem was uns in unserer Kindheit und Jugend geprägt hat. Da haben wir praktisch unsere Schnittstellen ausgelotet.

Mit unserer Ausstellung in Los Angeles vorletztes Jahr, haben wir damit eine Art Cut gemacht. Die Ausstellung hieß „Wasted Youth“ und wir wollten es noch ein letztes mal auf die Spitze treiben, aber auch einen Ausblick auf die zukünftige Richtung geben.

Momentan konzentrieren wir uns mehr auf das digitale Zeitalter. Als 82er und 84er Jahrgang, haben wir ja noch beides erlebt. Wir sind damals ohne Handy und Internet ausgekommen, haben uns aber auch mehr oder weniger schnell angefreundet mit der neuen Technik. Stehen aber trotzdem noch etwas zwischen den Stühlen. Zum einen hat man noch diese Old Schooler Nostalgie, begeistert sich aber auch für die heutigen Möglichkeiten. Ein ganz interessanter Blickwinkel. Doch im Gegensatz zu den sogenannten Digital Natives bedeutet dieses hangeln zwischen dem Digitalen und Analogen auch sehr viel Stress für unsere Generation, da man sich noch sehr schwer tut sich dem ganzen einfach hinzugeben.

„Durch unsere Bilder versuchen wir für uns etwas Ordnung in das ganze Chaos zu bringen.“

Zwischen unserm alten und neuen Themenfeld gibt es aber interessanterweise auch viel Parallelen. Wo wir in unseren älteren Bildern noch Rap-Stereotypen dargestellt haben, interessiert uns jetzt vor allem, wie sich Individuen und Gruppen im Netz verhalten. Wo es im Hip-Hop und vor allem im Rap viel darum geht, möglichst Stilsicher und gekonnt zu posen und zu zeigen das man der derbste ist, beobachten wir auf den Social Media Plattformen witzigerweise ähnliches im Bereich der Selbstdarstellung.

Wir haben schon sehr früh angefangen, Tiere als Stellvertreter für menschliches Verhalten zu nutzen, nur jetzt versuchen wir weniger vorzugeben und sehen diese mehr als Projektionsfläche für den Betrachter. Daher sieht man bei uns auch momentan fast ausschließlich den Wolf, einen unserer reduziertesten Character.

Denkt ihr eure Arbeit sähe ander aus, wenn ihr nicht in Hamburg aufgewachsen wärt?

Das könnte gut sein. In unserer Entwicklung war unser unmittelbares Umfeld auf jeden Fall sehr wichtig. Vor allem weil man auch davon abhängig war, was man durch andere lernt und erfährt, an welche Magazine man rangekommen ist und mit wem man zusammen gemalt hat.

Heutzutage wirkt alles weltweit viel homogener. Was auch verständlich ist, da das Internet die Haupt-Informationsquelle ist.

Habt ihr eine Botschaft, die ihr mit eurer Kunst verbreiten wollt?

Wir haben vielmehr Themen die wir behandeln. Wie zuvor beschrieben, haben wir derzeit unseren Fokus auf Selbstdarstellung und Kommunikation im digitalen Zeitalter. Wir kommen ja auch auf keine endgültigen Lösungen, die wir für den Betrachter bequem anbieten können. Das ist in unseren Augen auch nicht Sinn der Sache.

„Unserer Meinung nach, sind Bilder, die eine Geschichte bis zum Ende erzählen und auch nur eine einzige Pointe haben, nicht mehr viel wert, wenn sie einmal Verstanden wurden. Da steht dann ein Künstler und erklärt dir die Welt. Das ist nicht so unser Ding.“

Wir hoffen vielmehr den Rezipienten in unsere Denkprozesse einbinden zu können, auch wenn diese in ihrer Ästhetik wohl manchmal etwas weird erscheinen. Aber wir hoffen es gibt genug Menschen, die da mit uns auf einer Wellenlänge sind und sich die Zeit nehmen, sich in unsere Bilder zu vertiefen und inspirieren zu lassen.

Was wollt ihr unbedingt einmal im Leben – sei es Graffiti oder etwas anderes – noch erleben?

Hm, das wäre bei uns die Europa Tour im VW Bus, die wir seit Ewigkeiten machen wollten. Mit Kannen im Gepäck und ohne konkreten Plan und Verpflichtungen. Einfach die Städte abklappern, Freunde treffen und schauen was sich ergibt. Leider haben wir kaum noch Zeitfenster die groß genug sind, das zu Erlauben. Aber der Traum bleibt bestehen.

Low

 

 

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alle Bilder mit freundlicher Genehmigung der Low Bros
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Seitdem er für BACKSPIN schreibt, träumt er von Torch, Morlockk Dilemma und anderen Hip-Hop Dingen. Bei der Recherche ist er aber hellwach - Kaffee sei Dank! - und gräbt eifrig nach Schätzen, die sonst unter'm Radar bleiben. Bei all dem bleibt er auch noch funky.

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