Wie Lil Nas X‘ Country-Trap den Rassismus der amerikanischen Charts offenlegt

Lil Nas X

Lil Nas X singt und rappt über Cowboys und Pferde und legt darunter knallende 808-Drums. Country-Trap nennt sich das. Und tatsächlich landete sein Song „Old Town Road“ in den amerikanischen Billboard Charts. Und zwar nicht nur in der genreübergreifenden Top 200 Single-Charts, sondern auch in den Top 100 der Genres Hip-Hop/R’n’B und Country. Aus letzterer Statistik wurde der Rapper jedoch schneller wieder herausgeschmissen, als er sich über die Platzierung freuen konnte. Schließlich löste der 19-jährige Schulabbrecher eine sowohl gesamt-gesellschaftliche als auch musikindustrielle Diskussion über Rassismus, das Chart-System und Genres an sich aus. Am vergangenem Freitag hat der Rapper schließlich seine musikalische Antwort auf die ganze Schose herausgebracht: Einen Remix von „Old Town Road“ zusammen mit dem Godfather of Country Billy Ray Cyrus. Und tatsächlich hat es der Country-Rapper nun auf Platz Eins der genreübergreifenden Billboard Charts geschafft. Damit ist Lil Nas X der erste Künstler seit Cardi B, der mit seiner feature-freien Debüt-Single den Spitzenplatz der Charts erreichen konnte! 

Wird Country-Trap der neue Trend?

Viele schreiben dem jungen Künstler aus Atlanta nun sogar zu, das Sub-Genre Country-Trap mit seinem viralen Hit erfunden zu haben. Er selbst und auch eine kurze Recherche verneinen dieses allerdings sehr schnell. Die Melange, die für Lil Nas X Young Thug mit seinem Gesangs-Album „Beatiful Thugger Girls“ gestartet hat, existierte tatsächlich immer mal wieder in der Geschichte der eigentlich so weit von einander entfernten Genres. Dirty South-Legende Bubba Sparxxx probierte sich schon 2013 mit dem Song „Country Folks“ an diesem Crossover. Hierfür arbeitete er mit den Country-Musikern Colt Ford und Danny Boone zusammen. Ersterer zieht  schon seit geraumer Zeit vor zu rappen anstatt zu singen. Auch Lil Uzi VertsLike a Farmer“ geht zweifelsfrei als Country-Trap durch.

Dennoch ist – oder besser gesagt war – Lil Nas X der erste Rapper, der es tatsächlich in die Country Charts schaffen konnte. Nach nicht einmal einer Woche strich Billboard den auf Platz 18 eingestiegenen Titel wieder aus der Liste, mit der Begründung der Song sei trotz seines durchaus Country-typischen Inhalts musikalisch einfach nicht konform genug mit den Regeln des Genres. Und löste damit einen riesigen Schwall an Reaktionen aus. Viele Magazine und Twitter-User beschuldigten Billboard, den Künstler nicht aus musikalischen Gründen, sondern aufgrund seiner schwarzen Hautfarbe aus dem traditionell weißen Genre geschmissen zu haben. Billboard verneint dies und beharrt darauf, dass der Song lediglich durch einen internen Fehler überhaupt in der Liste gelandet sei. Auch vor seinem Chart-Erfolg gelang es Lil Nas X bereits von Country Radio-Stationen gespielt zu werden. Durch diese Radio-Platzierung gelangte der Song vermutlich überhaupt erst in die Country Charts. Der vor allem durch seine Tätigkeit als Juror bei der amerikanischen Version von Deutschland suchte den Superstar bekannte Radio-DJ Bobby Bones spielte den Song beispielsweise in seiner Show. In einem Interview mit dem TV-Magazin Good Morning America ordnet er den Song auch ganz klar in das Country-Genre ein.

Parodie oder voller Ernst?

Andere Menschen aus der Musik-Industrie beschuldigen wiederum Lil Nas X, sich die Country-Attitüde lediglich als Gimmick angeeignet zu haben um sich aus der Masse aufstrebender Rap-Artists abzuheben. Der Song wirke eher wie eine Parodie auf das Genre. Der Musik-Manager Danny Kang glaubt beispielsweise, der Rapper habe sich aus purem Kalkül bei iTunes im Genre Country listen lassen, da es dort weniger Klicks benötige um eine gute Chart-Platzierung zu erzielen, als in den Hip-Hop-Charts. Die hohe Chartplatzierung steigere wiederum den Erfolg des Songs und mache ihn auch für Hip-Hop-Medien und Fans interessant. Als vermeidlicher Beweis hierfür wird die noch recht kurze Historie von Lil Nas X angeführt. Der Rapper tauchte vor ungefähr einem Jahr mit seiner ersten Demo auf Soundcloud auf und schob im Juli 2018 — mit mäßigem Erfolg — sein erstes Mixtape „Nasarti“ hinterher. Von Cowboy-Ästhetik oder Country-Trap keine Spur. Erst im Dezember vergangenen Jahres tauchen Bilder des Rappers in Cowboy-Verkleidung auf Instagram auf. Kurz darauf folgte schon „Old Town Road“, der allerdings erst Anlaufzeit brauchte, bis er vor wenigen Wochen durch die Decke ging.

Für den kometenhaften Aufstieg von Song und Künstler, der mittlerweile in einem Label-Deal mit Sony-Tochter Columbia mündete, brauchte es — und wie sollte es 2019 anders sein — eine meme-hafte viral-challenge über die App TikTok. Die App erlaubt es Usern Videos mit Musik zu unterlegen und so entstehen haufenweise Lip-sync- und Performance-Videos, die millionenfach geklickt werden. Für das erst Ende Februar in die App integrierte „Old Town Road“ überlegten sich einige User den Witz, mit Einsatz der Hook plötzlich in Cowboy-Verkleidung vor der Kamera aufzutauchen. Die App machte Lil Nas X über Nacht zum Star. Dieser ist nebenbei bemerkt auch wenig erbost darüber, dass die App Copyright-Rechte verletzt und ihm keine Vergütung für die Verwendung seiner Musik auszahlt. Ganz im Gegenteil ist der Rapper TikTok mehr als dankbar und meint wenn, dann müsse er die App-Betreiber für die unfassbare Promo bezahlen. Was Axel Voss wohl dazu sagen würde?

Doch zurück zur amerikanischen Genre-Diskussion. Tatsächlich ist Lil Nas X nicht der afroamerikanische Künstler aus einem anderen Genre, der versucht das Genre Country für sich einzunehmen. Beyonce reichte 2016 ihren Song „Daddy Lessons“, der absolut jede Country-Konvention einhält, für den Grammy in der Kategorie „Best Country Song“ ein. Die Grammy Gesellschaft schmetterte dies jedoch gnadenlos ab.

Das rassistische Fundament des amerikanischen Chartsystems 

Wenn man nun noch weiter in der Geschichte der amerikanischen Musikindustrie zurück geht, wird schließlich klar, dass die Genre-Einteilungen in den Charts tatsächlich auf rassistischen Einschätzungen beruhen. Unter der Annahme, weiße Künstler machen Musik für ein weißes Publikum und schwarze Künstler für ein Schwarzes, wurde so in Country oder Rock und die damals noch unter der mehr als kritisch zu sehenden Bezeichnung „Black-Music“ eingeteilt. Deutlich wird diese absurde und absolut unzeitgemäße Aufteilung bei den noch heute aufgeführten Latin-Charts. Hier wird völlig Genre-unabhängig einfach alles aufgefangen, was einen lateinamerikanischen Background hat. Ob das nun Latin-Trap oder traditionelle Salsa-Musik ist, ist völlig egal. Hauptsache Hautfarbe und Sprache stimmen.

Und das große Problem, was diese rassistische Einteilung heutzutage nach sich zieht, ist die an Lil Nas X deutlich gewordene Unmöglichkeit für schwarze Künstler in ein „weißes Genre“ einzudringen. Andersherum ist das wiederum kein Problem. Für den bereits erwähnten Crossover-Künstler und Bubba Sparxxx-Kollaborateur Colt Ford war es kein Problem sowohl in den Hip-Hop-, als auch in den Country-Charts aufzutauchen. Und das obwohl seine Songs bis auf die gerappte Vortragsweise nur wenig mit Rap zu tun haben. Andersherum ist und war es Künstlern und Künstlerinnen wie Juice Wrld, Lil Peep oder XXXtentacion nicht gegönnt in Rock-Musik-Charts aufgeführt zu werden, obwohl Versatzstücke aus dem Gitarren-Gerne in vielen Songs ursprünglichen Rap-Einflüssen überwiegen.

Lil Nas X hält sich zurück

Lil Nas X hält sich derweil eher zurück, was Rassismus-Anschuldigungen betrifft und betont nur, dass sein Song ein absolut gleichwertiger Mix aus den beiden Genres sei. Es ginge ihm vor allem darum Grenzen aufzulösen und musikalische Freiheit und Kreativität auszuleben und voranzubringen. Und der clevere Move, mit Billy Ray Cyrus einen der größten Country-Stars auf seinen Song zu holen, ist die wahrscheinlich beste Antwort, die der Künstler Billboard hätte geben können. Die erreichte Spitzenposition in den genreübergreifenden Top 200 dürfte zudem für reichlich Genugtuung sorgen. 

The following two tabs change content below.
Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.