Lakmann – “Aus dem Schoß der Psychose” (Review)

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Lakmann ist ein Urgestein, das Ebbe und Flut und alle Gesichter des Deutschrap gesehen hat. Wenn er anno 2016 als Reminiszenz an die Stuttgarter Crew um Freundeskreis und die Massiven Töne ein Album „Aus dem Schoß der Psychose“ tauft, dann kann das nur zweierlei bedeuten: Eine Liebeserklärung an Hip-Hop oder eine gnadenlose Abrechnung. Am Ende ist es beides geworden.

Schon der Einstiegstrack „Family First“ wiederholt Musikgeschichte. Die Kombi aus Lakmann und Aphroe verursacht einen Gänsehaut-Flashback in die Vergangenheit, als im Jahre 2003 Creutzfeld & Jakob mit der Ruhrpott AG kollaborierten. Ex-Counterpart Flipstar trägt auf „Fast vergessen“ seinen Part zur Nostalgiereise bei, die mit „Dialog“ ihren Höhepunkt erreicht, wo Schulz Nice und Lakmann auf einem Pianobeat über Biggie, Wu-Tang und Lord Finesse sinnieren.

Doch bei all den Erinnerungen an alte Zeiten schwebt stets Trübsal in der Luft. Eine schwermütige Aura rankt sich um Beats und Texte, so zum Beispiel beim introvertieren Back-in-the-Days-Track „Unschärferelation“. Laki erklärt Vertreter der alten Schule zu Rap-Greisen: „Jeder reserviert seinen Grabstein, alle zusammen hören vorher nochmal Pharcyde.“

20 Tracks und mehr als eine Stunde Spielzeit offenbaren, dass die größte Stärke auch eine Schwäche ist. Lakmanns Werdegang und der Zustand der heutigen Szene ziehen sich wie ein roter Faden durch das Album. Er kokettiert mit Realkeeper-Allüren, die 2016 abgenutzt wirken. Das fällt vor allem bei dem Track „Es gibt niemanden, der singt in meiner Hook“ auf. Es ist die ewige selbstreferenzielle Story davon, wie krass man sich von dem Rest der Szene unterscheidet.

Auf der anderen Seite weiß Lakmann, wovon er spricht. Die Musik ist der Beweis. Sein Händchen für Beatpicks und die Produktion sind großes Kino. Da wäre der jazzige Laidback-Sound auf „Klicks & Fame“, wo Laki zudem die hohe Kunst des Wortspiels präsentiert: „So viel Hass in deinen Augen, junger Padawan. Obi-Wan, Meister Yoda, Witten in meinem Herzen. Du hast alle Macht der Welt, aber ficken ich dich werde.“

Das Nebeneinander von melancholischen Beats und Texten funktioniert auch bei dem Track „Kriegsberichte“. Laki erklärt Scheiße zum Kontinuum der Menschheit, indem er als Parallele zu seinem Coming of Age eine Chronik der globalen Kriege schreibt: „Viele Kriege kommen und gehen, doch keiner überzeugt mich.“

Das große Finale des Albums ist „Untouchable 2016“. Kareem, Mess und Laki droppen auf einem anbetungswürdigen Beat Zeilen, bei denen die Kinnlade herunterklappt: „Von der Wiege bis ins Grab, und dann allein sein. Schwierigkeitsgrad fühle ich gar keinen. Mein Leben lang liege ich brach – Sparschwein. Schaue in den Spiegel, eliminiere mein Dasein.“ Und dann: „Untouchable, einsam, missverstanden.“ Nichts beschreibt das Feeling von „Aus dem Schoß der Psychose“ besser. Ein Statement mit Power, das verspricht: Lakmann sagt nicht adieu. Noch lange nicht.

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