Zwischen Literatur-Nerd und Öko-Rapper: Das ist Lord Esperanza

22 Jahre ist Lord Esperanza alt. Seit über vier Jahren macht er Musik. Und mittlerweile hat er nicht nur Millionen Klicks, sondern bereits ein eigenes Label, auf dem zwei Newcomer gesignt sind. Außerdem spielt er gerade Festivals und Konzerte rund um den Globus und wird in Frankreich von Vielen als der neue Gegenspieler zur vermeidlich inhaltsleer gewordenen Rapmusik gesehen. Mit höchst intellektuellen Texten kontere er den Drogen-Trap der Gegenwart, so das Narrativ. Wiederum andere machen sich über seine Literatur-Referenzen lustig und verteufeln ihn als politisch korrekten Zeigefinger-Rapper. Da die Realität meist irgendwo dazwischen liegt und deutlich komplexer ist, haben wir kurzerhand bei Lord Esperanza in Paris durchgeklingelt und ihn selbst zu Szene-Standing und seinem aktuellen Album „Drapeau Blanc“ befragt.

 

Sprache ist seine größte Leidenschaft

Zu meiner Verwunderung begrüßt mich Lord Esperanza auf Deutsch. Über ein Paar „Hallo, wie geht es dir?“-Floskeln reichen die Sprachfetzen, die sich der junge Franzose in der Schule und in ein paar Sprachurlauben in Deutschland angeeignet hat, allerdings nicht heraus und wir wechseln in die englische Sprache. Dennoch betont er, wie gerne er mal wieder seine Deutsch-Kenntnisse auffrischen würde. Im Moment stehe jedoch eine andere Sprache in seinem Fokus: Über eine Lern-App bringt sich Esperanza gerade Spanisch bei. Seine dritte Fremdsprache. Sprache ist nicht erst seit Beginn seiner Rap-Karriere vor vier Jahren die uneingeschränkte Leidenschaft von Théodore Desprez, wie Lord Esperanza bürgerlich heißt.

Bereits in extrem jungen Jahren wird er von seinen Eltern in die Welt der klassischen Literatur eingeführt. Mit elf schreibt der in den mittlerweile stark gentrifizierten Pariser Bezirken 18 und 19 aufgewachsene Musiker bereits Gedichte und sogar einen Roman. Schließlich kommt er über Umwege zu Rap. Die Liebe zur Literatur hat Lord Esperanza bis heute nie abgelegt. Seine Texte laufen vor Referenzen zu seinen Lieblingsbüchern fast über. Selbst sein Künstlername ist inspiriert von einem Buch: Esperanza kommt aus einer berühmten französischen Neufassung von Robinson Crusoe. Die Insel der Hoffnung heißt dort Esperanza.

Bücher statt Instagram 

Tatsächlich wird er manchmal sogar von Freunden, aber auch von negativgesinnten Kritikern für seine teils sehr intellektuelle Ausdrucksweise belächelt. Im Jahr 2019 sind zwischen minimaler Aufmerksamkeitsspanne und maximaler Social Media-Beschallung Literatur-Referenzen nunmal nicht mehr angesagt. Ihn selbst stört das allerdings nicht. Er spielt eher mit diesem Image. Vor ein Paar Jahren nannte er sich selbst mit einem Augenzwinkern „Kind des Jahrhunderts“. Natürlich stellt auch das wieder eine Referenz an einen Klassiker-Roman dar. Diesmal an Alfred de Mussets „La Confession d’un enfant du siècle“, der 2012 mit dem englischen Sänger Pete Doherty in der Hauptrolle verfilmt wurde. 

 

Zu behaupten Lord Esperanza wolle klassische Literatur wieder cool machen, wäre natürlich maßlos übertrieben und maximal eine illusorische Promotext-Floskel. Und trotzdem versucht sich Esperanza zumindest darin vielleicht dem ein oder anderen eine alternative zu Instagram und YouTube näher zu bringen. Dabei werden häufig auch die negativen Seiten unseres Social-Media-Lifestyle thematisiert, wie die Messung des eigenen Selbstwertes anhand Likes und Follower. „Dictatorship of the Numbers“ nennt sich das.

Gegen den „Schildkrötenpanzer aus Arroganz“ 

Neben der Literatur finden sich vor allem selbstreflexive, aber auch systemkritische Lyrics in dem sehr großen Oeuvre, das Esperanza mit nur 22 Jahren bereits angehäuft hat. Neben seinem 2015 erschienenen Debüt „Hors de Portée“ finden sich allein in den vergangenen zwei Jahren ganze fünf Projekte. Genaue Abstufungen zwischen EP, Mixtape und Playlist-artigem lassen sich hier nur schwer vornehmen. Mit „Drapeau Blanc“, was auf deutsch „Weiße Flagge“ heißt, veröffentlichte der Pariser Ende Mai jedoch sein erstes richtiges Album, wie er betont.

Er habe endlich seinen „Schildkrötenpanzer aus Arroganz“ abgelegt und sich getraut auch persönliche Themen anzugehen. Er stilisiert sich nicht mehr als der Unantastbare, als das Wunderkind. „Früher war ich nicht Selbstbewusst genug um mich auch verletzlich zu zeigen.“ Doch auch die offensichtlich überzeichnete Überheblichkeit ist noch Teil des Albums.

Auch wird sein musikalischer Stil, für den sich fast immer der langjährige Begleiter Majeur Mineur verantwortlich zeigt, stringenter. Auf früheren Tapes zeigte sich der junge Lord gerne experimentierfreudig. Technobeats, Trap, Drum’n’Bass, aber auch mal akustische Klänge. Darauf mal aggressiver, mal nachdenklicher Rap, dann Gesang mal mit und mal ohne Autotune. So ziemlich alles, was die moderne Popmusik in ihrer Breite zu bieten hat, wurde einmal durch den Esperanza-Mixer gezogen.

Die zwei Pole des Lord Esperanza 

Mit „Drapeau Blanc“ kristallisiert sich nun zwar ein kohärenter Stil heraus, der sich allerdings immer noch zwischen den zwei Polen Esperanzas Charakter hin und her bewegt. Auf der einen Seite steht noch immer die selbstgezogene Seite, für die sinnbildlich das Lord in seinem Namen steht. Diese Songs sind deutlich lauter und nervöser. Auf der Anderen, der Esperanza-Seite, überwiegt die Melancholie, die Ruhe und die Reflexion. Die Meisten der 14 Songs auf „Drapeau Blanc“ lassen sich klar einem der beiden Pole zuordnen. Dennoch wehrt sich Lord Esperanza im Interview klar gegen die Bezeichnung von Alter-Egos. Vielmehr handele es sich einfach um zwei Seiten seines Charakters, die sich auch gegenseitig beeinflussen.

 

Diese Dualität seiner Persönlichkeit führt Esperanza auf die sehr verschiedenen Persönlichkeiten und Lebensverhältnisse seiner getrennt lebenden Eltern zurück. Während sein Vater aus einer gut betuchten Familie stammt, ist seine Mutter in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Von seiner Mutter, die als Psychotherapeutin arbeitet, hat er vor allem eine selbstreflexive Ader sowie einen Hang zur Spiritualität geerbt. Von seinem Vater dagegen, neben Vorlieben für Reisen und Hochkultur, eher die Selbstsicherheit. Dass diese nicht nur positiv besetzt ist, musste er allerdings lange Zeit am eigenen Leib erfahren. 

„Früher war mein Vater oft gewalttätig“, platzt es fast aus Lord Esperanza heraus. Der Song „Chateau de Sable“ – zu Deutsch „Sandburg“ – behandelt die schwierige Beziehung zwischen Vater und Sohn. Auch fragt sich Esperanza inwiefern er diese Dämonen vielleicht geerbt hat und wann sie – passend zu der mit dem Alter immer deutlicher erkennbaren optischen Ähnlichkeit – in ihm aufgehen werden. „Chateau de Sable“ ist zweifelsfrei der Schlüsselsong auf „Drapeau Blanc“.

Der erste Bio-Rockstar der Welt 

Ebenfalls sehr zentral ist der anschließende „Le silence des élus“, was soviel wie „Das Schweigen der Auserwählten“ bedeutet. Mit den Auserwählten sind vor allem Politiker, aber auch alle anderen mächtigen Menschen gemeint. Hier klagt Lord Esperanza vor allem an: Soziale Ungerechtigkeit, rechte Tendenzen in Frankreich und ganz Europa und auch die immer schlimmere Lage unseres Planeten, in die sich eifrig weiter reinmanövriert wird. „Es ist mir sehr wichtig, die Stimme, die ich habe – mein Privileg – auch zu nutzten. Ich möchte ein Vorbild sein.“, sagt er. So ließ er sich für die Headline eines Interviews mit der französischen Ausgabe des Rolling Stone Magazins auch direkt als „Bio-Rockstar“ betiteln. Einen passenden Song hat er für eine Klima-Kampagne auch schon beigesteuert.

Zwar ist er auch durch seinen Beruf bedingt viel mit dem Flugzeug unterwegs, bemüht sich dennoch um eine Balance. Vor allem Produzent und Live-DJ Majeur Mineur treibe ihn hierbei immer weiter an. Esperanza versucht aus jeder Reise so viel wie möglich herauszuholen. Im vergangenen Jahr entstand dadurch das Reise-Tape „Dans ta Ville“ – zu deutsch: „In deiner Stadt“. Für das Projekt wurde auf einer Tour durch Frankreich neben den Konzerten noch jeweils ein Musikvideo in jeder Stadt gedreht. Für die Videos suchte sich Esperanza immer einen lokalen Regisseur. Am Ende konnten die Fans für das beste Video abstimmen – und der Gewinner durfte nun für das neue Album noch einmal ran. Diesmal allerdings mit richtigem Budget und mehr als nur einem Drehtag.

„Dans ta Ville 2“ auch mit deutscher Beteiligung

Bereits auf dem Cover von „Dans ta Ville“ wird mit dem kleinen Hinweis „Episode 1“ schon eine Fortsetzung des Konzepts angedeutet. Tatsächlich ist Esperanza auch schon dabei Teil Zwei zu realisieren, diesmal sogar weltweit. Auch bei seinem letzten Gig in Berlin sei so ein Song mit einem durchaus bekannten deutschen Nachwuchs-Rapper entstanden. Ein grober Release-Zeitraum ist schon geplant, über Details vereinbaren wir allerdings zunächst stillschweigen.

Fortsetzungen, zweite Teile und Selbstreferenzen sind allgemein Stilmittel, denen sich Lord Esperanza nur allzu gerne bedient. So stellt auch „Drapeau Blanc“ eine Fortsetzung zu dem 2017er Durchbruch-Tape „Drapeau Noir“, also „Schwarze Flagge“, dar. Damals ging sein Leben ziemlich den Bach runter, wie Lord Esperanza recht unverblümt einräumt. „Meine erste große Liebe hat mich betrogen und dann hat mich auch noch mein bester Freund von heute auf morgen im Stich gelassen. Und dann schrieb ich „Drapeau Noir“.“ Auch mit der Musik lief es noch nicht so wie heute. Aus dieser Zeit resultieren auch die vielen Verweise auf falsche Freunde und die „Trust-No-One“-Mentalität, die sich durch Esperanzas Musik ziehen.

 

Allerdings war ihm laut eigener Aussage schon damals bewusst, dass es bergauf gehen wird. Der Plan irgendwann ein mit „Drapeau Blanc“ den positiven Gegenspieler zu „Drapeau Noir“ existiere schon damals. Rein positiv ist dieser zwar nicht geworden, das wäre angesichts der momentanen gesellschaftlichen Situation, aber auch einer realistischen Selbstsicht, wie Esperanza sie besitzt, wahrscheinlich gar nicht möglich.

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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