Über LGoonys Sound, sein neues Album und „Realness“

2014 ohne Vorwarnung und mit viel Vorschusslorbeeren, sowie Kritik ins Game gestartet, veröffentlichte LGoony im April sein fünftes Solotape innerhalb der letzten sechs Jahre. Grund genug einmal einen Blick zurückzuwerfen, um sich seine Anfänge und Ursprünge anzuschauen und sich damit zu befassen, was LGoony so besonders macht und wie er sich von den meisten Kollegen seiner Generation abgrenzt.

Ich weiß noch, als ich 2015 zum allerersten Mal auf LGoony stieß. Ein mir unbekannter Junge rappt im Video zu „Millionen Euro“ über sein Konto in der Schweiz und seine „hunderttausend Euro an der Wrist“, während er durch die Kölner Innenstadt tanzt. Obwohl es überhaupt nicht so aussah, als wäre auch nur ein kleines bisschen, von dem was er rappt, echt, gefiel es mir. Ich bekam einfach gute Laune beim Hören seiner Musik und konnte abschalten. Zusätzlich war es einfach unterhaltsam und man konnte ihm den Spaß an der Sache anmerken. Es hat mir so gut gefallen, dass ich mir direkt sein erstes, schon erschienenes Tape, das „Space Tape Vol.1: Goonyverse“, heruntergeladen und erstmal nichts anderes gehört habe. Ab da habe ich seine Musik regelmäßig verfolgt, was sich bis heute nicht geändert hat.

 

Respekt, wem Respekt gebührt 

Dadurch, dass ich ein bisschen late to the party war, erschien ungefähr einen Monat nach meiner Entdeckung schon die erste Single zu seinem nächsten Mixtape. Genauso wie die vorherigen Lieder bestach „Nebel“ durch seinen atmosphärischen Beat und LGoonys Stimmeinsatz inklusive überdrehtem Autotune, den ich so in Deutschland noch nie gehört hatte. Das dazugehörige „Grape Tape“ wurde für mich persönlich zum absoluten Klassiker. Selbst heute, fünf Jahre später, höre ich es mir noch regelmäßig an und feiere es noch genauso wie beim ersten Mal hören. Die ganze Atmosphäre, die LGoony geschaffen hat, sowie der Wortwitz und das sich nicht zu ernst nehmen, waren für mich einzigartig in der deutschen Musikszene. Inspiriert von Leuten wie Young Thug, Riff Raff und Yung Lean hat LGoony es geschafft einen Sound nach Deutschland zu bringen, den es so noch nicht gab, ohne dabei stumpf zu kopieren. Obwohl er fast ausschließlich über unendlich viel Geld rappte, begeisterten mich schon damals die erzeugten Emotionen, die unter anderem durch sein starkes Gespür für Melodien zum Ausdruck gebracht wurden. Anders als ein Großteil seiner Generation kritisierte er damals schon die Musikszene, welcher es nur ums Geschäft statt der Musik gehe. Deshalb stellt er seine Releases auch immer zum kostenlosen Download zur Verfügung. Auch unterscheidet er sich von anderen KünstlerInnen da er sich trotz seines Sounds auf Deutschraplegenden bezieht. Beispielsweise vergleicht er sich mit Kool Savas („swagger on maximum wie KKS in jung“) und sein „Grape Tape“ Cover stellt eine Hommage an Azads „Leben“ dar. Dafür, dass es dieser Sound geschafft hat nach Deutschland zu kommen, war natürlich auch Money Boy größtenteils mitverantwortlich. Aufgrund dessen, dass LGoony mit Money Boys Glo Up Dinero Gang seine ersten Auftritte hatte, feierten ihn viele anfangs nur ironisch.

Im Januar 2016 erschien dann, quasi über Nacht, mit „Aurora“ ein Kollaboalbum mit Crack Ignaz. Auf diesem klingt LGoony um einiges aggressiver als auf seinen Soloprojekten, gibt jedoch weiterhin seine Ohrwurmhooks zum Besten, welche sich ausgezeichnet mit Crack Ignaz‘ Mundart ergänzen. Im Anschluss daran kam Ende des Jahres mit „Intergalactica“ ein neues Soloalbum heraus. In diesem wurde die, teilweise auch vorher schon aufgegriffene, Weltraum Thematik auf die Spitze getrieben. Durch Lieder wie „Heilig“ und „Utopia“ wurde auch dem letzten klar, dass LGoony keine ironische Musik macht. Ein Jahr später nahm LGoony dann überraschend mit Crack Ignaz und Soufian beim Red Bull Soundclash teil, weswegen die drei gemeinsam die “New Level EP” veröffentlichten. Danach hatte LGoony erst einmal keine Lust mehr Musik zu machen. Es dauerte bis Anfang 2019 bis er sein neues Album „Lightcore“ veröffentlichte. Obwohl er weiterhin seinem eigenen Sound treu blieb, entwickelte er sich nicht wirklich weiter und folgte meistens dem gleichen bewährten Rezept.

Das neue Album „Frost Forever“

Nun hat LGoony sein neues Tape „Frost Forever“ rausgebracht. Wieder einmal ohne große Vorankündigung und, soviel kann ich schon vorwegnehmen, auch ohne wirkliche Themenwechsel. Auf Liedern wie „Demo“ oder „All In“ wird zwischen eingängigen Melodien und Rapparts weiterhin vom unendlichen Reichtum und „Highlife“ berichtet. Dadurch, dass er sein will wie Rihanna und sich in „Audemars“, dem abwechslungsreichsten Track, als komplett überzogener Star im Pelzmantel zeigt, scheint es so, als hätte er die Inszenierung seiner selbst als Popstar eingeläutet. Passende Abwechslung für die Großteils ähnlich klingenden Songs bieten Feature Parts von Money Boy, Young Kira und Juicy Gay. Auf „Allein gegen alle“, dem Song mit dem meisten Inhalt, wird scharf gegen die restliche Szene, Medien und Labels geschossen. So kritisiert LGoony zum wiederholten Male, den gleichklingenden Einheitsbrei der Playlisten und, den vordergründigen Geschäftssinn der Künstler. Insgesamt klingt das Album trotz wenig Inhalt sehr stimmig und liefert mit „Juni“ auch den passenden Soundtrack zum gerade startenden Sommer. Gerade flowtechnisch zeigt sich LGoony sehr variabel und stellt zum wiederholten Male sein starkes Gespür für Hooks, unter Beweis.

 

„Ich sag ‘Ich mach pro Minute hunderttausend’ und bin trotzdem realer als der Rest, weil ich mich nicht verkaufe“

Guckt man sich die aktuelle Szene an, scheint es so, als ob große Labels momentan so viele Künstler*Innen wie möglich herausbringen und hoffen, dass wenigstens einer oder zwei aus zehn erfolgreich wird, was für unbekannte KünstlerInnen natürlich eine gute Chance darstellt. Dass man jedoch kein Label im Rücken braucht und sich trotzdem nicht verkaufen muss, um erfolgreich zu sein, beweist LGoony. Dieser arbeitet schon immer lieber alleine und unabhängig. Wenn er mit anderen Leuten arbeitet, dann nur mit einer halbwegs festen Gruppe an Freunden, der Lichtgang. Mitglieder der Lichtgang sind beispielsweise Yung Isvvc, James Jetski und Produzent DJ Heroin. Weil er nicht möchte, dass ihm andere Leute in seine Kunst reinreden können, hat er jegliche Labelangebote, beispielsweise von Universal oder Division, abgelehnt und sucht sich nur an einzelnen Stellen Hilfe. Ohne einen Label Vertrag bringt er eben auch nur Musik raus, wenn er wirklich will. Hat er keine Lust Musik zu machen, kommt eben auch keine raus. Zudem kann er selbst entscheiden, wie stark er sich außerhalb seiner Musik in den Vordergrund stellt und Interviews gibt. Ein wichtiger Punkt, der ihn in dieser Arbeitsweise bestätigt hat, dürfte der Red Bull Soundclash gewesen sein. Dieser sei laut eigener Aussage um einiges komplizierter gewesen als vorgestellt. Auch fand er es schwierig in einer Dreierkonstellation viele Kompromisse einzugehen und sich auf die Arbeit anderer verlassen zu müssen. Da er sich jedoch nicht darauf verlassen konnte, musste er schlussendlich das Cover Artwork und das Master der “New Level EP” selbst machen.

Hat man schon mal eins seiner eher seltenen Interviews gesehen, dürfte einem aufgefallen sein, dass Ludwig Langer, wie LGoony mit bürgerlichem Namen heißt, das komplette Gegenteil von seiner Kunstfigur ist. Er ist eher schüchtern, still und kommt überhaupt nicht ignorant und überzogen rüber. Dass ihm dieser Fakt schon viel Kritik eingebracht hat, ist zwar nicht abzustreiten, jedoch einfach zu erklären und zu entkräften. Dass seine Texte Fiktion sind, ist so offensichtlich, dass er nicht einmal probiert so zu tun, als ob sie Realität seien. Deswegen stört es auch keinen, wenn er im Video zu „Zeit“ von seinem unendlichen Vermögen rappt, während er vor einem RyanAir Flugzeug steht und erklärt, die „Zeit fließt auf der Roli“, obwohl er nicht einmal eine Uhr am Handgelenk trägt.

 

Texte stellen für LGoony zwei wichtige Möglichkeiten dar. Zum einen ermöglichen sie es ihm in eigenständige Realitäten und Kosmen zu fliehen, in welchen er alles sein und machen kann, was er will. Durch seine Texte kann er etwa auf jegliche Planeten fliegen oder mit der Uzi durch die Stadt laufen und somit sei gegenwärtiges, alltägliches Leben verlassen um in eine selbsterschaffene Realität zu flüchten. Zum anderen sind Texte und die Inhaltslosigkeit derer für ihn wichtig, da er durch sie die Möglichkeit hat den Fokus auf Melodien und Emotionen zu legen. Würde er über Themen mit mehr Message singen, läge der Fokus viel mehr auf dem Inhalt, anstelle der Emotionen. Außerdem sagt er, dass persönlichere Themen in seiner Musik nicht vorkommen, da sie niemanden, bis auf seine Freunde, etwas angehen. Aus diesen Gründen ist es eben auch gar nicht schlimm und selbst gewollt, dass viele seine Texte ziemlich inhaltslos sind.

Dass er trotzdem behauptet er sei real, irritiert vielleicht viele Leute, stimmt aber trotzdem. Da er sich im Gegensatz zu vielen anderen nicht für Klicks verkauft, seinen Sound nicht an Hypes anpasst und schon immer independent Musik macht, ist er trotz seiner Texte realer als viele andere. Er verkörpert eben eine andere, eigene Form der Realness.

The following two tabs change content below.

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.