Kyle über sein Album, Lauryn Hill, Kanye West und Schauspielerei

Ich sitze zuhause und warte auf einen Anruf aus Ventura, Kalifornien. Ich bin um 18:30 Uhr mit Kyle zum Interview verabredet und irgendwie erwarte ich einen müden Kyle, denn in Kalifornien ist es gerade 9:30 Uhr. Auch wenn das erst mein zweites Interview ist, weiß ich, dass Rapper eigentlich gerne ausschlafen. Doch er begrüßt mich hellwach und in Redelaune. Er sei ein Morgenmensch, sagt er mir auch wenn er in der letzten Zeit viele Nächte durchgemacht hat.

Sein Album „Light Of Mine“ erscheint in zwei Tagen, an seinem 25. Geburtstag. Aufgewachsen ist Kyle in Ventura, Kalifornien in einem Haus mit seinen Großeltern, seiner Mutter und fünf weiteren Familienmitgliedern. Aufgrund seiner Mutter kommt er sehr viel mit Rock, aber auch mit der Musik von Lauryn Hill in Berührung. Letztere konnte er dieses Jahr sogar persönlich treffen.

Ich war noch nie nervöser in meinem Leben eine Hand zu schütteln. Mein neuer Tourmanager Robi ist auch der Tourmanager von Lauryn Hill und er hat uns zu ihrer Show eingeladen. Und nach der Show meinte er wir können in den Green Room zu ihr und sie treffen. Ich war so aufgeregt. Lauryn Hill ist für mich so etwas wie ein Einhorn. Ich habe in meiner Kindheit so viel Musik von ihr gehört und sie zu treffen war einfach total irreal. Ich würde sagen Lauryn ist eine der größten Musikerinnen unserer Zeit.“

In der Schule wurde er früher oft in Sportteams geschickt, in die er gar nicht wollte. Denn er fing früh an am Schauspielern gefallen zu finden und besuchte lieber den Drama-Club der Schule. Dort konnte der oft aufgrund seiner Nerdigkeit und Sprachfehler gehänselte Schüler sich als Person langsam weiterentwickeln. Als sein Opa stirbt, muss der junge Kyle sein erstes traumatisches Erlebnis durchmachen. In dieser schweren Zeit hilft ihm die Musik von Kid Cudi sehr, den er bis heute verehrt. Auf das neue Album von ihm mit Kanye West freue er sich trotz der ganzen Kanye-Geschichte. Denn er glaubt, dass die beiden gegenseitig das Beste aus sich herausholen. „Ich denke das Kanye aus Cudi die Hits rausholt und Cudi aus Kanye die Realness.“ Seine Meinung zu den letzten Ereignissen rund um Kanye ist klar, aber dennoch verständnisvoll.

Was er gesagt hat war ganz klar dumm und nicht überlegt. Wenn man sich das Charlamagne Interview aber anguckt, äußert er sich ausführlicher und man kann seine Perspektive besser verstehen. Kanye ist ein Genie und war schon immer seiner Zeit voraus. Er war schon immer einer, der direkt sagt, was er denkt ohne sich groß Sorgen um die Konsequenzen zu machen. Ich hasse ihn dafür nicht. Ich denke, dass er bei TMZ einfach nicht nachgedacht hat. Er hätte sich die Zeit nehmen sollen sich besser zu erklären. Aber aus meiner Sicht waren seine Aussagen einfach dumm.“

Mit zehn Jahren hört der Kalifornier im Auto seines Vaters, welcher selber Rapper ist, seinen ersten Rapsong von ODB. Sofort ist er begeistert von der Musik und saugt ab da alles rund um Hip-Hop auf. 2009 tauchen dann die ersten Videos vom jungen Rapper im Netz auf. Ein Jahr später veröffentlicht er sein erstes Mixtape mit „Senior Year“, früher noch unter dem Namen K.I.D. Schnell baut er sich durch YouTube eine Fanbase auf und droppt bis zu seinem ersten Major Label Debüt-Album noch drei weitere Projekte. Mit „Beautifuel Loser“ präsentiert er sich 2013 erstmals dann unter seinem neuen bürgerlichen Namen Kyle (Thomas Harvey). Schnell findet er mit seiner positiven Art Anschluss zur Musikszene in Kalifornien und kollaboriert unter anderem mit G-Eazy oder Kehlani, die er auf einer Party kennenlernt. Nach seinem Sophomore-Projekt „Smyle“, welches er 2015 releast, hat der Rapper den Plan jeden Monat einen neuen Song rauszubringen. Im Dezember 2016 veröffentlichte er im Rahmen dessen den Track „iSpy“ mit Lil Yachty, welcher in den USA vierfach Platin ging.

„Wir haben das Album um „iSpy“ herum und die Message dahinter kreiert.“

Kyle hat sich schon mit seinen vorherigen Projekten eine solide Fanbase aufgebaut, aber erst mit dem Erfolg von „iSpy“ Anfang 2017 haben sich alle Türen für ihn in der Industrie geöffnet. Schon verrückt, wenn man bedenkt, dass er den Track am Anfang erst gar nicht rausbringen wollte. Den Song hat er auf seinem neuen Album bewusst als letzten Song gewählt, denn dieser soll das Ende seiner Reise aus all seine Schwierigkeiten repräsentieren.

Wir haben das Album um ‚iSpy‘ herum und die Message dahinter kreiert. Als wir den Song herausgebracht haben, wussten viele nicht das Lil Yachty eigentlich mein Bewusstsein spricht und mich daran erinnert mein Leben mehr zu genießen und besser mit meiner Depression umzugehen. Auf ‚Open Doors‘ erinnert er mich beispielsweise daran das Leben mehr wertzuschätzen und sich zufriedenzugeben mit dem was man hat, was super wichtig ist. ‚iSpy‘ präsentiert im Prinzip das finale Hurra und der Punkt an dem ich merkte, dass das Leben gar nicht so schlecht ist. Ich habe mich durch alle Höhen und Tiefen gekämpft, habe mich mit meinem Dämonen auseinandergesetzt und jetzt ist es endlich Zeit das Ganze zu zelebrieren.“

Trotz des jüngsten Erfolgs hat Kyle immer noch das Gefühl sich den Leuten beweisen zu müssen. Durch den Erfolg von „iSpy“ hat er viele neue Fans, denen er mit dem neuen Album zeigen möchte, wer er wirklich ist. Und das ist ein Mensch, der viel tiefgründiger ist als sein Hit-Song vielleicht vermuten lässt. Mit Songs über seine Familie oder über seinen verstorbenen Opa bekommt man einen tiefen Einblick in seine Gefühlswelt auf „Light Of Mine“. Mit dem Erfolg in den jungen Jahren verpassen Künstler auch immer ein Teil des Erwachsen werden, doch der 25-Jährige konnte sich lange auf diesen Erfolg vorbereiten:

Um wirklich erfolgreich zu werden muss man eine Karriere schon als 15-17 Jähriger anstreben . Und wenn du es dann schaffst, nimmt die Musik dein ganzes Leben ein. Am Anfang war ich sehr frustriert darüber, dass meine Karriere in einem so langsamen Tempo verlaufen ist, aber jetzt denke ich, dass das Ganze ein Segen für mich war. Mein Leben war dadurch einfach weniger hektisch. Aber ich fühle mich immer noch so, dass ich einen Teil meiner Kindheit und Jugend aufholen muss. Ich habe immer noch Pikachus in meinem Zimmer und spiele oft und gerne Videospiele. Das Leben eines 22-jährigen, der jeden Tag einfach auf der Couch sitzt, zockt und sich abends mit Freunden in einer Bar trifft, hatte ich aber nie wirklich. Ich wollte mit meiner Musik weiterkommen.“

Und seine Ambitionen sind groß. Am Liebsten würde er einen Grammy gewinnen, wie er mir erzählt. Doch vielleicht klappt es auch mit einem Oscar. Denn erstmals durfte er seine zweite Leidenschaft nach der Musik ausleben. Im Netflix-Film „The After Party“ wird der Kalifornier die Hauptrolle des jungen Rappers Owen spielen. Dieser ist ein etwas schüchterner Rapper, der es unbedingt schaffen will, doch erst seine eigene Stimme finden muss. Eine Coming of Age Geschichte wie Kyle mir erklärt. Ganz wie sein neues Album.

Erzähl Digger, erzähl

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