Lil Yachty – Zwischen Whack und Visionär

Lil Yachty Whack oder Visionär

Rap hat sich in den letzten Jahren maßgeblich verändert. In Zeiten des Internets gibt es nichts, was es nicht gibt. Viele Rapheads sind schon lange keine Fans dieser Ausgeburten mehr, die ihren schönen HipHop-Mikrokosmos diffamieren. Früher ging es um Flows, Bars, und ein klares Bild von einem Rapper. Je weiter die Zeit voran schritt, umso weniger klar wurde eben dieses Bild eines „richtigen Rappers“. Die Hosen wurden enger, die Charaktere extremer und die Musik experimenteller. Den vorläufigen Höhepunkt nahm diese Wandlung in der „XXL Freshman Class“ von 2016. Jeder, der dort zu findenden Rapper, wurde schon mal unter einem YouTube-Video von „echten“ Rappern beleidigt, verspottet oder diskreditiert. „Wenn Tupac noch leben würde, wäre (Rapper X aus der Freshman Class) heute bei Mc Donald’s an der Kasse.“ Autotune, ausgefallene Klamotten und bunte Haare. Egal ob Lil Uzi, 21 Savage oder Kodak Black: Die sogenannten „Mumble Rapper“ spalten die Hörerschaft irgendwo zwischen „Anders, Interessant, Cool“ und „Was macht ihr mit meinem Rap?“. Die Personifizierung dieser neuen, andersartigen Welle von Rap findet sich auch in eben dieser „Freshman Class“: Lil Yachty.

Während er sich auf den ersten Blick nicht wirklich vom Rest der Freshman Class unterscheidet, wird man schon bald merken, dass er anders als der Rest ist. Miles Parks McCollum wächst nicht, wie seine Mitstreiter, im Ghetto oder den Projects auf. Er wohnt gemeinsam mit seinen Eltern in einer gutbürgerlichen amerikanischen Kleinstadt. Ein Haus sieht unscheinbarer aus als das nächste, die Vorgärten sind gepflegt. Aus seinem Kinderzimmer raus fing Yachty an, gemeinsam mit seinen Freunden, die ihn noch heute als sein „Sailing Team“ begleiten, Musik zu machen. Anfangs wurde sein Sound als „Bubblegum-Trap“ bezeichnet. Verspielte, sanfte Beats mit einer Trapnote und einem Autotune-Overload. 2015 veröffentlicht er sein erstes Mixtape „Summer Songs“ inklusive der beiden Tracks „Minnesota“ und „1 Night“. Letzterer wird in einem Viralen YouTube-Video gefeatured und so innerhalb kürzester Zeit mehrere Millionen Mal angeklickt, was den Stein ins Rollen gebracht hat. Yachty hat nämlich neben der Musik ein weiteres Talent: Das Verwenden des Internets zu seinem Vorteil. Seine Tracks mögen nicht jedem gefallen, trotzdem werden sie angeklickt.

Von da an geht es steil bergauf. Anfang 2016 modelt er für Kanye West bei der „Yeezy Season 3“-Modenschau. Seine knallroten Braids mit Perlen an den Spitzen fallen auf, ziehen viele Blicke auf ihn. Kurz darauf wird der offizielle Remix zu seinem Song „Minnesota“ mit niemand Geringerem als Young Thug und Quavo von den Migos veröffentlicht. Einen weiteren Monat später veröffentlicht er „Broccoli“, zusammen mit D.R.A.M. Die eingängige Pianomelodie gepaart mit seiner einzigartigen Autotune-Delivery macht den Track über Nacht zu einem Hit. Selbst im Radio hört man Miles seine Zeilen zum Besten geben, obwohl diese wie durch einen Regenbogen-Synthesizer gejagt klingen. „Broccoli“ verkauft sich über 5 Millionen Mal und wird für einen Grammy nominiert. Miles ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt. Kurz darauf dann die oben genannte „Freshman“-Cypher gemeinsam mit seinen Klassenkameraden. Doch was unterscheidet ihn nun vom Rest? Alle sind zu diesem Zeitpunkt schon erfolgreich, haben ihren eigenen Stil und eine Fanbase.

Doch Lil Yachty wird, auch vom Auge der Öffentlichkeit, als der Kopf oder der Anführer dieser Bande gehandelt. Wenn sich Rapheads aufregen, was „heutzutage mit HipHop verkehrt ist“, sieht man ein Foto von Lil Yachty. Keines von 21 Savage oder Lil Uzi. Unter Biggie-Videos prangern Kommentare wie „damals sowas…und heute haben wir Lil Yachty„. Die knallroten Haare, der zu angenehme familiäre Hintergrund und das absurde Soundbild: Es ist zu leicht, ihn zu hassen. Doch blickt man über den Tellerrand hinaus hinter das offensichtliche merkt man, dass Yachty mithilfe seiner Intelligenz und seines Talents inzwischen ein gestandener Rapstar ist, der sich durch Eigenvermarktung und dem Internet selbst auf die nächste Stufe gehoben hat.

In den letzten Monaten sah man ihn, gemeinsam mit einem der bekanntesten Athleten der Welt, Lebron James, in einer Sprite Werbung. Als Rapper. Mit 19. Kurz darauf sieht man ihn, anlässlich der Grammys, gemeinsam mit Carly Rae Jepsen in einem Werbespot für die amerikanische Supermarktkette Target. Als RAPPER. Mit NEUNZEHN. Natürlich kommt da schnell Missgunst auf. Viele Leute sind der festen Überzeugung, Yachty sei vollkommen talentfrei, nur weil die Musik, die er macht, für sie nicht anhörbar ist. Und da es im HipHop immer sehr wichtig war, seine Meinung zu sagen, oder für etwas zu stehen, und Yachty eben in diesen Kreisen verkehrt, kommt es oft zu Kritik an ihm oder seiner Musik.

Das gilt auch für seine Klassenkameraden wie Lil Uzi oder Kodak, allerdings ist seinen Mitstreitern das egal. Für sie sind sie die „Newschool“, die sich klar von der „Oldschool“ abtrennt, und dementsprechend auch nicht darauf geantwortet werden muss. Wenn sich Rapheads beschweren, das Uzi seine Haare schon wieder gefärbt hat und sein letzter Part zu 60% aus „Yah Yah“ besteht, ignoriert er das. Er hat genug Geld, was ihn über ein paar Hater aus der älteren Generation hinweg tröstet. Das gleiche gilt für Kodak, 21, Denzel oder jeden Rapper aus dieser Generation, der mit einem eigenen Sound erfolgt hat.

Doch auch hier unterscheidet sich Yachty vom Rest: Regelmäßig sieht man ihn in Radiotalkshows auf dem heißen Stuhl, umzingelt von Rapheads, die sich an den Kopf fassen, wenn sie seine Songs hören. Beim „Breakfast Club“ wirft Charlamagne Tha God, ein Moderator, Yachty vor, die Galionsfigur von dem zu sein, was mit Rap schief läuft. Wenn sich jemand darüber beschwert, dass die Rapper heute alle merkwürdig aussehen und komisch klingen, denken sie an Lil Yachty mit seinen roten Haaren und seinen Pink/Blau/Gelben Kaugummi-Grillz. Bei „Everyday Struggle“ lässt er sich 35 Minuten von Joe Budden, seines Zeichens die Definition eines Rapheads, fast schon anschreien und Vorwürfe an den Kopf werfen, er nehme Rap nicht ernst genug. Funkmaster Flex, seit Jahren ein legendärer Moderator und DJ, kritisiert die fehlenden „Bars“ von Yachty und sagt, dass dieses Mumble-Rapping eine Schande für echte Lyricists ist. Warum sollte jemand sich all dies anhören, wenn er genug Geld verdient, um das alles zu überspringen?

Und genau hier hat Yachty andere Ansichten: Er will beweisen, dass ihm HipHop am Herzen liegt. Auch er ist mit „richtigen“ Rappern aufgewachsen, hat sich von ihnen inspirieren lassen, und dann seine eigenen Stempel aufgedrückt. Genau wie das bei allen anderen Rappern auch der Fall ist. Warum wird er dann für sein Verhalten angeprangert? Weil es anders ist, als das, was normalerweise passiert. Es ist ein neuer Ansatz, der alles bisher Dagewesene über den Haufen wirft und schließlich etwas Neues erschafft. Er stellt sich Kritik, und versucht, durch Diskussionen seine Hater davon zu überzeugen, dass er keine Perversion von HipHop darstellt, sondern eben tatsächlich Rap macht, der keinem eine Schande sein sollte. Im Endeffekt hilft das nichts, weil die Rapheads so eingefleischte Meinungen und Ansichten haben, dass es fast unmöglich ist, diese zu ändern. Zumindest die Meinung derer, mit denen Yachty in der Öffentlichkeit gesprochen hat. Für sie wird er immer diese Absurdität bleiben, die nichts mit Rap oder Bars zu tun haben. Daran wird sein Debütalbum „Teenage Emotions“ größtenteils vermutlich auch nichts ändern, da es in genau die Kerbe schlägt, die er bisher bedient hat.

Für Yachty aber wird das Album eine weitaus wichtigere Bedeutung haben. Während er bisher ausschließlich Mixtapes und Singles ohne wirklichen Zusammenhang oder Stringenz veröffentlichte, hat er auf „Teenage Emotions“ die Möglichkeit, ein Werk für die Ewigkeit zu schaffen. Rapper werden häufig an ihren Debütalben gemessen, da sie dort das erste Mal beweisen müssen, dass sie auf Albumlänge überzeugen, begeistern und sogar überraschen können. Einen kurzen Hit kann jeder haben, allerdings ist es signifikant schwerer, auf fast einer Stunde Spielzeit zu beweisen, dass man mehr als nur eine weitere Ausgeburt des Internets ist.

Die erste Auskopplung war „Peek-A-Boo“ gemeinsam mit den Migos. Der Beat klingt nicht wirklich Yachty-typisch. Fast so, als würde er sogar einem Raphead gefallen können. Sein Flow aber zeigt wieder, dass er dem Ganzen seine eigene Note gibt. Fast schon Offbeat flowt er bis zur Hook, die ausschließlich aus den Wörtern „Peek-A-Boo“, einem Kinderspiel aus den USA, besteht. Hört man die Migos auf dem Beat, klingt das schon fast wie ein „normaler“ Rapsong. Eine andere Seite von Yachty, die schon eher „HipHop ist“ als seine anderen Werke. Eine ganz neue Richtung auf dem Album?

Falsch. Drei Wochen später veröffentlicht er „Bring It Back“, was an Kitsch kaum zu überbieten ist. Nachgestellt wird ein Abschlussball einer Highschool, komplett mit dem ersten Tanz, schlecht sitzenden Anzügen und schnulzigen Fotos. Der Beat klingt eher wie ein Popsong aus den 80ern. Seine Stimme bis zum Anschlag mit Autotune vollgepumpt, der Flow irgendwo zwischen komplett daneben und vollkommen richtig. Im Hintergrund hört man als Adlips sein Jauchzen. Darsteller im Video sind alle aus seinem Camp, dem Sailing Team. Wüsste man nicht, dass Yachty ein Rapper ist, würde man nicht denken, dass es sich hier um Rap handelt. Tupac würde sich im Grabe umdrehen. Und trotzdem ertappt man sich dabei, wie man in der Hook mit dem Kopf mitwippt. Yachty schafft es, den Kitsch irgendwie cool wirken zu lassen. Man ist sich beim Hören nicht sicher, ob es sich hier um einen Scherz handelt oder ein wahnwitziges Genie. Das Video endet, indem er in einem DeLorean in die Nacht fährt. Woher kennt man das Auto noch? Richtig, aus „Zurück in die Zukunft“. Und vielleicht ist Yachty genau das: Futuristisch, die Zukunft.

Ob und inwieweit das stimmt, oder ob es sich nur um leere Worte handelt, hat er ganz alleine in der Hand. Mit „Teenage Emotions“ kann er beweisen, dass er nicht nur ein Parasit von HipHop ist, der möglichst viel Profit aus der Sache schlagen will, bevor das Schiff untergeht. Er kann zeigen, dass er ein „echter“ Rapper ist, der genauso seine Daseinsberechtigung hat, wie der Rest auch. Seinem Kontostand zu urteilen, müsste er niemandem irgendwas beweisen, aber darüber hatten wir ja schon vorher gesprochen: Lil Yachty ist eben anders.

1 Comment

  1. Anina

    17. Mai 2018 at 16:05

    Viel zerfastertes Gelabere bei gleichzeitig außerordentlich wenig Gehalt. Das Hauptargument für die Qualität von Yachti ist seine Reichweite und sein Money. Dein Ernst?

Erzähl Digger, erzähl

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